Lebensdaten
1855 bis 1912
Geburtsort
Wien
Sterbeort
Wien
Beruf/Funktion
Literaturhistoriker ; Germanist
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 117048526 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Minor, Jakob
  • Junius
  • Löw, J.
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Orte

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Zitierweise

Minor, Jakob, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd117048526.html [19.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Jakob (1820–96, ev.), Zuckerbäcker, S d. Georg Konrad (1776–1839), Bürger u. Ackermann in Scheuern (Hessen-Nassau);
    M Friederike (1829–1900, kath.), T d. Lorenz Löw (1787–1830), Schafwollzeugmucher in W., u. d. Franziska Kin(d)le (* 1805) aus Plößborg (Oberpfalz);
    Wien 1882 Margarethe Oberleitner (1859/62-1927), Vizepräs, d. Bundes österr. Frauenver. (s. W, L), T d. N. N. u. d. Serafine Pille;
    2 T Margarethe (Rita) (1883–1958, Dr. Franz Zoebl, 1886–1918), Dr. phil., Gymnasialprof., Germanistin (s. W), Eleonore (Lilli) (* 1885, Hans Hahn, 1879–1934, Mathematiker, s. NDB VII), Dr. phil., Kunstgewerblerin;
    E Nora Minor (eigtl. Hahn, 1910-95), Schausp. am Residenztheater in München 1936-56 (s. Kosch, Theater-Lex.).

  • Leben

    Nach dem Besuch des Schottengymnasiums in Wien studierte M., der den ursprünglich angestrebten Beruf des Schauspielers wegen Gehör- und Stimmproblemen nicht ergreifen konnte, seit 1874/75 Germanistik bei Karl Tomaschek und Richard Heinzel. Im Frühjahr 1878 wurde er aufgrund der von Tomaschek angeregten Arbeit „Schillers Theorie des Dramas“ promoviert. Anschließend verbrachte er ein Jahr in Berlin bei Karl Müllenhoff und Wilhelm Scherer. Hier entstanden die ersten größeren, stark unter dem Einfluß Scherers stehenden Arbeiten: die mit August|Sauer verfaßten „Studien zur Goethe-Philologie“ (1880) und „Christian Felix Weiße und seine Beziehung zur deutschen Literatur des 18. Jh.“ (1880). Zusammen mit der Schrift „Die Leiche und Lieder des Schenken Ulrich von Winterstetten“ (1882) waren sie 1880 die Grundlage von M.s Habilitation in Wien. Im Sommer 1882 lehrte er an der Accademia scientifico-letteraria in Mailand, Danach ging er als Privatdozent nach Prag, wo er im Frühjahr 1884 zum Extraordinarius ernannt wurde. Im Sommer desselben Jahres wechselte er in dieser Funktion nach Wien, um dort im Frühjahr 1885 die Nachfolge Erich Schmidts anzutreten (o. Prof. 1888).

    M.s Schriftenverzeichnis weist Arbeiten zum gesamten Gebiet der deutschen Literatur nach (883 Titel) und zeigt vier Schwerpunkte: deutsche Klassik, deutsche Romantik, österr. Literaturgeschichte und Metrik. In seinen frühen Schriften zur Klassik stehen, wie bei anderen Schülern von Scherer, das Interesse an der Biographie und die Arbeit am Text, an dessen Stoff- und Entstehungsgeschichte, im Vordergrund. Die Probleme, die sich für M. aus der durch Wilhelm Dilthey und Rudolf Haym angeregten methodologischen Reflexion ergaben, werden besonders deutlich an seiner Monographie „Schiller, Sein Leben und seine Werke“ (2 Bde., 1890), die die Zeit bis zur Niederschrift des „Don Carlos“ erfaßt und ein monumentaler Torso blieb. M., der zunächst dem historisch-genetischen Verfahren den Vorzug gab, bemühte sich zunehmend um ein Verständnis der Texte „von innen“. Beides ließ sich für ihn im Rahmen einer monographischen Darstellung schon quantitativ nur schwer bewältigen. Die verselbständigte Detailforschung verwarf er seit den 90er Jahren als unfruchtbar: „Dem Spezialisieren muß die Arbeit aus dem Ganzen vorangehen“. M.s im Anschluß an die Arbeiten über Schiller unternommene Untersuchungen zur deutschen Schicksalstragödie, die sich zuletzt auf Grillparzer und dessen „Ahnfrau“ konzentrierten, wurden maßgebend für seine Generation.

    Auch M.s Arbeiten über Goethe zeigen zunächst den unmittelbaren Schuleinfluß Scherers. Dagegen suchen vor allem die beiden Bände „Faust, Entstehungsgeschichte und Erklärung“ (1901) die Einheit des Werks „vom Ganzen in die Teile“ fortschreitend zu erweisen. Wie die Dedikation „Den Philologen des XX. Jahrhunderts gewidmet“ deutlich macht, trat er bewußt in Gegensatz zur bis dahin tonangebenden Goethe-Philologie und hat damit der ästhetischen Gesamtdeutung des Werks vorgearbeitet. Im Zusammenhang der Untersuchungen zum jungen Goethe entstand auch die Schrift „Johann Georg Hamann in seiner Bedeutung für die Sturm- und Drangperiode“ (1881), die, als erste fachwissenschaftliche Monographie zum Thema konzipiert, Hamanns außerordentlichen Einfluß auf Herder und Goethe skizziert und die Nachwirkungen seiner Ideen bis zur Romantik aufzeigt.

    Der von Scherer vernachlässigten Romantik widmete sich M. seit den frühen 80er Jahren. Er suchte sie, mehr und mehr eigene klassizistische Vorbehalte zurückdrängend, als Teil eines nationalen geistigen Besitzstands editorisch zu erschließen und historisch verständlich zu machen. So wollte er gegen Friedrich Schlegels späteres Urteil dessen frühe Prosa durch eine Ausgabe „retten“ (Friedrich Schlegel, 1794–1802, Seine prosaischen Jugendschriften, 1882) und vertrat die These, daß erst durch die Romantiker, „die eine angesammelte Ideenmasse als gemeinsames Gut behandelten“, die deutsche Literatur „einen gesellschaftlichen Charakter“ erhalten habe. Es folgte die Ausgabe von August Wilhelm Schlegels „Vorlesungen über schöne Literatur und Kunst, 1801-1804“ (3 Bde., 1884), mit der er für die Darstellung der Geschichte der Literaturkritik eine wesentliche Voraussetzung schuf, an die dann Schüler wie Oskar Walzel und Josef Körner anknüpften. Anfang der 80er Jahre begonnene Studien zum Nachlaß von Novalis führten zu einer kritischen Ausgabe von dessen Schriften (4 Bde., 1907, 21923), die lange Zeit Grundlage der Forschung blieb, obgleich der kritische Apparat nur noch zum Teil erscheinen konnte.

    Von Anfang an in Opposition zu Scherers Geringschätzung der österr. Literaturgeschichte, hat M. deren Darstellung zusammen mit A. Sauer maßgebend angeregt und vor allem Grillparzers Rang als Bühnenautor deutlich gemacht. Zugleich bestimmte er die „unliterarische“ Tradition des Wiener Volkstheaters als bloßes „Milieu“ und grenzte es vom Begriff der deutschen Nationalliteratur ab. Die von Sauer unternommene Erweiterung der Literaturgeschichte zu einer völkischen Kulturgeschichte verwarf er. Unter den Zeitgenossen hat er sich besonders um Marie v. Ebner-Eschenbach und Ferdinand v. Saar bemüht, dessen Werke er herausgab und in einer Studie würdigte. Der Wiener Moderne um Hermann Bahr und Hugo v. Hofmannsthal gegenüber blieb M. reserviert, setzte sich aber nachdrücklich für Karl Schönherr und Arthur Schnitzler ein.

    Gleichzeitig mit den in den 90er Jahren einsetzenden Forschungen vor allem von Eduard Sievers bemühte sich M. um ein Verständnis der Metrik. Im Gegensatz zu den bisherigen Monographien, denen Vers- und Strophenschemata als zu verwirklichende Norm galten, setzte er, angeregt durch seine Ausbildung als Schauspieler und seine Tätigkeit als Burgtheaterkritiker, am Sprachgebrauch der gebundenen Rede an, fragte nach der Übereinstimmung des „natürlichen Rhythmus mit den Anforderungen des Verses“ und suchte so dessen Leitbegriffe (Quantität, Akzent, Takt, Reim, Strophe) zu klären. Dabei legte er besonderes Gewicht auf die aus dem Sinn resultierende Satzbetonung, die er dem künstlichen Rhythmus des Verses überordnete. Schon wegen ihres Umfangs blieb die „Neuhochdeutsche Metrik“ (1893, 21902) als historische Beispielsammlung, die auch die Gegenwartsliteratur mit einbezog, lange Zeit das Standardwerk. Erst der letzte Band von Heuslers „Deutscher Versgeschichte“ (1929) hat es teilweise ersetzt.

    M. hat durch eine Fülle neuer Gegenstände neue Fragen und damit neue methodische Ansätze in der Germanistik angeregt. So sehr er selbst den historisch-genetischen Zugang zur Literatur suchte, machte er doch auch dessen Beschränktheit deutlich, griff dessen Verselbständigung an und kritisierte als Rezensent den Biographismus in der Überzeugung, daß die Kriterien der Beurteilung literarischer Werke „aus der Sache selbst“ gewonnen werden müssen. Er suchte bei der Vermittlung leitender Ideen mit der textphilologischen Detailforschung nicht nach den „typischen Übereinstimmungen“, sondern nach der Erklärung der individuellen Unterschiede und nahm dabei selbst eine Mittlerstellung zwischen Positivismus und Geistesgeschichte in der Germanistik ein.

  • Werke

    Weitere W u. a. Die Schicksalstragödie in ihren Hauptvertretern, 1883;
    Das Schicksalsdrama, 1884;
    Entwicklung d. dt. Lit. in Wien u. Niederösterreich, in: Die österr.-ungar. Monarchie in Wort u. Bild I, 1. Abt., 1886, S. 139-68;
    Das neue Burgtheater, 1888 (Ps. J. Löw);
    Classiker u. Romantiker, in: Goethe-Jb. X, 1889, S. 212-32;
    Ferdinand v. Saar, Eine Studie, 1898;
    Die Ahnfrau u. d. Schicksalstragödie, in: Festgabe f. R. Heinzel, 1898, S. 387-434;
    Zur Gesch. d. dt. Schicksalstragödie u. zu Grillparzers „Ahnfrau“, in: Jb. d. Grillparzer-Ges. 9, 1899, S. 1-85;
    Stud. zu Novalis I, Zur Textkritik d. Gedichte, SB d. Ak. d. Wiss. in Wien, Phil.-hist. Kl., Bd. 169, 1911, S. 1-71;
    Aus d. alten u. neuen Burgtheater, 1920 (Schauspielercharakteristiken). – Hrsg.: Hollins Liebeleben. Ein Roman v. L. Achim v. Arnim, 1883;
    Lessings Jugendfreunde, 1883 (Weiße, Cronegk, v. Brawe, Nicolai);
    Fabeldichter, Satiriker u. Popularphilosophen d. 18. Jh., 1884 (Lichtwer, Pfeffel, Kästner, Göckingk, Mendelssohn, Zimmermann);
    Tieck u. Wackenroder, 1886;
    Speculum vitae humanae, Ein Drama v. Erzhzg. Ferdinand II. v. Tirol 1584, Nebst e. Einl. in d. Drama d. XVI. Jh., 1889;
    Egmont, Goethes Werke (Sophien-Ausg.) VIII, 1889;
    Der ewige Jude, ebd. 38, 1897;
    F. v. Saars sämtl. Werke, 12 Bde., 1908;
    L. Achim v. Arnim, Ariel's Offenbarungen, 1912.– W-Verz.: Rita Zoebl-Minor (Hrsg.), in: Alm. d. Ak. d. Wiss. Wien 63, 1913, S. 525-71. |

  • Nachlaß

    Nachlaß: Wien, Österr. Nat.bibl., Univ.-Archiv. Univ.-Bibl., Stadt- u. Landesbibl.Zu Margarethe Minor: Daisy Minor, Lit. z. Frauenfrage, 1913.

  • Literatur

    A. Bettelheim, in: Österr. Rdsch. 33, 1912, S. 123-25;
    O. Walzel, in: Frankfurter Ztg. v. 15.10.1912, S. 1 f.;
    ders., Gehalt u. Gestalt im Kunstwerk d. Dichters, 1923;
    ders., Das Wortkunstwerk, Mittel seiner Erforschung, 1926;
    ders., Wachstum u. Wandel, Lebenserinnerungen, 1956;
    J. Fränkel, in: NZZ v. 13./14.10.1912;
    dass, in: ders., Dichtung u. Wiss., 1954, S. 239-48;
    A. Sauer, in: Alm. d. Ak. d. Wiss. Wien 63, 1913, S. 467-76 (P);
    dass, in: BJ 17, 1915;
    dass, in: ders., Probleme u. Gestalten, 1933, S. 242-48;
    A. v. Weilen, in: Jb. d. Grillparzer-Ges. 24, 1913, S. 164-87;
    R. F. Arnold, in: Euphorion 20, 1913, S. 789-801, dass. in: NÖB VI, 1929, S. 70-81;
    Richard Moritz Meyer, W. Scherer u. d. dt. Lit.gesch., in: Frankfurter Ztg. v. 11.2.1914, S. 2 f.;
    J. Körner, in: Nagl-Zeidler-Castle III, S. 48-89 (P);
    S. v. Lempicki, in: Reallex. d. dt. Lit.gesch. II, 1928, S. 440;
    A. Brandl, Zwischen Inn u. Themse, Lebensbeobachtungen e. Anglisten, 1936;
    M. v. Millenkovich-Morold, Vom Abend z. Morgen, Aus d. alten Österreich ins neue Dtld., 1940;
    Zu J. M.s 100. Geb.tag, Briefe v. Erich Schmidt an J. M., in: Chron. d. Wiener Goethe-Ver. 59, 1955, S. 77-95;
    J. Dünninger, Gesch. d. dt. Piniol., in: Dt. Philol. im Aufriß I, 21957, S. 176-96;
    W. Scherer, Erich Schmidt, Briefwechsel, 1963;
    H. Fuchs. Die Gesch. d. germanist. Lehrkanzel v. ihrer Gründung im J. 1850 bis z. J. 1912, Diss. Wien 1967;
    H. Zeman, Der Weg z. österr. Lit.forschung – Ein wiss.geschichtl. Abriß, in: F. P. Knapp u. ders. (Hrsg.), Die österr. Lit. I, 1986, S. 1 f.;
    K. Weimar, Gesch. d. dt. Lit.wiss. bis z. Ende d. 19. Jh., 1989;
    ÖBL;
    Bode;
    Kosch, Lit.-Lex.3;
    Killy. – Zu Margarethe Minor: Wiener Ztg. v. 13.5.1927;
    Neue Freie Presse v. 13. u. 15.5.1927;
    Martha S. Braun u. a. (Hrsg.), Frauenbewegung, Frauonbildung u. Frauenarbeit in Österreich, 1930, S. 41 u. 47.

  • Portraits

    Radierung v. L. Michalek, 1905 (Wien, Österr. Nat.bibl.);
    Phot. in: Gesch. d. dt. Philol. in Bildern, hrsg. v. F. Behrend, 1927.

  • Autor/in

    Sebastian Meissl
  • Empfohlene Zitierweise

    Meissl, Sebastian, "Minor, Jakob" in: Neue Deutsche Biographie 17 (1994), S. 543-545 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd117048526.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA