Lebensdaten
1886 - 1954
Geburtsort
Vogelheim-Borbeck bei Essen
Sterbeort
Leipzig
Beruf/Funktion
Bibliothekar
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 11876344X | OGND | VIAF: 50021046
Namensvarianten
  • Uhlendahl, Heinrich

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Zitierweise

Uhlendahl, Heinrich, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd11876344X.html [08.05.2021].

CC0

  • Genealogie

    V Heinrich Joseph (1856–91), Eisenbahnstationsassistent;
    M Anna Magdalena Huckels (1860–1938, 2] Fritz Tannewitz, Oberbahnhofsvorsteher); B Bernhard Markus (Max) (1890–1944), Stief-Schw Anna Müller-Tannewitz (Ps. Stine Holm, Anna Jürgen) (1898–1989, Werner Müller, 1907–90, Oberbibl.rat, Amerikanist, s. NDB 17), Kinder- u. Jugendbuchschriftst. (s. Doderer; Kosch, Lit.-Lex.

  • Leben

    U. wuchs in Immekeppel bei Overath (Bergisches Land) auf, wohin die Mutter nach dem frühen Tod des Vaters gezogen war. Von 1897 bis zum Abitur 1905 besuchte er das Gymnasium in Neuß. Im selben Jahr zog die Familie nach Berlin, nachdem der Stiefvater dorthin versetzt worden war. Hier begann U. 1905, Philosophie, Germanistik und Geschichte zu studieren. Aus wirtschaftlichen Gründen unterbrach er 1908 das Studium und setzte es 1910 in Münster fort. 1912 wurde er von Julius Schwering mit einer Dissertation über Heinrich Heine und E. T. A. Hoffmann zum Dr. phil. promoviert. 1914 legte er das Staatsexamen für den höheren Schuldienst ab. 1914–18 leistete er Kriegsdienst (Lt. d. Res.). Als Freikorpskämpfer nahm er an der Niederschlagung der Januar- und Märzunruhen in Berlin teil. Seine bibliothekarische Ausbildung an der Preuß. Staatsbibliothek schloß er im Mai 1920 mit der Fachprüfung ab und erhielt hier eine Assistentenstelle (1920 Hilfsbibliothekar, 1921 Bibliothekar, 1922 Bibliotheksrat). 1923 wurde U. persönlicher Referent (Adjutant) des Generaldirektors Fritz Milkau (1859–1934). Auf Empfehlung Milkaus und Erich v. Raths (1881–1948) folgte U. 1924 Georg Minde-Pouet (1871–1950) als Direktor der Dt. Bücherei in Leipzig. In drei Jahrzehnten erwarb er sich große Verdienste bei der Reorganisation und Stabilisierung der Bibliotheksarbeit von der Erwerbung bis zur Auskunftserteilung und entwickelte v. a. ein vorbildliches System der nationalbibliographischen Erfassung der in Deutschland erscheinenden Literatur sowie der deutschsprachigen Literatur des Auslandes (seit 1931 Dt. Nationalbibliographie sowie Halbjahresverzeichnis der Neuerscheinungen des dt. Buchhandels u. Dt. Bücherverzeichnis). Schrittweise versetzte er die nur gering dotierte Bibliothek in die Lage, die Funktion als Gesamtarchiv des deutschsprachigen Schrifttums wahrzunehmen und sie als zentrale wiss. Bibliothek zu etablieren. Seit 1937 wurden den Bibliotheken mit den „Leipziger Titeldrucken“ die bibliographischen Informationen der Reihen A und B der Dt. Nationalbibliographie für deren Kataloge zur Verfügung gestellt.

    Zum NS-Regime verhielt sich U., der sich als unpolitischer Fachmann verstand und von|der Tagespolitik fernhielt, loyal (1933 Mitgl. d. „Stahlhelm“ u. d. Kampfbundes f. dt. Kultur, 1934–38 d. SA). Auf Drängen des Börsenvereins beauftragte U. Anfang Mai 1933, leitende Mitarbeiter an der Erstellung von „Schwarzen Listen“ unerwünschter und durch den Buchhandel nicht mehr zu vertreibender Literatur mitzuwirken. Im Juni 1933 war U. aufgrund einer Denunziation kurzzeitig inhaftiert. Eine wegen Zweifeln an seiner politischen Zuverlässigkeit erwogene Neubesetzung der Direktorenstelle der Dt. Bücherei wurde wegen zu erwartender unerwünschter negativer Resonanz im Ausland verworfen. Nachdem die Vertretung des Reichs an das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda übergegangen war, beanspruchte Joseph Goebbels seit 1935 das Aufsichtsrecht über die Dt. Bücherei. Diese galt als eine der nachgeordneten Einrichtungen und wurde 1940 zu einer Anstalt des öffentlichen Rechts. Die direkte Einflußnahme des Propagandaministeriums und der NSDAP engte die Kompetenzen des Direktors stark ein. U. stellte die Legitimität der politisch motivierten Vorgaben von staatlichen Vorgesetzten nicht in Frage, bemühte sich aber, die grundlegenden fachlichen Aufgaben in der Sammlung und Verzeichnung des deutschsprachigen Schrifttums zu bewahren, und war dafür zur Mitarbeit an Aufträgen des Propagandaministeriums und anderer Institutionen des NS-Regimes bereit, ohne Mitglied der NSDAP zu werden. 1938 wurde U. zum Generaldirektor ernannt.

    Seit Herbst 1933 wurde der Bibliotheksbestand regelmäßig und gezielt durch beschlagnahmte Bücher ergänzt. Die unerwünschten „undeutschen“ Titel, deren Anzeige in der Nationalbibliographie verboten war, wurden seit 1939 in monatlich erscheinenden, vom Propagandaministerium kontrollierten und freigegebenen „Listen der in der Deutschen Bücherei unter Verschluß gestellten Druckschriften“ zusammengefaßt. Diese bildeten eine Grundlage für die seit 1939 von der Dt. Bücherei bearbeiteten „Listen des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“. 1935 wurde hier, gegen U.s Willen, eine Dienststelle der Parteiamtlichen Prüfungskommission zum Schutz des nationalsozialistischen Schrifttums und 1940 eine Schrifttumsstelle des Propagandaministeriums eingerichtet. Eine Verbindungsstelle des SD in den Räumen der Bibliothek nutzte seit 1936 die Bestände und die bibliothekarischen Dienstleistungen geheimdienstlich.

    Nach Kriegsende blieb U. sowohl unter der amerik. wie auch der sowjet. Besatzung im Amt. Mit Beginn des Kalten Krieges und der dt. Teilung gestaltete sich die Fortsetzung der Bibliotheksarbeit äußerst schwierig. U. versuchte u. a. seine Kontakte zu Verlegern zu reaktivieren und mit Werbereisen in die Westzonen an die kostenlose und freiwillige Ablieferung der Verlagserzeugnisse nach Leipzig anzuknüpfen. Allerdings konnte er die Gründung der Dt. Bibliothek in Frankfurt/M. – mit denselben Aufgaben wie die Dt. Bücherei – für die Westzonen bzw. die Bundesrepublik nicht verhindern. Zudem sah er sich mit interner Kritik von SED- und Gewerkschaftsfunktionären an seiner Leitung konfrontiert, wobei seine Freikorpszugehörigkeit thematisiert wurde. Aufgrund gesundheitlicher Probleme wurde U.s Einfluß auf das Tagesgeschäft seit 1952 eingeschränkt. Er befaßte sich von da an intensiv mit der Geschichte der Dt. Bücherei (postum 1957 publiziert).

  • Auszeichnungen

    A E. K. II. Kl. (1916), I. Kl. (1918); stellv. Vors. d. Ver. Dt. Bibliothekare (1924–28); Mitbegründer d. Internat. Federation of Library Associations (IFLA) (1927, Vors. d. Unterausschusses f. laufende Bibliogrr., seit 1928 bzw. d. Unterausschusses f. Statistik d. Buchproduktion, seit 1938); Mitgl. d. Sächs. Prüfungsamtes f. Bibl.wesen (1924–33), d. Vorstands d. Dt. Buchkunststiftung (1929), d. Verw.ausschusses d. Dt. Mus., München (1932, d. Vorstands 1933–36), d. Vorstands d. Ges. d. Bibliophilen (1933); Ständiger Beisitzer d. Oberprüfstelle f. Schund- u. Schmutzschrr. (1927–35); korr. Mitgl. d. Istituto Italiano del Libro, Florenz (1929–36); Ehrenmitgl. d. Zentralstelle f. Dt. Personen- u. Fam.gesch. (später Zentralstelle f. Geneal.) (1929); Vors. d. Ausbildungs- u. Prüfungskomm. f. d. wiss. Bibl.dienst u. d. gehobenen Dienstes f. Sachsen, Sachsen-Anhalt u. Thür. (seit 1947); – Goethe-Medaille f. Kunst u. Wiss. (1932); VVO in Silber (1954).

  • Werke

    W u. a. Fünf Kap. über H. Heine u. E. T. A. Hoffmann, 1919;
    Bibliotheken gestern u. heute, 1932 (Vortr. z. Einweihung d. Bibl. d. Dt. Mus. in München am 7. 5. 1932);
    Auskunftserteilung, in: Hdb. d. Bibl.wiss., Bd. 2, 1933, S. 439–63;
    Die Sonderstellung d. Dt. Bücherei unter d. dt. Bibliotheken, in: Börsenbl. f. d. dt. Buchhandel 1938, Nr. 111, S. 7–10;
    Fünfundzwanzig J. Dt. Bücherei, Festvortr. z. Feier d. 25j. Bestehens, 15. Mai 1938, 1938;
    Die „Dt. Nat.bibliogr.“ nach d. Kriege, in: Zbl. f. Bibl. wesen, 1949, S. 269–78;
    Entwicklung d. Dt. Bücherei seit 1945 u. ihr gegenwärtiger Stand, ebd., 1951, S. 253–60;
    Die Bibl. d. Dt. Nat.verslg. v. 1848/49, Eine Vorläuferin d. Dt. Bücherei, in: Aus d. Welt d. Buches, 1950, S. 147–55;
    Die Dt. Bücherei u. ihre Aufgaben, in: Aus d. Arb. d. wiss. Bibliotheken in d. Dt. Demokrat. Rep., 1955, S. 131–51;
    Vorgesch. u. erste Entwicklung d. Dt. Bücherei, 1957.

  • Literatur

    L C. Fleischhack, in: Libri, 1955, 5, S. 382–87;
    W. Schmidt, in: Zs. f. Bibl.wesen u. Bibliogr., 1955, S. 64–66;
    K. Brückmann, in: Zbl. f. Bibl.wesen, 1955, H. 3/4, S. 85–90;
    A. Jux, Lebensweg v. Immekeppel n. Leipzig, Dr. H. U., Dir. d. Dt. Bücherei, in: Berg. Kal., 1959, S. 73–75;
    A. Matthias, Das Wirken H. U.s f. d. Dt. Bücherei, in: Jb. d. Dt. Bücherei, 21,|1995, S. 51–100;
    H.-M. Pleßke, in: Mitteldt. Jb., 2004, S. 281–83;
    L. Poethe, Die Dt. Bücherei als „[…] schlagkräftiges Instrument f. d. Erfüllung ihrer satzungsmässigen Aufgaben u. d. ihr v. Ministerium erteilten Aufträge […]“, H. U. in Leipzig, in: Wiss. Bibliothekare im NS, Handlungsspielräume, Kontinuitäten, Deutungsmuster, hg. v. M. Knoche u. W. Schmitz. 2011, S. 243–88;
    Rhdb. (P);
    Kulturlex. Drittes Reich;
    Stadtlex. Leipzig;
    LGB2 2;
    Wer war wer DDR;
    Biogr. Hdb. SBZ-DDR; Lex. wiss. Bibliothekare

  • Autor/in

    Lothar Poethe
  • Empfohlene Zitierweise

    Poethe, Lothar, "Uhlendahl, Heinrich" in: Neue Deutsche Biographie 26 (2016), S. 540-542 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11876344X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA