Wolf, Erik

Lebensdaten
1902 – 1977
Geburtsort
Biebrich bei Wiesbaden
Sterbeort
Freiburg (Br.)
Beruf/Funktion
Jurist ; Rechtsphilosoph ; Kirchenrechtler ; Strafrechtler
Konfession
evangelisch
Namensvarianten

  • Wolf, Franz Erik
  • Wolf, Erik
  • Wolf, Franz Erik

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Zitierweise

Wolf, Erik, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/sfz142941.html [18.03.2026].

CC0

  • Wolf, Franz Erik

    | Jurist, * 13.5.1902 Biebrich bei Wiesbaden, † 13.10.1977 Freiburg (Br.), Vogtsburg-Oberrotweil. (evangelisch)

  • Genealogie

    V Franz (1868/69–1943/44), aus hessen-nassau. Handwerker- u. Bauernfam., Dr. phil., Chemiker;
    M Gertrud (1870–1931/36), aus Basler Patrizierfam., T d. Johann Jakob Burckhardt (1836–1890), Dr. iur., 1868 Staatsanwalt in Basel, 1881 Reg.rat im Erziehungsdept. (s. HLS), u. d. Esther Preiswerk (1844–1923);
    B Johann Peter (1896–1974), Gymn.lehrer in Basel;
    Ur-Gvm Johann Jakob Burckhardt (-Ryhiner) (1809–88), Bgm. in Basel (s. NDB IX*; HLS);
    Om Otto Burckhardt(-Boeringer) (1872–1952), Architekt, Tante-m Klotilde Burckhardt (1876–1899, Arthur Ernst Herz, 1869–1946, Dr.);
    Freiburg (Br.) 1944 Olga (1908–93), vermutl. T d. Otto Never (* 1877), Tischler in Kroepelin (Meckl.), u. d. Marie Elise Frieda Sophie Schmarbeck (* 1889).

  • Biographie

    W., ab 1914 in Basel aufgewachsen, legte 1920 das Abitur in Frankfurt/M. ab, studierte dort und in Jena Rechtswissenschaften und wurde 1924 bei Franz W. Jerusalem (1883–1970) zum Dr. iur. promoviert mit der Arbeit „Die Entwicklung des Rechtsbegriffs im reinen Naturrecht“. 1925 Privat- und Fakultätsassistent in Heidelberg, bereitete er sich hier auf die Habilitation für Strafrecht und Rechts|philosophie (1927) vor, zunächst bei Alexander Gf. zu Dohna (1876–1944), ab 1926 bei Gustav Radbruch (1878–1949). Nach einer Lehrstuhlvertretung in Kiel (Strafrecht u. Rechtsphilosophie) wurde er 1928 deutschlandweit jüngster Ordinarius in Rostock für Strafrecht, wechselte 1930 wieder nach Kiel und folgte 1930/31 einem Ruf nach Freiburg (Br.) auf einen Lehrstuhl für Straf- und Strafprozeßrecht, allgemeine Rechtslehre, Rechtsphilosophie und Gefängniskunde mit dem von ihm gegründeten Seminar für Strafvollzugskunde sowie seit 1933 auch für Kirchenrecht. Im Lauf der Zeit dem Strafrecht mehr und mehr entfremdet, löste sich W. Ende 1945 nach Ablehnung zweier Rufe davon: Seine Professur wurde mit Rechts- und Staatsphilosophie, Geschichte der Rechtswissenschaft und Kirchenrecht neu umschrieben und ein Seminar für Rechtsphilosophie und ev. Kirchenrecht gegründet.

    In Freiburg (Br.) geriet W. in den Bannkreis Martin Heideggers (1889–1976), der ihn im Okt. 1933 zum Dekan der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät ernannte. Seine Amtsführung löste Unmut und Widerstand aus, ein wesentliches Moment in dem Ursachengeflecht für den Rücktritt W.s und Heideggers von ihren Ämtern im April 1934.

    Seitdem trat W. hochschulpolitisch nicht mehr hervor. Wissenschaftlich orientierte er sich am Leitbild eines „autoritär-sozialen“ Strafrechts. Außerdem versuchte er, dem Nationalsozialismus ein rechtsphilosophisches Fundament zu geben und ihn in ein positives Verhältnis zum Christentum zu bringen. (1933 Mitgl. NS-Dozentenbund, 1937 Mitgl. NSDAP).

    Für W.s zunehmende Distanzierung von der NS-Ideologie spielten seine Verwurzelung in der ev. Kirche (1931/32 Kirchengemeinderat Freiburg, 1933/34 Mitgl. d. Landessynode der Ev. Landeskirche) und sein früh einsetzendes Engagement für die „Bekennende Kirche“ (Mitgl. 1936) eine maßgebliche Rolle. So war er Mitglied der Bekenntnisgemeinschaft in Baden, leistete Martin Niemöller (1892–1984) juristischen Beistand und arbeitete im Freiburger Bonhoeffer-Kreis mit, zu dessen „Denkschrift“ er 1942/43 mit Franz Böhm (1895–1977) einen Beitrag lieferte. Nach dem 20. Juli 1944 wurde er wegen des Verdachts der Beihilfe zum Hochverrat einem scharfen Verhör unterzogen.

    W. verstand sich als geistesgeschichtlich arbeitender Rechtsphilosoph; sein Werk „Große Rechtsdenker der deutschen Geistesgeschichte“ (1939, ⁴1963), wurde ein Bestseller und Klassiker. Nach Vorarbeiten der 1930er Jahre bezog W., begünstigt durch enge Beziehungen zu Karl Barth (1886–1968), in „Rechtsgedanke und biblische Weisung“ (1948) die (reformatorische) Theologie ein für die Begründung von Recht und Kirchenrecht in Abgrenzung von Heidegger; Schlüsselkategorie wurde „der Nächste“. Das darauf gegründete rechtsethische Manifest „Recht des Nächsten“ (1958, ²1966) fand kaum Echo, umso stärker wurde das in ökumenischer Ausrichtung kath. und ev. Kirchenrecht erfassende Handbuch „Ordnung der Kirche“ (1961) beachtet.

    Großen Anteil hatte W. am Wiederaufbau der ev. Landeskirche in Baden nach 1945 und, als Vorsitzender (1946–48) ihres Verfassungsausschusses, an der Schaffung der EKD mit ihrer Grundordnung v. 13.7.1948. Hinzu kamen ökumenische Aktivitäten in Bossey bei Genf. Im August 1948 nahm er an der Gründungsversammlung des Ökumenischen Weltrats der Kirchen in Amsterdam teil.

    W. entwickelte kein rechtsphilosophisches (Lehr-)System, befruchtete aber nach 1945 die Diskussion durch sein Werk „Das Problem der Naturrechtslehre“ (1955, ³1964), worin er gegenüber der Mehrdeutigkeit des Begriffs die Eindeutigkeit der Funktion betonte, nämlich legitimierender Grund und normierendes Richtmaß zu sein. Für seine eigene Position verwies er auf seine Rechtstheologie, mit der er sich auch prinzipiell von Heidegger abgrenzte, so sehr dessen Art des Philosophierens „maieutische“ Wirkung für ihn gehabt hat. Ein Nachlaßdokument („Brief“ an Karl Barth) enthält dafür und für andere biographische Komponenten aufschlußreiche Ansätze zu einer „Selbstprüfung“. Schüler W.s waren u. a. Alexander Hollerbach (1931–2020) und Werner Maihofer (1918–2009),

  • Auszeichnungen

    |D. theol. h. c. (Heidelberg 1948);
    Dr. iur. h. c. (Athen 1972);
    Dr. phil. h. c. (Tübingen 1977);
    – Taxiarchenkreuz d. griech. Phoenixordens (1959);
    Sigmund-Freud-Preis f. wiss. Prosa d. Dt. Ak. f. Sprache u. Dichtung (1972).

  • Werke

    |Grotius, Pufendorf, Thomasius, 1927;
    Strafrechtl. Schuldlehre, 1928 (Habil.schr.);
    Richtiges Recht im nat.sozialist. Staate, 1934;
    Vom Wesen d. Rechts in dt. Dichtung, 1946;
    Qu.buch z. Gesch. d. dt. Rechtswiss., 1949;
    Griech. Rechtsdenken, 6 Bde., 1950–70;
    E. W., Ausgew. Schrr., hg. v. A. Hollerbach, 3 Bde., 1972–82;
    Abschnitt Rechtsordnung, in: In der Stunde Null, Die Denkschr. d. Freiburger „Bonhoeffer Kreises“ Pol. Gemeinschaftsordnung, Ein Versuch z. Selbstbesinnung d. christl. Gewissens in d. pol. Nöten unserer Zeit, eingel. v. H. Thielicke, mit e. Nachwort v. Ph. v. Bismarck, Anlage 1, S. 101–07 (mit F. Böhm);
    - W-Verz.: Th. Würtenberger, Existenz u. Ordnung (s. L), S. 491–504;
    Nachlaß: Univ.archiv Freiburg, darin Ms. „Gewiesene|Ordnung, Aufriß e. Soz.terminol. d. Neuen Testaments“.

  • Literatur

    |Th. Würtenberger u. a. (Hg.), Existenz u. Ordnung, FS f. E. W. z. 60. Geb.tag, 1962 (W-Verz.);
    W. Steinmüller, Ev. Rechtstheol., 1968, S. 257–453;
    W. Heinemann, Die Relevanz d. Philos. Martin Heideggers f. d. Rechtsdenken, 1970;
    A. Hollerbach u. a. (Hg.), Mensch u. Recht, FS z. 70. Geb.tag v. E. W., 1972;
    ders., Zu Leben u. Werk E. W.s, in: ders. (Hg.), E. W., Ausgew. Schrr., Bd. 3, 1982 S. 235–71, auch in: ders., Ausgew. Schrr., 2006, hg. v. G. Robbers, S. 487–516;
    ders., Jurisprudenz in Freiburg, 2007, S. 193–232 u. 331–72;
    ders., E. W.s Wirken f. Kirche u. Recht, in: Jb. f. bad. Rel.- u. KGesch. II, 2008, S. 47–67;
    ders., Zum Verhältnis v. E. W. u. Martin Heidegger, Ein nicht abgeschickter Brief v. E. W. an Karl Barth, in: Heidegger-Jb. 4, 2009, S. 284–347;
    ders., E. W. u. d. Staatskirchenrecht, in: Th. Holzner u. H. Ludyga (Hg.), Entwicklungstendenzen d. Staatskirchen- u. Rel.vfg.rechts, 2013, S. 539–50;
    ders., in: Baden-Württ. Biogrr. V, 2013;
    R. Mehring, Rechtsidealismus zw. Gemeinschaftspathos u. kirchl. Ordnung, in: Zs. f. Rel.- u. Geistesgesch. 44, 1992, S. 140–56;
    G. Bauer-Tornack, Soz.gestalt u. Recht d. Kirche, Eine Unters. z. Verhältnis v. Karl Barth u. E. W., 1996;
    H.-P. Schneider, Recht u. Denken, Erinnerungen an E. W. u. Martin Heidegger, in: J. Bohnert u. a. (Hg.), Vfg.Philos.–Kirche, FS f. Alexander Hollerbach z. 70. Geb.tag, 2001, S. 455–83;
    L. Foljanty, Recht oder Gesetz, Jur. Identität u. Autorität in d. Naturrechtsdebatten d. Nachkriegszeit, 2013, bes. S. 137–53.

  • Porträts

    |Photogrr. (Univ.archiv Freiburg).

  • Autor/in

    Alexander Hollerbach †
  • Zitierweise

    Hollerbach, Alexander, "Wolf, Franz Erik" in: Neue Deutsche Biographie 28 (2024), S. 405-407 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz142941.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA