Lebensdaten
erwähnt 17.-21. Jahrhundert
Beruf/Funktion
Industrielle
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 119025043 | OGND | VIAF: 50026615
Namensvarianten
  • Thyssen von
  • Thissen
  • Thyssen
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Zitierweise

Thyssen, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd119025043.html [27.10.2020].

CC0

  • Leben

    Die Familie, die wahrscheinlich niederl. Herkunft ist, läßt sich seit Ende des 17. Jh. in der Region Aachen nachweisen. Der Name, dessen Schreibweise lange Zeit zwischen Thissen und T. schwankte, stellt vermutlich eine Kurzform von „Matthias Sohn“ dar. Der erste bezeugte T., Isaak Lambert (1685–1773), war bis 1738 als Landwirt und seit 1740 als Brandinspektor für die Stadt Aachen tätig. Auch Sohn Nikolaus (1727–78) und Enkel Nikolaus jun. (1763–1814), beide gelernte Bäcker, engagierten sich für die Kommune. Nikolaus jun. zeichnete als Stadtsekretär 1811 für die Feierlichkeiten zur Taufe Napoleons II. verantwortlich. Sein Sohn Johann Friedrich, genannt Friedrich (1804–77), sah sich nach dem Tod seiner Eltern 1814 und 1817 gezwungen, für sich und seine Geschwister aufzukommen. Er gab den Besuch der Bürgerschule auf, um sich von seinem Onkel Matthias Wergifosse (1773–1818) in dessen Bank ausbilden zu lassen. Seit 1837 gehörte Friedrich, der zuvor bereits als Direktor für die „Draht-Fabrik-Compagnie AG“ in Eschweiler tätig geworden war, zu den Teilhabern des 1822 gegründeten Walzdraht-Unternehmens. Er heiratete 1838 seine Cousine Katharina (1814–88), eine Tochter Johann Isaaks (1766–1845), der mit Gewürzen handelte. Das Ehepaar lebte mit seinen Kindern und teils Arbeitern in einem Haus auf dem Unternehmensgelände, bis Friedrich 1859 die Drahtfabrik verließ. Die Familie zog ins Stadtzentrum, wo Friedrich ein privates Geldinstitut samt Wechselstube eröffnete, in dem auch seine beiden ältesten Söhne August (1842– 1926, s. 1) und Joseph (1844–1915) zeitweilig tätig wurden.|Während Joseph bis zum Tod des Vaters im Bankhaus verblieb, das dann 1877 aufgelöst wurde, unternahm August 1867 als Mitgründer eines Puddel- und Bandeisenwalzwerks in Duisburg den Schritt in die unternehmerische Selbständigkeit. Hierbei konnte er stets auf die finanzielle Unterstützung durch seine Familie zählen. Sein Vater hatte ihn bereits 1867 mit dem nötigen Startkapital ausgestattet, brachte 1871 mit einer Einlage von 35 000 Talern die Hälfte des Geschäftskapitals in das von August neugegründete Walzwerk „Thyssen & Co.“ in Styrum bei Mülheim/Ruhr ein, leistete bei Bedarf zusätzliche Zahlungen und sicherte Kredite ab. Zudem stellte seine Schwester Balbina (1846–1935), deren Ehemann Désiré Bicheroux (1839–75) und dessen Brüder zu den Gesellschaftern des von August 1867 gegründeten Unternehmens „Thyssen, Fossoul & Co.“ gehört hatten, nach dem Tod ihres Gatten 1875 ihrem Bruder erhebliche Summen zur Verfügung. Darüber hinaus erbte August beträchtliche Gelder nach dem Tod des Vaters 1877 und konnte auch über Anteile Balbinas und Josephs verfügen.

    August und seine Ehefrau Hedwig Pelzer (1854–1940) übertrugen im Vorfeld ihrer Scheidung 1885 ihr gemeinsames Vermögen, darunter das Eigentum an den Unternehmen, ihren Kindern Fritz (1873–1951, s. 2), August jun. (1874–1943), Heinrich (1875–1947, s. 4) und Hedwig (1878–1960), woraus jahrzehntelange Streitigkeiten über familiale Macht- und Vermögensverhältnisse zwischen Vater und Kindern, unter den Geschwistern sowie zwischen den Geschwistern und ihren Cousins Julius (1881–1946) und Hans (1890– 1943), Söhne Josephs und Klaras (1856– 1918), resultierten, die nach dem Tod der Eltern jeweils zu 12,5 % Miteigentümer am Konzern waren. Die T.s trugen diese Auseinandersetzungen teilweise unter Einbeziehung der Öffentlichkeit aus, die bereits zu Beginn des 20. Jh. lokal, national und international Interesse an der Industriellenfamilie zeigte. So agierte August jun. im Entmündigungsverfahren, das sein Vater 1904 gegen ihn anstrengte, gezielt mit Artikeln und Interviews in Zeitungen und Zeitschriften. Der Streit um Vermögen und Verfügungsrechte entzweite die Familie und band sie zugleich aneinander. Fritz und Heinrich, auf die in den 1920er Jahren wesentliche Teile des Konzerns übergingen, waren bemüht, ihre Unternehmensanteile voneinander zu separieren; dennoch blieben die unterschiedlichen Zweige der T. über Stiftungen und Finanzkonstruktionen bis in die zweite Hälfte des 20. Jh. hinein institutionell miteinander verflochten.

    Bereits seit Beginn des 20. Jh. hatte der T.Konzern, der bis in die Gegenwart v. a. mit der Stahlproduktion und -verarbeitung verbunden wird, seinen Aktionsradius über den nationalen und engeren montanen Rahmen hinaus erweitert; er umfaßte u. a. Unternehmen im Logistik- und Finanzbereich sowie in der Energiewirtschaft. Zeitlich parallel zur Internationalisierung des Konzerns mit Unternehmungen und Niederlassungen in Europa und Übersee entwickelten sich die T. zu einer transnationalen Familie, die soziale Kontakte zum europ. und transatlantischen Großbürgertum und zum Adel pflegte. Einzelne Familienmitglieder verlagerten ihr Leben dauerhaft ins Ausland, nahmen neue Staatsangehörigkeiten an und unterhielten teils mehrere Wohnsitze in Europa, Nord- und Südamerika, u. a. in Argentinien, Belgien, Brasilien, Frankreich, Großbritannien, Kuba, den Niederlanden, Österreich, in der Schweiz, in Spanien und in den USA. Besonders enge Verbindungen knüpften die T. zu Ungarn seit der Heirat Heinrichs 1906. Auch dessen Schwester Hedwig ging in zweiter Ehe eine Verbindung mit einem ungar. Adeligen ein. Zudem vermählten sich in der Folgegeneration sowohl zwei der vier Kinder Heinrichs, Stephan (auch Stefan) (1907–81) und Margareta, gen. Margit (1911–89), als auch Anita (1909–90), die einzige Tochter Fritz’ und seiner Ehefrau Amélie (1877–1965, s. 3), mit Ungarn, darunter Nachkommen der Adelsfamilien Batthyány und Zichy.

    Ihren finanziellen Möglichkeiten entsprechend, führten die T. ein luxuriöses Leben mit repräsentativen Häusern. Das von August 1903 erworbene Schloß Landsberg bei Kettwig wurde nach seinem Tod per Stiftung erhalten und dient heute als Grablege der Familie. 1910/11 ließ Fritz im Speldorfer Wald bei Mülheim eine pompöse Villa im engl. Landhausstil errichten, in der auch seine private Kunstsammlung ihren Platz fand. Sein jüngerer Bruder Heinrich bewahrte seine weitaus größere Kunstsammlung seit 1932 in der Villa Favorita bei Lugano (Kt. Tessin) auf, die er Prinz Friedrich Leopold von Preußen abgekauft hatte. Dort machte sie sein jüngster Sohn Hans Heinrich (1921–2002) nach dem 2. Weltkrieg erstmals einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich.

    Zu Heinrichs Besitzungen zählte auch Schloß Rohoncz in Westungarn, das er in den 1930er Jahren seiner Tochter Margit und ihrem Mann Ivan Graf Batthyány v. Nemét-Ujvár|(1910–85) übertrug. Unweit des Schlosses, das seit 1921 zum österr. Burgenland gehört, wurden am 24./25. 3. 1945 vermutlich rund 200 ungar.-jüd. Zwangsarbeiter ermordet, deren Leichen bislang nicht gefunden wurden. Dieses Geschehen und die Rolle der Familie T. ist bis heute nicht befriedigend erforscht und seit 2007 verstärkt Gegenstand öffentlicher Aufmerksamkeit, u. a. durch Elfriede Jelineks Theaterstück „Der Würgeengel“ (2008). Zuvor wurde die Rolle der T. im Nationalsozialismus v. a. in bezug auf Fritz diskutiert. In der Nachkriegszeit bemühten sich die T. um die Rückerstattung ihres Vermögens in Europa und den USA. Dabei handelte es sich sowohl um die Enteignungen von Fritz und Amélie als auch um den als Feindvermögen beschlagnahmten Besitz verschiedener Familienzweige. Nach der Rückerstattung reorganisierten Anita und Amélie als Erbinnen Fritz’ dessen Teil des T.-Konzerns und gründeten 1959 die „Fritz Thyssen Stiftung“ zur Förderung von Wissenschaft und Forschung. Auch Hans Heinrich T.-Bornemisza, Heinrichs Haupterbe und Teil des internationalen Jetsets, ordnete in Zusammenarbeit mit seinen Geschwistern die ererbten Konzernteile neu und bildete damit das Fundament der „Thyssen Bornemisza Group“, die heute sein Sohn Georg (* 1950) leitet.

  • Quellen

    Qu M. Rasch u. G. D. Feldman (Hg.), August T. u. Hugo Stinnes, Ein Briefwechsel 1898–1922, 2003 (P); M. Rasch (Hg.), August T. u. Heinrich T.-Bornemisza, Briefe e. Industr.fam. 1919–1926, 2010 (P); – ThyssenKrupp Konzernarchiv, Duisburg (P); Stiftung z. Ind.gesch. Thyssen, Duisburg (P).

  • Literatur

    L W. Treue u. H. Uebbing, Die Feuer verlöschen nie, August-Thyssen-Hütte 1926–1966, 2 Bde., 1969;
    H. Uebbing, Wege u. Wegmarken, 1991;
    T. & Co., Mülheim a. d. Ruhr, hg. v. H. A. Wessel, 1991;
    G. Knopp, Schloß Landsberg, 3 1995;
    A. Reckendrees, Das ‚Stahltrust‘-Projekt, 2000;
    C.-F. Baumann, Schloß Landsberg u. T., 32003;
    W. Plumpe u. J. Lesczenski, Die T.s, in: Dt. Familien, hg. v. V. Reinhardt, 2005, Tb. 2010, S. 208–43;
    St. Wegener (Hg.), August u. Joseph T., Die Fam. u. ihre Untern., hg. v., 2 2008 (P);
    ders. (Hg.), Die Geschwister T., Ein Jh. Fam.gesch., 2013 (P);
    D. R. L. Litchfield, Die T.Dynastie, 2008 (P);
    J. Lescenski, Wie der Vater, so die Söhne? „Bürgerlichkeit“ zw. d. Generationen in d. Fam. T., in: ders. u. W. Plumpe (Hg.), Bürgertum u. Bürgerlichkeit zw. Ks.reich u. NS, 2009, S. 81–94 (P);
    Der Fall Rechnitz, Das Massaker an Juden im März 1945, hg. v. W. Manoschek, 2009;
    W. Rüsges, Auf d. Spuren d. Fam. T. in Aachen u. Eschweiler, in: Schr.reihe d. Eschweiler Gesch.ver., H. 27, 2010, S. 189–99;
    S. Derix, Die Knappheiten d. Vermögenden, in: Zs. f. Kulturwiss., H. 1, 2011, S. 35–43;
    dies., Transnat. Familien, in: Dimensionen internat. Gesch., hg. v. J. Dülffer u. W. Loth, 2012, S. 335–52;
    dies., Fortune internationale, philanthropie et patrimoine, le cas de la famille T., in: Relations Internationales 157, 2014, S. 41–54;
    dies., Familiale Distanzen, Räuml. Entfernung, ethn. u. nat. Zugehörigkeit u. Verwandtschaft, in: Hist. Anthropol. 22/1, 2014, S. 44–66;
    dies., Die T.s, Fam. u. Vermögen, 2015 (P);
    H. Wixforth, Eine Konzernbank entsteht, Gründung u. Anfangsj. d. August Thyssen-Bank (1927–1932), in: VSWG 99, 2012, S. 300–22;
    J. Gramlich, Die T.s als Kunstsammler, Investition u. symbol. Kapital (1900–1970), 2015 (P).

  • Portraits

    P zu Johann Isaak: Ölgem., unsign., undat. (Photogr. d. zerstörten Orig. im Fam.archiv Eirich); – zu Katharina: Ölgem., unsign., undat. (Fam.bes.); – zu Friedrich: Ölgem., unsign., undat.; Ölgem. v. M., C. u. R. Bicheroux, unsign., 1877 (Fam.archiv Eirich); – zu Hedwig: Ölgem. v. W. Petersen, 1899 (Schloß Landsberg); – zu Balbina: Ölgem. v. H. J. Sinkel, 1904 (Slg. Inge Bicheroux); - zu Joseph: Ölgem. v. F. Klemm, n. 1915 (August Thyssen-Hütte AG); – zu Anita: Ölgem., unsign., undat. (Verbleib unbekannt, Abb. in: T. Borenius, Haus T., Die Slg. 1926); – zu Hans Heinrich: Portrait of Baron H. H. T.-Bornemisza v. L. Freud, 1981/82; Man in a Chair (Portrait of H. H. T.-Bornemisza) v. dems., 1983/85 (beide Slg. Museo T.-Bornemisza, Madrid); Bronzeporträts v. H. H. u. Carmen T.-Bornemisza v. A. Breker, 1989 (Slg. Museo T.-Bornemisza u. Slg. Arno Breker-Mus.)

  • Autor/in

    Simone Derix
  • Familienmitglieder

  • Empfohlene Zitierweise

    Derix, Simone; Rasch, Manfred; Schulz, Günther; Hockerts, Hans Günter, "Thyssen" in: Neue Deutsche Biographie 26 (2017), S. 238-247 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119025043.html#ndbcontent

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