Lebensdaten
1827 bis 1880
Geburtsort
Augsburg
Sterbeort
Interlaken (Kanton Bern)
Beruf/Funktion
katholischer Theologe ; Jesuit ; Dominikaner
Konfession
evangelisch,katholisch
Normdaten
GND: 118748378 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Schaezler, Johann Lorenz Constantin Freiherr von
  • Schäzler, Constantin Freiherr von
  • Schaezler, Johann Lorenz Constantin Freiherr von
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Zitierweise

Schäzler, Constantin Freiherr von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118748378.html [23.05.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Ferdinand (s. 2), S d. Johann Lorenz (s. 1);
    M Emilie v. Froelich; ledig.

  • Leben

    Nach dem Abitur am prot. St. Anna-Gymnasium in Augsburg studierte S. in Erlangen (1844/45), München (1845–47) und Heidelberg (1847/48) Jurisprudenz, leistete dann bis 1850 Offiziersdienst beim bayer. Heer, war 1850 Rechtspraktikant in Traunstein und wurde im selben Jahr in Erlangen zum Dr. iur. promoviert. S., der sich seit seiner Kindheit zum Katholizismus hingezogen fühlte und zeitweilig Kapuziner werden wollte, konvertierte 1850 in Brüssel bei dem späteren Jesuitengeneral Pierre-Jean Beckx (1795–1887) und studierte anschließend am Collegium Romanum in Rom Theologie, u. a. bei Carlo Passaglia (1812–87). 1851 trat er in das Noviziat der Jesuiten in Tronchiennes (b. Gent) ein und setzte 1853 seine theol. Ausbildung in Löwen fort. 1856 in Lüttich zum Priester geweiht, verließ er 1857 die Gesellschaft Jesu und führte sein Studium in München weiter (Dr. theol. 1859), wo er in freundschaftlichem Kontakt zu seinem Lehrer J. J. Ignaz v. Döllinger (1799–1890) wie zu dem streng kirchlichen, ehem. Münchner Generalvikar Friedrich Windischmann (1811–61) trat. 1860/61 war S. Repetent am Priesterseminar Osnabrück. Nach seinem an den Bedenken des Provinzials Franz Rr. v. Bruchmann (1798–1867) gescheiterten Versuch, Redemptorist zu werden, wurde er 1861/62 Dominikaner in Huisen (Niederlande) und wandte sich ganz dem von den Dominikanern vertretenen Neothomismus zu. Dies wie der Einfluß Windischmanns und ihm nahestehender ultramontaner Kreise führte zur Entfremdung von Döllinger, gegen|dessen „Rede über Vergangenheit und Gegenwart der kath. Theologie“ er bei der „Münchner Gelehrtenversammlung“ 1863 zusammen mit sieben weiteren Theologen im Namen des „streng kirchlichen Standpunkts“ protestierte. Nachdem seine Versuche, eine Professur zu erlangen, am Widerstand dt. Universitätstheologen gescheitert waren, war S. 1862-72 Privatdozent in Freiburg (Br.). Bereits während des I. Vatikanums theol. Berater des Redemptoristen-Kardinals Victor-Auguste Dechamps (1810–83) in Rom, übersiedelte S. 1873 ganz dorthin, wo er seit 1874 als Konsultor des Hl. Offiziums und anderer röm. Kongregationen tätig war. 1879 trat er in Neapel erneut bei den Jesuiten ein. Er starb auf einer Reise durch die Schweiz vor seinem geplanten Wiederaustritt.

    S., der sich als führender Neuscholastiker einen Namen machte, gilt bei aller Treue zur Lehre des Thomas v. Aquin als originell. Bekannt wurde er durch sein Eintreten für die päpstl. Unfehlbarkeit (Die päpstl. Unfehlbarkeit aus d. Wesen d. Kirche bewiesen, 1870) wie durch seine Kontroverse mit Johannes Evangelist Kuhn (1806–87) über das Verhältnis von Natur und Gnade (Natur u. Übernatur, Das Dogma v. d. Gnade u. d. theol. Frage d. Gegenwart, 1865; Neue Unterss. über d. Dogma v. d. Gnade u. d. Wesen d. christl. Glaubens, 1867), die auch – als Teil der Auseinandersetzung zwischen „röm.“ und „dt.“ Theologie – kirchenpolitisch bedeutend war. Bereits am Anfang dieser Kontroverse stand sein Eintreten für die Errichtung einer vom Staat unabhängigen kath. Universität (Eine freie kath. Univ. u. d. Freiheit d. Wiss., in: Hist.-pol. Bll. 51, 1863, S. 897-938), gegen die sich Kuhn ausgesprochen hatte. Eine aktive Rolle spielte er bei den Bemühungen extrem ultramontaner Kreise um den Redemptoristen Carl Erhard Schmöger (1819–83), den Kurienkardinal August Gf. Reisach (1800–69) und den Regensburger Bischof Ignatius v. Senestréy (1818–1906), bei der röm. Inquisition 1867 die Verurteilung der Werke Kuhns und 1873 diejenige Johann Michael Sailers (1751–1832) zu bewirken. S. reichte jeweils unter seinem Namen die Anklageschrift ein; die Verurteilung scheiterte jedoch beide Male am Einspruch des Jesuitentheologen Johann Baptist Franzelin (1816–86), der das Amt eines Konsultors der Inquisition versah. Vieles deutet darauf hin, daß S. sich nur unter äußerem Druck zur Einreichung der Anklageschriften bestimmen ließ. Der Einfluß von S. war v. a. im Dominikanerorden bedeutend; zu S.s Schülern zählen Ernst Commer (1847–1928) und Herman Schell (1850–1906) sowie der Sekretär der Indexkongregation, Thomas Esser (1850–1926), der seinen Eintritt in den Dominikanerorden auf S. zurückführte. Sein großes Vermögen vermachte S., gefolgt von seiner Schwester, testamentarisch dem Priesterseminar der Erzdiözese Freiburg in St. Peter („Olga u. C. v. S.sche Stiftung“ z. Förderung thomist. Stud.).|

  • Auszeichnungen

    Ebfl. Geistl. Rat (1865); Päpstl. Hausprälat (1877).

  • Werke

    Die Lehre v. d. Wirksamkeit d. Sakramente ex opere operato in ihrer Entwicklung innerhalb d. Scholastik u. ihrer Bedeutung f. d. christl. Heilslehre dargest., 1860;
    Das Dogma v. d. Menschwerdung Gottes, im Geiste d. hl. Thomas dargest., 1870;
    Divus Thomas Doctor Angelicus contra Liberalismum invictus veritatis catholicae assertor, 1874;
    Introductio in s. theologiam dogmaticam ad mentem D. Thomae Aquinatis, hg. v. Th. Esser, 1882;
    Die Bedeutung d. Dogmengesch. v. kath. Standpunkt aus erörtert, hg. v. dems., 1884.

  • Literatur

    ADB 30;
    G. M. Häfele, in: Jb. f. Phil. u. spekulative Theol. 41, 1927, S. 411-18;
    ders., C. v. S. über d. Mission d. hl. Thomas f. unsere Zeit, in: Aus d. Geisteswelt d. MA, FS Martin Grabmann, hg. v. A. Lang, 1935, S. 699-728;
    K. J. Mattes, Die Kontroverse zw. Johannes v. Kuhn u. C. v. S. über d. Verhältnis v. Natur u. Gnade, 1968;
    O. Weiß, Die Redemptoristen in Bayern (1790–1909), 1983, S. 908-62;
    H. Ott, C. v. S. (1827-1880) u. Olga v. Leonrod geb. v. S. (1828-1901), in: H. Kellenbenz u. H. Pohl (Hg.), Historia socialis et oeconomica, FS f. Wolfgang Zorn z. 65. Geb.tag, 1987, S. 308-15;
    F. Kreuter, Person u. Gnade, Die systemat. Grundlegung d. Personbegriffs in d. Theo-Logie u. Anthropo-Logie v. J. E. v. Kuhn unter Berücks. d. Natur/Gnade-Kontroverse mit C. v. S., 1984;
    H. Ott, C. v. S. (1827-1880) u. Olga v. Leonrod geb. v. S. (1828-1901), in: H. Kellenbenz u. H. Pohl (Hg.), Historia socialis et oeconomica, FS f. Wolfgang Zorn z. 65. Geb.tag, 1987, S. 308-15;
    H. Wolf, Ketzer oder Kirchenlehrer, Der Tübinger Theol. Johannes v. Kuhn (1806–1887) in d. kirchenpol. Auseinandersetzungen seiner Zeit, 1992, S. 411-48;
    ders., Tribunal f. e. Toten, Der postume Inquisitionsprozeß gegen Johann Michael Sailer (1751–1832), in: Röm. Quartalschr. 96, 2001, S. 221-39;
    ders., Johann Michael Sailer, Das postume Inquisitionsverfahren, 2002;
    F. X. Bischof, Theol. u. Gesch., Ignaz v. Döllinger (1799–1890) in d. zweiten Hälfte seines Lebens, 1997, S. 82 f.;
    Kosch, Kath. Dtld.;
    BBKL (W, L);
    LThK3.

  • Portraits

    Ölgem. (Wien, Dominikanerkloster).

  • Autor/in

    Otto Weiß
  • Empfohlene Zitierweise

    Weiß, Otto, "Schäzler, Constantin Freiherr von" in: Neue Deutsche Biographie 22 (2005), S. 533-534 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118748378.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Schäzler: Johann Lorenz Constantin Freiherr v. S. wurde geboren zu Regensburg am 7. Mai 1827 als Erstgeborener des königl. bair. Kämmerers Freiherrn Ferdinand v. Schäzler. Von frühester Kindheit an bekundete er ungewöhnliche Geistesanlagen; mit 10 Jahren trat er in die zweite Lateinclasse des protestantischen Gymnasiums St. Anna in seiner Vaterstadt und absolvirte hier seine humanistischen Studien. Nachdem er das Abiturientenexamen mit Auszeichnung bestanden, bezog er 1844 die Universität Erlangen und nach Erstehung der philosophischen Prüfung die Universität München, wo er vier Semester Jurisprudenz hörte. Zur Vollendung seiner juristischen Studien ging er Herbst 1847 nach Heidelberg, aber schon im März des folgenden Jahres riefen ihn die politischen Stürme in die Heimath zurück. S. entschloß sich nun die juristische Laufbahn mit der militärischen zu vertauschen und trat als Junker in das erste Kürassierregiment Prinz Karl, erhielt aber zugleich die Erlaubniß, das juristische Staatsexamen abzulegen. Sechs Monate später wurde er als Lieutenant zum vierten Chevauxlegersregiment nach Augsburg versetzt. 1850 nahm er seine Entlassung aus dem Heere und prakticirte am Landgericht Traunstein; zugleich verfaßte er eine juristische Dissertation, auf Grund deren er von der Universität Erlangen zum doctor juris promovirt wurde. Nun erfolgte eine ernste Wendung im Leben des jungen Juristen und Officiers, S. trat, einem schon lange empfundenen inneren Zuge folgend, zu Brüssel am 10. October 1850 zur katholischen Kirche zurück und entschloß sich zugleich zum Studium der Theologie. Im folgenden Jahre trat er zu Löwen in die Gesellschaft Jesu ein und setzte hier seine theologischen Studien fort, nach deren Vollendung er am 11. September 1856 zu Lüttich die Priesterweihe empfing. Schon im folgenden Jahre löste er sein Verhältniß zur Gesellschaft Jesu wieder und ging an die Universität München, wo er im Mai 1859 in der Theologie promovirte. Sein Erstlingswerk „Die Lehre von den Sacramenten“ erschien ebendaselbst|1860. 1861 wirkte er als Repetent an dem Priesterseminar zu Osnabrück, zog aber schon 1862 nach Freiburg im Breisgau, wo er sich als Privatdocent habilitirte und bis 1873 Vorlesungen über Dogmengeschichte hielt. 1863 nahm er Theil an der Gelehrtenversammlung zu München, wo er mit sieben anderen Mitgliedern den bekannten Protest gegen Döllinger's Eröffnungsrede unterzeichnete. In demselben Jahre 1863 verwickelte sich S. in einen unerquicklichen theologischen Lehrstreit mit Professor v. Kuhn in Tübingen, den er zuerst anonym in mehreren Artikeln der „Histor-politischen Blätter“ in München, dann von 1865 an, in seiner Schrift: „Natur und Uebernatur. Das Dogma von der Gnade und die theologische Frage der Gegenwart. Eine Kritik der Kuhn'schen Theologie von C. v. S.,“ Mainz 1865, mit offenem Visir führte. Noch war der Streit zwischen Kuhn und Professor Clemens in Münster, oder besser, zwischen der sogenannten neuscholastischen und der katholischen Tübinger Schule nicht ausgetragen, als ihm Schäzler's Eingreifen eine weitere Ausdehnung, aber auch eine animosere Färbung gab. War ersterer Streit mehr erkenntnißtheoretischer Natur und bezog sich auf die Frage des Verhältnisses der Philosophie zur Theologie, der Vernunft zur Offenbarung, des Wissens zum Glauben, so übertrug ihn S. auf das specifische Gebiet des Uebernatürlichen, der Gnade. Hauptcontroverse war: welches ist die wahre und wirkliche Lehre des hl. Thomas von Aquin über Natur und Gnade; sodann: ist die Gnade eine Ergänzung der menschlichen Natur, der natura defectuosa zur natura integra oder rationi consona und bewirkt sie eine physische Veränderung der menschlichen Seele, ein eigentliches Theilhaftwerden der göttlichen Natur, wie S. will; oder aber ist sie als eine Vervollkommnung der menschlichen Natur und als eine geistige Neugeburt anzusehen, wie Kuhn behauptet. Ueber diese Fragen wurden mehrere, zum Theil recht heftige Streitschriften gewechselt (von Seite Schäzler's: „Neue Untersuchungen über das Dogma von der Gnade“, 1865; „Gnade und Glaube“, 1867), wodurch beiden Theilen viel des Unangenehmen und Widerwärtigen bereitet wurde, ohne daß ein positives Resultat erzielt worden wäre. Die Vermuthung, S. hätte nicht aus eigenem freiem Antrieb den unerquicklichen Streit aufgenommen, sei vielmehr nur von Partei- oder Gesinnungsgenossen vorgeschoben worden, mag Wahres und Falsches in sich schließen. Kuhn selbst sah den Streit als „systematische Befehdung und Verdächtigung des 'Tübinger Dogmatikers', und nicht als eine ruhig gehaltene. objektive wissenschaftliche Controverse“ an (s. Kuhn, Die Lehre von der göttlichen Gnade, Tübingen 1868, Vorrede S. XI). Wirklich kam es auch 1869 zu einer inquisitorischen Untersuchung der Kuhn'schen Lehre in Rom, die indes nicht zu deren Ungunsten ausfiel. Die gemachten unliebsamen Erfahrungen hatten aber leider der Hand des verdienten katholischen Dogmatikers die Feder entfallen lassen. Obwohl Kuhn erst am 8. Mai 1887 starb, schrieb er doch von 1869 an, also fast volle zwanzig Jahre lang, kein Wort mehr über wissenschaftliche Fragen und hinterließ so sein monumentales Werk: „Katholische Dogmatik“, als Torso. S. aber sah sich zum Theil von den eigenen Parteigenossen verlassen, von anderer Seite dagegen angefeindet und wohl infolge dieses Streites den Weg zu einer ordentlichen Professur an der Universität versperrt. So verzehrte sich eine reich begabte und tief angelegte Natur in nutzlosem wissenschaftlichen Hader, während sie in anderer Weise Unvergängliches zu schaffen befähigt gewesen wäre. 1866 hatte Erzbischof Hermann v. Vicari S. zum geistlichen Rath ernannt. Als 1869 das vaticanische Concil eröffnet wurde, berief der Secretär desselben, Bischof Fehler von St. Pölten, S. als seinen Theologen nach Rom und hier veröffentlichte er noch zwei theologische Broschüren: „Das christliche Glaubensbekenntniß“ und „Die päpstliche Unfehlbarkeit“. 1873 nahm S. bleibenden Aufenthalt in Rom und verfaßte|zum sechsten Centenarium des Todestages des hl. Thomas eine Schrift: „Divus Thomas contra liberalismum“ 1874. Im gleichen Jahre ernannte ihn Pius IX. zum päpstlichen Hausprälaten und zum Consultor des Sant' Ufficio und 1876 zum Consultor der Congregation degli affari esteri. Die Sehnsucht zum Ordensleben brachte S. nochmals in nähere Beziehungen zur Gesellschaft Jesu, allein er kränkelte, infolge geistiger Ueberanstrengung und allzugroßer ascetischer Strenge gegen sich selbst, bereits seit längerer Zeit, und erlag schon am 19. Sept. 1880 einem Herzleiden zu Interlaken in der Schweiz. Seine Schwester Freifrau Olga v. Leonrod geb. Schäzler, ließ die irdischen Ueberreste des verlebten Gelehrten nach Freiburg im Breisgau verbringen und sein Grab mit einem Herrlichen Monument schmücken.

  • Autor/in

    Knöpfler.
  • Empfohlene Zitierweise

    Knöpfler, Alois, "Schäzler, Constantin Freiherr von" in: Allgemeine Deutsche Biographie 30 (1890), S. 649-651 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118748378.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA