Lebensdaten
1826 bis 1908
Geburtsort
Aken/Elbe (Provinz Sachsen)
Sterbeort
Meran (Südtirol)
Beruf/Funktion
Historiker ; Mediävist ; Wissenschaftsorganisator
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118797026 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Sickel, Theodor von
  • Sickel, Friedrich Adolf Theodor (bis 1884)
  • Sickel, Theodor Ritter von
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Zitierweise

Sickel, Theodor Ritter von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118797026.html [18.02.2018].

CC0

  • Genealogie

    Aus sächs. Pastoren- u. Gelehrtenfam.;
    V Franz S. (1794–1842), Philol., ev. Theol. u. Päd., 1817 Rektor d. Stadtschule in Schwanebeck b. Halberstadt, 1819 Lehrer an d. Handlungsschule u. an d. Höheren Mädchenschule in Magdeburg, Oberprediger in A., seit 1830 Seminardir. in Erfurt, 1840 Oberprediger in Hornburg (Harz) (s. ADB 34; Magdeburger Biogr. Lex.), S d. Karl Philipp (1765–1847), Oberpfarrer zu Schwanebeck;
    M Luise (1803–67), T d. Gottlob Heinrich Köcher (1770–1850), aus|Cönnern, Tuchfabr. in Halberstadt;
    Ov Friedrich S. (1799–1865), Dr., ev. Theol. u. Päd., 1820 Leiter d. Stadtschule in Schwanebeck, 1823 Dir. d. Schullehrerseminars in Halberstadt, 1824 Diakon in Schwanebeck, 1829 Leiter d. Höheren Mädchenschule in Magdeburg, 1836 Sup. u. Schulinsp. in Atzendorf, Karl Friedrich S. (1811–86, Ernestine, T d. Friedrich August Schmelzer, 1759–1842, Prof. d. Rechte 1794 in Helmstedt, 1810 in Halle, braunschweig. HR, s. Hamberger-Meusel; NND 20), Prof. an d. Klosterschule in Roßleben/Unstrut;
    1) 1867 1871 Elise Greif, aus Berlin, 2) 1873 Anna (1843–1908), T d. Gottfried Semper (1803–79), Architekt (s. NDB 24), u. d. Bertha Thimmig (1810–59); kinderlos;
    Vt Wilhelm S. (1847–1929), Jur., 1884 Prof. in Marburg, 1888 in Straßburg (s. L).

  • Leben

    Nach dem Abitur in Magdeburg 1845 studierte S. zunächst Theologie in Halle, 1847–50 in Berlin, wandte sich hier aber unter dem Einfluß Karl Lachmanns (1793–1851), eines Studien- und Kriegsgefährten seines Vaters, der Geschichte und Philologie zu. Wegen politischer Betätigung in demokratischen Versammlungen 1848/49 aus Berlin ausgewiesen, wurde er 1850 in Halle zum Dr. phil. promoviert. Als politischer Emigrant, der für verschiedene dt. und österr. Zeitungen arbeitete, betrieb er 1850–53 in Paris Forschungen zur Geschichte Burgunds und Lothringens. Gute Kontakte zu diplomatischen Kreisen ermöglichten Aufenthalte in Südfrankreich, der Schweiz und dem damals noch österr. Mailand (1853/54). Wissenschaftliche Missionen im Auftrag des franz. Unterrichtsministeriums führten S. erneut nach Mailand, zudem nach Venedig und Turin (1854/55), wo man ihn von österr. Seite als bonapartistischen Militäragenten verdächtigte, schließlich 1855/56 nach Wien. Über eine Zufallsbekanntschaft mit Ottokar Lorenz (1832–1904) wurde er 1855 an dem 1854 in Wien auf Initiative des österr. Kultusministers Gf. Leo Thun-Hohenstein (1811–88) gegründeten „Institut für Österr. Geschichtsforschung“ (IÖG) als Dozent für Paläographie verpflichtet; hier konnte er die 1855 an der Pariser „École des chartes“ und an der Mailänder „Scuola di paleografia“ erworbenen Kenntnisse sowie seine praktischen Archiverfahrungen einbringen. Schließlich gelang es ihm, noch als preuß. Untertan, im österr. Staatsdienst Aufnahme zu finden; die weitere Karriere wurde dem kleindt. gesinnten Protestanten, der sich, in Berlin und Wien politisch rehabilitiert, Österreich gegenüber stets loyal verhielt, allerdings nicht immer leicht gemacht. Seit 1857 ao. Professor für historische Hilfswissenschaften, wurde S. – nach den großen politischen Veränderungen in Österreich nach dem Ausscheiden aus dem Dt. Bund 1866 und zur Abwehr einer Berufung nach Tübingen – 1867 zum o. Professor der Geschichte und historischen Hilfswissenschaften ernannt. 1869 übernahm er als Nachfolger Albert Jägers (1801–91) zunächst provisorisch, schließlich 1873 definitiv die Leitung des IÖG. Mit der Ablehnung eines Rufes nach Berlin 1872 erreichte S. die Wiederaufnahme der 1866 abgebrochenen österr. Mitwirkung an dem dt. Nationalwerk der „Monumenta Germaniae Historica“ (MGH). Im Zuge der Neuorganisation der MGH übernahm er 1875 die Leitung der neu eingerichteten Diplomata-Abteilung. Die Öffnung des Vatikanischen Archivs 1881, an der S. maßgeblichen Anteil hatte, nützte er zur Schaffung von Forschungsmöglichkeiten für österr. Historiker in Rom unter seiner Leitung und betrieb hier die Gründung des „Istituto austriaco di studii storici“ (Österr. Hist. Inst., zunächst 1883 als Tochterinst. des IÖG, 1893 direkt dem Wiener Cultus-Ministerium unterstellt). 1891 ließ sich S. als Professor in Wien und Vorstand des IÖG beurlauben und widmete sich der Leitung des röm. Instituts (bis 1901). Seine letzten Lebensjahre verbrachte er in Meran.

    Mit der von ihm „erfundenen Methode der Urkundenkritik, die auf Schrift- und Diktatvergleichung beruht“ (H. Bresslau), gilt S. als einer der Begründer der nach den strengen methodischen Grundsätzen der historischen Hilfswissenschaften (v. a. Paläographie u. Diplomatik) betriebenen Quellenforschung. Seine Untersuchungen und Editionen mittelalterlicher wie neuzeitlicher Quellen setzten auch editionstechnisch neue Maßstäbe. S., der als hervorragender Lehrer gerühmt wurde, gestaltete nach diesen Grundsätzen die Ausbildung am IÖG. Generationen von Historikern, Archivaren und Museumsfachleuten wurden hier geprägt; die neuen Prinzipien beeinflußten aber auch andere Disziplinen, wie z. B. die Kunstgeschichte: Franz Wickhoff (1853–1909) sah in S. seinen eigentlichen Lehrer, auch Alois Riegl (1858–1905) empfing von ihm wesentliche Impulse. Neuerungen gegenüber war S. grundsätzlich aufgeschlossen. Bei dem als Lehrunterlage konzipierten Tafelwerk der „Monumenta graphica“ kam 1859 erstmals die Photographie zur Anwendung, eine revolutionierende Pioniertat, die Schule machte.

  • Auszeichnungen

    Mitgl. d. Ak. d. Wiss. u. a. Wien (korr. 1864, wirkl. 1870), München (korr. 1866, ausw. 1884), Göttingen (korr. 1868, ausw. 1886) u. Berlin (korr. 1876, ausw. 1899), d. Inst. de France (korr. 1887, ausw. 1890), d. Acc. dei Lincei, Rom (ausw. 1890), Stockholm (ausw. 1895), d. Zentraldirektion d. MGH in Berlin (1874–94); Dr. iur. h. c. (Würzburg 1882, Czernowitz 1900); österr. Ehrenzeichen f.|Kunst u. Wiss. (1887); lebenslängl. Mitgl. d. Herrenhauses d. österr. Reichsrats (1889); Sektionschef (1899); österr. u. internat. Orden, u. a. Rr. d. österr. Leopold-Ordens (1881, Kommandeur 1901) u. d. österr. Ordens d. Eisernen Krone (1892); Commandeur de l'Ordre Nat. de la Légion d'honneur (1895); bayer. Maximiliansorden f. Wiss. u. Kunst (1902); Orden Pour le mérite f. Wiss. u. Künste (1903).

  • Werke

    u. a. Btrr. z. Diplomatik I–VIII, in: SB d. Ak. d. Wiss. Wien, phil.-hist. Kl. 1861–82, auch selbst., Neudr. 1975;
    Monumenta graphica medii aevi ex archivis et bibliothecis imperii Austriaci, 10 Lfgg., 1859–82, hierzu: Die Texte d. in d. Monumenta ( . . . ) enthaltenen Schrifttafeln, 10 Lfgg., 1859–82;
    Das Lexicon Tironianum d. Göttweiger Stiftsbibl., in: SB Wien 38, 1862;
    Acta regum et imperatorum Karolinorum ( . . . ), Die Urkk. d. Karolinger ( . . . ) 751–840, 2 T., 1867;
    Schrifttafeln aus d. Nachlasse v. U. F. v. Kopp, 1870;
    Zur Gesch. d. Concils v. Trient 1559–1563;
    Actenstücke aus österr. Archiven, 1870–72, Neudr. 1968;
    Alcuinstudien, in: SB Wien 79, 1875;
    MGH Diplomatum imperii tomus I., hg. v. K. Pertz, 1872, 1873 [grundlegende Kritik an d. Ed.methode K. Pertz'];
    Über Ks.urkk. in d. Schweiz, Ein Reiseber., 1877;
    MGH Diplomata regum et imperatorum Germaniae, 1–2: Die Urkk. Konrad I. – Otto III., 1879–93, Nachdrr. 1997, 1999;
    Kaiserurkk. in Abb., mit H. Sybel, 11 Lfgg., 1880–91, dazu Textbd., 1891;
    Das Privilegium Otto I. f. d. röm. Kirche v. J. 962, 1883;
    Erll. zu d. Diplomen Otto II., in: MIÖG, Erg.bd.2, 1888, auch selbst.;
    Prolegomena z. Liber diurnus 1–2, in: SB Wien 117/7 u. 13, 1889;
    Liber diurnus Romanorum pontificum ex unico codice Vaticano, 1889, Nachdr. 1966;
    Röm. Berr. I–V, in: SB Wien 133/9, 1896, 135/10, 1896, 141/4, 1899, 143/5, 1901, 144/8, 1902; – W-Verz.:
    Steinacker, 1907 (s. L), S. 17–20, Ergg. in: Erben, 1926, 1928 u. 1929 (s. L); – Autobiogr. Aufzeichnungen u. Korr.:
    T. S., Denkwürdigkeiten aus d. Werdezeit e. dt. Gesch.forschers, bearb. v. W. Erben, 1926 (P);
    ders., Georg Waitz u. T. S., Ein Briefwechsel aus d. Blütezeit d. dt. Gesch.forsch., in: Nachrr. v. d. Ges. d. Wiss. zu Göttingen ( . . . ) 1926, phil.-hist. Kl., 1927, S. 51–196;
    T. S., Röm. Erinnerungen, Nebst ergänzenden Briefen u. Aktenstücken, hg. v. L. Santifaller, 1947 (P;
    L);
    L. Santifaller, Briefe v. Wilhelm Wattenbach an T. v. S. aus d. J. 1858 bis 1894, in: MIÖG 55, 1944, S. 371–431;
    W. Holtzmann, La corrispondenza fra T. v. S. ed Oreste Tommasini, in: Archivio della Società Romana di storia patria, anno 79, Ser. 3, 10, 1956, S. 89–143;
    L. Santifaller, Briefe v. Wilhelm Fraknói an T. v. S. aus d. Jahren 1877 bis 1906, in: Röm. Hist. Mitt. 6/7, 1964, S. 191–351, hier S. 195–97 Verz. d. bis 1964 veröff. Briefe v. u. an S.;
    die weitere Korr. verzeichnet b. K. Rudolf, 1981 (s. L); – Nachlaß:
    IÖG, Wien;
    Archiv d. Univ. Wien, s. Hall-Renner.

  • Literatur

    u. a. H. Steinacker, in: Ber. d. Akadem. Ver. Dt. Historiker in Wien, 17/18, 1908, Sonderdr. 1907, S. 1–20 (W-Verz. S. 17–20);
    Nachrufe: E. v. Ottenthal, in: Alm. d. Ak. d. Wiss. Wien 58, 1908, S. 327–40 (P);
    ders., in: MIÖG 29, 1908, S. 545–59;
    ders., in: BJ 13, 1910, S. 62–72 u. Tl.;
    C. Cipolla, Teodoro v. S., in: Archivio Storico Italiano, Ser. 5, 42, 1908, S. 214–21;
    W. Erben, in: HV 11, 1908, S. 333–59;
    M. Tangl, in: NA 33, 1908, S. 773–81;
    – H. Bresslau, Gesch. d. MGH, 1921;
    W. Erben, T. S., Denkwürdigkeiten ( . . . ), 1926 (s. W);
    ders., in: Mitteldt. Lb. III, 1928, S. 451–68 (W, L, P);
    ders., T. S. als wiss. Berichterstatter, in: MIÖG Erg.bd. XI, 1929, S. 782–94 (Verz. d. Rez.);
    O. Redlich, T. S., Werdezeit u. Persönlichkeit, in: MIÖG 42, 1927, S. 153–64, erneut in: ders., Ausgew. Schrr., 1928, S. 157–71;
    K. F. v. Frank zu Döfering, Alt-Österr. Adelslex., 1928, S. 289 Nr. 8697;
    J. v. Schlosser, Die Wiener Schule d. Kunstgesch., in: MIÖG Erg.bd. 13/2, 1934, S. 171–73, 182 f.;
    J. K. Mayr, Der Presbyter T. S., in: Jb. d. Ges. f. d. Gesch. d. Protestantismus in Österr. 67, 1951, S. 36–58;
    ders., Die Anfänge T. S.s, in: MIÖG 62, 1954, S. 537–73;
    A. Lhotsky, Gesch. d. IÖG 1854–1954, 1954, S. 45–214 u. Reg. (P);
    K. Rudolf, Gesch. d. Österr. Hist. Inst. in Rom v. 1881 bis 1938, in: Röm. Hist. Mitt. 23, 1981, S. 1–137, bes. 1–74 (P);
    O. Hageneder, Die wiss. Ausbildung d. österr. Archivare u. d. IÖG, in: AfD 27, 1981, S. 232–98, bes. 241–51;
    K. Mühlberger u. M. Wakounig, Vom Konsistorialarchiv z. Zentralarchiv d. Univ. Wien, Die Neuorganisation ( . . . ) unter d. Einflußnahme T. v. S.s, in: Scrinium 35, 1986, S. 190–213;
    H. Fichtenau, Diplomatiker u. Urkk.forscher, in: MIÖG 100, 1992, S. 9–49, bes. 15–30;
    M. Schubert, Meister – Schüler, T. v. S. u. Paul Fridolin Kehr (nach ihrem Briefwechsel), ebd. 106, 1998, S. 149–66;
    K.-H. Krause, Der Akener Hist. T. S. (1826–1908), in: Akener Haus- u. Fam.Kal. f. d. J. 2008, S. 55–78 u. ebd. f. d. J. 2009, S. 75–99 (P);
    F. Fellner u. D. A. Corradini, Österr. Gesch.wiss. im 20. Jh., 2006;
    Wurzbach;
    Kosch, Lit.-Lex.3;
    Personenlex. Österr.;
    ÖBL; – zu Wilhelm S.:
    St. Esders, Vfg.gesch. im dt. Ks.reich, W. S. (1847–1929), in: Vergangenheit u. Vergegenwärtigung, Frühes MA u. europ. Erinnerungskultur, hg. v. H. Reimitz u. B. Zeller, 2009, S. 129–42;
    Wi. 1922.

  • Portraits

    Photogrr. v. M. Lotze, 1857, Abb. in: Erben, 1926 (s. W), Titelbild;
    Portraitmedaille v. A. Scharff, 1887, Abb. in: Krause, 2009 (s. L), S. 94;
    Photogr., um 1890, Abb. in: Lhotsky, 1954 (s. L), nach S. 160;
    Heliogravüre v. M. Frankenstein, 1901, Abb. in: MIÖG, Erg.bd. VI, 1901, danach Rudolf, 1981 (s. L), Abb. 1;
    Ölgem. v. J. V. Krämer, 1905 (Wien, IÖG), Abb. in: Röm. Erinnerungen (s. W), Titelbild;
    Halbfigur in Marmor v. J. Kassin, 1930 (Wien, Arkadenhof d. Univ.), Abb. in: Th. Maisel, Gelehrte in Stein u. Bronze, 2007, S. 104, Nr. 103.

  • Autor

    Winfried Stelzer
  • Empfohlene Zitierweise

    Stelzer, Winfried, "Sickel, Theodor Ritter von" in: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 309-311 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118797026.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA