Wirths, Eduard

Lebensdaten
1909 – 1945
Geburtsort
Geroldshausen bei Würzburg
Beruf/Funktion
SS-Sturmbannführer ; Arzt im KZ Auschwitz
Konfession
-
Namensvarianten

  • Wirths, Eduard Egid
  • Wirths, Eduard
  • Wirths, Eduard Egid

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Zitierweise

Wirths, Eduard, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/sfz142905.html [10.02.2026].

CC0

  • Wirths, Eduard Egid

    | SS-Sturmbannführer, Standortarzt im Konzentrationslager Auschwitz, * 4.9.1909 Geroldshausen bei Würzburg, (Suizid) 20.9.1945 Internierungslager Staumühle, Hövelhof bei Paderborn.

  • Genealogie

    V Albert (1881–1945), aus Waldbröl (Berg. Land), Techniker, Steinbruchbes., Architekt, Untern. in G., S d. Christian, Kaufm., u. d. Lina Heinrich;
    M Maria (1888–1912), aus Ochsenfurt, T d. N. N. Kunkel u. d. Karoline Lochner (1866–1950);
    2 B u. a. Helmut Heinrich (* 1912), Dr. med., Frauenarzt, 1 Schw;
    1936 Gertrud Maria (Traudl) (1912–2012?), aus Würzburg, T d. Bruno Petavy (1884–1946) u. d. Karoline Wilhelmine Pfister (1885–1957);
    3 S u. a. Rainer (1942–2006), Dr. med., Dieter (* 1944), 1 T; Schwager Ludwig Petavy (1922–1979), Dr. med., zuletzt in München.

  • Biographie

    Nach dem Abitur an der Oberrealschule Würzburg 1930 studierte W. Medizin an der Univ. Würzburg, legte dort im Dez. 1935 die Ärztliche Prüfung ab und wurde 1936 mit einer chirurgischen Dissertation über „Der heutige Stand der Pseudarthrosen, unter besonderer Berücksichtigung der operativen Behandlung der Knochenbrüche“ zum Dr. med. promoviert (Bestallung z. Arzt im Dez. 1936). Während des Studiums war W. bis 1932 Mitglied der bündisch-völkischen „Deutschen Hochschulgilde“, seit 1933 der NSDAP und der SA sowie seit Okt. 1934 der SS. Als Medizinalassistent war er 1936 im Thüringer „Landesamt für Rassewesen“ unter seinem ehemaligen Bundesbruder Karl Astel (1898–1945) tätig, wechselte noch im selben Jahr in das Gesundheitsamt nach Sonneberg und 1937 als Assistenzarzt an die Universitäts-Frauenklinik in Jena. 1938 ließ er sich als Landarzt in Merchingen (bei Osterburken, Odenwald) nieder und arbeitete 1940 kurz bei der Reichsärztekammer.

    Von Sept. 1939 bis Mai 1940 war W. einer Sanitäts-Ersatz-Kompagnie der Waffen-SS, von Juli 1940 bis Febr. 1941 der Sanitäts-Inspektion der Waffen-SS unter Reichsarzt-SS Ernst-Robert Grawitz (1899–1945) zugeteilt, dem seit 1936 alle SS-Ärzte in Konzentrationslagern unmittelbar unterstanden, und anschließend bei der 6. SS-Gebirgs-Division-Nord in Nord-Norwegen eingesetzt. Im Frühjahr 1942 wurde W. wegen einer Herzerkrankung als kriegsuntauglich vom militärischen Dienst zurückgestellt.

    Seit April 1942 war W. in verschiedenen Konzentrationslagern an der Selektion, der Ermordung sowie am Mißbrauch von Häftlingen durch Humanexperimente mittelbar und unmittelbar beteiligt. Über die Konzentrationslager Dachau und Neuengamme gelangte er im Sept. 1942 in das Konzentrationslager Auschwitz, wo er bis zur Auflösung des Lagers 1945 als Standort-Arzt tätig war. Damit unterstanden W. das gesamte medizinische Personal und alle in diesem Vernichtungslager kurz- oder längerfristig eingesetzten Ärzte unmittelbar, unter ihnen die Lagerärzte Josef Mengele (1911–1979), Horst Fischer (1912–1966), Horst Schumann (1906–1983), Carl Clauberg (1898–1957) und August Hirt (1898–1845). Die medizinischen Versuche sollten v. a. der Bekämpfung des Fleckfiebers dienen, wozu Häftlinge vorsätzlich mit Fleckfieber infiziert wurden, um sie dann mit Sera der I. G. Farben unter der Ägide des W. unterstellten Lagerarztes Hellmuth Vetter (1910–1949) zu behandeln. Das Spektrum der medizinischen Versuche umfaßte auch medikamentöse Experimente, Strahlen- und chirurgische Versuche sowie diagnostische Versuche mit dem Kolposkop. Für die Betreuung der Opfer setzte W. auch Häftlingsärzte ein, so etwa Adélaïde Hautval (1906–1988), Alina Brewda (1905–1988) und Maximilian Samuel (1880–1943).

    Über W.s Tätigkeit informiert v. a. dessen Häftlingsassistent, der Auschwitz-Überlebende, kommunistische Widerstandskämpfer und Historiker Hermann Langbein (1912–1995). Dieser organisierte zugleich den Widerstand im Konzentrationslager und berichtete über W.s Verbrechen und dessen Einsatz für eine Verbesserung der katastrophalen hygienischen Verhältnisse im Lager, in dem Fleckfieber und Typhus wüteten. In der Wahrnehmung Langbeins wirkte W. nur widerwillig im Vernichtungsapparat der SS mit, soll sich den üblichen Tötungen durch Phenolinjektionen von Kranken widersetzt und Folterungen ver|hindert haben. Die Fakten konterkarieren diese Einschätzung: Die Zahl der „Abspritzungen“ mit Phenol für den Zeitraum von Sept. bis Dez. 1942 allein durch die W. unterstehenden Lagerärzte Friedrich Entress (1914–1947) und Paul Kremer (1883–1965) belief sich auf 1657; Hochrechnungen gehen davon aus, daß im Krankenbau des Stammlagers ca. 20 000 gefangene Patienten durch Injektionen getötet wurden. Tatsächlich scheint es unter W.s ärztlicher Leitung gelungen zu sein, Fleckfieber und andere Infektionskrankheiten zumindest zeitweilig zu unterdrücken, wofür er Mengele 1944 für das Kriegsverdienstkreuz vorschlug. Mengele hatte, gebilligt von W., einen ganzen Block des Lagers mit 600 kranken Frauen in der Gaskammer töten lassen. Als sich Ende 1944 die Versorgungslage im Lager verschlechterte, erlaubte W., daß Mengele alle kranken und geschwächten Häftlinge (ca. 40 000) durch Gas liquidieren ließ.

    Als Auschwitz am 17.1.1945 evakuiert wurde, floh W. über Loslau und Ratibor bis Ende Jan. in das SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt in Oranienburg. Vom 1. Febr. bis zum 30. März 1945 war er Lagerarzt im Konzentrationslager Dora-Mittelbau bei Nordhausen, hielt sich anschließend in den Konzentrationslager Bergen-Belsen und Neuengamme auf und begleitete einen Lazarettzug von Berlin nach Lübeck und Husum. Auf der Flucht vor brit. Truppen tauchte W. am 8. Mai bei seinem Bruder Helmut in Hamburg unter und wurde nach Krankenhausaufenthalten in Groß Flottbek und Eppendorf am 20. Juli festgenommen. In das frühere Konzentrationslager Neuengamme und brit. Internierungslager Neumünster überführt, wurde W. am 15. Sept. erstmals in Hamburg verhört und danach ins Internierungslager Staumühle bei Hövelhof/Senne verlegt. Hier unternahm er nach einem Verhör am 17. Sept. einen Suizidversuch, an dessen Verletzungen er verstarb. Einsehen in sein verbrecherisches Handeln entwickelte W. bis zum Schluß nicht; in einer in der Gefangenschaft verfaßten, schriftlichen Rechtfertigung betonte er sein Bemühen, seinem „christlichen und ärztlichen Gewissen entsprechend, den Kranken“ geholfen zu haben.

  • Auszeichnungen

    |EK II. Kl. (1941);
    SS-Sturmbannführer d. Res. (1944);
    Kriegsverdienstkreuz 2. Kl. mit Schwertern (1944).

  • Literatur

    |R. J. Menney, I Shall Fear no Evil, the Story of Dr. Alina Brewda, 1966;
    H. Langbein, Menschen in Auschwitz, 1980;
    G. L. Posner u. J. Ware, Mengele, Die Jagd auf d. Todesengel, 1993;
    W. Długoborski u. F. Piper (Hg.), Auschwitz 1940–1945, Stud. z. Gesch. d. Konzentrations- u. Vernichtungslagers Auschwitz, 5 Bde., 1999;
    T. Werther, Fleckfieberforsch. im Dt. Reich 1914–45, Unterss. z. Beziehung zw. Wiss., Ind. u. Pol. unter bes. Berücksichtigung d. IG Farben, Diss. Marburg 2004;
    K. Beischl, Dr. med. E. W. u. seine Tätigkeit als SS-Standortarzt im KZ Auschwitz, 2005 (P);
    U. Völklein, Der ‚Märchenprinz‘, E. W., v. Mitläufer z. Widerstand, als SS-Arzt im Vernichtungslager Auschwitz, 2006 (P);
    H.-J. Lang, Die Frauen v. Block 10, med. Versuche in Auschwitz, 2011;
    S. Hörner, Der Auschwitz-Konzern, d. verschwiegenen Täter d. Holocaust, I. G. Farbenind. AG, 2015;
    W. Kühn u. a., Hans Hinselmann u. d. Kolposkopie im NS, in: Frauenarzt 56, 2015, S. 300–02;
    C. Mattogno, Health Care in Auschwitz, Medical Care and Special Treatment of Registered Inmates, 2016;
    R. W. Halpin, Jewish Doctors and the Holocaust, the Anatomy of Survival in Auschwitz, 2018;
    Qu BA Berlin.

  • Autor/in

    Wolfgang U. Eckart †
  • Zitierweise

    Eckart, Wolfgang U., "Wirths, Eduard Egid" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 289-290 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz142905.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA