Lebensdaten
1911 bis 1979
Sterbeort
Bertigoa bei São Paulo (Brasilien)
Beruf/Funktion
KZ-Arzt
Konfession
keine Angabe
Normdaten
GND: 118783262 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Mengele, Josef

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Zitierweise

Mengele, Josef, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118783262.html [11.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Karl (1884–1959), Maschinenbauing., erwarb 1907 in G. e. Gießerei u. Werkstatt f. landwirtsch. Maschinen, in d. 20er Jahren drittgrößter Hersteller v. Dreschmaschinen in Dtld., seit 1949 „Karl Mengele & Söhne“, S d. Alois (1843–1917), Ziegeleibes.|u. Landwirt in Höchstädt, u. d. Theresia Maier (1846–1928);
    M Walburga (1880–1946), T d. Josef Hupfauer ( 1914) u. d. Theresia Bux (1850–97) in G.;
    B Karl (1912–49), Alois (* 1914), beide Fabr.;
    1) Oberstdorf 1939 Irene (* 1917, 1954), T d. Leipziger Prof. Harry Schoenbein u. d. Elise Stoeckle, 2) Montevideo (Uruguay) 1958 Martha (Wwe d. Bruders Karl);
    1 S aus 1) Rolf (* 1944), Rechtsanwalt in Freiburg/Br.;
    N u. Stief-S Karl Heinz (* 1944), seit 1973 Geschäftsführer (seit 1986 alleinverantwortlich) d. „Karl Mengele & Söhne Maschinenfabrik u. Eisengießerei GmbH & Co.“, zeitweise Europas größter Häcksler- u. d. Welt größter Ladewagenhersteller.

  • Leben

    M., dessen Interesse den Naturwissenschaften, aber auch der Kunst und Musik galt, schwebte schon früh die akademische Laufbahn als Berufsziel vor. Wissenshungrig und enorm fleißig, studierte er nach dem Abitur (1930) Medizin, Anthropologie und Paläontologie in München, Bonn und Wien. 1935 wurde er bei dem Münchener Anthropologen Theodor Mollison (1874–1952) mit der Dissertation „Rassenmorphologische Untersuchung des vorderen Unterkieferabschnittes bei vier rassischen Gruppen“ (Gegenbaurs Morpholog. Jb. 79, 1937, S. 60-116) zum Dr. phil. promoviert. Im folgenden Jahr legte M. die medizinische Staatsprüfung ab und praktizierte dann einige Monate lang an der Universitätsklinik in Leipzig. 1937 wurde er Assistent am Institut für Erbbiologio und Rassenhygiene in Frankfurt, das unter der Leitung von Otmar Frhr. v. Verschuer (1896–1969) stand. Hier wurde M. 1938 zum Dr. med. promoviert (Sippenuntersuchungen bei Lippen-Kiefer-Gaumenspalte, in: Zs. für menschl. Vererbungs- u. Konstitutionslehre 23, 1939, S. 117-42). Da es ihm für sein berufliches Fortkommen opportun erschien, beantragte M. 1937 die Aufnahme in die NSDAP, 1938 in die SS. Im Sommer 1940 meldete er sich zur Waffen-SS, wo er schließlich zum Hauptsturmführer befördert wurde. Nach einer Verwundung 1942 wurde M. zur Dienststelle des Reichsarztes SS nach Berlin versetzt. Sogleich nahm er Verbindung zu seinem Lehrer Verschuer auf, der inzwischen Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik geworden war. Auf Verschuers Empfehlung ist es wohl zurückzuführen, daß M. 1943 nach Auschwitz abgeordnet wurde.

    Am 30. Mai trat M. seinen Dienst als Arzt im dortigen Zigeunerlager an, im Sommer 1944 wurde er Arzt im Frauenlager. Er hatte in seinem Bereich das Gesundheitswesen zu organisieren und zu überwachen und – im Wechsel mit anderen Ärzten – die Selektion der Neuankömmlinge durchzuführen: Kinder, Alte und Kranke wurden zu Tausenden als nicht arbeitsfähig ausgemustert und für den Tod in den Gaskammern bestimmt. Ähnlich war das Vorgehen bei Lagerauflösungen: Als im Juli/August 1944 das Zigeunerlager liquidiert wurde, schickte M. etwa 1400 Zigeuner nach Buchenwald und etwa die doppelte Zahl in die Gaskammern. Die eigentliche Krankenbetreuung oblag den Häftlingsärzten. M., der großen Wert auf gepflegtes Äußeres und gute Manieren legte, verhielt sich im Umgang mit den Häftlingen dem Schein nach höflich und korrekt. Gegenüber seinen Kollegen wahrte er Distanz, vollends gegenüber Untergeordneten. Ehrgeizig, leistungs- und erfolgsorientiert, interessierte ihn die NS-Ideologie nur, sofern sie seinen Zielen entgegenkam. Die Lagerinsassen betrachtete er in gefühllosem Zynismus lediglich als wissenschaftliches Versuchsmaterial. Seine Probanden – Zwillinge und Menschen, die irgendwelche Anomalien aufwiesen – wurden zwar bevorzugt untergebracht und verpflegt, dienten jedoch ausschließlich Forschungszwecken, indem sie laufend untersucht und vermessen, geröntgt und fotografiert wurden. An einer großen Zahl von ihnen wurden darüber hinaus schmerzhafte Experimente vorgenommen, die sehr oft tödlich ausgingen. Inwieweit dies mit Wissen oder Billigung Verschuers, dessen beruflicher Fortgang nach Kriegsende keinen Einbruch erlebte, geschah, läßt sich nicht mehr exakt ermitteln. Jedenfalls hatte Verschuer bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft bzw. dem Reichsforschungsrat die Unterstützung zweier Projekte beantragt, die am 18.8. bzw. 7.9.1943 durch F. Sauerbruch bewilligt wurden: Das Projekt „Spezifische Eiweißkörper“ sollte die Blutreaktionen auf Infektionskrankheiten untersuchen, das Projekt „Augenfarbe“ neben Augenanomalien das Phänomen heterochromatischer Augen. M. infizierte daraufhin Zwillinge mit Typhusbakterien und entnahm ihnen in den verschiedenen Krankheitsstadien Blut, das er zur Auswertung an das Kaiser-Wilhelm-Institut sandte. Ebenso schickte er eine große Zahl verschiedenfarbiger Augen von getöteten Häftlingen nach Berlin. Allerdings ging M. über diese beiden Aufträge weit hinaus, wenn er an Häftlingen auch Rückenmarkspunktionen, Elektroschocks und Amputationen vornahm. Starb ein Zwilling, ließ er den anderen töten, um in der Autopsie die entsprechenden Organe vergleichen zu können. In einem eigens eingerichteten Obduktionsraum, in welchem ihm der jüd. Pathologe Miklos Nyiszli helfen mußte, sezierte er die ihn interessierenden Toten. Auffallende|Organe und Skeletteile wurden an das Kaiser-Wilhelm-Institut gesandt.

    Als M. am 17.1.1945 Auschwitz verließ, nahm er einen Teil seiner Untersuchungsunterlagen mit; der Rest wurde angesichts der nahenden Roten Armee von der SS vernichtet. Vorübergehend fand er bei seinem ehemaligen Frankfurter Kollegen Hans Otto Kahler, der in Saaz Lazarettarzt war, Aufnahme. Mitte Juni geriet er – unter falschem Namen – in Sachsen in amerikan. Kriegsgefangenschaft. Seit dem 30.10.1945 arbeitete M., alias Fritz Hollmann, als Stallknecht auf dem Lechnerhof in Mangolding bei Rosenheim. Seit August 1948 versteckte er sich in der Nähe von Günzburg. Mit einem auf „Helmuth Gregor“ ausgestellten Paß gelangte er über Genua Ende August 1949 nach Buenos Aires. Sieben Jahre später fühlte sich M. bereits so sicher, daß er sich offiziell zu seinem wirklichen Namen bekannte und 1958 seine Schwägerin Martha heiratete. Inzwischen erhielt die internationale Suche nach NS-Verbrechern aber solchen Auftrieb, daß M. im Mai 1959 nach Paraguay auswich. Nur knapp entging er damals dem Schicksal Adolf Eichmanns, der am 11.5.1960 in Buenos Aires vom israel. Geheimdienst entführt wurde. Ende Oktober 1960 tauchte M. in der Nähe von São Paulo unter, während seine Frau und sein Stiefsohn nach Günzburg zurückkehrten. Die Verbindung zur Familie lief ausschließlich über seinen Freund Hans Sedlmeier, einen leitenden Angestellten der Günzburger Firma. Nachdem M. 1979 bei einem Badeunfall ertrunken war, wurde er als „Wolfgang Gerhard“ in Embu begraben. Jahrelang gelang es der Familie, seinen Tod geheimzuhalten. So wurden noch in den 80er Jahren der Haftbefehl gegen M. erneuert und die Prämien, die zu seiner Ergreifung führen sollten, auf insgesamt ca. 10 Millionen DM erhöht. Im Frühjahr 1985 tagte in Jerusalem das „Mengele Tribunal“. Wenige Wochen später wurde der Tod M.s bekanntgegeben und durch die Exhumierung und gerichtsmedizinische Untersuchung des Skeletts bestätigt.

  • Literatur

    M. Nyiszli, Auschwitz, A Doctor's Eyewitness Account, 1960;
    H. Langbein, Der Auschwitz-Prozeß, 2 Bde., 1965;
    ders., Menschen in Auschwitz, 1972, 21980;
    Ph. Aziz, Médecins de la Mort, 1975;
    A. Mitscherlich u. F. Mielke (Hrsg.), Medizin ohne Menschlichkeit, Dokumente d. Nürnberger Ärzteprozesses, 1978;
    B. Müller-Hill, Tödliche Wissenschaft, Die Aussonderung v. Juden, Zigeunern u. Geisteskranken 1933–45, 1984;
    E. Wiedemann. in: Der Spiegel 39, Nr. 17 v. 22.4.1985 (P);
    Rolf Mengele, in: Bunte, Nr. 26 v. 20.6.1985 (P);
    G. Astor, The „last“ Nazi, The Life and Times of Dr. J. M., 1985 (P);
    Searching for Dr. J. M., Hearings, Committee on the Judiciary, United States Senate, Febr. 19, March 19, and Aug. 2, 1985, 1986;
    G. L. Posner u. J. Ware, M., 1986 (P);
    R. J. Lifton, The Nazi Doctors, 1986;
    Z. Zofka, Der KZ-Arzt J. M., Zur Typol. e. NS-Verbrechers, in: VfZ 34, 1986, S. 245-67;
    M. H. Kater, Med. u. Mediziner im Dritten Reich, in: HZ 244, 1987, S. 299-352;
    L. L. Snyder, Hitler's Elite, 1989, S. 271-84 (P). – F. Kuballa, „Gesucht wird J. M.“, Fernsehfilm f. d. WDR, 1985.

  • Autor/in

    Franz Menges
  • Empfohlene Zitierweise

    Menges, Franz, "Mengele, Josef" in: Neue Deutsche Biographie 17 (1994), S. 69-71 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118783262.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA