Lebensdaten
1879 bis 1945
Geburtsort
Eberbach bei Künzelsau (Württemberg)
Sterbeort
Ustersbach bei Augsburg
Beruf/Funktion
katholischer Schriftsteller ; Philosoph
Konfession
evangelisch,katholisch
Normdaten
GND: 118544411 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Haecker, Theodor

Verknüpfungen

Von der Person ausgehende Verknüpfungen

Personen im NDB Artikel

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Zitierweise

Haecker, Theodor, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118544411.html [10.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Theodor Aug. (* 1853, ev.), Ratsschreiber in Eßlingen/Neckar, S d. Amtsnotars Adolf Phil. u. d. Eleonore Kunigunde Celtarius;
    M Maria Marg. Barbara (1850–85), T d. Gg. Andreas Klein, Bauer u. Schultheiß in Riedbach, u. d. Marg. Barbara Lang;
    Sembach 1918 Marg. Christine (1885–1935), T d. Gerbereibes. Leonard Braunsberg u. d. Helene Ruhe;
    2 S, 1 T.

  • Leben

    Familienverhältnisse zwangen H. das Gymnasium vorzeitig zu verlassen. Lehrvertrag|und nachfolgende Anstellung, die ihn auch nach Antwerpen führten, banden ihn 1894-98 an die Eßlinger Wollfirma Merkel & Kienlin. Bestimmend für den ferneren Lebenslauf wurde seine Freundschaft mit seinem Schulkameraden Ferdinand Schreiber, dem Verleger der „Meggendorfer Blätter“ (seit 1929 mit den „Fliegenden Blättern“ vereinigt), dessen Mitarbeiter er wurde. Der Großzügigkeit Schreibers verdankte er einen Aufenthalt in Berlin, wo er an der Universität Dilthey, Virchow, Delbrück, Wilamowitz-Möllendorff und Vahlen hörte. 1905 holte er in München das Abitur nach und besuchte Vorlesungen an der Universität (immatrikuliert 20.10.1905). Dort wurde er vor allem von Max Scheler stark beeindruckt, für dessen denkerische Kraft er zeitlebens eine hohe Achtung bewahrte, auch wenn er sich später von ihm distanzierte und seine Lebensphilosophie neben der Nietzsches heftig angriff (Geist und Leben. Zum Problem Max Scheler, zuerst in „Hochland“ 23, 1926, jetzt in „Essays“, s. Werke). H. hat seine Erziehung nie Schulen und Universitäten verdanken wollen, sondern nur Lehrern, die er sich selbst suchte. Diese waren meist durch ihr schriftliches Wort wirksam (Kierkegaard, Newman, Vergil, die „Schwäbischen Väter“ Blumhardt, Vater und Sohn, und Carl Hilty, später Thomas von Aquin). Entsprechend sah er seine eigene Aufgabe darin, „gute Schüler zu guten Lehrern zu führen“. – Inzwischen wurde er im Verlag Ferdinand Schreibers dessen Stellvertreter und engster Mitarbeiter und führte nach Schreibers Tod (1941) die Geschäfte des Hauptschriftleiters, ohne im Impressum erwähnt zu werden. Er nahm dort an der Herausgabe der Bibliothek „Die Bücher der deutschen Meister“ (wohlfeile Ausgabe deutscher Klassiker) teil und war der Herausgeber der Zeitschrift „Die Meister“. Seit 1914 war H. Mitarbeiter der Zeitschrift „Der Brenner“, die L. von Ficker in Innsbruck herausgab. Im Brenner-Verlag vor allem fand er seinen eigentlichen Wirkungskreis, die Gelegenheit, eigene Schriften zum Druck zu bringen. Später wurde er einer der hervorragenden Mitstreiter Carl Muths in der Zeitschrift „Hochland“.

    H. gehört zu den bedeutendsten katholischen Schriftstellern der von den beiden Weltkriegen umspannten Zeit. In dieser Periode des Unter- und Übergangs versuchte der sprachgewaltige Denker, außer seinem Lieblingsthema: „Die Sprache“, die Frage nach dem Menschen, der Welt, der Geschichte neu zu durchdenken durch die Verbindung philosophischer und theologischer Denkmotive in einer „christlichen Philosophie“. Sein schriftstellerisches Werk, eine stattliche Reihe von Essays, Büchern und Übersetzungen, ist die Frucht einsamen nächtlichen Denkens und Schreibens. Starke Einflüsse auf seine geistige Entwicklung gingen von K. Kraus aus. Ein schwermütiger und zugleich kämpferischer Geist, suchte H. nach Kraus' Vorbild die Tagesgrößen durch seine Satire (Satire und Polemik, in: Brenner, 1914–20, jetzt in Werke III) zu entlarven. In diese Zeit fällt die Hinwendung zu Kierkegaard, auf den er durch das Werk Ch. Schrempfs, des ersten Übersetzers und Interpreten Kierkegaards, aufmerksam wurde. Mit sicherer Urteilskraft erkannte H. die Bedeutung von Kierkegaard. Er wurde zum Übersetzer insbesondere der religiösen Reden und Tagebücher und trug durch mehrere Schriften dazu bei, ihn in das deutsche Geistesleben einzuführen. Unter dem Eindruck des Werkes von Kardinal Newman konvertierte H. 1921 zum Katholizismus. Er übersetzte von den Hauptwerken Newmans „Grammar of Assent“ und „Essay on the Development of Christian Doctrine“ sowie eine Anzahl von Predigten.

    H.s eigentliche Lebensleistung aber sind die Werke, die zwischen 1930 und 1935 in rascher Folge erscheinen, in denen er den baumeisterlichen Versuch unternimmt, als Wegweiser eines neuen, den Fragen der Zeit aufgeschlossenen Denkens die Hauptthemen einer christlichen Philosophie zu umreißen. Die übernatürliche Komponente des christlichen Menschen-, Welt- und Geschichtsbildes ist nicht etwas Antinatürliches, auch nicht das „Ganz Andere“, sondern ist Erfüllung, wenn auch alles mögliche Erwarten übersteigende Erfüllung. So deutet er in seinem schönsten und vollkommensten Werk „Vergil, Vater des Abendlands“ (1931) Vergil als ein Beispiel dafür, daß die Offenbarung auch den Heiden eine göttliche Antwort ist auf eine menschliche Frage, eine menschliche Not, eine menschliche Sehnsucht. Vergil, ein „adventistischer Heide“, erscheint als Paradigma abendländischen Menschentums an der Schwelle des Glaubens. „Was ist der Mensch?“ (1933) und „Schöpfer und Schöpfung“ (1934) legen das bildhaft Geschaute auseinander in die Sprache der Philosophie. H.s „christliche Philosophie“ ist „hierarchistisches Denken“, eine großartige, für den christlichen Denker wohl notwendige Konzeption, die aber bei H. nicht frei ist von voreiligen Grenzüberschreitungen und allzuschnellem Brückenschlagen (zum Beispiel die Lehre der Analogia Trinitatis).

    Das nationalsozialistische Regime verhängte 1935 über H. das Redeverbot. 1938 wurden ihm selbständige Buchveröffentlichungen verwehrt. H.s Verbindung zum Kreis der Weißen Rose“ in München führte zu einer Haussuchung nach der Verhaftung der Geschwister Scholl, bei der durch die Geistesgegenwart seiner Tochter das Manuskript seiner Tagebuchaufzeichnungen der letzten Jahre, der „Tag- und Nachtbücher“ (1939-45), der Entdeckung entging. Erst nach seinem Tode erschienen sie im Druck. In ihnen kulminiert noch einmal die H.s ganzes Leben kennzeichnende und auszeichnende Wesensart seines Geistes: die Schwermut über die Ohnmacht des Wahren, Guten und Schönen, ja Gottes selbst in dieser Welt, die Empörung über die Herrschaft der Mediokrität und Bosheit und die Sehnsucht nach der rechten Ordnung. Dem Hintergründigen immer mehr als dem Vordergründigen zugeneigt, sah er das Reich Hitlers als einen Versuch der Mächte der Finsternis, mit Hilfe der Deutschen das apokalyptische Weltreich des Antichrist aufzurichten. Daß dieser Versuch mißlang, wäre nach H.s Konzeption im Blick auf die Dramatik der Weltgeschichte kein Beweis, daß es keiner war. So geben die „Tag- und Nachtbücher“ zum Abschluß des Lebens und des Werkes H.s ein erschütterndes Zeugnis von seinem inneren Kampf um Glauben, Hoffnung und Liebe angesichts des Niedergangs abendländischer und christlicher Werte in der Walpurgisnacht des nationalsozialistischen Wahnsinns.

  • Werke

    Werke I (Essays), 1958, II (Tag- u. Nachtbücher 1939–45), 31959, III (Satire u. Polemik, Der Geist des Menschen u. die Wahrheit), 1961, IV (Was ist d. Mensch?, Der Christ u. d. Gesch., Schöpfer u. Schöpfung), 1965 (wird fortges.). - Überss.: Werke v. Kierkegaard, J. H. Newman, F. Thompson, H. Belloc, Vergil. W-Verz. in: Flugbl. z. 20. Todestag v. Th. H., Kösel-Verlag, 1965 (P).

  • Literatur

    Th. Kampmann, in: Gelebter Glaube, 12 Porträts, 1957 (P);
    E. Blessing, Th. H., Gestalt u. Werk, 1959 (W-Verz.);
    Kunisch.

  • Portraits

    Gem. v. R. Seewald, Abb. in: Hochland 22, 1924.

  • Autor/in

    Eugen Blessing
  • Empfohlene Zitierweise

    Blessing, Eugen, "Haecker, Theodor" in: Neue Deutsche Biographie 7 (1966), S. 425-427 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118544411.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA