Lebensdaten
1664 bis 1724
Geburtsort
Oberkammlach bei Mindelheim
Sterbeort
Nürnberg
Beruf/Funktion
Kartograph ; Kartendrucker
Konfession
katholisch,evangelisch
Normdaten
GND: 118553321 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Homann, Johann Baptist

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Zitierweise

Homann, Johann Baptist, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118553321.html [16.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Joh. Friedrich, Frhrl. Rehlingenscher Verwalter in Bettenried, dann Kanzleiverwalter in Ravensburg: M Barbara N. N.;
    1) Nürnberg 1690 Susanna Felicitas (ca. 1667–1704), T d. Pfarrers Joh. Leonhard Ströbel in N. u. d. Kath. Regina Gutheil aus Jena, 2) ebd. 1708 Ursula Elisabeth ( 1719), Wwe d. Siegel- u. Wappenschneiders Joh. Georg Schwertfeger, T d. Balthasar Reit, Korporal z. Pferd im Rgt. Hohenzollern;
    4 S (2 früh †), 3 T (früh †) aus 1), u. a. Gottfried Frdr. (* 1692), kurpfälz. Oberförster in Weickering b. Neuburg, Joh. Christoph (1703–30), Dr. med., Erbe v. H.s Offizin, 1 S (früh †), 2 T (1 früh †) aus 2);
    Stief-T Ursula Barbara Schwertfeger ( Joh. Georg Ebersberger, 1695-1760, Kupferstecher, Miterbe d. H.schen Offizin).

  • Leben

    Die Aussagen über H.s Jugend und Ausbildungsgang sind spärlich. Er besucht die Jesuitenschule in Mindelheim, hält sich einige Jahre in Klöstern auf und absolviert dort seine „studia humaniora et philosophica“. Von Glaubenszweifeln heimgesucht, verläßt er 1687 das Dominikanerkloster in Würzburg – es ist ungeklärt, ob als gewesener Mönch und fluchtartig oder, nach anderen Aussagen, im Einverständnis mit dem Kloster. Für die nächsten 10 Jahre geben Nürnberger Ratsverlässe Auskunft über ein unruhevolles Leben. H. wendet sich nach Nürnberg und bittet den Rat der Stadt um Hilfe bei seinem Übertritt zur evangelischen Religion. Dieser vermittelt ihm Religionsunterricht und unterstützt ihn mit Kost und Kleidung. Der Glaubensübertritt findet im März 1688 statt. Den Lebensunterhalt verschafft sich H. zunächst durch Bemalen von Kupferstichen. Da ihm das sogenannte Schutzgeld vom Rat bis zu Neujahr 1689 erlassen wird, scheint sein Verdienst sehr spärlich gewesen zu sein.

    H.s Werdegang als Kupferstecher und Kartograph ist nicht ganz klar. Marperger behauptet, er sei Autodidakt gewesen und habe sich seine Kenntnisse in kurzer Zeit nach nur geringen Anweisungen erworben. Bereits das 1690 in Nürnberg erschienene Buch „Gelegenheit und heutiger Zustand des Hertzogthums Savoyen und Fürstenthums Piemont… beschrieben durch J. G. D. T. …“ enthält 3 von H. gestochene Landkarten: „Ducatus Sabaudiae“, „Principatus Piemontis, Pars Merid.“ und., … Pars Septen.“. 1691 erhält er das Bürgerrecht, zugleich wird er zum ersten Male „Notarius publicus“ genannt. Es wird vermutet, daß er dies bereits bei seiner Heirat gewesen ist. H.s nächste Landkarte, „Das Nürnberg. Gebiet mit allen Nürnbergischen Hauptmannschaften… verfertigt durch Christoff Scheurer… 1691“, von H. gestochen und 1692 vollendet, weist ihn schon als Meister im Kartenstechen aus. Sie ist bereits in Orientierungsquadrate eingeteilt. Ein Ortsregister ist – entgegen früheren Ansichten – erhalten (Stadtbibliothek Nürnberg).

    Ende 1693 deuten sich Zerwürfnisse mit dem Rat der Stadt an, bedingt durch Glaubensschwankungen und Gewissenszweifel H.s Rückkehr zum verlassenen Glauben, Erklärung des ehemaligen Klosterinsassen, daß seine Frau nicht seine rechte Ehegattin sei, daraufhin Unzuchtstrafe und Haft sind die Folge. Neuerliches Bekenntnis zum Protestantismus löst die Haft, aber zerstreut nicht das Mißtrauen. Die Tätigkeit als Landkartenstecher in Nürnberg ist seitdem unterbrochen, die Bitte um Zulassung zu den „gewöhnlichen Losungspflichten“ wird abgelehnt. Anfang 1695 verläßt H. Nürnberg unter Zurücklassung eines seiner Söhne, während er den älteren mitnimmt und dem neuburgischen Pfleger von Allersberg, Maximilian von Thürnhofen, übergibt. Vermutlich durch diesen wurde der später als kurpfälzischer Oberförster erwähnte Sohn im katholischen Glauben erzogen – der schwerste Vorwurf der Stadt gegen H. Durch eine zweite, wenn auch kurz bemessene und alsbald von Reueerklärungen und Bittgesuchen gefolgte Rückwendung zum „Papismus“ untergräbt H. vollends seine Glaubwürdigkeit. Bis 1697 führt er nun ein unstetes Wanderleben. Seine Frau folgt ihm im Februar 1696 nach Erlangen, im August nach Leipzig, während deren Vater, vom Rat mit Vorwürfen heimgesucht, in Melancholie verfällt und Selbstmord verübt. In die Leipziger Zeit fällt H.s erste umfassende Tätigkeit als Landkartenstecher. Er fertigt bis Oktober 1697 34 Karten für Christoph Cellarius' „Notitia orbis antiqui“. Inzwischen wird ein erneutes Gesuch um Wiederaufnahme in die Reichsstadt Nürnberg nach anfänglichem Widerstand genehmigt. 1698 wird H. wieder Nürnberger Bürger. Hier sticht er die oder einen Teil der Karten für Henrich Scherers „Atlas novus“ (1703-10), 1699 die Kupferstiche für Johann Heinrich Ursinus' „Arboretum Biblicum“. Außerdem sind ein Schreibmeisterbuch und Karten erhalten, die er für Jakob Sandrart und David Funck gestochen hat.

    1702 eröffnete H. seine eigene Offizin. Er ließ sich dabei von kaufmännischen Gesichtspunkten leiten. Wahrscheinlich erkannte er, daß es wirtschaftlich unmöglich sein würde, nur Originalkarten herzustellen. Sein Ziel war, die niederländischen und französischen Karten vom deutschen Markt zu verdrängen und durch|bessere und billigere zu ersetzen. Das gelang ihm. Er war der erste deutsche Kupferstecher, der die Herstellung von Atlanten im großen Stil übernahm und steht in der deutschen Kartographie nur Mercator nach. Er trug viel zur Entstehung der deutschen regionalen Kartographie bei. Seine Atlanten waren von hoher Qualität. Er besaß genügend wissenschaftliche Befähigung und verteidigte erfolgreich die durch observatorische Beobachtungen bedingten kartographischen Reformen. 1707 stellte er einen Atlas mit 40 Karten zusammen, 1712 wurde dieser auf 100 Karten erweitert. 1716 erschien sein Hauptwerk, der „Große Atlas über die ganze Welt“, und 1719 gab er den „Atlas methodicus“, einen Schulatlas nach dem Entwurf des Hamburger Rektors Johann Hübner (1668–1731, siehe ADB 13), heraus. In seinem Verlage sind bis zu seinem Tode über 200 Karten erschienen, unter denen sich wichtige, auf die neuesten Erkenntnisse seiner Zeit gestützte Arbeiten befinden, unter anderem die „Deutschlandkarte“ (nach den astronomischen Ortsbestimmungen des Straßburger Professors J. C. Eisenschmid), die deutsche „Flußkarte“, die „Poststraßenkarte“ und die „Basis geographiae recentioris astronomica“, in der nach genauen astronomischen Ortsbestimmungen 140 Orte der ganzen Welt eingezeichnet sind. Diese war ebenso wie astronomische Karten in Zusammenarbeit mit J. G. Doppelmayr gefertigt. Der gesamte astronomische Atlas ist allerdings erst 1742 bei Homanns Erben erschienen.

    H. hat seiner Arbeit durch die Mitarbeit von kartographischen Theoretikern – er pflegte auch direkten Verkehr mit Johann G. Gregorii, mit dem Rektor zu Altbrandenburg C. Göttschling, mit dem Rektor Chr. Junker in Altenburg und mit E. D. Hauber – eine feste Grundlage gegeben. War die Mehrzahl seiner Karten auch Kopien, so gehörten sie doch zu dem Genauesten, was in Deutschland vor Hasius veröffentlicht worden ist, zumal H. die Ergebnisse neuer Reisen sofort in seinen Karten verwertete. Die „Basis geographiae“ und die „Tabula totius Germaniae“ entsprechen den wissenschaftlichen Ansprüchen des 18. Jahrhunderts. Von seinen Nachfolgern ist diese wissenschaftliche Grundlage weder genügend gewürdigt noch benützt worden. H.s Leistungen wurden durch äußere Ehrungen anerkannt. Er wurde 1715 Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften und 1716 „Kaiserlicher Geograph“, später „Moskowitischer Agent“.

    Nach H.s Tod ging die Offizin an seinen Sohn Johann Christian über, der in Halle Medizin und Philosophie studierte (Promotion 1725) und erst nach längeren Reisen nach Nürnberg zurückkehrte, wo er 1729 in das Collegium Physicum aufgenommen wurde, aber bereits 1730 starb. Durch seine Verfügung hatte seit 1724 H.s Stiefschwiegersohn, der Kupferstecher Johann Georg Ebersberger, die Leitung der Offizin übernommen. Vor seinem Tode hatte Johann Chr. Homann seinen Studienfreund doctor medicinae Johann Michael Franz (1700–61, siehe Literatur) nach Nürnberg gerufen. In seinem Testament bestimmte er, daß dieser und Johann Georg Ebersberger „seine geographische Handlung und Werke mit bisherigem Ruhme fortsetzen und dabei sich Homännische Erben nennen sollten“. Dieses von H.s ältestem Sohn, dem kurpfälzischen Oberförster, angefochtene Testament war schon 1742 nicht mehr aufzufinden. J. M. Franz wollte die bisherigen Kopien durch Originalzeichnungen ersetzen. Aber er war kein Geschäftsmann. Seine Entwürfe gingen über das wirtschaftlich Erreichbare hinaus. Er stand wie H. dem Mangel an Verständnis bei den Regierungen, dem Mangel an Geld bei Privaten, der politischen Zerrissenheit und den Kriegen gegenüber. Die Aufnahme von Darlehen fällt bei Franz mit der Veröffentlichung besserer Karten und Atlanten, der Schlesischen Spezialkarten, des Doppelmayrschen Himmelsatlas, des Homännisch-Hasischen Gesellschafts-Atlas zusammen. Es war sein Verdienst, daß er eine Anzahl von vorzüglichen Gelehrten für die ständige kartographische Mitarbeit gewonnen hat und neben der Kritik an der geographischen und kartographischen Arbeit auch Verbesserungsvorschläge und -versuche gemacht hat. Um aus seinen finanziellen Schwierigkeiten herauszukommen, schlug er 1754 der Regierung in Hannover vor, die Kosmographische Gesellschaft, die Lowitzsche Weltkugel-Fabrik, seine Hälfte der Homännischen Offizin und anderes nach Göttingen zu bringen. Er und sein Schwager, der Mathematikprofessor Georg M. Lowitz, wurden als Professoren der Geographie beziehungsweise praktischen Mathematik nach Göttingen berufen. Doch kam die Kosmographische Gesellschaft nicht einmal zu einer Scheinexistenz, da Franz heimlich die Stadt Nürnberg verlassen mußte und nach Vergleich mit den Gläubigern seinen Anteil nicht nach Göttingen verbringen konnte.

    Um 1760 umfaßte der Homännische Verlag mehr als 550 selbstgestochene Blätter. 170 stammten noch von H. und seinem Sohne. Ohne die neuen Blätter des Himmelsatlas, Städteatlas, Natur- und Kunstatlas wurden von 1730-60 über 250 Landkarten gestochen.

    In einem großen Teil wurden im Gegensatz zu früher und zu anderen deutschen Kartenstechern die Namen des Autors und das Jahr des Erscheinens und von 1732 an auch der Anfangsmeridian genannt.

    Nach Ebersbergers Tod (1760) erbte seinen Geschäftsteil seine Tochter Barbara Dorothea (* 1731), die 1761 den Buchhändler Georg P. Monath heiratete. Durch Erbschaft ging die Offizin an Georg Chr. Franz und Johann C. Monath über. Nach anfänglichem Rückgang machte sich etwa 1765 wieder ein zielbewußteres Handeln bemerkbar. Es wurden 1769 der „Schweizer Atlas“, 1776 der „Böhmische Atlas“, 1788 der „Niederländische Atlas“, etwa 1804/05 der „Spanische Atlas“, nach 1803 der „Atlas der Österreichischen Monarchie“ herausgegeben, außerdem die für den Unterricht berechneten kleineren Atlanten „Franzens Jugendatlas“ (1764), „Atlas methodicus“ (1777) und „Franzens Reichsatlas“ (1781). 1797 erschien der „Weltatlas“ von Forstrat F. L. Güsefeld.

    1803 wurde dem Altdorfer Professor der Geschichte und Geographie C. Mannert die wissenschaftliche Direktion übertragen. 1804 kaufte Georg Christoph Fembo ( 1848) die eine und 1813 die andere Hälfte der Homännischen Handlung. Dieser hatte schon 1805 die Kunsthandlung Chr. Weigel übernommen. Das Hauptgeschäft bestand nun im Kartenhandel. Es wurden nur noch einige Nürnberger Stadtpläne und bayerische Karten verlegt. Nach dem Tode Fembos, 1848, ließ sein Sohn 1852 die Firma eingehen. 1876 wurde der Homännische Nachlaß, die reiche Sammlung an Büchern, Karten, Kupferstichen und Zeichnungen, versteigert und in alle Winde zerstreut und damit eine, wenn nicht die wichtigste Quelle für die Geschichte der deutschen Kartographie vernichtet.

  • Literatur

    ADB 13;
    J. P. Marperger, J. D. H., in: Erstes Hundert gel. Kauffleut, 1717;
    J. G. Doppelmayr, Hist. Nachr, v. d. Nürnberg. Mathematicis u. Künstlern…, 1730;
    Ch. Sandler, J. B. H., Ein Btr. z. Gesch. d. Kartogr., in: Zs. d. Ges. f. Erdkde., 1886, H. 4/5;
    ders., Die Homänn. Erben…, in: Zs. f. wiss. Geogr. 7, 1890, S. 333-55, 420-48;
    W. Eberle, Der Nürnberger Geograph J. B. H., in: Mitt. u. J.berr. d. geogr. Ges. in Nürnberg 3, 1923/24;
    F. Bock, in: Nürnberger Gestalten aus neun Jhh., 1950;
    L. Bagrow u. R. A. Skelton, Meister d. Kartogr., 1963;
    J. B. H. u. s. Erben, Ausstellungskat. d. Stadtbibl. Nürnberg Nr. 36, bearb. v. F. X. Pröll u. G. Hirschmann, 1964;
    W. Bonacker, Kartenmacher aller Länder u. Zeiten, 1966;
    Will-Nopitsch, Nürnberg. Gel.-Lex. I, II, V, VI, 1755-1808;
    Pogg. I (auch f. J. M. Franz).|

  • Quellen

    Qu.: Ratsverlässe 1688 ff. (Bayer. Staatsarchiv Nürnberg); Verlagsverzeichnisse d. Homännischen Offizin, 1761/63/66/67/69/70; dass. d. H.schen Kunstu. Landkartenhandlung in Nürnberg, 1807; dass. d. privileg. Kunst- u. Landkartenhandlung v. Chr. Fembo, 1818.

  • Autor/in

    Franz Xaver Pröll
  • Empfohlene Zitierweise

    Pröll, Franz Xaver, "Homann, Johann Baptist" in: Neue Deutsche Biographie 9 (1972), S. 582-584 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118553321.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Homann: Johann Baptist H., Kartenstecher und Geograph, geb. den 20. März 1663 (4) zu Kamlach im ehemaligen Fürstenthum Mindelheim, 1. Juli 1724 zu Nürnberg. — Er empfing seinen Schulunterricht, da er katholisch war, bei den Jesuiten in Mindelheim, bereitete sich danach vor, Mönch zu werden, „brachte noch etliche Jahre in Klöstern zu“, wandte sich aber darauf der evangelischen Kirche zu und begab sich nach Nürnberg (1687). Die Notarsstelle, welche er dort erlangte, befriedigte ihn auf die Dauer nicht; die Beweglichkeit seines Geistes und eine gewisse künstlerische mit autodidaktischer Betriebsamkeit verbundene Anlage, wiesen ihn auf ein Gebiet der Thätigkeit hin, welches in dem reichen, kunstliebenden und weiten Weltverkehr pflegenden Nürnberg schon fleißig wenn auch ohne besonderen Ruhm angebaut worden war, auf die Kartographie. Er begann in Kupfer zu stechen und erlangte, obgleich nur wenig zu seinem Unterricht vorher geschehen war, sehr bald eine solche Geschicklichkeit im Stechen von Namen und geographischen Bestimmungen, daß er von Jakob|v. Sandrart und David Funck, den damals bedeutendsten Nürnberger Kartenstechern und Verlegern Aufträge und Beschäftigung erhielt. Die Zeit, wann dies zuerst geschehen sei, läßt sich ebensowenig bestimmen, wie, welche Karten, die in jenen Verlagen erschienen, wir seiner Hand verdanken. Es scheint, daß er schon vor seiner ersten Abwesenheit von Nürnberg sich diesem neuen Erwerbszweige zugewendet habe. Denn 1693 hatte er heimlich Nürnberg und seine Familie (er hatte sich 1690 mit der Tochter des Sudenpredigers Ströbel, Susanna Felicitas, verheirathet und einen Sohn aus dieser Ehe) verlassen, war nach Wien in ein Dominikanerkloster gegangen und durch eine besondere von dort aus erlassene Erklärung sowol aus der evangelischen Kirche wie aus dem Nürnberger Bürgerverbande ausgeschieden. Die Gründe, welche ihn zu diesem, wie es sich bald herausstellte, übereilten Schritte veranlaßten, mögen zum Theil in religiösen Bedenken, zum Theil auch in seiner precären materiellen Lage gelegen haben; jedenfalls erkannte er sehr bald, daß er einen Fehler gemacht habe. Er ging nach Erlangen 1695 und bat von dort aus um Wiederaufnahme in das Nürnberger Stadtgebiet und in die evangelische Gemeinde. Der Rath verzieh ihm und gestattete die Rückkehr. So wieder mit seiner Familie vereinigt, scheint er auch die Ruhe in seinen äußeren Verhältnissen gefunden zu haben, deren er bedurfte, um seine kartographische Thätigkeit mit Erfolg wieder aufzunehmen. Durch seine Leistungen empfohlen, wurde er bald nach Leipzig berufen, um dort den Stich der Karten zu Christophorus Cellarius' Notitia orbis antiqui zu besorgen, von der der erste Band 1701, der zweite 1706 in Leipzig erschien. Gleichzeitig mit oder kurz nach dieser Arbeit wurde ihm die Anfertigung der Karten zu des Jesuitenpaters Heinrich Scherer „Atlas novus, hoc est Geographia, universa in septem partes contracta“, Augsburg 1710, übertragen. Man muß gestehen, daß die Behandlung dieser Karten schon eine große technische Geschicklichkeit und Sicherheit und eine gewisse Freiheit in der Auffassung des Kartenbildes bekundet. Sie sind in vielen Stücken sorgfältiger und sauberer gearbeitet als manche der Karten, die H. später entwarf. — Alle jene Arbeiten, welche in der zeitlichen Auseinanderfolge ihrer einzelnen Stücke sich nicht mehr genau bestimmen lassen, hatten ihrem Verfertiger zwar einen rühmlichen Namen verliehen, aber gleichzeitig auch seinen Nürnberger Arbeitgebern entfremdet. Seine Leistungen waren indeß den interessirten Kreisen zu bekannt, als daß er es nicht hätte wagen sollen, die eine oder die andere Arbeit unter seinem eigenen Namen erscheinen zu lassen. Die Zeitumstände waren günstig. Der spanische Erbfolgekrieg erregte in den weitesten Kreisen den Wunsch nach genauen kartographischen Darstellungen des großen Kriegsschauplatzes. Daher begann H. hier mit seiner neuen selbständigen Unternehmung. Er veröffentlichte u. d. T.: „Belli typus in Italia victricis aquilae progressus in statu Mediolanensi et ducatu Mantuae demonstrans tabula recens emendata et aucta per Jo. Bapt. Homannum A. 1702“ die Karte des Kriegsschauplatzes in Italien und war so glücklich, mit den siegreich fortschreitenden Waffen des Kaisers auch seine neue Unternehmung vom Erfolge gekrönt zu sehen. Gestützt hierauf ging er neben den ihm gleichzeitig übertragenen, schon erwähnten Arbeiten, an den Entwurf anderer Karten. Sein Fleiß, sein Geschick in der Benutzung der Umstände und der Mithilfe gelehrter Freunde, endlich nicht zum wenigsten sein kaufmännisches Talent, mit dem er es verstand, ungeheure Massen seiner Erzeugnisse sowol durch den Buchhandel als besonders durch die wandernden Bilderhändler und Colporteure unter die Leute zu bringen, sicherten bald der jungen Officin Bestand und Ansehen. Indessen wiesen ihn sein wissenschaftliches Streben wie sein fachmännischer Scharfblick sehr bald auf die Ausführung eines Unternehmens hin, dessen Vollendung ihm sofort einen Platz vor allen seinen Concurrenten in|Deutschland sichern mußte: auf die Herstellung einer die gesammte Kenntniß der Erdoberfläche umfassenden Darstellung in Form eines Atlas. Im Verlauf von noch nicht 14 Jahren stach die fleißige Hand des rüstigen Nürnberger Kartographen neben den von fremden Firmen erforderten Karten über 100 Karten, welche 1716 vereinigt unter dem Titel: „Großer Atlas über die ganze Welt in Verlegung des Auctoris gedruckt bei Joh. Ernst Adelburner“ in groß Folio erschienen. Bis zu seinem Tode vermehrte er die Zahl der Karten, welche als Supplemente des großen Atlas erschienen, bis auf über 200, fügte dazu 1719 den „Atlas Methodicus explorandis juvenum profectibus in studio geographico ad methodum Hubnerianum accommodatus“, in gewissem Sinne ein Repetitions-Atlas, der auf den einzelnen Karten nur die Anfangsbuchstaben der geographischen Bestimmungen enthielt und beendete seine erfolgreiche Thätigkeit durch die Anfertigung des Astronomischen Atlas, den er unter der Anleitung des Nürnberger Professors der Mathematik, J. G. Doppelmayr, entwarf, dessen Vollendung er aber, obgleich er den größten Theil der dann enthaltenen Tabellen selbst fertig gestellt hatte, nicht mehr erlebte. Er erschien erst 1741. Dazu kommen noch zahlreiche Globen, meistens 2½ Zoll im Durchmesser und die sogenannten „Sphaerae arimillares“, endlich auch eine geographische Universaluhr, auf deren Erfindung sich H. ganz besonders viel zu Gute gethan zu haben scheint. — Einer angestrengten und keineswegs fruchtlosen Thätigkeit fehlte auch die äußere Anerkennung nicht. Nürnberg und sein Rath haben den Gründer der berühmten Officin immer in Ehren gehalten. Die Societät der Wissenschaften in Berlin nahm ihn 1715 unter ihre Mitglieder auf; Kaiser Karl VI., dem er seinen Großen Atlas dedicirte, ernannte ihn in demselben Jahre zum kaiserlichen Geographen und begnadigte ihn mit einer goldenen Kette und Medaille; Peter der Große endlich verlieh ihm den Titel eines kaiserlich russischen Agenten und zeichnete ihn ebenfalls durch Verleihung einer goldenen Kette und zweier Medaillen aus. — Es ist Homann's Verdienst gewesen, die deutsche Kartographie zu einer für seine Zeit und ihre Verhältnisse außerordentlichen Höhe allerdings mehr in technischer als in wissenschaftlicher Beziehung erhoben zu haben (nos graveurs français n'ont point encore atteint la délicatesse où le sieur Homann a porté la gravure. Lenglet, du Fresnoy, méthode pour étudier l'histoire. Paris 1735. tom. VI. p. 74), ein Verdienst, welches um so höher anzuschlagen ist, als ihm im Beginn seiner Thätigkeit weder besondere materielle Mittel noch ausreichende Kenntnisse zur Verfügung standen. Die ernste und unablässige Beschäftigung selbst mit dem ihn allseitig interessirenden Gegenstande hat ihn zu dem gemacht, was er geworden; eine nicht gewöhnliche Erfindungsgabe und das Geschick, sich in einen ihm anfänglich fremden Beruf hineinzuarbeiten und dessen einzelne Zweige bald mit Meisterschaft zu beherrschen, haben ihn dabei unterstützt; Gelehrte, wie J. G. Doppelmayr, Chr. Junker, Casp. Gottschling. J. G. Gregori (Melissantes), haben ihm ihre Hilfe gewährt. Aber bei aller Anerkennung für seine Leistungen bleibt sein Verdienst im Wesentlichen doch auf das Technische der Kartographie beschränkt. Geograph im modernen Sinne war er trotz aller kaiserlichen Diplome nicht. Die meisten seiner Karten sind Copien von Joh. Blaeuw, Valvasor, Nolie, d'Anville, de l'Isle, de Fer, G. M. Vischer u. A.; wenige beruhen auf Original-Aufnahmen, die H. veranlaßte oder erwarb, wie z. B. Phil. Henr. Zollmann's Hydrographia Germaniae, Joh. Pet. Nell's Neu-vermehrte Post-Charte durch gantz Deutschland, 1709 und wiederholt 1714, Joh. Christoph Müller's Tabula generalis Marchionatus Moraviae, Joh. Majer's Ducatus Würtembergici — delineatio 1710, Joh. Christoph Lauterbach's Nova et accurata territorii Ulmensis — descriptio. Ein dazu gehöriger Carton, enthaltend die Ulmische Herrschaft zu Wain, ist „nach dem gr. Original des|Seel. Herrn Pfarrers zu Altheim, M. Johan Wolfgang Bachmayr's abgezeichnet“, A. R. P. O. de G. O. S. B. S. in Michaël-Beyrn, Principatus etc. Salisburgensis (Pater Odilo de Guerathor, ordinis S. Benedicti etc.). Immerhin bleibt ihm aber das Verdienst, daß er in Deutschland die geographischen Bestrebungen seines Jahrhunderts mit seinem Namen innig verknüpfte, und durch die Mittel, welche er denselben lieh, für eine wissenschaftliche Entwickelung der Geographie die Wege bahnte. Sein Werk verfiel nicht mit seinem Tode. Die Karten aus Homann's Verlage waren gewissermaßen ein Bedürfniß für die Gebildeten in Deutschland geworden und der Gründer des Unternehmens hatte dies Bedürfniß durch kluges und geschicktes Eingehen auf die dynastischen Wünsche aller, auch der kleinsten, damaligen Duodez-Herren und reichsstädtischen Raths-Collegien stetig zu steigern gewußt. Sein Sohn und Nachfolger Joh. Christoph H. (geb. am 22. August 1703) brauchte auf dem eingeschlagenen Wege nur fortzugehen, um des Erfolges sicher zu sein. Nach dessen Tode 1730 setzten Joh. Mich. Franz und J. G. Ebersberger das Geschäft fort, verließen aber die bisherige Gewohnheit massenhaften Copirens und gaben ihren Bestrebungen durch Herbeiziehung namhafter Gelehrten, wie des Professors J. M Haase in Wittenberg und durch die Begründung der mit der Homann'schen Officin verbundenen kosmographischen Gesellschaft eine wissenschaftliche Stütze. Traf auch vieles, was im Anschluß hieran von den beiden bedeutendsten Mitgliedern dieser Gesellschaft, den nachmaligen Göttiinger Professoren Tobias Maier und Georg Mor. Lowitz, in wahrhaft naiver Unternehmungslust geplant wurde (vgl. Homannische Vorschläge von den nöthigen Verbesserungen der Weltbeschreibungs-Wissenschaft und einer diesfalls bei der Homann'schen Handlung zu errichtenden Akademie, Nürnberg 1747), nicht ein, wie die kosmographische Akademie, das Landvermessungs-Comtoir, die Herausgabe drei Fuß im Durchmesser haltender Erd- und Himmelsgloben, so wurde doch die Wirksamkeit der Officin „der Homännischen Erben“ dadurch wenig berührt. Ihr alter Ruf, die Gunst des Publikums und ihre immer sorgfältigeren und geschmackvolleren Leistungen unter der Beihülfe Güssefeld's, Mannert's u. A. gewährten ihr eine bis in den Anfang unseres Jahrhunderts reichende Dauer. — Ein Porträt Joh. B. Homann's findet sich in A. C. Caspari und F. J. Bertuch's Allgemeinen Geogr. Ephemeriden, Bd. VIII, Weimar 1801. Es ist nach dem größeren Gemälde Kenckel's gestochen.

    • Literatur

      Außer den in J. G. Doppelmayr, Histor. Nachrichten von den Nürnbergischen Mathematicis und Künstlern, Nürnberg 1700, S. 142 und den in Will's Nürnbergischem Gelehrten-Lexikon. Bd. II. S. 198, und in der Fortsetzung desselben von Nopitsch, Bd. II. S. 131 gegebenen Nachweisungen vgl. J. M. Franzen's Kurtze Nachricht von dem Homännischen Großen Landkarten-Atlas etc., Nürnberg 1741; Notitia omnium mapparum geographicarum et astronomicarum, quae in officina Homannianorum haeredum Norimbergae exaratae sunt etc., Breslau 1736. — Oscar Peschel, Geschichte der Erdkunde, 1865, S. 596 ff. — W. H. Riehl, Culturstudien aus drei Jahrhunderten, Stuttgart 1862, S. 3 ff. —
      Das Ausland, Jahrg. 1878 Nr. 29, 1879 Nr. 19. — Allg. Deutsche Biographie Bd. X. S. 743, Art. Hasius von Ratzel.

  • Autor/in

    Brecher.
  • Empfohlene Zitierweise

    Brecher, Adolf, "Homann, Johann Baptist" in: Allgemeine Deutsche Biographie 13 (1881), S. 35-38 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118553321.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA