Lebensdaten
1833 – 1890
Geburtsort
Berlin
Sterbeort
Kreuzlingen (Kanton Thurgau)
Beruf/Funktion
Psychiater ; Nervenarzt ; Neuropsychiater ; Professor der Psychiatrie in Berlin
Konfession
keine Angabe
Normdaten
GND: 119279789 | OGND | VIAF: 64813842
Namensvarianten
  • Westphal, Carl
  • Westphal, Karl Friedrich Otto
  • Westphal, Karl
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Objekt/Werk(nachweise)

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Zitierweise

Westphal, Karl, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd119279789.html [18.04.2024].

CC0

  • Genealogie

    V Otto (1800–79), aus B., Dr. med. et chir., prakt. Arzt, Geb.helfer, Geh. Sanitätsrat in Berlin, S d. Carl Friedrich Otto, Wirkl. Geh. Kriegsrat in B., u. d. Anne Louise Strenge;
    M Caroline (1811–88), T d. Heinrich Eduard Heine (Henoch Kallmann Soldin) (1775 / 77–1835), aus Soldin, Kolonialwarenkaufm., Bankier, Mitgl. d. Börsenkorporation in B., u. d. (Jitel) Henriette Maertens (Marcus) (1785–1845);
    Om Eduard Heine (1821–81), o. Prof. f. Math. an d. Univ. Halle-Wittenberg (s. NDB VIII);
    B Ernst Paul (1834–1903, Jessie Traill), in B.;
    Berlin 1862 Clara (1840–1927), aus B., T d. Alexander Mendelssohn (1798–1871), Bankier in B., GKR (s. NDB 17, Fam.art.), u. d. Marianne Seligmann (1799–1880), aus B.;
    3 S Alexander (1863–1941), o. Prof. f. Neuropsychiatrie an d. Univ. Bonn (s. L), Ernst Carl (1871–1949), Jur., Carl Franz (1875-um 1937), 4 T Anna Marianne (1864–1943, Eduard Sonnenburg, 1848–1915, Dr. med., Prof. in B., Mitgründer d. Berliner Chirurg. Ges., Geh. Med.rat, s. DBJ I, Tl.; Fischer, S d. Johann August Albert Sonnenburg, Dr. phil., in Bremen), Elisabeth Clara (1865–1942 Freitod), Maria (1867–1957, Franz v. Mendelssohn, 1865–1935, Bankier in B., s. Gr. Brockhaus 1932), Therese (1877–1969, Justus Boedeker);
    E Hedwig Sonnenburg (1889–1957, Fritz Weiss, 1877–1955, Dipl., Sinol., s. NDB 27);
    Verwandter Ernst ( n. 1879), Eisenbahndir. in B.

  • Biographie

    Nach dem Besuch des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums in Berlin begann W. 1851 hier Medizin zu studieren. Zum Sommersemester 1852 wechselte er nach Heidelberg, dann nach Zürich und 1853 / 54 zurück nach Berlin (Dr. med. 1855). Nach dem Staatsexamen 1856 führten ihn medizinische Studienreisen nach Wien und für fast ein Jahr nach Paris.

    W. wurde nach kurzer Zeit als Zivilassistent auf der Pockenstation der Berliner Charité 1858 unter Carl Wilhelm Ideler (1795–1860) 2. Assistent der Irrenabteilung. 1861 habilitierte er sich mit der unveröffentlichten Arbeit „Untersuchungen über die Körperwärme bei verschiedenen Formen der Geistesstörung“ und der Probevorlesung „Über die allgemeine progressive Paralyse“ (1862 Venia legendi). Wegen Spannungen mit dem Lehrstuhlinhaber an der Charité-Klinik für Geistes- und Nervenkranke, Wilhelm Griesinger (1817–68), übernahm W. interimistisch die Leitung der Inneren Abteilung. 1868 hatte er in England das dort geübte non-restraint-System psychiatrischer Patienten studiert, welches auf die Anwendung körperlichen Zwangs verzichtete. Das Programm, schon von Griesinger eingeführt, der nach drei Amtsjahren an der Charité verstarb, wurde von W. als dessen Nachfolger konsequent fortgesetzt. 1869 wurde W. zum Extraordinarius und dirigierenden Arzt der Abteilung für Geistes- und Nervenkranke ernannt (1874 o. Prof., 1881 / 82 Dekan). 1871 / 72 wurde auf Drängen W.s eine Poliklinik für Nervenkranke errichtet. Nach 1886 litt W. zunehmend unter Tabes dorsalis, der syphilitischen Rückenmark- und Nervenwurzelerkrankung, mit der er sich über Jahrzehnte wissenschaftlich beschäftigt hatte, ohne die syphilitische Ursache zu erkennen. W.s Schüler waren Martin Bernhardt (1844–1915), Otto Binswanger (1852–1929), Carl Fürstner (1848–1906), Moritz Jastrowitz (1839–1912), Carl Moeli (1849–1919), Hermann Oppenheim (1858–1919), Paul Samt (1844–75), Wilhelm Sander (1838––1922), Robert Thomsen (1858–1914), Ernst Siemerling (1857–1931) und Carl Wernicke (1848–1905).

    Wie sein Vorgänger repräsentierte W. die Einheit von Psychiatrie und Neurologie und gilt als Begründer der „Ersten Berliner Schule“ der Neuropsychiatrie. Die psychiatrische Fürsorge und zwangfreie Behandlung psychisch unruhiger Patienten stellten eine Abkehr von den früheren Irren-Asylen dar. Zudem galt es, Psychiatrie als medizinisches, naturwissenschaftliches Lehrfach in die universitäre Ausbildung einzuführen. W.s wissenschaftliche Leistungen lagen mehr in der präzisen klinisch-neuropathologischen Korrelations-Forschung, der von der franz. Schule besonders gepflegten „méthode anatomoclinique“, und weniger in der psychiatrischen Forschung. Bleibende Bedeutung haben seine Beschreibungen der Zwangsvorstellungen (1877) und der Agoraphobie (1872), jener Angst, offene Räume und öffentliche Plätze zu betreten und zu durchqueren. Die Medikalisierung der Homo- bzw. Transsexualität war amtlich nicht unwidersprochen geblieben (Die conträre Sexualempfindung, 1877). W. leitete durch die Beschreibung des Knie-oder Patellarsehnenreflexes 1875 zeitgleich mit Wilhelm Erb (1840–1921) in Heidelberg die Lehre von den neurologischen peripheren Reflexen ein. Dessen Nichtauslösbarkeit bei Tabes dorsalis (1878) aufgrund der tabischen entzündlichen Zerstörung der Hinterwurzeleintrittszone im Rückenmark (1881, 1882) ist als „Westphalsches Zeichen“ zum neurologischen Eponym geworden. Der autonome Kern des III. Hirnnerven, des Nervus oculomotorius im Hirnstamm und dessen Gewebeschädigung bei Tabes dorsalis – von W. beschrieben und von Ludwig Edinger (1855–1918) identifiziert – wird als „Westphal-Edinger-Kern“ bezeichnet. Subtile klinisch-anatomische Untersuchungen des Rückenmarks und Hirnstamms ermöglichten die Identifizierung distinkter Krankheiten, wie der kombinierten (primären) Erkrankung der Rückenmarkstränge (1878 / 79, 1886), der späteren funikulären Myelose bei Vitamin-B12-Mangel und der fleckweise oder disseminierten Myelitis nach Pockenerkrankung (1874).

    W.s Publikation von 1883 über Pseudosklerose stand im dt.sprachigen Raum am Beginn einer jahrzehntelangen Phantom-Diskussion über die „Westphal-Strümpell-Pseudosclero-| se“, die später meist der von Wilson 1912 beschriebenen, auch erblichen hepato-lentikulären Degeneration zugeordnet wurde; bei W.s Fall handelte es sich in Wirklichkeit um die jugendliche, Parkinson-ähnliche Form der Huntington-Chorea (W.-Variante d. Huntington-Erkrankung).

  • Auszeichnungen

    |Mitgl. d. Ges. f. wiss. Med. (1859, seit 1860 Berliner Med. Ges.), d. Ver. d. Dt. Irrenärzte (1864), d. Ges. d. Charité-Ärzte (1874) u. d. Leopoldina (1887);
    Gründer d. Berliner Med.-Psychol. Ges. (mit W. Griesinger 1867, Vors. 1868–90, seit 1879 Berliner Ges. f. Psychiatrie u. Nervenkrankheiten), d. Berliner Hülfsver. f. Genesene Gemüthskranke (1873) u. d. wiss. Deputation f. d. Med.wesen (1873);
    Ehrenmitgl. d. British Medical Ass. (1881);
    Geh. Med.rat (1881).

  • Werke

    Weitere W Die conträre Sexualempfindung, Symptom e. neuropath. (psychopath.) Zustandes, in: Archiv f. Psychiatrie u. Nervenkrankheiten 2, 1870, S. 73–108;
    Die Agoraphobie, e. neuropath. Erscheinung, Vortr. am 16. 5. 1871, Berliner medicinischpsychol. Ges., ebd. 3, 1872, S. 138–61;
    Ueber einige Bewegungs-Erscheinungen an gelähmten Gliedern, ebd. 5, 1875, S. 803–34;
    Erkrankungen d. Hinterstränge b. paralyt. Geisteskranken, ebd. 12, 1882, S. 772–78;
    Über e. dem Bilde d. cerebrospinalen grauen Degeneration ähnliche Erkrankung d. centralen Nervensystems ohne anatom. Befund, nebst einigen Bemm. über paradoxe Contraction, ebd. 14, 1883, S. 87–127;
    Über Zwangsvorstellung, Vortr. am 5. 3. 1877, Berliner medicinisch-psychol. Ges., in: Berliner klin. Wschr. 14, 1877, S. 669–72 u. S. 687–89;
    Gesammelte Abhh., 2 Bde., hg. v. Alexander Westphal, 1892 (P);
    Hg.: Archiv f. Psychiatrie u. Nervenkrankheiten, seit 1868 (mit L. Meyer).

  • Literatur

    |O. Binswanger, Zum Andenken an C. W., 1890;
    K. Moeli, Zur Erinnerung an C. W., 1890;
    H. Oppenheim, in: Berliner Klin. Wschr. 27, 1890, S. 93;
    A. Pick, in: Prager Med. Wschr. 15, 1890, S. 67–69;
    E. Siemerling, in: Archiv f. Psychiatrie u. Nervenkrankheiten 21, 1891, S. I-XV;
    W. Sander, ebd. 23, 1893, S. 294–96;
    I. Boedeker u. Alexander Westphal, in: Dt. Irrenärzte, Bd. 2, hg. v. Th. Kirchhoff, 1924, S. 110–21 (P);
    B. Dierse, C. W., 1833–1890, Leben u. Werk, Vertreter e. dt. naturwiss. orientierten Univ.psychiatrie im 19. Jh., Diss. Greifswald 1995 (W-Verz.);
    F. Kohl u. B. Holdorff, in: H. Hippius, B. Holdorff u. H. Schliack (Hg), Nervenärzte II, 2006, S. 197–211 (P);
    Kreuter, Neurologen (W-Verz.).

  • Porträts

    |Lith. v. G. Engelbach, (Bibl. d. HU).

  • Autor/in

    Bernd Holdorff
  • Zitierweise

    Holdorff, Bernd, "Westphal, Karl" in: Neue Deutsche Biographie 27 (2020), S. 905-907 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119279789.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Biographie

    Westphal: Karl Friedrich Otto W., Arzt, wurde als Sohn eines angesehenen Arztes in Berlin am 23. März 1833 geboren, sein Onkel war der bekannte ärztliche Leiter der Charité W. v. Horn. Er genoß in seiner Heimathstadt eine sorgfältige Erziehung, die in einem innigen Familienleben ihre harmonische Ergänzung fand. Im Herbst 1851 bezog er die Universität Berlin, um Medicin zu studiren; im nächsten Semester setzte er das Studium in Heidelberg fort, das er bereits im Winter 1852 mit Zürich vertauschte. Hier schloß er sich namentlich an den Physiologen Karl Ludwig an, zu dessen Lieblingsschülern er gehörte und in dessen Laboratorium seine spätere Dissertation „De aquae secretione per renes“ ihre experimentelle Grundlage fand. Zu seinen Züricher Freunden zählten Adolf Fick, Paul Dubois-Reymond, die Brüder Lothar und Oskar Meyer. Nach Berlin zurückgekehrt, promovirte er Ostern 1855 und bestand ein Jahr später die ärztliche Staatsprüfung; Lehrer wie Johannes Müller, Schönlein, Romberg, Traube, Langenbeck, Busch, v. Bärensprung hatten hier seine Ausbildung gefördert. Nachdem er noch Wien und Paris besucht hatte, wurde er 1858 Civilassistent an der Pockenabtheilung der Berliner Charité. Aeußere Verhältnisse, der Abgang des Assistenten Ludwig Meyer, der dem befreundeten W. zuredete, veranlaßten ihn bald darauf eine Assistenzarztstelle an der von Ideler geleiteten Abtheilung für Geisteskranke an der Charité zu übernehmen, die fortan die Stätte seiner Forscherthätigkeit sein sollte. Der erste Eindruck, den er beim Eintritt in die psychiatrische Laufbahn empfing, war der des Widerwillens; die damalige Zwangsbehandlung der Irren und der Aberglaube und die verkehrten Auffassungen jener Zeit stießen ihn ab. Erst Ideler's Nachfolger Griesinger schuf hier von Grund aus Wandel. 1861 habilitirte sich W. und erhielt ein Auditorium für psychiatrische Vorlesungen mit der Erlaubniß, einzelne Kranke vorzustellen. Nachdem er 1867—68, durch Mißhelligkeiten veranlaßt, sich vorübergehend der inneren Medicin zugewandt und Curse der klinischen Untersuchungsmethode abgehalten hatte, wurde er nach dem Tode Griesinger's dessen Nachfolger und wurde 1869 zum außerordentlichen Professor ernannt; der erste Lehrstuhl für Geistes- und Nervenkrankheiten an einer preußischen Universität ward ihm damit zu eigen. 1871 erhielt er auch eine Poliklinik für Nervenkrankheiten, 1874 die ordentliche Professur und die Berufung in die wissenschaftliche Deputation für das Medicinalwesen. Ein schleichendes schweres Nervenleiden entriß ihn am 27. Januar 1890 seiner Wirksamkeit. — Karl Westphal's Verdienste um die Nerven- und Irrenheilkunde beruhen auf seiner wissenschaftlich exacten Forschungsmethode, die sich, frei von Speculation und Hypothese, lediglich an die sorgsam erforschten anatomischen, physiologischen und pathologischen Thatsachen hielt. Auf diesem Wege konnte er nachweisen, daß die progressive Paralyse keine bloße Gehirnerkrankung sei und weiter das klinische Bild dieser verheerenden Krankheit neugestalten; für die Diagnostik hochwichtig wurde das sog. Westphal’sche Kniephänomen, der Nachweis, daß bei bestimmten Rückenmarkskrankheiten durch Klopfen auf gewisse Sehnen der Schenkel und des Fußes bestimmte Bewegungserscheinungen ausgelöst werden; er beleuchtete zum ersten Male gründlich Erscheinungen wie die Zwangsvorstellungen, die Platzfurcht (Agoraphobie), die conträre Sexualempfindung und gestaltete auch sonst vielfach die Lehre von den Geistes- und Nervenkrankheiten durch seine|Forschungen um. Seine „Gesammelten Abhandlungen“ gab sein Sohn Dr. A. W. 1892 heraus; sie füllen zwei stattliche Bände. Als Lehrer übte W. durch Klarheit und kritische Schärfe und seine Gewissenhaftigkeit und Humanität den Kranken gegenüber, als Verfechter aller Fortschritte der Krankenpflege einen tiefgehenden Einfluß; er wurde neben v. Gudden der Gründer einer psychiatrischen Schule, der eine Reihe von Universitätslehrern und Leitern von Irrenanstalten angehören.

    • Literatur

      C. Moeli, Zur Erinnerung an Karl Westphal. Berlin 1890. — Siemerling, Nekrolog im Archiv f. Psychiatrie (das K. Westphal längere Zeit herausgab), 1890.

  • Autor/in

    G. Korn.
  • Zitierweise

    Korn, G., "Westphal, Karl" in: Allgemeine Deutsche Biographie 42 (1897), S. 204-205 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119279789.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA