Lebensdaten
1894 bis 1959
Geburtsort
Stellingen bei Hamburg
Sterbeort
Hamburg
Beruf/Funktion
Dichter ; Orgelbauer
Konfession
evangelisch,Freidenker
Normdaten
GND: 118556673 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Jahnn, Hans Henny
  • Jahn, Hans Henny
  • Jahn, Hans Henny August
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Zitierweise

Jahnn, Hans Henny, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118556673.html [14.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    Vorfahren waren Schiffs- u. Instrumentenbauer;. V Gustav William (1855–1935), Schiffszimmerer auf Steinwerder;
    M Maria Charlotte Petersen ( 1920);
    Hamburg 1926 Ellinor Philips (* 1893);
    1 T, 1 Pflege-S.

  • Leben

    Die Jugend des frühreif-genialischen J. steht im Zeichen elementarer Auflehnung gegen seine auf den 1. Weltkrieg zutreibende Zeit und eine als zutiefst unwahrhaftig empfundene Umwelt, der er vergeblich ein radikales christl. Ethos entgegenzusetzen versucht. „Revolution“ (1911/12), „Jesus Christus“ (Roman 1911; Drama 1912/13), „Herzblut“ (1912/13), „Der Tod und die Liebe“ (1914), „Die Erkenntnis“ (1915) sind einige Themen seiner frühen, ungedruckten, dem Expressionismus nahestehenden Werke. Sie weisen auf die geistige Situation J.s, der durch den Verzicht auf einen festen Beruf und durch mehrere vergebliche Fluchtversuche aus dem Elternhaus sich bewußt außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft zu stellen suchte. Bereits in dieser Phase finden sich eine Reihe der sein späteres Leben und Schaffen bestimmenden Elemente vorgegeben: Er gelangt|zu der Erkenntnis der Diskrepanz zwischen „harmonikale(m) und brutale(m) Weltgeschehen“ (J., Kleine Selbstbiographie, 1959), dem die Schöpfung durchwaltenden und sie immer wieder in Frage stellenden Prinzip, an dem sich wenig später seine Auseinandersetzung mit dem Christentum entzündet.

    J. beschäftigt auch schon das später zentrale Problem der Versöhnung von Leib und Seele, Schönheit und Verwesung, Ordnung und Chaos, die sich, durch Kult, Ritual und sakrale Musik mythisiert, in der fiktiv-grandiosen, in der Vorstellungswelt J.s mehr und mehr reale Züge gewinnenden Inselwelt „Ugrino“ vollzieht. Diese frühe Phase deckt auch bereits die homoerotische Seite im Wesen J.s auf, die in der engen Freundschaft mit Gottlieb Harms bis zu dessen Tode 1931 ihren Niederschlag fand. So kann sein 1915 gemeinsam mit Harms erfolgtes Ausweichen vor dem Kriegsdienst in die Emigration nach Norwegen primär nicht politisch verstanden werden, sondern weit mehr als eine rettende Flucht aus einer gestörten Wirklichkeit in ein Dasein, von dem er die Realisierung seiner ekstatischen Träume erwartete: das Eingehen in eine zu gründende „andere, nicht zertrümmerte Welt“ (Muschg, Gespräche). Doch schärften die Schwierigkeiten des Emigrantendaseins J.s Blick für die Realität, und er begann, systematisch an der Ausbildung seiner vielfältigen Anlagen zu arbeiten.

    J. eignete sich die wissenschaftlichen Grundlagen für eine spätere Tätigkeit als Orgelbauer an, wobei ihm eine hohe architektonische, musikalische und physikalisch-mathematische Begabung entgegenkam. Die Neigung J.s, seine wissenschaftlichen Erkenntnisse in die „metaphysischen Zusammenhänge“ (Harms) einzuordnen, führt ihn zur Findung seines „harmonikalen“ Systems, das auf der Annahme eines Schöpfungsvorganges beruht, der nach harmonischen Gesetzen abläuft und sich im Werk genialer Menschen wiederholt. Kunst stellt für J. das Medium zur Überwindung der in der Natur erkennbaren Antinomien dar, eine Anschauung, die vor allem seine mittlere Schaffensperiode bestimmt.

    Begünstigt durch das Erlebnis der nordischen Landschaft, die J.s herbem, von allem Mythisch-Elementaren angezogenem Wesen entgegenkam, vollzog sich in Norwegen jener entscheidende Prozeß der Selbstfindung, der die Pläne für die utopische, im Überdimensionalen und faktisch Unrealisierbaren angesiedelten Glaubensgemeinde „Ugrino“ (Ugrino und Ingrabanien, 1968) reifen ließ, die er 1920 nach seiner Rückkehr in Eckel in der Lüneburger Heide und nach seinem Austritt aus der luth. Kirche mit Hilfe zahlreicher Förderer gründete, „um Gott und seine Geschöpfe nicht untergehen zu lassen“, ohne daß ihr ein bleibender Erfolg beschieden gewesen wäre. Untrennbar mit der Gründung „Ugrinos“ war für J. das Bemühen um die Erhaltung und Wiederherstellung alter Orgeln verbunden. Die Orgel stellte den Mittelpunkt der kultischen Handlungen seiner Glaubensgemeinde dar. Er glaubte, daß sie die harmonikale Struktur des Kosmos repräsentiere und deutete sie als „riesenhafte Pansflöte“. So wurde J. mit Unterstützung des Thomaskantors Günther Ramin zu einem der wichtigen Initiatoren und Experten der um 1920 wieder neu einsetzenden „Orgelbewegung“. Er bewahrte kostbare Schnitger- und Silbermann-Orgeln vor dem Untergang, baute oder erneuerte selbst etwa 100 Instrumente – darunter als eigene Schöpfung die große Orgel des Deutschlandsenders in Berlin – und gab in dem 1921 mit Harms gegründeten Ugrino-Verlag die Werke Vincent Lübecks, Samuel Scheidts, Dietrich Buxtehudes u. a. heraus.

    Den eigentlichen dichterischen Ertrag der Jahre in Norwegen, in denen der endgültige Bruch mit dem Christentum sich vollzog, bietet sein Drama „Pastor Ephraim Magnus“ (1919). Es zeigt J.s intensives Ringen um die poetische Realisation seines Verlangens, „das Symbol der Kunst über das Grauen des Todes zu setzen“ (Harms). Allerdings überlagert die schier unerträgliche sinnliche Exzessivität des Dramas, das von B. Brecht und A. Bronnen erstmals inszeniert wurde, die Grundintention des Dichters: Überwindung der Verwesung und damit Wiederherstellung des zerrissenen harmonikalen Geflechtes der Schöpfung durch eine in rigoroser Ausschließlichkeit geleistete Liebe. Es wurde, wie viele Dichtungen J.s, von Publikum und Kritik verkannt, von Oskar Loerke jedoch 1920 mit dem Kleist-Preis bedacht. Während J. in dem Drama „Der Arzt, sein Weib, sein Sohn“ (1922), das 1928 unter der Regie von Gründgens uraufgeführt wurde, eine größere Wirklichkeitsnähe sucht, um mit Hilfe seiner dichterischen Aussage gestaltenden Einfluß auf Mensch und Gesellschaft zu nehmen, adaptiert er in seiner Tragödie „Medea“ (1926) zur Bewußtmachung seines kulturkritischen Anliegens den Mythos vom goldenen Vließ. Medea wird J. zum Beispiel, an dem er einer dem Numinosen entfremdeten, es leugnenden Welt den Ursprung der qualvollen Verlorenheit, die „Genesis des modernen Nihilismus“ (Emrich), vorhält, als dessen Frucht er auch die wachsende Diskriminierung von Vertretern anderer Rassen – Medea ist in J.s Stück eine Negerin – verstanden wissen will.

    J.s episches Schaffen dagegen setzt mit dem Roman „Perrudja“ (1929) die Ugrino-Utopie seiner frühen Schaffensphase fort. Das im „Perrudja“ wiederum aufbrechende Thema des tragisch scheiternden Liebenden wird jedoch gemildert und im Rückgriff auf frühere Werke mit symbolträchtigen Bildern verwoben. J. benutzt hier wie in vielen seiner Dichtungen das Motiv der Liebe zum Pferd als Ausdruck des Sehnens nach Verschmelzung des Menschen mit der Natur und die Gestalt des unschuldigen Knaben als Spiegelung des Vollkommmenen. Das Bahnbrechende des Werkes allerdings liegt in seiner künstlerischen Form, und hier besonders, parallel zu Joyce und Döblin, in der Verwendung des inneren Monologes, der bei J. ganz auf die dichterische Erhellung der komplizierten seelischen Struktur des „Nichthelden“ gerichtet ist. Dabei verfügt er über eine bewußt ursprüngliche, sinnlich-farbige Sprache von hoher Musikalität und Rhythmik, die mehrfach in dem Roman beigegebene Partituren übergeht. Der dichterischen Intention des Romans „Perrudja“ entspricht das ebenfalls in der bäuerlichen Welt Norwegens spielende Schauspiel „Armut, Reichtum, Mensch und Tier“ (1948). Während es Jahnn in diesem Stück gelingt, ein letztes Mal seinen Glauben an die Einheit der Natur überzeugend zu gestalten, den Menschen noch einmal „sehr schuldlos“ (Prolog) zu begreifen und zu Aussagen von außerordentlicher poetischer Schönheit zu finden, sind andere Werke dieser Schaffensphase unübersehbar beeinflußt vom politischen Geschehen der ausgehenden Weimarer Republik. So kann das Drama „Straßenecke“ (1931), in dem J. revolutionäres Pathos mit Tönen der Trauer und Verzweiflung über die Inhumanität seiner Zeit verbindet, auch als Zeugnis für sein politisches Engagement gelten. Nach einem mit Erich Lüth unternommenen vergeblichen Versuch, den untergehenden Staat durch Gründung einer „Radikalen Demokratischen Partei“ zu retten, verließ er 1933 alsbald Deutschland, fand vorübergehend Aufenthalt bei dem ihm befreundeten Literaturhistoriker Walter Muschg in Zürich und lebte von 1934 bis zu seiner endgültigen Rückkehr 1950 auf Bornholm. Während seines Exils entstanden weite Teile seiner umfassend angelegten Romantrilogie „Fluß ohne Ufer“ (1. T.: „Das Holzschiff“, 1949, 2. T.: „Die Niederschrift des Gustav Anias Horn, nachdem er 49 Jahre alt geworden war“, 1949 f.; 3. T.: „Epilog“, 1961). In ihr versuchte J., mit Hilfe einer ins Dichterische transponierten „fast naturwissenschaftlichen Betrachtung oder Erforschung des Wesens der Schöpfung, der Geschlechtlichkeit des Menschen und der interstellaren Einsamkeit seines Herzens“ (Werner Helwig in einem Brief an J. vom 23.3.1946) weniger die Handlung als den Handelnden „zum Schauplatz von Ereignissen“ zu machen, so die Substanz des Menschlichen freizulegen und zugleich den Ort des Menschen im Raum der Schöpfung neu zu bestimmen. J. war in der Emigration gereift und neigte zunehmend zu schwermütiger Trauer und Resignation. Der 2. Teil der Trilogie, die „Niederschrift“, macht deutlich, wie ihn die Negierung eines persönlichen Gottes immer tiefer in ein tragisch gebrochenes Verständnis der Natur hineintrieb und seiner heidnisch-mythischen Religiosität fortschreitend fatalistische Züge verlieh. Die rauschhaft-sinnliche Sprache des „Perrudja“ wird in der „Niederschrift“ durch den Willen zur Darstellung und Deutung des Seienden gemäßigt und ermöglicht J. die Verwirklichung jener eigenartigen, auf der „Inversion der Zeit“ beruhenden Erzählstruktur, welche die Dimensionen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dem Leser „gleichzeitig“ wahrnehmbar und betrachtbar zu machen versucht (J. in einem Brief an W. Helwig vom 29.4.1946). Im 3. Teil des Romans, dem erst postum veröffentlichten „Epilog“, verdichtet sich der Zweifel an einer harmonikalen Struktur des Kosmos zur Gewißheit, was wesentlich mitbestimmt ist von der auf frühen Einflüssen Gg. Büchners beruhenden Erkenntnis einer von Schmerz zerrissenen, in Qual gleichsam erstickenden Schöpfung. So zeigt das hier wie in seinem Gesamtwerk oftmals anklingende Motiv der Knabenliebe, daß hinter der homoerotischen Neigung J.s die tiefe Bedürftigkeit des Genies nach menschlicher Kommunikation steht, der Wunsch, „die Freundschaft eines gütigen Wesens, das sich rühren läßt, zu erwerben“ (Epilog) – Bezugspunkt auch für das seinem späten Werk eigentümliche Engelsmotiv. In dieser Hinsicht berühren sich „Niederschrift“ und „Epilog“ mit der sozialkritlschen, die geschichtliche Wirklichkeit nachzeichnenden Tragödie „Thomas Chatterton“ (1955), in der das Zerbrechen eines künstlerisch genial begabten Knaben dargestellt wird. Der dichterische Abgesang J.s vollendet sich in dem Roman „Die Nacht aus Blei“ (1956), der Welt und Mensch ins Sinnbild des in labyrinthischen Räumen an unheilbarer Wunde Siechenden bringt, und dem wenige Wochen vor seinem Tode beendeten Drama „Die Trümmer des Gewissens“ (1961; auch u. d. T.|„Der staubige Regenbogen“), das dem Kampf gegen die Atombombe und die Mißachtung alles Lebendigen galt. J., dessen Spätwerk illusionslos die Schöpfung als unter dem unbarmherzigen Gesetz des Unterganges und der totalen Hoffnungslosigkeit stehend begreift – ihre „Dimensionen … stehen in diamantener Konstruktion – und wir hängen darin wie Kirchenräuber am Galgen“ (Niederschrift) –, sieht die einzige Möglichkeit einer Linderung irdischer Qual in der Wendung zu einem die Welt und alles Kreatürliche erfassenden und durchdringenden Mitleid. In ihm erfüllt sich das lebenslange Anliegen des zu Unrecht vielfach geschmähten, in seiner wirklichen Bedeutung bis in die Gegenwart weithin noch nicht erkannten Dichters, „daß der menschliche Geist sich aus sich heraus begibt und fremde brüderliche Annäherung sucht – die Ausdehnung der Liebesmöglichkeit seiner Seele“ (Epilog).|

  • Auszeichnungen

    Kleist-Preis (1920), Niedersächs. Lit.preis (mit G. v. d. Vring, 1954), Lessing-Preis d. Stadt Hamburg (1956); Mitgl. d. Mainzer Ak. d. Wiss. u. d. Lit. (1949); Mitbegründer u. 1. Präs. d. Freien Ak. d. Künste Hamburg (1950); Korr. Mitgl. d. Dt. Ak. d. Künste Berlin (1955).

  • Werke

    Weitere W Dramen: Der Prolog, 1921;
    Der gestohlene Gott, 1924;
    Heinrich v. Kleist, 1925;
    Neuer Lübecker Totentanz, 1931 (mit W. Hehwig), Neufassung mit Musik v. Y. J. Trede, 1954;
    Spur d. dunklen Engels, 1952 (mit Musik v. dems.). -
    Erzz.: Polarstern u. Tigerin, 1927;
    Der fremde Züchter, 1967;
    Fragmente a. d. Nachlaß, hrsg. v. R. Burmeister: Perrudja II, Jeden ereilt es, 1968.

  • Literatur

    Jochen Meyer, Verz. d. Schrr. v. u. üb. H. H. J., 1967;
    H. H. J. (Zum 60 Geb.tag), hrsg. v. R. Italiaander, o. J. (1954);
    H. H. J., Buch d. Freunde, hrsg. v. dems., o. J. (1960) (P);
    W. Muschg, H. H. J., in: ders., Von Trakl zu Brecht, Dichter d. Expressionismus, 1961;
    ders., Gespräche mit H. H. J., 1967;
    H. Wolffheim, H. H. J., 1966;
    G. Schmidt-Henkel, Schöpfungsklage u. myth. Stilfigur: H. H. J., in: ders., Mythos u. Dichtung, Zur Begriffs- u. Stilgesch. d. dt. Lit. im 19. u. 20. Jh., 1967;
    W. Emrich, Das Problem d. Form in H. H. J.s Dichtungen, 1968;
    H. H. J., = Text u. Kritik, Zs. f. Lit., H. ⅔, 1970, hrsg. v. H. L. Arnold (kommentierte Ausw.-Bibliogr. v. J. Meyer, P);
    P. Kobbe, Mythos u. Modernität, Eine poetolog. u. methodenkrit. Studie z. Werk H. H. J.s, 1973;
    Soergel-Hohoff II (P);
    Eppelsheimer I-XII;
    Kunisch;
    Kosch, Lit.-Lex.;
    - R. Wagner, Der Orgelreformer H. H. J., 1970 (W, L)
    ;
    Riemann u. Erg.-bd. (W, L).

  • Portraits

    Ölbild v. K. Kluth, 1955 (Hannover, Landesmus.);
    Bronzebüste v. G. Marcks, 1957 (Hamburger Kunsthalle).

  • Autor/in

    Rüdiger Frommholz
  • Empfohlene Zitierweise

    Frommholz, Rüdiger, "Jahnn, Hans Henny" in: Neue Deutsche Biographie 10 (1974), S. 307-310 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118556673.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA