Lebensdaten
1909 bis 1999
Geburtsort
Königsberg(Preußen)
Sterbeort
Marquartstein bei Traunstein (Oberbayern)
Beruf/Funktion
SS-Führer ; Germanist ; Kultur- und Wissenschaftspolitiker
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 119413574 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Schneider, Hans Ernst
  • Schwerte, Hans (Deckname)
  • Schwerte, Hans Werner (Deckname)
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Objekt/Werk(nachweise)

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Zitierweise

Schneider, Hans, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd119413574.html [22.10.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Max ( 1921), Vers.beamter, Bez.dir., S d. Friedrich, Lokomotivführer, u. d. Johanna Auguste Borchert; fiktiver V Paul Schwerte;
    M Elise ( 1932), T d. August Behrendt, Polizeiassistent, u. d. Elise Bojahr; fiktive M Meta N. N.;
    1 B, 2 Schw;
    1941 erneut 1947 Annemarie Hildegard Oldenburg (* 1914);
    3 K.

  • Leben

    Nach dem Abitur am Hufen-Realgymnasium in Königsberg 1928 studierte S. nach eigenen Angaben zwölf Semester Literaturgeschichte, Kunstgeschichte, Theaterwissenschaft, Philosophie, Volkskunde und Urgeschichte in Königsberg, Berlin und Wien u. a. bei Julius Petersen, Josef Nadler und Wilhelm Worringer. 1933 meldete er sich zum „Freiwilligen Arbeitsdienst“ und trat in die SA ein. 1934 arbeitete er als „Referent für Volkstumsarbeit in der Gaudienststelle Ostpreußen der NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude“. Im Juni 1935 absolvierte er nach eigenen Angaben ein „Doktorexamen“. Die Dt. Bücherei Leipzig verzeichnet im Jahresverzeichnis der dt. Universitätsschriften keine Dissertationsschrift S.s. 1936/37 betätigte sich S. in der „Hauptabteilung Volkstum und Heimat der NS-Kulturgemeinde“, zuletzt als „Stellv. Hauptabteilungsleiter“. 1937 in SS und NSDAP eingetreten, begann er 1938 seine Tätigkeit als Referent beim SS-„Ahnenerbe“ (AE), von wo aus er 1940 zur Bearbeitung der „kulturellen und weltanschaulichen Aufgaben der german. Leitstelle Holland“ zum Höheren SS- und Polizeiführer nach Den Haag abkommandiert wurde. Aufgrund der „hervorragenden“ Erfüllung von „Sonderaufgaben“ für den Reichskommissar Arthur Seyß-Inquart erhielt er 1941 das Kriegsverdienstkreuz II. Klasse. 1942 kehrte er – inzwischen SS-Obersturmführer – als leitender Sachbearbeiter des AE-Zentralreferats „German. Wissenschaftseinsatz“ nach Berlin zurück, zuständig für die „Durchführung sämtlicher wissenschaftlich-forschenden Aufgaben“ in den „randgerman. Ländern“. Anfang 1943 war S. verantwortlich an der Beschaffung medizinischer Geräte für KZ-Menschenexperimente der SS-Ärzte Sigmund Rascher (1909–45) und August Hirt (1898–1945) beteiligt. Im selben Jahr wurde S. im Rang eines Hauptsturmführers zum „SS-Fachführer für Presse- und Kriegswirtschaft im Persönlichen Stab des Reichsführers-SS“ ernannt. Im März 1945 erlaubte ihm AE-Reichsgeschäftsführer Wolfram Sievers, sich dem „Amt III C Kultur“ des Reichssicherheitshauptamtes als Mitarbeiter anzuschließen.

    Am 26.4.1945 ließ sich S. für tot erklären und meldete sich am 2.5.1945 als Hans Werner Schwerte beim Lübecker Meldeamt. Seine neue Identität stützte sich auf Bescheinigungen Götz v. Selles und Friedrich Hoffmanns, des letzten Kurators der Univ. Königsberg, über das Studium eines Hans Schwerte 1928-33 in Königsberg. 1945/46 nahm Schwerte als Gasthörer bei Ulrich Pretzel ein Germanistikstudium in Hamburg auf, das er 1946/47 in Erlangen fortsetzte, wo er als Hilfskraft und später als Assistent bei Heinz-Otto Burger (1903–94) Anstellung fand. 1948 wurde er mit einer nur als Torso eingereichten Dissertation zum Zeitbegriff bei Rilke in Erlangen promoviert. In den 1950er Jahren leitete Schwerte zudem die Erlanger Redaktion des Stalling-Verlags, bei dem sich mit den Germanisten Wilhelm Spengler und Hans Rössner weitere ehemalige Mitglieder des Amtes „III C Kultur“ des Reichsicherheitshauptamtes als Lektoren eingefunden hatten. Nach seiner Habilitation 1958 mit der Schrift „Faust und das Faustische, Ein Kapitel dt. Ideologie“ (1962) lehrte Schwerte 1958-64 als Privatdozent in Erlangen. 1965 erhielt er einen Ruf auf den Lehrstuhl für Neuere Dt. Literaturgeschichte an dier RWTH Aachen (Rektor 1970–73). Seinem Faust-Buch wurde mitunter die „temperamentvolle Absage an die Ideologie-Bildung“ als „kulturpolitisches Verdienst“ angerechnet (B. v. Wiese). Für einen 1971 an ihn ergangenen Ruf nach Stanford gibt es dort „nicht die leiseste Evidenz“ (H. Reiss). 1974-81 fungierte er als „Landesbeauftragter für die Pflege und Förderung der Beziehungen zwischen den Hochschulen des Landes Nordrhein-Westfalen und des Königreichs der Niederlande und des Königreichs Belgien“ und war seit 1984 als Honorarprofessor an der Univ. Salzburg tätig.

    1995 kam S., der seit 1982 in Aschgau (Oberbayern) lebte, der Enthüllung seiner SS-Identität durch eine Selbstanzeige zuvor. Seine Ehrungen wurden ihm daraufhin aberkannt, sein Beamtenstatus und sein Professorentitel entzogen. Eine Aberkennung seines Doktortitels lehnt die Univ. Erlangen-Nürnberg ab. Der Namens- und Identitätswechsel, in dessen Verlauf S. von einem leitenden SS-Kultur- und Wissenschaftspolitiker zu einem linksliberalen Germanistikprofessor mutierte, ist verschiedentlich eine „Selbstentnazifizierung“ (C. Leggewie) bzw. eine „Distanzierung von der eigenen Vergangenheit“, wie sie radikaler nicht möglich sei (K. Weimar), genannt worden. Die lange Phase der Umorientierung nach 1945 spricht allerdings ebensowenig dafür, daß die biographische „Wertkorrektur“ (H. Rössner) selbstinduziert war, wie im Verbergen des ersten Lebens tatsächlich eine Distanznahme erblickt werden darf.

  • Auszeichnungen

    Kriegsverdienstkreuz II. Kl. (1941); BVK 1. Kl. (1983, aberkannt); Officier de l'Ordre de la Couronne du Royaume de Belgique (1985); Ehrensenator d. RWTH Aachen (1990, aberkannt).

  • Werke

    u. a. Kgl. Gespräch, Erz., 1936;
    Der Weg ins zwanzigste Jh., 1889–1945, in: H.-O. Burger (Hg.), Ann. d. dt. Lit., Gesch. d. dt. Lit. v. d. Anfängen bis z. Gegenwart, 1952, 21971, S. 719-840: – Hg.: Denker u. Deuter im heutigen Europa, 2 Bde., 1954/55 (mit W. Spengler);
    Forscher u. Wissenschaftler im heutigen Europa, 2 Bde., 1955 (mit dems.);
    Bibliogr.: C. Leggewie, S. 331-36 (s. L);|

  • Nachlaß

    Nachlaß: Univ.archiv Erlangen-Nürnberg; DLA, Marbach.

  • Literatur

    H.-P. Bayerdörfer u. a. (Hg.), Lit. u. Theater im Wilhelmin. Za. [Hans Schwerte z. 68. Geb.tag], 1978;
    H. Rössner (Hg.), Der ganze Mensch, Aspekte e. pragmat. Anthropol., 1986;
    L. Jäger, Seitenwechsel, Der Kall S./Schwerte u. d. Diskretion d. Germanistik, 1998 (Qu);
    ders., „Bannen u. z. Ruhe Bringen“, Klaus Weimar, die Historiogr. u. d. Fall Schwerte/S., in: Sprache u. Lit. 85, 2000, S. 117-32;
    H. König u. a. (Hg.), Vertuschte Vergangenheit, Der Fall Schwerte u. d. NS-Vergangenheit d. dt. Hochschulen, 1997;
    ders. (Hg.), Der Fall S./Schwerte im Kontext, 1998;
    C. Leggewie, Von S. zu Schwerte, Das ungewöhnl. Leben e. Mannes, der aus d. Gesch. lernen wollte, 1998 (W);
    J. Lerchenmüller u. G. Simon, Masken-Wechsel, Wie d. SS-Hauptsturmführer S. z. BRD-Hochschulrektor Schwerte wurde u. andere Gesch. über d. Wendigkeit dt. Wiss. im 20. Jh., 1999 (Qu);
    H. Reiss, The Case of H. Schwerte, The German Response to a Murky Tale, in: Oxford German Studies 29, 2000, S. 181-216;
    F.-R. Hausmann, Der Schwerte-Mythos, in: Scientia Poetica 5, 2001, S. 164-82;
    B. Henkes u. B. Rzoska, Volkskunde u. „Volkstumspol.“ d. SS in d. Niederlanden, H. E. S. u. seine „großgerman.“ Ambitionen f. d. niederländ. Raum, in: Griff nach d. Westen, Die „Westforsch.“ d. völk.-nat. Wiss. z. nordwesteurop. Raum (1919–1960), hg. v. B. Dietz, 2003, S. 291-323;
    Erlanger Stadtlex.;
    Kosch, Lit.-Lex.3 (unter S. u. Schwerte);
    Internat. Germanistenlex. (unter Schwerte, Qu, W, L).

  • Autor/in

    Ludwig Jäger
  • Empfohlene Zitierweise

    Jäger, Ludwig, "Schneider, Hans" in: Neue Deutsche Biographie 23 (2007), S. 296-298 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119413574.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA