Kehrl, Hans
- Lebensdaten
- 1900 – 1984
- Geburtsort
- Brandenburg an der Havel
- Sterbeort
- Grafenau bei Böblingen
- Beruf/Funktion
- NS-Funktionär ; Unternehmer ; Publizist
- Konfession
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- Normdaten
- GND: 11872147X | GND-Explorer | OGND | VIAF
- Namensvarianten
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- Kehrl, Hans
- Cehrl, Hans
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Kehrl, Hans
1900 – 1984
NS-Funktionär, Unternehmer, Publizist
Ursprünglich unternehmerisch tätig, verantwortete Hans Kehrl als Funktionär in Hermann Görings (1893–1946) Amt für den Vierjahresplan seit 1936 den Aufbau der Massenproduktion synthetischer Textilien und beteiligte sich 1938/39 an der Gleichschaltung der österreichischen, sudetendeutschen und tschechischen Wirtschaft. Während des Zweiten Weltkriegs stieg er hinter Albert Speer (1905–1981) zu einem zentralen Manager der NS-Kriegswirtschaft auf. 1949 zu 15 Jahren Haft verurteilt, kam Kehrl bereits im Februar 1951 frei und setzte seine Karriere als Unternehmer in der Bundesrepublik fort.
Lebensdaten
Hans Kehrl, BSB / Bildarchiv / Fotoarchiv Hoffmann (InC) -
Autor/in
→Christopher Kopper (Bielefeld)
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Zitierweise
Kopper, Christopher, „Kehrl, Hans“, in: NDB-online, veröffentlicht am 01.10.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd11872147X.html#dbocontent
Kehrl entstammte einem wohlhabenden Elternhaus und besuchte nach der Übersiedlung der Familie nach Cottbus seit Herbst 1913 das dortige humanistische Gymnasium. Als untauglich vom Kriegsdienst zurückgestellt, erhielt er im Sommer 1919 das Abitur, studierte 1920/21 am Technikum für Textilindustrie in Reutlingen und arbeitete danach – unterbrochen von Phasen der Arbeitslosigkeit – in der Textilindustrie der USA. 1923 kehrte Kehrl als leitender Angestellter in die väterliche Tuchfabrik zurück, deren Leitung er nach dem Tod des Vaters im August 1926 übernahm.
Kehrl sympathisierte seit Anfang 1932 mit den Nationalsozialisten und trat zum 1. Mai 1933 der NSDAP bei. Nachdem der jüdische Präsident der Industrie- und Handelskammer für die Niederlausitz, Alexander Lewin (1879–1942), infolge der NS-Machtübernahme zurücktreten musste, übernahm Kehrl im März 1933 dessen Amt. Im Juni desselben Jahres wurde er von Wilhelm Kube (1887–1943) zum Wirtschaftsberater des Gaus Kurmark und im November 1934 durch den „Beauftragten des Führers für Wirtschaftsfragen“, Wilhelm Keppler (1882–1960), der seine weitere Karriere förderte, zum Sonderbeauftragten für deutsche Roh- und Werkstoffe ernannt. In dieser Funktion förderte er u. a. durch reichsverbürgte Kredite Großinvestitionen der Textilindustrie in die Produktion von Zellwolle und anderen synthetischen Textilrohstoffen.
Im Oktober 1936 wurde Kehrl von Hermann Göring (1893–1946) zum Leiter des Referats für die Textilwirtschaft in dem von Fritz Loeb (1895–1940) geführten Amt für deutsche Roh- und Werkstoffe innerhalb des Amts für den Vierjahresplan berufen. In dieser Funktion war er im Rahmen der NS-Autarkiepolitik führend am Ausbau der Produktion synthetischer Textilfasern beteiligt und wandte sich 1937 öffentlich gegen die u. a. von Hjalmar Schacht (1877–1970) vertretene Position, wirtschaftspolitisch wieder stärker auf das System des Welthandels zu setzen, dessen kontinuierlichen Niedergang er postulierte. In der SS stieg Kehrl von 1936 bis 1944 zum Brigadeführer auf.
Auf Empfehlung Görings wurde Kehrl im Februar 1938 durch Staatssekretär Rudolf Brinkmann (1893–1973) zum Leiter der Unterabteilung Textil sowie zum Generalreferenten für besondere Aufgaben im Reichswirtschaftsministerium (RWM) berufen. Während des „Anschlusses“ von Österreich, der Annexion des Sudetengebiets und der Errichtung des Protektorats Böhmen und Mähren spielte Kehrl eine zentrale Rolle bei der zwangsweisen, auch durch „Arisierungen“ erfolgten Überführung kriegswirtschaftlicher Schlüsselunternehmen in den Besitz der Reichswerke AG und anderer deutscher Großunternehmen.
Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wurden Kehrls Kompetenzen im RWM auf die Rationierung von Konsumgütern, Investitionsgütern und Rohstoffen in den besetzten Gebieten ausgeweitet. Seit Oktober 1942 Leiter der Hauptabteilung Industrie im RWM, übernahm Kehrl die Verantwortung für die Rohstoffbewirtschaftung, die Lenkung der nicht-kriegswichtigen Industrie und die Versorgung der Zivilbevölkerung. Im November 1943 ernannte ihn Albert Speer (1905–1981) zum Leiter des Planungsamts im Reichsrüstungsministerium, eine Schlüsselposition in der deutschen Kriegswirtschaft. Unterstützt von Mitarbeitern wie Bernhard Benning (1902–1974) und Rolf Wagenführ (1905–1975) verantwortete Kehrl in der Endphase des Zweiten Weltkriegs die Planung der Rüstungsproduktion. Er trug in dieser Funktion eine Mitverantwortung für die Ausbeutung von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen bei der Untertageverlagerung der Abfangjäger- und Raketenproduktion.
Kehrl wurde am 6. Juni 1945 verhaftet, drei Monate auf Schloss Kransberg (Taunus) v. a. zur NS-Kriegswirtschaft vernommen und anschließend nach Nürnberg verlegt, wo er 1945/46 im Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher als Zeuge der Anklage diente. Im November 1947 wurde er durch den U.S. Chief of Counsel for War Crimes angeklagt und am 14. April 1949 im sog. Wilhelmstraßen-Prozess u. a. wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Plünderung der besetzten Gebiete und Mitverantwortung für Zwangsarbeit und wegen der Mitgliedschaft zu 15 Jahren Haft im Kriegsverbrechergefängnis Landsberg am Lech verurteilt. Während seiner Inhaftierung machte Kehrl u. a. Bekanntschaft mit Friedrich Flick (1883–1972) und kam infolge einer Begnadigung durch den US-amerikanischen Hohen Kommissar John Jay McCloy (1895–1989) bereits Anfang Februar 1951 frei; sein anschließendes Spruchkammerverfahren endete im Mai desselben Jahres mit der Einstufung als „entlastet“.
Mit finanzieller Unterstützung der Teilhaber Paul Pleiger (1899–1985) und Willy H. Schlieker (1914–1980) gelang Kehrl 1952 die Gründung einer Fabrik für Wollstoffe in Jülich, die zunächst erfolgreich war, aber 1961 aufgrund mangelnder Wettbewerbsfähigkeit liquidiert wurde. Seit 1955 gehörte er dem Management des Bauunternehmens IMBAU Spannbeton GmbH in Leverkusen an, dessen Verkauf an die Philipp Holzmann AG er bis 1959 vorbereitete, und fungierte in den 1950er Jahren als Berater Flicks bei industriellen Investitionsvorhaben.
Kehrls stark apologetische Memoiren „Krisenmanager im Dritten Reich“ (1973) sind neben Speers „Erinnerungen“ (1969) und Walter Rohlands (1898–1981) „Bewegte Zeiten“ (1978) das wichtigste autobiografische Zeugnis einer Führungspersönlichkeit des NS-Reichsrüstungsministeriums. Darin stellte sich Kehrl als sachorientierter Manager der NS-Autarkiepolitik und -Kriegswirtschaft dar, unterschlug nicht seine ideologische Affinität zum Nationalsozialismus, verschwieg aber seine Mitverantwortung an NS-Verbrechen. 1979 und 1981 veröffentlichte Kehrl geschichtsrevisionistische Darstellungen zum „Dritten Reich“ im Rahmen der Reihe „Historische Tatsachen“ des rechtsradikalen Verlegers Udo Walendy (1927–2022), die kaum rezipiert wurden.
| ca. 1940 | Kriegsverdienstkreuz 2. Klasse |
| April 1941 | Kriegsverdienstkreuz 1. Klasse |
| November 1944 | Ritterkreuz des Kriegsverdienstkreuzes mit Schwertern |
Nachlass:
nicht bekannt.
Weitere Archivmaterialien:
Bundesarchiv, Berlin-Lichterfelde, R 9 361 (Bestand BDC, u. a. personenbezogene Unterlagen der NSDAP und SS); R 26 (Beauftragter für den Vierjahresplan).
Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Rheinland, Duisburg, NW 1000, 22 366. (Entnazifizierungsakte) (Onlineressource)
Archiv des Instituts für Zeitgeschichte, München, ZS 1089. (Zeugenschrifttum Hans Kehrl) (Onlineressource)
Die Verwaltungs-Akademie. Ein Handbuch für den Beamten im nationalsozialistischen Staat, hg. v. Hans Heinrich Lammers, 1935.
Die Polizei, 1936, Nachdr. 1938.
Strukturwandlungen der Weltwirtschaft und Vierjahresplan, in: Wirtschaftsblatt der Industrie und Handelskammer zu Berlin 35 (1937), S. 339–342.
Bürokratische oder unternehmerische Wirtschaft, 1941.
Die Aufgaben der Wirtschaft nach dem Kriege, 1941.
Neuordnung der Eisenbewirtschaftung, [1942].
Aufgaben und Ziele der Reichsvereinigungen, [1942].
Führerauslese in der Wirtschaft, 1942.
Kriegswirtschaft und Rüstungsindustrie, in: Werner Picht (Hg.), Bilanz des Zweiten Weltkrieges. Erkenntnisse und Verpflichtungen für die Zukunft, 1953, S. 265–286.
Krisenmanager im Dritten Reich. 6 Jahre Frieden, 6 Jahre Krieg. Erinnerungen, 1973, 21973, span. 1999. (Autobiografie)
Marktwirtschaft morgen. Staat und Wirtschaft im Wandel, 1975.
Realitäten im Dritten Reich, 1979.
Zum Untergang des Dritten Reiches, 1981. (Onlineressource)
Bernhard B. Kroener/Rolf-Dieter Müller/Hans Umbreit, Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd. 5, 2 Teilbde., 1988/98.
Rolf-Dieter Müller, Der Manager der Kriegswirtschaft. Hans Kehrl, ein Unternehmer in der Politik des Dritten Reiches, 1999. (Qu, W, L, P)
Rolf-Dieter Müller, Hans Kehrl. Ein Parteibuch-Industrieller im „Dritten Reich“, in: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 40 (1999), S. 195–213.
Jonas Scherner, Bericht zur deutschen Wirtschaftslage 1943/44. Eine Bilanz des Reichsministeriums für Rüstung und Kriegsproduktion über die Entwicklung der deutschen Kriegswirtschaft bis Sommer 1944, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 55 (2007), S. 499–546. (Qu) (Onlineressource)
Fotografie, 1942, Digitales Bildarchiv des Bundesarchivs. (Onlineressource)
Fotografien, 1914–1971, Abbildungen in: Rolf-Dieter Müller, Der Manager der Kriegswirtschaft. Hans Kehrl, ein Unternehmer in der Politik des Dritten Reiches, 1999.