Würtenberger, Thomas
- Lebensdaten
- 1907 – 1989
- Geburtsort
- Zürich
- Sterbeort
- Freiburg (Breisgau)
- Beruf/Funktion
- Jurist
- Konfession
- katholisch
- Namensvarianten
-
- Würtenberger, Thomas Emil
- Würtenberger, Thomas
- Würtenberger, Thomas Emil
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Würtenberger, Thomas Emil
| Jurist, * 7.10.1907 Zürich, † 18.11.1989 Freiburg (Breisgau), ⚰ Freiburg (Breisgau), Friedhof Bergäcker. (katholisch)
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Genealogie
Aus im Hegau u. Klettgau ansässiger Fam.;
V →Ernst G. (1868–1934), aus Steißlingen (Hegau), Porträtu. Genremaler, Graphiker, 1914 Prof. an d. Kunstgewerbeschule Zürich, 1921 Prof. f. Holzschnitt, Ill. u. Komp. an d. bad. Landeskunstschule in Karlsruhe (s. L), S d. →Thomas (1836–1903), aus Dettighofen, bad. Geometer, Ziegeleiuntern. in Ermatingen, Vf. v. geol., paläontol. u. botan. Schrr., Mitgl. d. Thurgau. Naturforschenden Ges., Mitgründer d. naturwiss. Ver. „Salamandra“ in Konstanz, u. d. Luise Schönenberger (1837–1894);
M →Karolina (1881–1967), T d. →Emil Schönenberger (1845–1919), Landwirt in Steißlingen, u. d. Monika Hanssler (1847–1933);
Ov →Oskar (1866–1944), Bautechniker in Karlsruhe, Maler, Vf. paläontol. Schrr.;
B →Franz-Joseph (Franzsepp) (1909–89), Dr. phil., Prof. f. Kunst- u. Baugesch. (s. Stadtlex. Karlsruhe);
– ⚭ Osterode (Ostpreußen) 1942 →Ingrid (* 1921, ev.), aus Weener (Ostfriesland), studierte Rechtswiss. in Königsberg u. Erlangen|, Schriftst., T d. →Julius Ernst Berg|(1884–1964), Reg.rat b. d. Reichsfinanzverw., Leiter d. Zollamts Osterode, u. d. Gertrud Zander (1892–1978);
2 S →Thomas (* 1943, ev.), Dr. iur., 1979–2010 Prof. f. öff. Recht 1979 in Augsburg, 1981 in Trier u. 1988 in Freiburg (Br.), korr. Mitgl. d. Ak. d. Wiss. u. Lit. Mainz (s. Wi. 2009; Kürschner, Gel.-Kal. 2009), →Julian (* 1957, ev.), Jur., Min.dir. in baden-württ. Landesministerien u. im Bundesmin. d. Innern, 2008–12 Reg.präs. in Freiburg (Br.), 2018/19 Staatssekr. im baden-württ. Innenmin.;
E Thomas Daniel (* 1979), Dr. iur., RA in Stuttgart. -
Biographie
W. besuchte ab 1914 die Volks- und Kantonsschule in Zürich und ab 1921 das Bismarck-Gymnasium Karlsruhe. 1925 wurde er Mitglied des Stahlhelm. Im Anschluß an das Abitur 1927 studierte er in Zürich und Frankfurt/M. Geschichte und Volkswirtschaft, ab 1928 Rechtswissenschaften in München, Berlin (1929) und Freiburg (Br.). 1932 bestand er das erste iur. Staatsexamen und wurde 1933 in Freiburg (Br.) bei →Erik Wolf (1902–1977) mit der Arbeit „Rechtsgüterordnung in der dt. Strafgesetzgebung seit 1532“ (1933, Neudr. 1973) zum Dr. iur. promoviert. 1933 trat er der SA („ehrenvoller“ Austritt 1938), 1937 der NSDAP bei. Nach dem Referendarexamen 1937 war er Volontär und Referatsleiter für Hochschulwesen im bad. Kultusministerium (1938 Assessor, 1939 Leiter Min.büro, 1940 Reg.rat); W. war Untersuchungsführer in politischen Dienststrafverfahren, etwa gegen den kath. Konstanzer Lehrer →Josef Knecht (1882–1956). 1939 habilitierte sich W. bei Wolf mit einer Arbeit über „Kunstfälschertum“ für Strafrecht, Strafverfahrensrecht, Rechtsphilosophie, Geschichte des Verfahrensrechts und Verfassungsrecht; an den ersten beiden Auflagen von Wolfs „Große Rechtsdenker der dt. Geistesgeschichte“ (1939; ²1944) war er beteiligt. 1940 wurde er in Erlangen ao. Professor für Strafrecht, Strafprozeßrecht, Rechtsphilosophie und Jugenderziehungsrecht, 1942 als Nachfolger von →August Köhler (1873–1939) o. Professor.
Nach Kriegsende in der US-amerik. Zone wegen politischer Belastung (NS-Dozentenbundführer Erlangen) entpflichtet, wurde W. 1946 an die neugegründete Univ. Mainz in der franz.
Zone als Gründungsmitglied der Jur. Fakultät auf den Lehrstuhl für Strafrecht, Strafprozeßrecht und Rechtsphilosophie berufen (Dekan 1949–51). Er forderte 1948 „Humanität“ als neuen Zweck des Strafrechts, auch gegenüber der „Person des Rechtsbrechers“; als Rechtsphilosoph beklagte er die Fülle naturrechtlicher Ansätze der Nachkriegszeit. 1955 ging W. auf das neugeschaffene Ordinariat für Strafrecht und Strafprozeßrecht nach Freiburg (Br.), wo er 1973 das Institut für Kriminologie und Strafvollzugskunde leitete (Dekan 1957/58, em. 1973). Ab 1971 war er wissenschaftliches Mitglied des MPI für Ausländisches und Internationales Strafrecht.
Der gemäßigt-konservative W. war einer der wichtigsten und international bekanntesten Vertreter der Kriminologie in der Bundesrepublik. Er knüpfte an seine weitgehend unideologischen Arbeiten vor 1945 an, etwa zur Jugendkriminalität, und erwies sich nach 1945 als Förderer und Träger progressiver Ideen, etwa des Fokus auf die Person des Straftäters im Sinne einer Generalprävention und der Einbeziehung von dessen Psyche oder der Betonung der resozialisierenden Funktion des Strafvollzugs. Ein weiterer Forschungsschwerpunkt war der Strafvollzug. 1967 thematisierte er die NS-Vergangenheit der 1927 gegründeten „Kriminalbiologischen Gesellschaft“ (seit 1967 Ges. f. d. gesamte Kriminologie). Zahlreiche Veröffentlichungen behandelten Grenzgebiete von Kunst und Recht, so Kunst- und Münzfälschungen.
W. besaß großen Einfluß auf die Rechtspolitik, auch auf die Strafrechtsreform. 1962–73 war er Vorsitzender des Fachausschusses Strafrecht und Strafvollzug im Bundesministerium der Justiz. 1967 wurde er von Bundesjustizminister →Gustav Heinemann (1899–1976) in die Strafvollzugskommission berufen (bis 1971); daneben beriet er den Europarat. Rechtspolitische Beobachter würdigten sein „abwägendes Maß“ (F. K. Fromme). Zu seinen Schülern zählen →Heinz Müller-Dietz (* 1931), →Diethelm Kienapfel (* 1935), →Stephan Quensel (* 1936) und →Rüdiger Herren (1931–2001), zudem →Alexander Hollerbach (1931–2020).
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Auszeichnungen
|Kriegsverdienstkreuz II. Kl. (1943);
Mitgl. d. Internat. Ges. f. Rechts- u. Soz.philos. (1949), d. Soc. Internat. de Criminologie, Paris (1950) u. d. Centre internat. d’études sur la fausse monnaie (1952, Präs. 1958). -
Werke
|Das Kunstfälschertum, Entstehung u. Bekämpfung e. Verbrechens v. Anfang d. 15. Jh. bis z. Ende d. 18. Jh., 1940, ²1970;
Die dt. Kriminalerz., 1941;
Humanität als Strafrechtszweck, in: Süddt. Jur.ztg. 3, 1948, S. 650–55;
Wege z. Naturrecht in Dtld. (1946–1948), in: Archiv f. Rechts- u. Soz.philos. 38, 1949/50, S. 98–138;
Neue Stimmen z. Naturrecht in Dtld. (1948–1951), ebd. 40, 1952/53, S. 576–97;
Der Kampf gegen d. Kunstfälschertum in d. dt. u. schweizer. Strafrechtspflege, 1951;
Die geistige Situation d. dt. Strafrechtswiss., 1957, ²1959;
Persona y Ley juridica, 1967;
Kriminalpol. im soz. Rechtsstaat, 1970;
Albrecht Dürer, Künstler, Recht, Gerechtigkeit, 1971;
W-Verz. in: R. Herren u. a. (Hg.): Kultur, Kriminalität, Strafrecht, FS T. W., 1977 (P). Qu Univ.archiv Erlangen;
GLA Karlsruhe;
einzelne Korr. im Univ.archiv Freiburg (Nachlaß E. Wolf), im Univ.archiv Heidelberg (Nachlaß G. Radbruch), in d. Stadtbibl. München–Monacensia (Korr. mit|Oda Schaefer);
Staatsbibl. Berlin (Hs.abt.);
– Nachlaß: Fam.bes. -
Literatur
|E. Vogel u. G. Endriß, 200 J. Univ. Erlangen, 1943, S. 29, 82 u. 121;
R. Herren, T. W. z. 70. Geb.tag, in: JZ 32, 1977, S. 641 f.;
E. Spranger, Ges. Schrr., Bd. VII (Briefe 1901–1963), 1978, S. 252 u. 443;
G. Kaiser, in: Berr. u. Mitt. d. MPG 1990, S. 120–23 (Nachruf);
I. Baumann, Dem Verbrechen auf d. Spur, Eine Gesch. d. Kriminol. u. Kriminalpol. in Dtld. 1880 bis 1980, 2006, S. 199 u. 237–68;
A. Hollerbach, Werner Maihofer in Freiburg, in: S. Kirste u. G. Sprenger (Hg.), Menschl. Existenz u. Würde im Rechtsstaat, 2010, S. 13–30;
L. Foljanty, Recht oder Gerechtigkeit, 2013, S. 13, 216 u. 225;
T. Vormbaum, Einf. in d. moderne Strafrechtsgesch., ³2016, S. 231;
F. Engelhausen, Die bad. u. württ. Landesmin. in d. Zeit d. NS, 1. Teilbd., 2019;
Baden-Württ. Biogrr. VI, 2016, S. 519 ff.;
Kürschner, Gel.-Kal. 1966–87;
Wi. 1989;
Erlanger Professoren I;
– zu Ernst G.: E. W. 1868–1934, Ein dt. Maler in d. Schweiz, hg. v. B. Stark, Ausst.kat. Städt. Wessenberg-Gal., Konstanz, 2017;
AKL;
Dict. of Art;
SIKART;
Bad Biogrr. NF 1);
– zur Fam.: G. Mayer, Die Geologen-Fam. W. aus Dettighofen/Baden (1818–1956), in: Berr. d. Naturforschenden Ges. zu Freiburg im Breisgau 53, 1963, S. 241–57. -
Porträts
|Bronzemedaille v. D. Waschk-Baltz, 1982.
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Autor/in
Martin Otto -
Zitierweise
Otto, Martin, "Würtenberger, Thomas Emil" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 523-525 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz142978.html#ndbcontent