Lebensdaten
erwähnt 1009, gestorben 1018
Geburtsort
Walbeck/Aller (?)
Sterbeort
Merseburg (?)
Beruf/Funktion
Bischof von Merseburg ; Chronist
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118757083 | OGND | VIAF: 32792310
Namensvarianten
  • Thietmar von Merseburg
  • Diethmarus
  • Diethmar
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Zitierweise

Thietmar, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118757083.html [26.10.2020].

CC0

  • Genealogie

    V Siegfried, Gf. v. W. ( 991), S d. Liuthar (Lothar II.), Gf. v. W. ( 964) u. d. Mathilde v. Arneburg ( 991);
    M Kunigunde, Gfn. v. Stade ( 997), T d. Heinrich I. (d. Kahle), Gf. v. Stade ( 975/76), aus d. Geschl. d. Udonen, u. d. Judith v. Rheinfelden ( wohl 973); Gr-Tante-v Emnilde, Kanonissin in Quedlinburg;
    Ov Lothar (Liuthar), Mgf. d. sächs. Nordmark (Altmark) ( 1003, s. NDB 15);
    B Heinrich, Gf. v. W., Friedrich, Burggf. v. Magdeburg, Siegfried ( 1032), 1009–22 Abt d. Klosters Berge b. Magdeburg, 1022 Bf. v. Münster, Brun II. ( 1049), Abt d. Klosters in Nienburg u. d. Klosters Berge b. Magdeburg, Bf. v. Verden (s. ADB III), Schw Oda, Gfn. v. Falkenburg ( Gozwin, Gf. v. Falkenburg), Halb-B Willigis, Propst d. Klosters in W.

  • Leben

    T. entstammte einer der führenden sächs. Adelsfamilien und verfügte über einflußreiche verwandtschaftliche Beziehungen. Früh für die geistliche Laufbahn bestimmt, empfing er seine erste Ausbildung im Quedlinburger Kanonissenstift bei seiner Großtante Emnilde, seit 987 im Johanneskloster in Berge bei Magdeburg. Am 1. 11. 990 wurde T. in das Magdeburger Domstift aufgenommen und damit zugleich Schüler in dessen berühmter Domschule. Zum Mitglied des dortigen Domkapitels und Pfründeninhaber aufgestiegen, behielt er diese beiden Positionen offenbar bei, auch nachdem er am 7. 5. 1002 das Familienstift Walbeck/Aller als Propst übernommen hatte. Die Priesterweihe empfing T. am 21. 12. 1007 in Gegenwart Ks. Heinrichs II. (973–1024) durch Ebf. Tagino v. Magdeburg (reg. 1004–12), welcher ihn 1008 als Nachfolger im erst 1004 wiedererrichteten Bistum Merseburg empfahl; mit diesem wurde er von Heinrich am 20. 4. 1009 investiert. Als Bischof bemühte sich T. energisch um eine besitzrechtliche Sicherung der bei der Bistumsaufhebung 981 verlorengegangenen Gebiete und legte 1015 den Grundstein für einen Domneubau.

    Vermutlich zwischen 1002 und 1009 verfaßte T. ein Gedicht auf die Grablege seiner Vorfahren in der Stiftskirche von Walbeck, welches nur durch einen Druck von Heinrich Meibom d. Ä. (1555–1625) tradiert wird. Eigenhändige Spuren hinterließ er im Merseburger Toten- und Meßbuch, verloren ist hingegen ein Martyrolog mit seinen Eintragungen (vgl. Chronik, l. VII, c. 13). Seine an autobiographischen Details und Informationen über seine Blutsverwandtschaft reiche, im Herbst 1012 ursprünglich als Ortshistorie von Merseburg begonnene Chronik zeugt von umfassender Bildung und gehört zu den wichtigsten Geschichtswerken der ausgehenden Ottonenzeit. In der Gliederung orientierte sich T. an den Herrschaftszeiten der Ottonen – von Kg. Heinrich I. bis zum Jahr 1018 – und verklammerte hierin die reichsgeschichtliche und die bistumsgeschichtliche Perspektive mit der Memorialpflege. Dem Totengedächtnis verpflichtet und als Handreichung für seinen Amtsnachfolger gedacht, widmet die Chronik den innersächs. Verhältnissen sowie den Kontakten zu den Slawen besondere Aufmerksamkeit, wobei T. nicht mit eigenen Urteilen sparte. Für die ersten vier Bücher stützte er sich v. a. auf Widukinds Sachsengeschichte und die „Annales Quedlinburgenses“, berichtete in den vier Schlußbüchern, die als Gegenwartschronistik die Regierungszeit Heinrichs II. behandeln, aber zunehmend als bestens informierter Zeitgenosse und aus eigener Anschauung.

    Das handschriftliche Original der Chronik mit eigenhändigen Korrekturen und Ergänzungen T.s ist in Dresden erhalten. Offenbar hat T. selbst diesen Text redaktionell bearbeitet; in dieser Gestalt lag er einer im Kloster Corvey spätestens 1120 angefertigten Überarbeitung zugrunde. Von dieser Redaktionsstufe existiert als Ableitung nur noch ein heute in Brüssel aufbewahrtes Manuskript des 15. Jh. neben zwei hochmittelalterlichen Fragmenten. Im Kontrast zu ihrer selbständig nur schmalen handschriftlichen Überlieferung ist T.s Chronik die im sächs. Raum am breitesten rezipierte erzählende Quelle für die Ottonenzeit.

  • Quellen

    Qu Heinrich Meibom, Walbeck. Chronica, Helmstedt 1619; – krit. Ausg.: Die Chronik d. Bf. T. v. M. u. ihre Korveier Überarb., hg. v. R. Holtzmann, MGH SS rer. Germ. N. S. 9, 1935, Nachdrr. 1955, 1980 u. 1996; Ausg. mit dt. Übers. v. W. Trillmich, 9., bibliogr. aktualisierte Aufl. mit e. Nachtr. u. e. Bibliogr. v. S. Patzold, 2011; Die Necrologien v. Merseburg, Magdeburg u. Lüneburg, hg. v. G. Althoff u. J. Wollasch, MGH Libri Memoriales et Necrologia N. S. 2, 1983; – digitale Ed. d. Chronik d. T. v. M., bearb. v. A. Mentzel-Reuters u. G. Schmitz (seit 2002 im Internet, enthält Faks. d. Dresdner Hs.).

  • Literatur

    L ADB 38;
    H. Lippelt, T. v. M., Reichsbf. u. Chronist, 1973;
    H. Wellmer, Persönl. Memento im Dt. MA, 1973;
    K. Görich, Otto III. Romanus Saxonicus et Italicus, Ksl. Rompol. u. sächs. Historiogr., 1993, 21995;
    H. Hoffmann, Mönchskg. u. rex idiota, 1993;
    K. Naß, Die Reichschronik d. Annalista Saxo u. d. sächs. Gesch.schreibung im 12. Jh., 1996;
    W. Goez, in: ders., Lb. aus d. MA, 21998, S. 106–17 u. 504 f.;
    S. Bagge, Kings, Politics, and the Right Order of the World in German Historiography c. 950–1150, 2002;
    P. Engelbert, Das Papsttum in d. Chronik T.s v. M., in: Röm. Quartalschr. f. christl. Altertumskde. u. KGesch. 97, 2002, S. 89–122;
    Die AnnalesQuedlinburgenses, hg. v. M. Giese, MGH SS rer. Germ. 72, 2004 (Einl.);
    D. Fraesdorff, Der barbar. Norden, Vorstellungen u. Fremdheitskategorien b. Rimbert, T. v. M., Adam v. Bremen u. Helmold v. Bosau, 2005;
    S. Rossignol, Die Spukgeschichten T.s v. M., in: Concilium medii aevi 9, 2006, S. 47–76;
    A. Bihrer, Verwobene Konstellationen […], T. v. M. über d. Angelsachsen, in: Identität u. Krise? Zur Deutung vormoderner Selbst-, Welt- u. Fremderfahrungen, hg. v. Ch. Dartmann u. C. Mayer, 2007, S. 45–59;
    R. Meens, Kirchl. Buße u. Konfliktbewältigung, T. v. M. näher betrachtet, in: Frühma. Stud. 41, 2007, S. 317–30;
    Ch. Schuffels, Die wiederentdeckten Verse T.s v. M. u. d. Grablege seiner Fam. in Walbeck, in: Tausend J. Kirche in Walbeck, hg. v. B. Heinecke u. K. Ingelmann, 2007, S. 65–83;
    D. St. Bachrach, The military organization of Ottonian Germany, c. 900–1018, The views of bishop T. v. M., in: The journal of military history 72, 2008, S. 1061–88;
    K. Schulmeyer-Ahl, Der Anfang vom Ende d. Ottonen, Konstitutionsbedingungen historiograph. Nachrr. in d. Chronik T.s v. M., 2009;
    P. Wiszewski, Domus Bolezlai, Values and social identity in dynastic traditions of medieval Poland (c. 966–1138), 2010;
    H.-W. Goetz, Die Chronik T.s v. M. als Ego-Dok., Ein Bf. mit gespaltenem Selbstverständnis, in: Ego Trouble, Authors and Their Identities in the Early Middle Ages, hg. v. R. Corradini u. a., 2010, S. 259–70;
    Vf.-Lex. MA2;
    BBKL XI;
    LexMA;
    RGG 3-4 ;
    Repert. Fontium;
    The Enc. of the Medieval Chronicle, hg. v. G. Dunphy, 2010; Sächs. Biogr.

  • Autor/in

    Martina Giese
  • Empfohlene Zitierweise

    Giese, Martina, "Thietmar" in: Neue Deutsche Biographie 26 (2017), S. 143-144 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118757083.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Thietmar, von 1009—1018 Bischof von Merseburg, hat uns eine sehr werthvolle Chronik hinterlassen. Geboren am 25. Juli 975 stammte er aus sehr vornehmer Familie der Grafen von Walbeck und von mütterlicher Seite der Grafen von Stade, verwandt mit den angesehensten Fürstenhäusern und selbst mit den Ottonen. Er war aber unansehnlich von Gestalt und wurde als Kind durch einen Bruch des Nasenknorpels entstellt. Eine weitere Entstellung durch eine auf der linken Seite des Gesichts ausgebrochene Fistel mag erst später eingetreten sein, aber schon als Kind scheint er als ungeeignet zum Kriegsmann betrachtet zu sein und wurde zum geistlichen Stande bestimmt. Den ersten Unterricht genoß er von seiner Muhme Emnilde im Stift Quedlinburg, dann wurde er 988 Ricdag, dem Abt des Johannesstifts in Magdeburg anvertraut. Ihm hier eine Stelle zu verschaffen gelang aber nicht, doch wurde er am 1. November|991 in die Brüderschaft des Domcapitels zu Magdeburg aufgenommen. Endlich gelang es ihm 1002 durch Abtretung eines Landgutes an seinen Oheim die Propstei des von seinem Großvater gestifteten Klosters Walbeck an der Aller zu erhalten. Dagegen lehnte er die Zusage, aus seinem Vermögen das Stiftsgut von Merseburg zu vermehren, ab, und erhielt 1009 die bischöfliche Würde ohne Bedingung. Sich selbst und seinem Charakter gibt er in seiner Chronik ein sehr schlechtes Zeugniß, aber eben die Demuth dieses Bekenntnisses läßt vermuthen, daß er, wenn auch nicht frei von Schwächen, doch von redlichem Streben beseelt war, und zu diesem Schlusse führt auch die in seiner Chronik überall hervortretende Gesinnung. Leider fehlt es ganz an Aeußerungen von Zeitgenossen über ihn. Er starb am 1. December 1018.

    Von den politischen Begebenheiten wurde er vielfach unmittelbar berührt; schon 994 sollte er den noch einmal wieder siegreich vordringenden Normannen als Geisel übergeben werden, und später waren es die Verhältnisse zu den wendischen und polnischen Nachbarn, welche ihn und seine Verwandten oft gefährdeten; er selbst mußte mit seinen Lehnsmannen den Kaiser in den Krieg begleiten. Schon 1004 ist er von Heinrich II. bei seiner Priesterweihe beschenkt worden, und seitdem war er häufig am Hofe und empfing auch den Kaiser als Wirth in Merseburg, so daß es ihm nicht an Gelegenheit fehlte, auch von entfernteren Vorgängen Kunde zu erhalten.

    Das Bisthum Merseburg war durch Giseler's Ehrgeiz zerstört und erst 1004 wieder hergestellt worden; diese Vorgänge waren es zunächst, welche Th. veranlaßten, im J. 1012 sein Geschichtswerk zu beginnen. Allein bald erweiterte sich sein Gesichtskreis, er schrieb eine Reichsgeschichte von Heinrich I. an, und verwandte dazu als der erste gelehrte Geschichtschreiber das Werk Widukind's, dann auch die später ihm bekannt gewordenen Quedlinburger und wohl auch Halberstädter Jahrbücher, auch nekrologische und andere Nachrichten nebst mündlichen Berichten. Zugleich verzeichnete er bis nahe an seinen Tod die Begebenheiten seiner Zeit, wie sie ihm zu Ohren kamen oder er sie selbst mit durchlebte. Für Otto III. und Heinrich II., den er sehr verehrte, ist er unsere wichtigste Quelle. Im Vordergrunde steht natürlich, was ihn und sein Bisthum am nächsten berührte, vorzüglich die Kriege mit Wenden und Polen, aber ausgeschlossen ist nichts. Er berichtet von sich selbst und seiner Sippschaft, von Träumen und Wundern, von dem erbaulichen Ende frommer Personen. Die Darstellung einheitlich zu gestalten vermochte er nicht, nur im allgemeinen tritt die wehmüthige Erinnerung an die Glanzzeit Heinrich's I. und Otto's I. lebhaft hervor, und der Kummer über die arge Verschlechterung der Zeiten, den Verfall des Reichs und die Verwilderung der Sitten. Seine Wahrheitsliebe ist unbezweifelt, und gerade durch die Fülle einzelner, an sich unbedeutender Mittheilungen gewährt er, wie früher Gregor von Tours, einen unschätzbaren Spiegel seiner Zeit. Lebhafte Vaterlandsliebe und uneigennützige redliche Gesinnung sind unverkennbare Vorzüge seines Werkes; die Ausdrucksweise ist ziemlich unbeholfen.

    Sein uns, wenn auch nicht vollständig, erhaltenes Autograph zeigt noch deutlich die Art, wie er gearbeitet hat, mit der Zeitgeschichte beginnend, dann rückgreifend auf die Anfänge, und unaufhörlich bessernd und nachtragend; in sorgfältigster Weise hat auf Durchforschung derselben Fr. Kurze seine Ausgabe begründet, neben welcher die früher beste von Lappenberg veraltet ist.

    • Literatur

      Thietmari Chronicon ed. Fr. Kurze. Hann. 1889. — Uebers. Geschichtschr. d. deut. Vorzeit XI, 1, 2. A. 1879 von Strebitzki; mit Verbesserungen und neuem Vorwort von Wattenbach 1892. —
      Wattenbach, D. Geschichtsqu. (6. A.)|I, 355—360. — W. Gundlach, Heldenlieder der deutschen Kaiserzeit I (1894), 114—156, mit versch. Einwendungen gegen Annahmen von Kurze.

  • Autor/in

    Wattenbach.
  • Empfohlene Zitierweise

    Wattenbach, Wilhelm, "Thietmar" in: Allgemeine Deutsche Biographie 38 (1894), S. 26-28 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118757083.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA