Lebensdaten
1920 – 2002
Geburtsort
Dresden
Sterbeort
Zürich
Beruf/Funktion
Rezitator ; Schauspieler ; Regisseur
Konfession
evangelisch
Namensvarianten
  • Westphal, Gerhard (eigentlich)
  • Westphal, Curt Gerhard (eigentlich)
  • Wehner, Gerhard (Pseudonym)
  • mehr

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Zitierweise

Westphal, Gert, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/sfz141057.html [28.02.2024].

CC0

  • Genealogie

    V Curt (1894–1971), Dir. e. Treibriemenfabrik in D.;
    M Elsa Bräuer (1895–1974), beide aus Moritzburg (Sachsen);
    B Werner (1921–71), Statiker in D.;
    Salzburg 1957 Gisela (* 1930), aus Comodoro Rivadavia (Argentinien), Schausp., Rezitatorin an d. dt.sprach. Rundfunkanstalten, seit 1967 Autorin, Lehrbeauftragte f. Sprecherziehung am Konservatorium Zürich 1978–93, seit 1975 Nachlaßverw. d. Lyrikerin Mascha Kaléko (1907–75), BVK 2008 (s. W, L), T d. Hansrobert Zoch (1898–1989), Dipl.-Berging., aus Rittel (Neumark, Westpr.), u. d. Alwine Gehrken (1894–1941), aus Legenhausen, Gde. Wachendorf b. Syke (Niedersachsen);
    2 T.

  • Biographie

    W. besuchte die Volksschule in Dresden-Striesen, später das Dresdner Realgymnasium Blasewitz (seit Nov. 1938 „Schillerschule Blasewitz“). Schon 1934 trug er erstmals eine Rezension im Funk bei der Sendestelle Dresden vor. Nach dem Abitur 1939 begann er eine Schauspielausbildung am Dresdner Konservatorium bei Alfons Mühlhofer (1900–52) und am Dresdner Staatsschauspielhaus bei Paul Hoffmann (1902–90). Im Sept. 1940 debütierte W. in der Rolle des zweiten Reiters in Goethes „Götz von Berlichingen“, bevor er im selben Monat zum Kriegsdienst eingezogen wurde. Seine Ausbildung schloß W. während eines dafür gewährten Fronturlaubs im Jan. 1941 vor der Reichstheaterkammer mit einer Kurzvorstellung von Büchners „Dantons Tod“ ab. Als Rittmeister und Oberleutnant eines Kavallerie-Regiments wurde W. nach kurzer Kriegsgefangenschaft im Sommer 1945 als Landarbeiter entlassen. 1946 von Heinz Suhr (1904–85) an die Bremer Kammerspiele engagiert, übernahm W. zeitgleich einen Posten als Sprecher und Redakteur bei Radio Bremen, dem kleinsten Sender der drei Besatzungszonen. In der Folgezeit bearbeitete er zahlreiche Bücher von Autoren, die während der NS-Zeit verboten gewesen waren, als Hörspiel oder für Lesungen. Darüber hinaus verfaßte er unter dem Pseudonym Gerhard Wehner (in Anlehnung an einen im Krieg gefallenen Freund) einige Hörspiele. 1948 wurde W. zusätzlich zu seiner bisherigen Tätigkeit Oberspielleiter der Hörspielabteilung. Ab etwa 1950 folgten erste Gastspiele an anderen dt. Sendern, in Österreich und in der Schweiz; neben weiteren Hörspielaufnahmen für Radio Bremen inszenierte und produzierte W. nun in Österreich und in der Schweiz zunehmend auch Aufnahmen, die in Bremen der personellen und technischen Anforderungen wegen nicht realisiert werden konnten.

    1953 wechselte W. zum Südwestfunk Baden-Baden; hier begann die für ihn prägendste Radiozeit. Zunächst nur als Abteilungsleiter und Chefregisseur u. a. für die von Max Ophüls (1902–57) inszenierte „Novelle“ nach Goethe im Hintergrund zuständig, wurde W. von Ophüls als Wunschkandidat für den Part des Erzählers in dem nach Arthur Schnitzler (1862–1931) verfaßten Hörspiel „Berta Garlan“ benannt. In der Rückschau bezeichnete W. diese Zusammenarbeit als die schönste Aufgabe, die er im Radio je gelöst habe. Im Vertrauen auf W.s Regie spielte Ophüls die einzige Hörspielrolle seines Lebens, den Präsidenten in Giraudouxs „Lied der Lieder“. 1958–59 hatte W. zusätzlich die Leitung der Fernsehabteilung beim Südwestfunk inne.

    Im Jan. 1960 wechselte W. nach Zürich, wo er am dortigen Schauspielhaus bis 1980 zum festen Ensemble gehörte. In dieser Zeit übernahm er zahlreiche Regien sowie bedeutende Rollen der Klassik und der Moderne und wirkte an zahlreichen Uraufführungen mit. 1963 gastierte W. mit dem Theater-Ensemble Oskar Werner am Theater der Nationen in Paris mit einer Aufführung von Goethes „Torquato Tasso“. Zusammen mit Käthe Gold (1907–97) und Walter Richter (1905–85) trat er im Jan. 1965 in Haifa (Theater), Tel Aviv (Habima-Theater) und Jerusalem (Konzertsaal) auf, wo Strindbergs „Totentanz“ als erstes Theaterstück in dt. Sprache überhaupt in Israel zur Aufführung kam. Zusätzlich zu seiner Theaterarbeit war W. wiederholt in Film und Fernsehen – meist in der Rolle des etablierten bzw. arrivierten älteren Herren oder als Erzähler – tätig bzw. führte hier Regie. Mit Nachdruck sprach er sich gegen das in den 1970er Jahren populär werdende Regietheater aus. Aus „Treue zum Metier“ und aus Verpflichtung dem Wort und seinem Autor gegenüber verabschiedete er sich schließlich vom Zürcher Schauspielhaus. Fortan war W. nur noch als freischaffender Künstler tätig. Neben der Theaterarbeit inszenierte er u. a. auch Opern klassischer wie moderner Komponisten. Im Okt. 1965 dozierte W. am Mo-| zarteum in Salzburg über Rollengestaltung, 1989 an der Hochschule für Wirtschaft St. Gallen über das Vorlesen.

    Für Katia Mann war W. „des Dichters oberster Mund“, für Golo Mann der wohl letzte „Meister des gesprochenen Wortes“. W. selbst, von Petra Kipphoff 1984 in der „Zeit“ als „König der Vorleser“ geadelt, bezeichnete Fontane, Goethe und Thomas Mann zeitlebens als seine „Säulenheiligen“. Während seiner mehr als 60jährigen Tätigkeit nahm er mehrere tausend Stunden im Studio auf und las Werke von über 250 Autoren ein, zudem setzte er sich für neue oder nur schwer realisierbare Formate und Projekte ein. Der damalige Chefredakteur der Jazz-Redaktion des Südwestfunks, Joachim-Ernst Berendt (1922–2000), wählte W. wegen dessen Textverständnisses und Musikalität für die in den 1950er Jahren von ihm neu kreierten Jazz & Lyrik-Programme aus, die bis heute stilbildend wirken. 1978 erhielt W. neben der dt. Staatsbürgerschaft das Schweizer Bürgerrecht und konnte damit – lange vor der Wiedervereinigung – auch für den Hörfunk der DDR und die VEB Deutsche Schallplatten Berlin als Rezitator tätig werden.

    W., dessen markante Stimme seit Anfang der 1970er Jahre dunkler wurde, hat wie kein zweiter über Radio und Tonträger große und kleinere Literatur, selbst sog. Trivialliteratur in der dt.sprachigen Öffentlichkeit vermittelt. In zahlreichen Hörspielen übernahm er die Doppelfunktion des Erzählers und Regisseurs. Durch Wiederholungen im Hörfunk und (Wieder-)Veröffentlichungen von Tonträgern ist er bis in die Gegenwart präsent.

  • Auszeichnungen

    |u. a. Lit.preis d. Kt. Zürich (1975);
    BVK 1. Kl. (1982);
    Dt. Schallplattenpreis (1988);
    Goldenes Verdienstzeichen d. Landes Salzburg (1990);
    Goldenes Ehrenzeichen f. Verdienste um d. Bundesland Niederösterr. (1990);
    Mitgl. d. Freien Ak. d. Künste in Hamburg (1994);
    Ehrenmedaille Schloß Reinbek (1995);
    Biermann-Ratjen-Medaille d. Stadt Hamburg (2001);
    zahlr. Preise d. dt. Schallplattenkritik: Hörspielpreis d. Kriegsblinden f. „Prinzessin Turandot“ v. W. Hildesheimer (1955, Regie);
    Prix Italia f. „Wovon wir leben und woran wir sterben“ v. Herbert Eisenreich (1957, Sprecher);
    Prix Italia f. „A hard day’s night“ v. A. Bodelsen (1967, Regie);
    Ehrenurk. d. Dt. Schallplattenkritik (1991);
    Hörspiel d. Monats „Udo der Stählerne“ v. Theodor Weißenborn u. Josef Alois Gleich (Jan. 1994, Erzähler);
    Das Goldene Grammophon (1995, als erster u. bislang einziger Sprecher);
    Preis d. dt. Schallplattenkritik (1995, mit Gisela Zoch-W.).

  • Werke

    Weitere W u. a. Literatur: nahezu die gesamte Prosa v. Fontane, Th. Mann u. Goethe, z. T. in mehrfachen Aufnahmen;
    Der grüne Heinrich, v. G. Keller, 1990;
    ebenso – überwiegend ungekürzt – zahlr. Schlüsselwerke d. russ., franz. u. engl.sprachigen Lit., u. a. Die Elenden v. Victor Hugo, Schuld u. Sühne v. Dostojewski, Bleak House v. Ch. Dickens;
    Hörspiele: Kgl. Hoheit, 1953 / 54;
    Am grünen Strand d. Spree, 1956;
    Doktor Schiwago, 1958;
    Radetzkymarsch, 1962;
    Buddenbrooks, 1965;
    Krieg u. Frieden, 1965;
    Operninszenierungen: Werke v. W. A. Mozart, D. Cimarosa, G. Verdi, R. Wagner, A. Honegger, H. W. Henze u. A. Reimann an d. Dt. Oper am Rhein Düsseldorf, am Staatstheater Braunschweig, am Nat.theater Mannheim, am Hess. Staatstheater Darmstadt, am Stadttheater Bern u. am Opernhaus Nürnberg;
    W-Verz.: O. W. Grabow, G. W., Gesamtverz. seiner Arbb. v. 1940 bis 2002, 2013 (P);
    Nachlaß: DLA Marbach;
    mit Gisela Zoch-W.: Bühnen- u. Hörspielrollen: Buddenbrooks, 1965;
    Krieg u. Frieden, 1965;
    Der Fall Maurizius, 1968;
    Aus d. sechs Leben d. Mascha Kaléko, Eine Ausw. aus ihrem Werk, 1987;
    „Du“ – Liebeslyrik u. Liebesbriefe aus vier Jhh. (mit Th. Manns Ansprache z. 70. Geb.tag seiner Frau Katia), 1989;
    „Bleib doch mein!“, Aus d. Briefwechsel zw. Emilie u. Theodor Fontane (CD), 1995;
    „Lieber Geheimerath …“ – Johann Wolfgang v. Goethe & Christiane Vulpius, Eine Liebes- u. Ehegesch., 1998;
    Angelika Kauffmann, 2001;
    zu Gisela Zoch-W.: Hg.: Mascha Kaléko, In meinen Träumen läutet es Sturm, Gedichte u. Epigramme aus d. Nachlaß, 1977;
    dies., Heute ist morgen schon gestern, Gedichte aus d. Nachlaß, 1980, ⁶1990;
    – Mascha Kaléko, Die paar leuchtenden Jahre, Mit e. Essay v. H. Krüger u. e. Biogr. v. Gisela Zoch-W., 2003, ⁷2008.

  • Literatur

    |eine krit. Monogr. liegt bisher nicht vor;
    Des Dichters oberster Mund, G. W. z. 70. Geb.tag, hg. v. M. Kraske, 1990 (P);
    Kunst d. Vergegenwärtigung, Zum 70. Geb.tag v. G. W., in: NZZ v. 5. 10. 1990;
    Th. Sprecher, Die Sprache als Fest, G. W. wird achtzig, in: NZZ v. 5. 10. 2000;
    ders., Ein Leben f. d. Sprache, Zum Tod v. G. W., ebd. v. 12. 11. 2002;
    J. Kesting, Raunender Musizierer d. Imperfekts, Vorlesen als schöne Kunst betrachtet, Dem Erzählvirtuosen G. W. z. Achtzigsten, in: FAZ v. 5. 10. 2000 (P);
    G. Stadelmaier, Der Stimmbildner, Tief ist d. Brunnen d. Vorlesezeit, Zum Tod v. G. W., ebd. v. 12. 11. 2002 (P);
    M. Seewald, Er wollte noch einmal lesen, Das letzte Interviewgespräch mit G. W., ebd. v. 14. 11. 2002 (P);
    – Theaterlex. Schweiz (P);
    – „Ich lese die Bilder, die vor meinen Augen ablaufen“, G. W. z. 70. Geb.tag, Rundfunkporträt v. W. Wessels (SWR, 1990).

  • Autor/in

    Oliver W. Grabow
  • Zitierweise

    Grabow, Oliver W., "Westphal, Gert" in: Neue Deutsche Biographie 27 (2020), S. 904-905 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz141057.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA