Lebensdaten
um 1380 oder 1384 bis 1442
Geburtsort
Gmunden am Traunsee
Beruf/Funktion
Astronom ; Mathematiker ; Philosoph
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118639943 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Johann
  • Joannes de Gamundia
  • Wißbier, Johannes
  • mehr

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Zitierweise

Johann von Gmunden, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118639943.html [12.12.2019].

CC0

  • Leben

    Herkunft und Name J.s waren lange umstritten. Er selbst hat sich in seinen Schriften und in den eigenhändig geschriebenen Dekanatsakten der Artistenfakultät der Univ. Wien ausschließlich „Johannes de Gmunden“ genannt. Die Identität mit dem Ulmer Gelehrten Joh. Wißbier ist widerlegt; denn durch die spätere Tätigkeit J.s als Examinator ist gesichert, daß er der österr. Nation angehörte. Ebenso scheiden die zeitweilig diskutierten Namen Schindel und Nyder aus.|In der Wiener Matrikel ist unter dem 13.10.1400 ein „Johannes Sartoris de Gmundin“, also wohl der Nachkomme eines Schneiders, eingetragen. Am 13.10.1402 wurde wahrscheinlich derselbe als Johannes de Gmunden zum Baccalaureus-Examen zugelassen. Am 21.3.1406 erscheint ein Johann von Gmunden als 7. unter 9 neu ernannten Magistern in der Artistenfakultät. Das Vorlesungsverzeichnis vom 1.9.1407 nennt an entsprechender Stelle einen Magister Johannes Krafft (Euklid-Vorlesung). Da man in den Vorlesungsverzeichnissen dieser Zeit die Namen chronologisch nach der Erlangung des Magisteriums ordnete, kommt auch der Name Krafft als Familien- oder Vatersname in Frage (P. Uiblein).

    J.s weiterer Lebensweg zeichnet sich in 4 Abschnitten ab. 1406-16 hält er Vorlesungen, meist über nicht-mathematische Themen (Physica, Meteora, Tractatus Petri Hispani). Er ist auch Theologe, schließt seine Studien als „Baccalaureus biblicus“ 1415 ab und trägt über die Theologie des Petrus Lombardus und „Super Exodum“ vor. 1416-25 betreffen seine Vorlesungen nur mehr Mathematik und Astronomie. So bahnt sich erstmals in der Universitätsgeschichte eine eigene Professur für diese Fächer an. 1413 und 1423 ist er Dekan, 1426 wird er als Vizekanzler genannt. Er bekleidet manche Ehrenämter (Examinator, Rezeptor der Kasse) und gehört zu den Beauftragten zur Beaufsichtigung des Universitätsneubaus. Seit 1425 gehört er dem Domkapitel an. Bereits 1417 hatte er die Priesterweihe empfangen und Predigten gehalten. Auch als Kanoniker widmet er sich eingehend der Astronomie. 1431 erhält er die Pfarre in Laa a. d. Thaya. In einem Testament von 1435 vermacht er Bücher und Instrumente der Bibliothek der Artistenfakultät der Univ. Wien.

    Als Mathematiker führt J. die Tradition von Heinrich Heinbuche von Langenstein und Nikolaus von Dinkelsbühl fort. Seine Vorlesungen (Algorismus de minutiis, 1412, 1416, 1417; Perspectiva 1414; Algorismus de integris 1419; Euklid 1421) dienen der Lehre, nicht der Forschung. An Schriften von ihm ist nur sein „Algorithmus de minuciis phisicis“ (1515) erschienen. Abhandlungen über Proportionen, Winkel, Sehnen und Bogen sind unediert. Bedeutender ist sein Werk als Astronom. Hier trägt er über „Theoricae planetarum“ (1420, 1422, 1423), „Sphaera materialis“ (1424) und das Astrolab (1434) vor. Beobachtungen hat er wohl nicht durchgeführt, aber Anleitungen zur Herstellung von astronomischen Geräten gegeben. Astrologie lehnt er ab. Seine Aufgabe als Astronom sieht er in der Berechnung zuverlässiger astronomischer Tabellen, die er immer wieder verbessert, in der Herstellung von Kalendern und in der Beschreibung und Erklärung astronomischer Instrumente (Astrolab, Quadrant, Albion, Torquetum, Equatorium, Sonnenuhren). Über 240 Handschriften, manche davon von ihm selbst geschrieben, befinden sich in den Bibliotheken Europas. Man kennt auch einige Schüler von ihm, wie Pruner von Ruspach und den Prior von Klosterneuburg, Georg Muestinger. Größten Einfluß hatten seine Schriften auf Georg von Peurbach und auf dessen Schüler Regiomontanus. So ist J. der Initiator einer großen Tradition geworden.

  • Literatur

    ADB 14;
    G. Tannstetter, Tabulae eclypsium Magistri Georgii Peurbachii, Tabula Primi mobilis Joannis de Monteregio, 1514, darin: Viri Mathematici quos inclytum Viennense gymnasium ordine celebres habuit;
    J. Aschbach, Gesch. d. Wiener Univ. im 1. Jh. ihres Bestehens, 1865, S. 455-67;
    E. Zinner, Verz. d. astronom. Hss. d. dt. Kulturgebietes, 1925;
    ders., Leben u. Wirken d. J. Müller v. Königsberg, gen. Regiomontanus, 21968;
    ders., Astronom. Instrumente d. 11.-18. Jh., 1956;
    J. Mundy, in: Isis 34, 1942/43;
    R. Klug, J. v. G., d. Begründer d. Himmelskde. auf dt. Boden, in: SB d. Ak. d. Wiss. Wien, phil.-hist. Kl., 222, 4. Abh., 1943 (L, Qu.-Verz., Abb. v. Instrumenten, Zeichnungen, Textproben usw.);
    H. Hassinger, in: Österr. Naturforscher u. Techniker, 1951, S. 28 f., 205;
    L. Thorndike u. P. Kibre, A Cat. of Incipits of Mediaeval scientific writings in Latin, 1963, Index S. 1838;
    Acta Facultatis Artium Universitatis Viennensis 1385-1416, ed. v. P. Uiblein, 1968;
    Dict. of Scientific Biogr. VII, 1973, S. 77-122;
    Pogg. I, VII a, Suppl.

  • Autor/in

    Kurt Vogel
  • Empfohlene Zitierweise

    Vogel, Kurt, "Johann von Gmunden" in: Neue Deutsche Biographie 10 (1974), S. 552-553 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118639943.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Johann von Gmunden, auch Joannes de Gamundia, geb. bald nach 1380, am 23. Febr. 1442, führte seinen Beinamen nach seinem Geburtsorte, einer kleinen Stadt am Traunsec in Oberösterreich. Irrig soll die Meinung sein, daß er aus Schwäbisch-Gemünd oder aus dem niederösterreichischen Dorfe Gmünd stamme. Ob er einen besonderen Familiennamen geführt und identisch ist mit einem Wißbier, der unter dem Namen Johannes Wißbier de Gamundia am Ende des J. 1404 astronomischen und besonders kalendarischen Studien in Ulm oblag, ist zweifelhaft. Daß er Nider oder Schindel geheißen, läßt sich urkundlich nicht nachweisen; er selbst hat sich nur Johannes de Gmunden, Joannes de Gamundia geschrieben. Aus seiner Jugend ist nichts bekannt; am 21. März 1406 erhielt er mit Ulrich Grünwalder das artistische Magisterium in Wien; im J. 1408 begann er seine philosophischen Vorlesungen über die aristotelischen Libri physicorum, 1409 und 11 las er über die Meteore, 1412 über den Algorismus, 1414 über Perspectiva cominunis etc. Schon 1413 war er als Dekan der artistischen Fakultät gewählt und verwaltete im folgenden Jahre als Receptor die Kasse, 1423 war er zum zweiten Male Dekan und später mehrere Jahre Vicekanzler, aber nie Rector und Kanzler, letzteres konnte nur der Dompropst sein. Nachdem er 1418 (damals war er bereits magister stipendiatus. d. h. besoldeter Lehrer) krank gewesen und 1419 zu Hause seine astronomischen Tafeln erklärt hatte, hielt er vom J. 1420 an als magister regens nur mathematische und astronomische Vorlesungen theils über die Elemente Euklids und die sphaera materialis, theils über die theoriae planetarum und theils über den Gebrauch des Astrolabs. In der Astronomie bildete er mehrere Schüler aus: unter denselben Georg Pruner von Ruspach. Mit Recht kann man ihn, wie Kästner in seiner Geschichte der Mathematik nachweist, als den Vater der mathematischen und astronomischen Wissenschaft in Deutschland betrachten. Seine Schriften sind theils theologischen, theils mathematischen und vorzüglich astronomischen Inhalts; von den theologischen kennt man zwei, die „Lectura super Exodum“ und die „Lectura textualis quatuor librorum sententiarum“, von den mathematischen Schriften ist sein „Algorismus“ oder Arithmetik uns bekannt. Seine astronomischen Schriften sind bahnbrechend gewesen. Die „Practica tadularum astronomicarum“ enthalten seine astronomischen Tafeln; die „Tabulae de planetarum motibus et luminarium eclipsibus verissime ad meridianum Viennensem“ und das „Aequatorium motuum planetarum ex campano transsumtum“, enthalten die Bewegung der Planeten, selbstverständlich nach dem|Ptolemäischen System. Das Astrolabium hat er beschrieben in „Compositio astrolabii et utilitates ejusdem et quorundam aliarum instrumentorum“, aber von der größten Wichtigkeit ist sein „Calendarium quod multis sequentibus annis utile erit et jucundissimum“, und er ist der erste Berechner derartiger Ephemeriden, denn vor ihm hat kein Mathematiker einen auf mehrere Jahre brauchbaren Kalender mit den dazu gehörigen Tafeln und Erklärungen entworfen. Die Benennung solcher Ephemeriden mit dem Namen „Almanach“ wird ihm beigelegt. Großes Verdienst erwarb er sich um die Universität durch die Schenkung seiner Bücher und Instrumente, welche er noch bei Lebzeiten im J. 1435 machte. Dadurch wurde eine Grundlage zunächst für eine Büchersammlung der artistischen Fakultät, später aber auch für eine Universitätsbibliothek gewonnen. Für die Benutzung der Bücher mußte etwas bezahlt werden, wofür neue Anschaffungen gemacht wurden. Von den Instrumenten, welche er schenkte, nennen wir eine sphaera solida, eine sphaera materialis, die figurae communes in theorias planetarum, ein hölzernes Astrolabium, zwei Quadranten etc. Er starb am 23. Februar 1442 und wurde in der Stephanskirche beigesetzt, wo jedoch kein Denkmal seine Ruhestätte anzeigt.

    • Literatur

      Vgl. Weidler's Historia astronomiae, Kästner's Geschichte der Mathematik, Zach's Monatliche Correspondenz, Bd. XVIII, Aschbach, Geschichte der Wiener Universität, Wien 1865 und Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit (Organ des Germanischen Museums), 1878, Nr. 1.

  • Autor/in

    C. Bruhns.
  • Empfohlene Zitierweise

    Bruhns, Christian, "Johann von Gmunden" in: Allgemeine Deutsche Biographie 14 (1881), S. 456-457 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118639943.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA