Lebensdaten
1874 bis 1952
Geburtsort
Stuttgart
Sterbeort
München
Beruf/Funktion
Anthropologe
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 11712222X | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Mollison, Theodor
  • Mollison, Th.
  • Mollison, Theodor J.

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Zitierweise

Mollison, Theodor, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd11712222X.html [12.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V James (1810–75, anglikan.) aus d. Gfsch. Middlesex (England), Kupferstecher in St., S d. Crawford, Gutsbes., Kaufm. in Edinburgh u. London, u. d. Elisabeth Fullerton;
    M Emma (1840–92, ev.) aus Reutlingen, T d. Georg Frank (1815–59), Fabr. in St., u. d. Wilhelmine Daiber (1818–68) aus Ludwigsburg;
    1) Freiburg (Breisgau) 1898 Dorothea (* 1876) aus Bornheim b. Frankfurt/Main, T d. Wilhelm Pfalzgraf (1844–1923) aus Loshausen b. Ziegenhain (Hessen-Nassau), Oberpostsekr. in Freiburg (Breisgau), u. d. Elisabeth Riebeling (1849–1932) aus Zella Kr. Ziegenhain, 2) Heidelberg 1925 Elisabeth Freudenberg (1879-n. 1952), T d. Wilhelm Gmelin (1832–1901) aus Gundelsheim Kr. Neckarsulm (Württemberg), Landger.rat in Tübingen, u. d. Marie Fraas (1851–1936) aus Laufen Kr. Balingen (Württemberg); Gvm d. 1. Ehefrau Konrad Riebeling (1803–73), Pfarrer in Zella; Gvm d. 2. Ehefrau Oscar v. Fraas (1821–97), Geologe, Dir. d. kgl. Naturalienkabinetts in St. (s. NDB V);
    1 T aus 1), 1 Stief-S, 2 Stief-T.

  • Leben

    M. studierte Medizin in Freiburg (Breisgau) und promovierte 1898 mit einer Dissertation „Über die anatomischen Veränderungen der Haut bei Scharlach“ zum Dr. med. Nach der Approbation war er zunächst bis 1902 als praktischer Arzt in Frankfurt/Main tätig. Seine biologische Ausbildung vertiefte und erweiterte er 1902-05 bei dem Zoologen Th. Boveri in Würzburg. Auf einer Forschungsreise nach Deutsch-Ostafrika 1904 entdeckte er u. a. eine neue Art des Klippschliefers, die er 1905 als „Dendrohydrax terricola“ beschrieb.

    1905 wurde M. Assistent am Anthropologischen Institut in Zürich. Als Mitarbeiter Rudolf Martins war er entscheidend an der Entwicklung exakter anthropologischer Methoden beteiligt. Nachdem er sich 1910 mit einer vielbeachteten Arbeit über die Körperproportionen der Primaten habilitiert hatte, war er 1911/12 Leiter der anthropologischen Abteilung des Zoologisch-Anthropologisch-Ethnographischen Museums des Zwingers in Dresden. 1912-18 folgte eine Tätigkeit als Kustos der Anthropologischen Sammlung am Anatomischen Institut in Heidelberg (1916 ao. Professor). 1918 erhielt M. einen Ruf als Extraordinarius für Anthropologie an die Univ. Breslau, wo er als Nachfolger von Hermann Klaatsch 1921-26 ein persönliches Ordinariat innehatte. Als Nachfolger seines Lehrers Martin war M. anschließend bis 1944 – seit 1939 als Emeritus – Ordinarius für Anthropologie an der Ludwig-Maximilians-Univ. und Direktor der Anthropologischen Staatssammlung in München.

    Die wissenschaftliche Tätigkeit M.s umfaßt nahezu alle Gebiete der klassischen Anthropologie. Ein Schwerpunkt, besonders in den ersten Jahren, waren methodische Fragen, wie apparative Verbesserungen und Neukonstruktionen von Meß- und Zeichengeräten, die noch heute für morphologische Untersuchungen an historischem und prähistorischem Fundmaterial, für Studien lebender Populationen und für die vergleichende Primatologie unentbehrlich sind. Dazu gehören auch M.s Richtlinien für standardisierte photographische Aufnahmen zur Sicherung vergleichbarer Untersuchungsergebnisse, die Nutzung von Röntgenaufnahmen zur Bestimmung der Schädelkapazität und die Entwicklung statistischer Methoden zur vergleichenden Anthropologie. Eine anschauliche Zusammenfassung solcher Methoden hat M. 1938 in seinem Beitrag über „Spezielle Methoden anthropologischer Messung“ im „Handbuch biologischer Arbeitsmethoden“ von Emil Abderhalden vorgelegt. Ein zentrales Forschungsgebiet M.s war die Stammesgeschichte des Menschen. 1915 konnte er auf Grund einer von ihm entwickelten Methode, der Ermittlung eines „Cerebralisationskoeffizienten“, unter Berücksichtigung des Volumens der langen Extremitätenknochen nachweisen, daß es sich bei der von E. Dubois 1891 entdeckten, als Pithecanthropus bezeichneten, heute dem Homo erectus erectus zugeordneten und ca. 830 000 Jahre alten Schädelkalotte von Trinil auf Java nicht um das Schädeldach einer großen Gibbonart handelt. Unter den zusammenfassenden Darstellungen nimmt insbesondere die 1933 als Handbuchbeitrag erschienene „Phylogenie des Menschen“ auf Grund der kritischen Sichtung des damals vorliegenden Fundmaterials eine hervorragende Stellung ein. Zu den von M. untersuchten Einzelfunden gehören u. a. die bereits 1907 geborgenen, ca. 7500 Jahre alten Schädel aus der Ofnet-Höhle bei Nördlingen, an denen er erstmals nachweisen konnte, daß die Ofnet-Leute eines gewaltsamen Todes gestorben sein müssen, bevor die Köpfe getrennt vom Körper kultisch bestattet wurden, sowie der Schädel des 1913 entdeckten ersten menschlichen Skeletts aus der später für die Fossilgeschichte so wichtig gewordenen Oldoway-Schlucht in Ostafrika (beides 1936). Ausgehend von den grundlegenden Arbeiten von P. Uhlenhut (1901) und C. H. F. Nuttal (1904) konnte M. mittels der „Präzipitinreaktion“ (einer wechselseitigen Serum-Antiserum-Reaktion), der Einbeziehung von Filtrationsversuchen (1934, 1937) und der Berechnung eines „serochemischen Quotienten“ (1938) u. a. nachweisen, daß das Bluteiweiß des Schimpansen dem des Menschen ähnlicher ist als das Bluteiweiß anderer Primaten (Makak, Pavian, Orang). Er schloß daraus, daß der gemeinsame stammesgeschichtliche Weg des Menschen und des Schimpansen länger gewesen sein müsse als der mit den anderen Primaten. M. hat damit in der Anthropologie eine Arbeitsrichtung eingeleitet, die heute – mit modernen, differenzierteren Methoden – für die Evolutionsforschung unentbehrlich geworden ist.|Auch zum Thema Rassenkunde hat M. Beiträge geliefert. Mit seinen Äußerungen zu der damals – nicht nur in Deutschland – viel diskutierten „Rassenhygiene“ (1934) war er, der seit 1937 der NSDAP und seit 1941 dem NS-Dozentenbund angehörte, einer jener Anthropologen, die den Nationalsozialisten eine „wissenschaftliche Begründung“ für ihr verbrecherisches Handeln boten. Seine Einstellung wird in einem Brief an den Ethnologen und Anthropologen Franz Boas von der Columbia University aus dem Jahr 1938 erkennbar. Er wisse sehr wohl, schrieb M., was die deutschen Wissenschaftler Hitler zu verdanken hätten, „nicht zuletzt auch die Reinigung unseres Volkes von fremdrassigen Elementen“.|

  • Auszeichnungen

    Mitgl. d. Leopoldina (1933); Ehrenmitgl. d. Med.-naturwiss. Ges. zu Jena u. d. Dt. Ges. f. Anthropol.; Goethe-Medaille f. Kunst u. Wiss. (1944).

  • Werke

    Die Körperproportionen d. Primaten, in: Morpholog. Jb. 42, 1910, S. 79-304;
    Zur Beurteilung d. Gehirnreichtums d. Primaten nach d. Skelett, in: Archiv d. Anthropol., NF 13, 1915, S. 388-96;
    Serodiagnostik als Methode d. Tiersystematik u. Anthropol., in: E. Abderhalden (Hrsg.), Hdb. biolog. Arbeitsmethoden, Abt. IX, T. 2, 1923, S. 553-84;
    Spezielle Methoden anthropolog. Messung, ebd. Abt. VII, H. 3, 1938, S. 532-682;
    Phylogenie d. Menschen, in: E. Baur u. M. Hartmann (Hrsg.), Hdb. d. Vererbungswiss. III, 1933;
    Rassenkde. u. Rassenhygiene, in: E. Rüdin, Erblehre u. Rassenhygiene im völk. Staat, 1934, S. 34-48;
    Hrsg.
    Anthropolog. Anz., 1926-43.

  • Literatur

    P. Kramp, In Memoriam Th. M. (1874-1952), in: Zs. f. Morphol. u. Anthropol. 45, 1952, S. 416-32 (P);
    K. Henning, Personalbiogrr. d. Professoren u. Dozenten d. Anthropolog. Inst. an d. Naturwiss. Fak. d. Ludwig-Maximilians-Univ. zu München im Zeitraum v. 1865-1970, Diss. Erlangen 1972;
    Drüll, Heidelberger Gel.lex. I. – Eigene Archivstud. (Univ.-Archiv München).

  • Portraits

    Ölgem. v. J. Leesch, 1930 (München, Anthropolog. Staatsslg.);
    Büste v. K. Romeis, 1939 (Frankfurt/M., Inst. f. Anthropol.).

  • Autor/in

    Gerfried Ziegelmayer
  • Empfohlene Zitierweise

    Zeigelmayer, Gerfried, "Mollison, Theodor" in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 4 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11712222X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA