Lebensdaten
1907 bis 1989
Geburtsort
Wiesbaden
Sterbeort
Frankfurt/Main
Beruf/Funktion
Essayist ; Publizist ; Politikwissenschaftler ; Professor in Heidelberg
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118617931 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Sternberger, Adolf (eigentlich)
  • Sternberger, Dolf
  • Sternberger, Adolf (eigentlich)
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Zitierweise

Sternberger, Dolf, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118617931.html [15.10.2019].

CC0

  • Genealogie

    Aus Bauern- u. Handwerkerfam.;
    V Georg (1883–1957, republikan. gesinnter Bücherrevisor in W., S d. Philipp, Rathauswächter in W., u. d. Katharina Zimmer;
    M Louise Margaretha (1884–1974, T d. Wilhelm Schaus, Schneidergehilfe in W., u. d. Elisabeth Bauer;
    Frankfurt/Main 1931 Ilse (Ps. Peter Menzel) (1900–92, jüd., 1] N. N. Blankenstein?), Journ. u. a. f. d. Frankfurter Ztg. (s. E. Nordhofen, in: Die Zeit v. 19. 6. 1992), T d. Karl Rothschild (1857–1944 Auschwitz), aus Hochhausen, u. d. Recha N. N. (1869–1944 Auschwitz);
    Stief-S Peter (Blankenstein) Borden-S. ( Elaine Goldman, aus Cincinnati, Ohio).

  • Leben

    S. absolvierte das Realgymnasium in Wiesbaden. 1915 wurde er Mitglied in einem an der bündischen Jugend orientierten ev. Bibelkreis. Seit 1925 studierte er zunächst in Kiel Theaterwissenschaft, wechselte nach einem Semester nach Frankfurt/M. und belegte Germanistik und Kunstgeschichte. 1927 ging er nach Heidelberg, wo er mit Hannah Arendt eine lebenslange Freundschaft schloß und in den Bannkreis von Karl Jaspers geriet. Auf dessen Rat hin wechselte er 1929 für ein Jahr zu Martin Heidegger nach Freiburg (Br.). 1932 wurde er in Frankfurt/M. bei Paul Tillich zum Dr. phil. promoviert (Der verstandene Tod, Eine Unters. zu Martin Heideggers Existenzialontologie, 1934).

    1934 trat S. in die Redaktion der „Frankfurter Zeitung“ ein, zunächst in das Ressort „Bildung und Wissenschaft“, später mußte er in die Sportredaktion ausweichen. S. widerstand den Anfechtungen des Dritten Reichs und entzog sich hartnäckig den Sprachregelungen der Nationalsozialisten, bis 1943 ein Berufsverbot über ihn verhängt wurde. Sein besonderes Interesse galt in diesen Jahren dem Geistes-, Gesellschafts- und Wirtschaftsleben des 19. Jh. (Panorama oder Ansichten vom 19. Jh., 1938); es mündete später in seine Monographie „Heinrich Heine und die Abschaffung der Sünde“ (1972), die zu einem Klassiker der Heine-Forschung wurde. 1943–45 kam S. in einem Heidelberger Industriebetrieb unter und half seiner Frau, die einer jüd. Familie entstammte, sich zu verbergen.

    Im Okt. 1945 begründete S. in Heidelberg mit Karl Jaspers, Alfred Weber und Werner Krauss, dem später Marie Luise Kaschnitz nachfolgte, die Zeitschrift „Die Wandlung“. Hier publizierte er mit Gerhard Storz und Wilhelm E. Süskind eine Artikelserie, die sich mit der Verwahrlosung der Sprache im Dritten Reich auseinandersetzte und als Buch u. d. T. „Aus dem Wörterbuch des Unmenschen“ mehrere Auflagen erzielte. Als „Die Wandlung“ 1949 ihr Erscheinen einstellen mußte, wurde S. 1950–58 Mitherausgeber der Halbmonatsschrift „Die Gegenwart“.

    1946 erhob S. als erster die Forderung nach (Wieder-)Einführung des Fachs Politische Wissenschaft an dt. Hochschulen und wurde so neben Ernst Fraenkel, Otto Suhr, Otto Heinrich v. der Gablentz und Eugen Kogon zu einem ihrer Gründungsväter. 1947 erhielt er einen Lehrauftrag für Politik an der Univ. Heidelberg, seit 1951 leitete er am Alfred-Weber-Institut eine Forschungsgruppe, die Keimzelle des späteren Instituts für Politische Wissenschaft. Eine Vielzahl von Studien zu Regierung und Opposition, Fraktionen, Koalitionen und zu Verbänden entstand. 1955 zum Honorarprofessor ernannt, wurde er 1960 persönlicher Ordinarius und 1962 o. Professor und Direktor des Instituts für Politische Wissenschaft (em. 1972).

    In seiner Antrittsvorlesung (Nov. 1960) formulierte er – im Gegensatz zu Carl Schmitt, aber auch zu Max Weber – „Der Gegenstand und das Ziel der Politik ist der Friede“. Der Friede beruht nach S. auf vertraglicher Vereinbarung, nicht auf Herrschaft. Der demokratische Verfassungsstaat sei die beste den Menschen mögliche Organisationsform. Der Bürger solle ein loyaler Freund dieses Staats und seiner Institutionen sein. Als S. bedeutendste wissenschaftliche Werke gelten „Grund und Abgrund der Macht, Kritik der Rechtmäßigkeit heutiger Regierungen“ (1962), worin er untersuchte, worauf die westlichen und östlichen Regierungen ihre Legitimität gründen, sowie sein eigentliches opus magnum „Drei Wurzeln der Politik“ (1978). Im Titel dieses Werks fehlt der bestimmte Artikel mit Bedacht, denn neben Aristoteles als der „politologischen“, Augustinus als der „eschatologischen“ und Machiavelli als der „dämonologischen“ Wurzel ließ S. auch andere Klassiker gelten. Gleichwohl war für S. die „Politik“ des Aristoteles das „Grundbuch der abendländischen Staatslehre“. Die Bürgerschaft und nicht der Herrscher oder die Gemeinschaft der Heiligen war für ihn die zentrale Figur der Politik.

    Zum 30. Jahrestag der Verabschiedung des Grundgesetzes 1979 prägte S. in einem Leitartikel der FAZ den bis heute vielfach zitierten und häufig mißdeuteten Begriff „Verfassungspatriotismus“, den sich auch Autoren wie Jürgen Habermas mit veränderter Interpretation zu eigen machten und dessen ideeller Gehalt auch nach der Wiedervereinigung eine nützliche Orientierung unseres nationalen Selbstverständnisses bietet. Der Verfassungsstaat, der die Freiheit verwirklicht, bedürfe zur Identifikation des Patriotismus und brauche Vaterlandsliebe als Bürgertugend.

    S., der seit 1959 zugleich Berater und Autor der FAZ war und 1946–66 im Hess. Rundfunk regelmäßig politische Kommentare sprach, gründete keine Schule, doch übernahmen seine zahlreichen Schüler mannigfaltige, z. T. bedeutsame öffentliche Funktionen in Wissenschaft, Publizistik und Politik. S. gehört zu den Klassikern des politischen Denkens im 20. Jh. Als Wissenschaftler, durch sein publizistisches Wirken und durch seine faszinierende Sprachfähigkeit übte er über Jahrzehnte erheblichen öffentlichen Einfluß aus.

  • Auszeichnungen

    A u. a. Gründungsmitgl. u. Vors. d. Dt. Vereinigung f. Polit. Wiss. (1962–64); Vizepräs. (1964–70) u. Ehrenpräs. d. Dt. Ak. f. Sprache u. Dichtung, Darmstadt; Präs. (1964–70) u. Ehrenpräs. d. P.E.N.-Zentrums d. Bundesrep. Dtld.; Mitgl. d. Dt. UNESCO-Komm. (1958); Gründer (1947) u. Vors. (1947–67) d. Dt. Wählerges.; Gr. BVK (1989); Dr. h. c. Sorbonne, Paris (1980) u. Trier (1982); Lit.preis d. Bayer. Ak. d. Schönen Künste (1977); Goethepreis (1989); Reuchlinpreis (1980); Wilhelm v. Humboldt-Preis (1983); Wilhelm Leuschner-Preis (1977); Ernst Bloch-Preis (1985); Carl Zuckmayer-Preis (1986); – D.-S.-Ges., Heidelberg (seit 1993).

  • Werke

    Ges. Schrr., 12 Bde., 1977–96, ab Bd. 10 hg. v. P. Haungs u. a.;
    Die Wahl d. Parlamente u. anderer Staatsorgane, Bd. I, 2 Halbbde., 1969 (Hg. mit B. Vogel), Bd. II, 2 Halbbde.,1978 (Hg. mit B. Vogel u. a.);
    Nachlaß:
    DLA, Marbach;
    zu Ilse:
    Princes without a home, Modern Zionism and the strange fate of Theodor Herzl`s children 1900–1945, 1994.

  • Literatur

    C. J. Friedrich u. B. Reifenberg (Hg.), Sprache u. Pol., FS D. S., 1968 (P);
    P. Haungs (Hg.), Res Publica, Stud. z. Verfassungswesen, FS D. S., 1980 (P);
    J. Pannier, Das Vexierbild des Politischen, D. S. als pol. Aristoteliker, 1996;
    C. Kinkela, Die Rehabilitierung des Bürgerlichen im Werke D. S.s, 2001;
    J. Fest, Genie d. Vernünftigkeit, Eine Nachschr. auf D. S., in: ders., Begegnungen, Über nahe u. ferne Freunde, 2004, S. 87–120 (P);
    W. J. Dodd, Jedes Wort wandelt d. Welt, D. S.s pol. Sprachkritik, 2007;
    Killy;
    Kosch, Lit.-Lex.3 (W, L);
    Frankfurter Biogr.;
    Nassau. Biogr.;
    Drüll, Heidelberger Gel.lex. IV;
    Munzinger;
    BBKL 32.

  • Portraits

    Fotogrr. v. B. Klemm (Frankfurt/M., Archiv d. FAZ).

  • Autor/in

    Bernhard Vogel
  • Empfohlene Zitierweise

    Vogel, Bernhard, "Sternberger, Dolf" in: Neue Deutsche Biographie 25 (2013), S. 298-299 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118617931.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA