Lebensdaten
1885 bis 1963
Geburtsort
Berlin
Sterbeort
Jerusalem
Beruf/Funktion
zionistischer Politiker
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 11698628X | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Lichtheim, Richard

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Zitierweise

Lichtheim, Richard, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd11698628X.html [14.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Georg (1849–1908), Inh. e. Getreidekomm.geschäfts an d. Berliner Börse, S d. Sanitätsrats Heinrich aus Elbing (erzogen von s. Onkel Joh. Jacoby, 1805–77, Arzt u. Politiker in Königsberg, s. NDB X), u. d. Ottilie Cohn aus Elbing;
    M Clara (1857–96), T d. Kaufm. Jakob Pollack in B. u. d. N. N. Ledermann aus Schlesien;
    Groß-Ov Ludwig (1845–1928), 1888-1912 Prof. d. Med. in Königsberg (s. Enc. Jud. X; Fischer);
    Groß-Om Wilh. v. Ledermann-Wartberg (1836–1919), Bankier;
    Ov Julius Litten, Oberlandesgerichtsrat, Georg Manasse, KR, Kaufm. in Stettin;
    Om Bernhard Pollack, Augenarzt u. Pianist ( Fritzi Massary, 1882–1969, Sängerin u. Schauspielerin, die in 2. Ehe d. Schauspieler Max Pallenberg, 1877–1934, heiratete);
    Vt Heinrich, Dir. d. Kaufhauses Tietz in Hamburg, Eugen Landau (1852–1935), Bankier (s. NDB 13);
    - Konstatinopel 1911 Irene, T d. Adolf Hefter, Kaufm. in Konstantinopel;
    S Georg (Ps. G. L. Arnold, Proteus, European) (1912–73), Historiker u. Journalist, seit 1934 in Palästina, seit 1940 in London, schrieb üb. Sozialismus u. staatswiss. Themen, Korrespondent d. „Jerusalem Post“ u. a., Redakteur d. „Commentary“ (s. BHdE II).

  • Leben

    L. wuchs in einer großbürgerlichen, assimilierten jüd. Familie auf. Nach dem Abitur am Bismarck-Gymnasium in Berlin-Wilmersdorf 1904 studierte er in seiner Heimatstadt und in Freiburg i. Br. zwei Jahre lang Medizin, dann Nationalökonomie. Während seines ersten Semesters wurde er von seinem Kommilitonen Felix Theilhaber auf Herzls „Judenstaat“ (1896) aufmerksam gemacht und für die Ideen des Zionismus gewonnen. L. trat der 1902 von Egon Rosenberg gegründeten zionistischen Studentenverbindung „Hasmonäa“ bei. Von Freiburg aus verfolgte er mit Interesse den Verlauf des VII. Zionistenkongresses in Basel (1905): Mit der Annahme der Palästina-Resolution konnte nunmehr die gezielte Kolonisation Palästinas in Angriff genommen werden. 1909 stellte L. eine Dissertation über „Psychologie und Werttheorie“ fertig, unterzog sich jedoch nicht dem Promotionsverfahren. Nach dem Tod des Vaters durch eine reiche Erbschaft materiell abgesichert, verschrieb er sich ganz dem Dienst an der zionistischen Bewegung. In Wort und Schrift setzte er sich für die Wiederaufrichtung der jüd. Nation in Palästina ein; einen binationalen Staat lehnte er kategorisch ab. Im Frühjahr 1910 besuchte L. erstmals Palästina, ein Jahr später die jüd. Vertretung in Konstantinopel. 1910 wurde er in den Geschäftsführenden Ausschuß der Zionistischen Vereinigung für Deutschland gewählt, die mit damals ca. 2 000 Mitgliedern nur eine kleine Minderheit der deutschen Juden repräsentierte. Außerdem übernahm er den Vorsitz der dt. Kommission des „Jüd. Nationalfonds“, der 1901 zum Zwecke des Landerwerbs in Palästina gegründet worden war und dann auch das Palästina-Amt in Jaffa und die jüd. Vertretung in Konstantinopel finanzierte. Auf dem X. Zionistenkongreß in Basel (1911) war L. Delegierter der dt. Landsmannschaft. Er wurde politischer Sekretär des Engeren Aktionskomitees und Chefredakteur des zionistischen Organs „Die Welt“. In seiner Schrift „Das Programm des Zionismus“ (1911, 21913) griff er das liberale, assimilierte Judentum an. Ende 1912 führte er eine Polemik mit dem Herausgeber der „Allgemeinen Zeitung des Judentums“, Ludwig Geiger, dessen These, das Judentum sei eine Religion und keine Nation, er bekämpfte. Auf dem XI. Zionistenkongreß in Wien (1913) geriet seine extreme Haltung sogar in den eigenen Reihen ins Schußfeuer der Kritik. L. wurde als Chefredakteur der „Welt“ abgesetzt und an die jüd. Vertretung in Konstantinopel gesandt, wo Victor Jacobson bereits wirkte. Auf diesem Posten machte er sich durch zahllose Verhandlungen mit der türk. Regierung und mit den Vertretern der Großmächte um die jüd. Besiedlung Palästinas sehr verdient. So konnte er die Reichsregierung wiederholt dafür gewinnen, ihren türk. Verbündeten von judenfeindlichen Aktionen abzubringen. Über den engen Kontakt mit dem aus Mannheim stammenden amerikan. Botschafter Henry Morgenthau (sen.) sorgte er für reichen Zufluß von Hilfsgeldern aus Amerika für die jüd. Siedler und deren Einrichtungen. Nachdem er Mitte 1916 unter Spionageverdacht geraten war, mußte er nach Berlin zurückkehren. Im Mai 1917 wurde L. Exekutivmitglied der Zionistischen Weltorganisation in Berlin und Präsident der Zionistischen Vereinigung für Deutschland. Im Febr. 1918 wurde die „Vereinigung jüd. Organisationen Deutschlands“ zur Wahrung der Rechte der osteuropäischen Juden und zur Verfolgung einer gemeinsamen jüd. Außenpolitik gegründet; L. wurde einer der beiden Sekretäre. 1919 gehörte er der zionistischen Delegation bei den Versailler Friedensverhandlungen an. Im Febr. 1921 wurde L. von Chaim Weizmann aufgefordert, als Exekutivmitglied der Zionistischen Weltorganisation und Leiter der Organisationsabteilung nach London zu kommen. Bald kam es jedoch zu einem Zerwürfnis, da L. eine Erweiterung der „Jewish Agency“ und den seiner Meinung nach zu moderaten Kurs Weizmanns ablehnte. 1923 kehrte er nach Berlin zurück und arbeitete bei einer Versicherungsgesellschaft. Wegen seiner Kompromißlosigkeit verlor er in der Folgezeit innerhalb des „offiziellen“ Zionismus an Einfluß.

    1925 schloß sich L. der Zionistisch-Revisionistischen Bewegung, einer oppositionellen Gruppe innerhalb des Zionismus unter Leitung von Wladimir Jabotinsky (1880–1940, s. Enc. Jud. IX), an und wurde Vorsitzender des dt. Landesverbandes. Vehement warnte er vor einer „Verwässerung“, „Entpolitisierung“ und „organisatorischen Verzettelung“ des Zionismus. Das Wort von der „Verständigung mit den Arabern“ sei „zu einer Art Narkotikum geworden, mit dem man die Zionisten einschläfert“ (1929). Er hielt eine „wirkliche Verständigung“ zwischen Juden und Arabern nicht für möglich und scheute sich daher nicht, einer gewaltsamen Kolonisierung Palästinas das Wort zu reden. Trotz seiner extremen Haltung ging er nicht so weit wie Jabotinsky, der es zum Bruch mit der Zionistischen Weltorganisation kommen ließ. 1933 gründete L. daraufhin mit Meir Grossmann (1888–1964, s. Enc. Jud. VII) die „Jüd. Staatspartei“, distanzierte sich jedoch bald wieder von dieser oppositionellen Vereinigung. 1934 emigrierte er mit seiner Familie nach Palästina, wo er weiterhin im Versicherungswesen und publizistisch tätig blieb. Noch einmal trat er innerhalb der Zionistischen Weltorganisation hervor, als er 1938-46 deren Büro in Genf leitete; er unterhielt Verbindungen zu den zionistischen Organisationen im nationalsozialistisch besetzten Europa; 1942 sandte er erste Berichte über Judenvernichtungen nach Jerusalem. L., der sich gleichsam als Speerspitze der zionistischen Bewegung verstanden hat, hat viel zu deren Aktivierung und zur Stärkung deren machtpolitischer Komponente beigetragen.

  • Werke

    Weitere W Revision d. zionist. Politik, 1930;
    Revisionismus, 1931, wieder in: H. J. Schoeps (Hrsg.), Zionismus, 1973, S. 253-64;
    Die Gesch. d. dt. Zionismus, 1954;
    Rückkehr, Lebenserinnerungen aus d. Frühzeit d. dt. Zionismus, 1970 (P).

  • Literatur

    S. E. Weltmann, Germany, Turkey and the Zionist Movement 1914–18, in: Review of Politics 23, 1961, S. 246-69;
    E. Zechlin, Die dt. Pol. u. d. Juden im Ersten Weltkrieg, 1969;
    L. Pinner, in: E. Rothschild (Hrsg.), Meilensteine, Vom Wege d. Kartells Jüd. Verbindungen (K. J. V.) in d. Zionist. Bewegung, 1972;
    J. Reinharz (Hrsg.), Dokumente z. Gesch. d. dt. Zionismus, 1882–1933, 1981;
    BHdE I.

  • Autor/in

    Franz Menges
  • Empfohlene Zitierweise

    Menges, Franz, "Lichtheim, Richard" in: Neue Deutsche Biographie 14 (1985), S. 466 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11698628X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA