Lebensdaten
1797 bis 1854
Geburtsort
Murten Kanton Freiburg
Sterbeort
Lützelflüh (Emmental)
Beruf/Funktion
Schriftsteller ; Erzähler ; reformierter Pfarrer
Konfession
reformiert
Normdaten
GND: 118540963 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Bitzius, Albert (eigentlich)
  • Bitzius, Albert Jeremias Gotthelf
  • Gotthelf, Jeremias
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Zitierweise

Gotthelf, Jeremias, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118540963.html [23.10.2018].

CC0

  • Genealogie

    Aus der Berner Bürgerfam. Bitzius (s. HBLS);
    V Sigmund Frdr. Bitzius (1757–1824), Pfarrer in M., 1805 in Utzenstorf, S d. Ges.schreibers Hans Jacob (Pfarrers-S) u. d. Maria Cath. Zehender (aus patriz. Ratsfam.);
    M Elisabeth (1767–1836), T d. Spitalvogts Joh. Ludw. Kohler (aus Büren) in Bern u. d. Anna Elis. Lüthard aus Bern;
    1833 Henriette Elis. (1805–72), T d. Jak. Emanuel Zeender (1772–1807), Prof. d. Theol. in Bern (S v. G.s Amtsvorgänger);
    1 S, 2 T Albert Bitzius ( 1882), ref. Theol. u. Politiker (s. NDB II), Henriette (1834–90, Pfarrer Carl Ludw. Rüetschi), Schriftstellerin (Ps. Marie Walden, s. HBLS; Kosch, Lit.-Lex. [unter Rüetschi]), Cécile (⚭ Albert v. Rütte, 1825–1903, Pfarrer, Botaniker, Betreuer v. G.s Nachlaß).

  • Leben

    Erste Kindheitsjahre verlebte G. in Murten, später in Utzenstorf, wo er mit der Landwirtschaft vertraut wurde. Ab 1812 besuchte er die Literaturschule, ab 1814 die Theologische Fakultät in Bern. In dieser Zeit studierte er die Popularphilosophen J. F. Fries und J. J. Engel, die Reden Schleiermachers über die Religion, die Florentinische Geschichte Macchiavellis, die Schweizer Geschichte Johann Müllers und die philosophischen Werke Herders. 1817 erhielt G. den 3. Preis für die Beantwortung der akademischen Preisaufgabe „Ist sich das Wesen der Poesie der Alten und Neueren gleich?“. Nach dem Theologieexamen (1820) wurde er Vikar seines Vaters und interessierte sich besonders für das Schulwesen. An der Universität Göttingen setzte er 1821/22 das Studium fort und beschäftigte sich auch mit Ästhetik (bei F. Bouterwek). Während des Sommers 1821 erfolgte eine 5wöchige Reise durch Nordwest- und Norddeutschland bis Rügen und Berlin. In die Schweiz kehrte er im Frühjahr 1822 zurück über Weimar, Leipzig, Dresden, München, den Bodensee und Zürich. Wieder betätigte er sich als Vikar in Utzenstorf sowie als Lehrer. Nach dem Tode des Vaters (1824) wurde G. zum Pfarrverweser des arbeitsreichen Kirchspiels von Herzogenbuchsee (Kanton Bern) ernannt. Hier machte er die Bekanntschaft mit dem philosophischen Bauern Joseph Burkhalter. Ein Konflikt mit dem Regierungsstatthalter R. F. von Effinger in Wangen führte zu einer Strafversetzung, die aber rasch zu einer Beförderung wurde, und zwar an die Heiliggeistkirche in Bern. 1831 erhielt er das Vikariat der schwierigen und großen Pfarre von Lützelflüh (1832 Pfarrer). Trotz einem Streit mit dem berühmten Pädagogen Ph. E. von Fellenberg wurde G. dort 1835 auch Schulinspektor. Die Offenheit seiner Rapporte indes erregte Anstoß und führte zur Enthebung aus diesem Amte. – Erste schriftstellerische Versuche dürften um 1834 eingesetzt haben. Dem ersten Buch, das 1836 erschien, folgte in überquellend reichem Schaffen eine Fülle von Romanen und Erzählungen, die allerdings erst dann größere – namentlich in Norddeutschland beträchtliche – Beachtung fanden, als Julius Springer in Berlin seit 1845 G.s Verleger geworden war. – Seine heftige Kampfstellung gegen die Liberalen brachte G. in die Gefahr des Amtsverlustes. Als Schulkommissär wurde er 1845 verabschiedet. Ein Kuraufenthalt in Gurnigelbad (Kanton Bern) vermochte seinen seit 1851 wankenden Gesundheitszustand nicht zu verbessern. Er war an Wassersucht erkrankt, als Todesursache wird Schlagfluß angegeben.

    Obwohl schon früh von instinktsicheren Beurteilern (so Gottfried Keller) als erzählerisches Genie geahnt, wurde G. lange als Vertreter der mundartlich gefärbten, sentimental-verharmlosend-fälschenden Dorfgeschichte in der Art B. Auerbachs und später als Vorläufer der einschlägigen Bestrebungen sowohl des Naturalismus als auch der Heimatkunst mißverstanden. Er ist ebenso einer der bedeutendsten Prosaepiker deutscher Zunge wie ein der Weltliteratur angehörender Dichter, für dessen ständig sich steigernde Wirkung die wachsende Zahl der Werkausgaben und der Übersetzungen zeugt. Format und Abgründigkeit seines Schaffens hat erstmalig das durch die Tiefenpsychologie orientierte Buch von W. Muschg (1931) erhellt, welches um die Geheimnisse des genialen Erzählers weiß und die Forschung zur Erkenntnis der in seinen Schöpfungen vielfältig sich überschneidenden Dimensionen angeregt hat. G.s Sonderart ist so ausgeprägt, daß sie die Koordinatensysteme aller für die Betrachtung in Frage kommenden Disziplinen (Literaturgeschichte, Dichtungswissenschaft, Zeithistorie, Soziologie, Theologie, Tiefenpsychologie) durchbricht. Die von W. Günther erarbeitete Einsicht in die von G. unterbewußt vollzogenen ästhetischen Leistungen war eine notwendige Ergänzung der sich anbahnenden neuen Bewertung. Hinzu tritt wachsendes Verständnis für das politische, volkserzieherische, sozialkritische und religiöse Wollen einer Persönlichkeit, deren immer mehr zum Konservativen tendierende Weltanschauung keineswegs individuelle Freiheitsideale ausschloß, so wenig wie Bindung an das Transrationale den fast naiven Glauben an die läuternde Macht des Verstandes und der Belehrung vollkommen eliminierte. G.s Kampfstellung gegenüber der politischen Willensbildung und der liberalen Parteiideologie seiner Epoche (nicht nur wider den linksgerichteten Radikalismus) brachte eine von W. H. Strasser erkannte Hingabe an die Satire mit sich, innerhalb welcher G.s Sprachgenie in besonderem Maß sich entfaltete. Auch im konservativen Lager wurde er eher als Last denn Gewinn empfunden. Die nie abreißenden Konflikte im Umkreis des äußeren Lebens stehen mit dem Idyllischen der häuslichen Existenz in charakteristischem Gegensatz. G. war im tiefsten Wesensgrund ein Mensch archaischer Seelenlage, der in einer mythosfernen, mythosentfremdeten Zeit lebte. Er bildete die mit größter Aufnahmefähigkeit und wachster Aufmerksamkeit wissend-kritisch erlebte Umwelt nicht nach, sondern schuf sie neu nach seinem Ebenbild. Der Phänotypus seines Schaffens fügt sich scheinbar durchaus ein in den deutschen Realismus der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts, aber es ist für die Sonderstellung des zeitlosen Dichters bezeichnend, daß vermeintliche Vorwegnahmen des Naturalismus der 80er und 90er Jahre herkunftsmäßig Figurationen seelischer Relikte aus frühen Epochen der Menschheitsgeschichte sind. Über der Tatsache der unverlierbaren Bindung G.s an das Bäuerliche und seiner Abneigung gegen städtische Zivilisation darf nicht übersehen werden, daß seine Gesinnung eher bauernfeindlich war (was die Angehörigen seiner ländlichen Pfarrgemeinde ahnten) und durch das Bewußtsein der Zugehörigkeit zu einer „regierungsfähigen“ stadtbernischen Familie beeinflußt wurde.

    Im Verlauf der Produktion, welche aussprach, was der durch Mängel der Stimme beeinträchtigte Kanzelprediger nur unvollkommen zu sagen vermochte, ist wachsende Läuterung in der Darstellung erlebter Wirklichkeit evident, leise zunehmende Neigung – bei fortdauernder Ferne gegenüber ästhetischen Zielsetzungen – zum künstlerischen Spiel. Dafür legt die Entwicklung von G.s Sprache Zeugnis ab. Sie ist in besonderem Maß Objekt von Meinungsverschiedenheiten gewesen. Obwohl J. Grimm ihr in seinem Wörterbuch ein rühmendes Denkmal setzen zu müssen glaubte, wurde sie nachmals „als schlecht geschriebener Dialekt oder als barbarischer Mischmasch von Mundart und Schriftsprache verschrien“ (W. H. Strasser). In die streng stilisierte Hochsprache wurden spezifische mundartliche – berndeutsche – Wendungen nur in bestimmter Form und unter bestimmten Bedingungen eingebaut. Im Gegensatz zu dem, was sonst in der Prosaepik großen Formats der Fall zu sein pflegt, ist G.s Diktion eher für die Aufnahme durch das Ohr des Zuhörenden als durch das Auge des Lesenden bestimmt. Namentlich wenn das Ironische und Satirische sich mit der Dynamik des Prophetischen überschneidet, kann sich ein an F. Rabelais und J. Fischart erinnerndes Entzücken am witzig-hintergründigen Wortgefecht und einem aus dem Sprachleib erwachsenden Streben nach komischen Wirkungen manifestieren.

    Nach dem nicht ohne eigenes Widerstreben erkämpften Anhub – den Romanen „Der Bauernspiegel“ (1836, übers, ins Französische und Schwedische) und „Leiden und Freuden eines Schulmeisters“ (2 Bände, 1838/39, auch französisch, niederländisch, englisch) –, welcher Beginn deutschsprachiger sozialkritischer Prosaepik ist, entfaltete sich ein erstaunlich reiches und weites Schaffen, das deutlich eine zum Mythisch-Archaischen drängende Komponente in sich schließt (vergegenwärtigt vor allem durch die einst als Hingabe an Aberglauben abgelehnte, später als realistische Menschheits-Vision von der Macht unterer Dämonen erkannte Erzählung „Die schwarze Spinne“ [1842, französische, italienische, schwedische, norwegische, dänische, japanische Übersetzungen]). G.s kämpferisches Weltgefühl ist Ausdruck eines konservativ gerichteten Republikanertums, nicht minder Ausdruck der Gegnerschaft wider jeden denkbarerweise zum Totalitären tendierenden Zentralismus (daher G.s grimmige Feindschaft gegen den neuen schweizerischen Bundesstaat), ferner Zeugnis illusionslosen Wissens um menschliche Bresthaftigkeit namentlich in ihren bäuerlichen Erscheinungsformen sowie leidenschaftlicher Verdammung des sittliche Bindungen und verpflichtendes Besitzethos zersetzenden Zeitgeistes. Aus solchen Voraussetzungen entstanden Werke, die teils der Bekämpfung bodenständiger Mißverhältnisse dienten, teils Warnungen waren vor der Gefahr sozialer Umwälzung (so „Jakob des Handwerksgesellen Wanderungen durch die Schweiz“ [2 Bände, 1846 f., bereits 1849 niederländ, später französische Übersetzung], ein Dokument des Frühsozialismus) oder haßvolle Angriffe gegen den radikalen Liberalismus der Epoche („Zeitgeist und Bernergeist“, 1852, französische Übersetzung).

    G.s kostbarster Beitrag zur Weltliteratur und meistgelesenes Werk ist der in sich vollendete Entwicklungsroman „Wie Uli der Knecht glücklich wird“ (1841, französische, englische, niederländische, schwedische Übersetzungen), dem eine schwächere Fortsetzung „Uli der Pächter“ (1848, französische, englische, niederländische, schwedische Übersetzungen) folgte. Bei herbster Nüchternheit und trotz unerschrockenem Verismus verdichtet sich das Buch von „Uli dem Knecht“ zum feierlichen Gesang vom Segen der Erde und der Arbeit, von der Heiligkeit guten Willens und der Läuterung durch Irrgang und Fehle. Die reiche kleinepische Produktion, die G. zu einem der „größten Novellisten“ (W. Kohlschmidt) deutscher Zunge macht, beträchtlich differenziert in Hinsicht der Wertebenen und stilistisch intensiv abgestuft entsprechend der Vielfalt der zwischen sozialkritischem Erziehungswillen, bitterem Protest, lächelndem Verständnis für menschliche Torheit, Beschwörungen ferner und fernster Vergangenheit oszillierenden Motive, rundet die grandiose Leistung des Erzählers ab.

  • Werke

    Weitere W u. a. (alle ins Franz. übers.) Die Wassernoth im Emmenthal, 1838;
    Wie fünf Mädchen im Branntwein jämmerlich umkommen, 1838;
    Die Armennoth, 1840;
    Bilder u. Sagen aus d. Schweiz, 6 Bde., 1842;
    Wie Anne Bäbi Jowäger haushaltet u. es ihm mit d. Doktern geht, 2 T., 1843 f.;
    Der Geldstag, 1845;
    Käthi d. Großmutter. 2 Bde., 1847 (auch engl., schwed., niederländ.);
    Doktor Dorbach d. Wühler u. d. Bürglenherren, 1849;
    Die Käserei in d. Vehfreude, 1850;
    Erlebnisse e. Schuldenbauern, 1853 (auch niederländ.);
    Erzz. u. Bilder aus d. Volksleben d. Schweiz, 5 Bde., 1849–55. - Ausgg.: Ges. Schrr., 24 Bde., 1855-58;
    Sämtl. Werke, hrsg. v. R. Hunziker u. H. Bloesch, später K. Guggisberg, F. Huber u. W. Juker, 24 Bde. u. 16 Erg.bde., 1911 ff.;
    Werke, hrsg. v. W. Muschg, 20 Bde., 1948 f. - Hss. im G.-Archiv d. Burgerbibl. Bern.

  • Literatur

    ADB II (unter Bitzius);
    W. Muschg, G., Die Geheimnisse d. Erzählers, 1931;
    ders., in: Große Schweizer, 1938 (P), 21942 (P);
    Werner Günther, Der ewige G., 1934, neue veränderte Aufl. 1954 (mit ausführl. Auseinandersetzungen mit Sekundärlit.);
    ders., Neue G.-Stud., 1958;
    K. Fehr, Das Bild d. Menschen b. G., 1953;
    W. Juker, W. Kohlschmidt, P. Marti, K. Guggisberg, F. Huber-Renfer, W. Laedrach, in: Führer zu G. u. G.stätten, 1954;
    W. Kohlschmidt, in: Die Großen Deutschen... V, 1957 (P);
    H. Itten, J. G. als Kal.schreiber, 1959;
    W. H. Strasser, J. G. als Satiriker, 1960;
    J. Maybaum, Gottesordnung u. Zeitgeist, 1960. - Zur Geneal: C. v. Behr-Pinnow, Die Vererbung bei d. Dichtern A. Bitzius, C. F. Meyer u. G. Keller, in: Archiv d. Julius Klaus-Stiftung, Zürich, 10, 1935, S. 243-63.

  • Portraits

    Gem. v. J. F. Dietler, 1844 (im Bes. d. Fam. in Bern), Abb. in: Große Schweizer, 1938, 21942, u. b. Wilpert, Literatur in Bildern;
    Zeichnung v. C. v. Gonzenbach als Entwurf z. Stahlstich d. Springerschen Ausg., 1856 (St. Gallen, Kunstmus.).

  • Autor/in

    Ernst Alker
  • Empfohlene Zitierweise

    Alker, Ernst, "Gotthelf, Jeremias" in: Neue Deutsche Biographie 6 (1964), S. 679-681 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118540963.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Bitzius: Albert (Jeremias Gotthelf) B., geb. 4. Oct. 1797, 22. Oct. 1854, entstammte einem alten, guten Bürgergeschlechte der Stadt Bern, Sohn eines Landpfarrers und selbst Pfarrer der beträchtlichen Gemeinde Lützelflüh im Emmenthal. Er war in seiner ruhigen, kernvollen, entschlossenen Art ein ganzer Berner, von Jugend an mit dem Volke seines Landes vertraut und demselben mit voller Seele zugethan. Er hatte keinen andern Ehrgeiz, als ein guter, theilnehmender Pfarrer zu sein. Da jedoch ein Fehler des Sprachorganes ihn hinderte, ein so ausgezeichneter Prediger zu sein, wie die Eigenschaften des Geistes und Gemüthes ihn dazu befähigt hatten, so bemühte er sich um so mehr, die Aufgabe des Seelsorgers im weitesten Sinne zu erfüllen. Der Umgang mit dem Volk war ihm Herzensfreude, daher gewann er dessen innigstes Vertrauen, so daß er den Leuten die Zunge löste und sie ihn in die geheimsten Falten des Herzens blicken ließen. Diese treue Liebe, verbunden mit tiefer Menschenkenntniß und glücklichem Humor in Erfassung des Individuums machten B. besonders geeignet zur Ergründung und Hervorhebung der Schäden und Gebrechen im Volk. So gab ihm, fast 40 Jahre alt, das Erbarmen über die Nothstände im Volksleben die Feder in die Hand, wobei er sich sogleich als geistvoller Dichter erwies, indem er das allgemeine Elend der an den Mindestverlangenden dahingegebenen armen Kinder in dem Lebensgang des „Jeremias Gotthelf" vereinigte, und damit dem Bernervolk einen „Bauernspiegel“ vorhielt, der die Gemüther mit Scham und Mitleid erfüllte. Was er in nächster Nähe als Vorsteher der benachbarten Armenschule praktisch bethätigte, dem gab er dann in der „Armennoth“ für ein größeres Publicum Ausdruck. Dem ersten glücklichen Aufruf für die Armen folgte bald in den „Leiden und Freuden eines Schulmeisters" die Mahnung zur Förderung der damals noch verwahrlosten Schule; dann nach der „Wassernoth im Emmenthal“ das dunkle Gemälde der „Branntweinsäufer“. Nirgend verbirgt sich der lehrhafte Pfarrer, aber ganz einzig war die ebenso liebevolle als phantasiereiche Ausmalung der Charaktere, die bald derben, bald zarten Pinselzüge, der unerschöpfliche Humor, womit jede äußere Bewegung, jeder kleine Vorgang gezeichnt wird. Ohne Verwicklung gehen die einfachsten Scenen dahin, aber Schritt für Schritt gewinnt Alles Leben und bemächtigt sich der Gemüther. So schlicht, so wahr, so reich, zugleich aber in naivster Derbheit, hatte noch kein Anderer das Volksleben beschrieben. Nachdem der Verf. bisher vorzüglich die Schattenseiten desselben hervorgehoben, drängte es ihn nun, den Berner Bauer in seiner charakteristischen Eigenthümlichkeit zu schildern. Aber der Schriftsteller verbarg seinen bereits berühmt gewordenen Namen hinter demjenigen des armen Volkskindes „Jeremias Gotthelf“. Er will sich nicht einem durch die Regeln der Aesthetik verwöhnten Salon-Publicum anbequemen, sondern er läßt in übermüthiger Keckheit den Schweizerbauer in seiner ganzen Derbheit und Ungeschlachtheit hervortreten, aber er weiß, solche Naturwahrheit, solch psychologischer Tiefblick, solche lebensvolle Anschaulichkeit gewinnt und besticht. Eine völlig neue Erscheinung ist der stolze, arbeitsfreudige, in Glauben und Sitten altväterische, in seiner Ehrenhaftigkeit unerschütterliche|Bauer, wie er solchen in den verschiedenen Gestalten seiner Berner Bauern gezeichnet hat. Es sind keine Porträts, sondern Dichtergebilde, welche dem Darsteller aus der Tiefe des scharf aufgefaßten Volkslebens sich immer wieder in neuen Zügen vor Augen stellen. Die klugen, liebevollen, in Sorge und Arbeit unverdrossenen Hausfrauen; die kräftigen, schalkhaften, ehrbaren Töchter; die reckenhaften Söhne, wilde, tobsüchtige Schläger, aber durch den gesunden und tüchtigen Kern immer wieder den rechten Weg findend: welch stolze Bilder des Bauernhauses! Ohne festgestellten Plan, mit fliegender Feder wirft der Volksdichter seine Bilder hin, alle im engen Rahmen seiner Umgebung, Emmenthal und Nachbarschaft. Diese Gegend und sein Volk hat der Maler dem Publikum so lieb und vertraut gemacht, wie Kunst und Poesie die Wunder des Hochgebirges. Durch die leichte Schaffungskraft und die Begehrlichkeit der Buchhändler verleitet, folgten sich die Erzeugnisse nur zu rasch auf einander, nicht selten ins Ungemessene, Breite und Niedrige sich verlierend. Wo B. städtische Kreise schilderte, verließ ihn die charakteristische Schärfe und der belebende Humor, und in den historischen Sagen fehlte es zu sehr an der historischen Unterlage. Für das maßvollste, eigenthümlichste Bild gilt „Uli der Knecht" (der Verf. dieser Skizze hatte Vollmacht und Auftrag, im Manuscript nach Belieben zu streichen: er lichtete frisch in der überwuchernden Fülle); ebenbürtig stehen dieser Erzählung zur Seite „Geld und Geist“ und „Käthi die Großmutter“, diese werden neben einigen anderen Stücken in der deutschen Litteratur sich in bleibendem Werthe erhalten. — B., dem Vorgang Pestalozzi's in „Lienhard und Gertrud“ und des „armen Mannes im Toggenburg“ folgend, ist der Urheber der Dorfgeschichten, auf seinen Fußtapfen wandeln B. Auerbach und F. Reuter, jener in zierlichen Genre-Bildern, in elegischem Tone, die naiven Züge eines verschwindenden Volkslebens schildernd, mit philosophischer Ungenügsamkeit und unbefriedigender Aufklärung dasselbe vermengend; dieser dem rohen Herrenthum ein trostloses Bild des zertretenen Volkes entgegensetzend, erschütternd, seelenvoll, oft sentimental, im kräftigen aber rohen Ausdruck der Mundart. Der glückliche Wechsel von Mundart und Schriftsprache gehört mit zu den Vorzügen des Berners.

    • Literatur

      Jer. Gotthelf, Gesammelte Werke, Berlin. Manuel, Leben des Albert Bitzius.

  • Autor/in

    Mörikofer.
  • Empfohlene Zitierweise

    Mörikofer, "Gotthelf, Jeremias" in: Allgemeine Deutsche Biographie 2 (1875), S. 685-686 unter Bitzius, Albert [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118540963.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA