Lebensdaten
1904 bis 1980
Geburtsort
Berlin-Wilmersdorf (Kreis Teltow)
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Jurist
Konfession
jüdisch,evangelisch
Normdaten
GND: 107029774 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Steinhoff, Peter A. (Pseudonym)
  • Steinhoff, Peter A.
  • Steiniger, Alfons
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Zitierweise

Steiniger, Peter Alfons, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd107029774.html [26.05.2017].

CC0

Steiniger, Peter Alfons (Pseudonym Peter A. Steinhoff)

Jurist, * 4. 12. 1904 Berlin-Wilmersdorf (Kreis Teltow), 27. 5. 1980 Berlin, Berlin, Zentralfriedhof Friedrichsfelde. (bis etwa 1929 jüdisch, seit etwa 1935 evangelisch)

  • Genealogie

    Aus jüd. Textilhändlerfam. in Böhmen u. im Egerland; V Hans (1872–1941?), aus Karlsbad, Handlungsreisender, seit etwa 1900 in B., im 1. Weltkrieg schwer verwundet, erlitt 1928 wirtschaftl. Zusammenbruch; M Anna (1877–1964, ev.), T d. N. N. Lindemann, aus Meckl., Maurermeister, dann Arb. in B.; 1) Berlin 1932 Editha Louise (1908–48, ev.), T d. Franz Eichhoff (* 1875), aus Sayn b. Koblenz, Richter in Selters, Neuwied, Düsseldorf, Kassel, seit 1926 Präs. d. Landgerichts Neuruppin, 1933 Senatspräs. d. Kammergerichts, 1921–32 MdL Preußen (DVP) (s. Wi. 1935), 2) Berlin 1952 Edith (* 1928), Dr. sc. pol., pol.-wiss. Mitarb. b. Bundesvorstand d. FDGB, T d. Wilhelm Bodesheim (1890–1968), Maschinenschlosser b. d. Reichsbahn, u. d. Anna N. N. (1896–1970); 1 S aus 1) Klaus (* 1932), Dr. sc. pol., Staatsanwalt, Bgm. in Güstrow, später Fernsehjournalist in d. außenpol. Abt. d. „Aktuellen Kamera“, seit 1975 Korrespondent d. Ztg. „Neues Dtld.“ in Lissabon, Buchautor, Hg. d. Zs. „Rotfuchs“ (s. Biogr. Hdb. SBZ/DDR), 1 S aus 2) Peter (* 1958), Oberstaatsanwalt in Potsdam, 1 T aus 2) Sabine (* 1956, Peter Buntrock, * 1941, Dr. med., Prof. f. Pathol. u. a. an d. Charité in B.), Dr. med., Ärztin in B.; Verwandte d. 1. Ehefrau Johann Peter Eichhoff (1755–1825), Publ., Johann Joseph Eichhoff (1767–1827), Pol., Volkswirt, Freund Beethovens (beide s. NDB IV), Wilhelm Eichhoff (1823–93), Entomol., Forstmann, alle in Bonn (s. ADB 48).

  • Leben

    Aufgewachsen in schwierigsten wirtschaftlichen Verhältnissen und seit 1919 tschechoslowak., zuvor österr. Staatsbürger, besuchte S. das humanistische Bismarck-Gymnasium in Berlin-Wilmersdorf, dem Wohnort der Familie (Abitur 1923). Stipendien ermöglichten ihm ein Studium von Rechtswissenschaften, Ökonomie und Philosophie in Berlin, Marburg, Bonn und Halle. An ein Bonner Seminar bei →Albert Hensel (1895–1933) schloß sich die unveröffentlichte Bonner Dissertation bei diesem und →Carl Schmitt (1888–1985) an; nach 1945 betonte S. – nicht zu belegende – Bedenken Erich Kaufmanns gegen seine Promotion. Als „Auslandsdeutscher“ zunächst nicht zum Referendardienst zugelassen, führte S. bis zum Erwerb der preuß. Staatsbürgerschaft 1930 (1. Staatsexamen in Naumburg 1931) eine Bohèmeexistenz in Berlin, verkehrte in linksbürgerlichen Kreisen wie der „Gruppe Revolutionärer Pazifisten“ um →Kurt Hiller (1885–1972) und war jur. Berater und Autor der „Weltbühne“. 1933 aus „rassischen“ Gründen aus dem Referendariat beim Kammergericht entlassen, ernährte S. seine Familie durch Arbeiten u. a. als Bankkaufmann (Syndikus, später Leitender Dir. d. ehem. jüd. Bankhauses Wassermann) und (unter Pseudonym) Autor historischer Romane; daraus resultierte eine Korrespondenz mit →Hermann Hesse (1877–1962). Im Rahmen dieser Tätigkeit beantragte er auch die Mitgliedschaft in der Reichsschrifttumskammer. Nachdem ihm 1935 die dt. Staatsbürgerschaft entzogen wurde, nahm er 1936 wieder die tschech. Staatsbürgerschaft an. 1944 zur „Organisation Todt“ einberufen und bei Weimar untergebracht, floh S. nach Krummhübel (Riesengebirge). Ideologisch bislang nicht festgelegt, wurde er im Juni 1945 in Schmiedeberg (Kowary, Riesengebirge) Mitglied der illegalen KPD, unter poln. Verwaltung seit 1945 kurzfristig Bürgermeister von Krummhübel (Karpacz). Im Sommer 1946 gelangte er auf Einladung von →Johannes R. Becher (1891–1958) mit dem Trauerzug von Gerhart Hauptmann aus Agnetendorf nach Dresden, dann nach Berlin, wo er Assistent bei dem kath. Staatsrechtslehrer →Hans Peters (1896–1966) wurde. Seit 1946 gehörte S. (unter seinem alten Pseudonym) zu den Redakteuren der vom Kulturbund herausgegebenen Zeitschrift „Aufbau“. Mit →Otto Grotewohl (1894–1964) erarbeitete er, seit 1946 SED-Mitglied, seit 1948 kooptiertes Mitglied im Verfassungsausschuß, den Verfassungsentwurf des „Deutschen Volksrats“, die Vorlage der ersten Verfassung der DDR. Zunächst um Ausgleich auch mit „bürgerlichen“ Juristen bemüht, vertrat S. den Fortbestand des Dt. Reichs und ging in scharfe Opposition etwa zu →Hans Kelsen (1881–1973). Nach der staatsrechtlichen Habilitation Ende 1947 bei Peters und →Arthur Baumgarten (1884–1966) in Berlin wurde S. dort 1948 o. Professor für öffentliches Recht. S. geriet zunehmend in die Grabenkämpfe des Kalten Krieges. Die Aufnahme in die (gesamtdt.) Staatsrechtslehrervereinigung, betrieben von Walter Jellinek, Peters und Jacobi, scheiterte trotz Erfüllung der formalen Voraussetzungen an S.s Eintreten für die Oder-Neisse-Grenze. 1947 gehörte er zu den Gründern der „Dt. Verwaltungsakademie Forst Zinna“ (1948 erster Präs.). 1949 für den Kulturbund in die Provisorische Volkskammer gewählt, mußte er sich 1950 aus allen öffentlichen Ämtern zurückziehen, als ein Schreiben von ihm an die Reichsschrifttumskammer von 1938 öffentlich gemacht wurde. 1951 wurde er erster Leiter des neugegründeten Instituts für Staats- und Rechtstheorie an der Humboldt-Univ. (1952–54 Dekan). Er beschränkte sich seit 1950 zunehmend auf das Völkerrecht (1951 Gründung „Inst. f. Völkerrecht“, HU Berlin, Leiter). Durchaus in den Bahnen der konventionellen Dogmatik, setzte er sich für die Interessen der DDR ein (Rückgabe d. Bestände d. preuß. Staatsbibl., UNO-Beitritt, völkerrechtl. Status West-Berlins); sein jur. Scharfsinn wurde auch von Gegnern anerkannt. Teilweise hatten seine Arbeiten eine an das westliche Ausland gerichtete propagandistische Absicht, wie die Gutachten zu den Nürnberger Prozessen oder für den Vietnam-Ausschuß beim Afro-Asiat. Solidaritätskomitee der DDR 1967 zeigen. Auslandsreisen S.s, der zu einer privilegierten Minderheit der DDR gehörte, waren v. a. wegen seiner Funktionen als Präsidiumsmitglied des Friedensrates der DDR (1950–74) sowie als Präsident der Liga für die Vereinten Nationen in der DDR (1955–80) jederzeit möglich und erwünscht. S. bejahte vorbehaltlos die Führungsrolle der SED, rechtfertigte das Blocksystem, erteilte der Wahlfreiheit bereits 1948 eine deutliche Absage und übte 1953 scharfe Kritik an den Aufständischen des 17. Juni. Seine Loyalität galt primär der DDR als Staat und dessen persönlich geschätzten Repräsentanten Otto Grotewohl und →Walter Ulbricht (1893–1973), ein Parteijurist der SED war S. nicht. Eine kritische Beschäftigung mit seinem Gesamtwerk, das vom (bejahten) preuß. Rechtsstaat in eine ebenso bejahte kommunistische Diktatur führte, steht noch aus.

  • Auszeichnungen

    A VVO (in Silber 1960, Gold 1964); Verdienstmedaille d. NVA (1961); Carl-v.-Ossietzky-Medaille (1964); Artur-Becker-Medaille in Gold (1965); Arnold-Zweig-Plakette (1965); Medaille f. Verdienste in d. sozialist. Rechtspflege (1965); Banner d. Arbeit (1969); Karl-Marx-Orden (1980); Medaille f. ausgezeichnete Leistungen; Dt. Friedensmedaille; Johannes-R.-Becher-Medaille; Stern d. Völkerfreundschaft in Gold; Verdienter Hochschullehrer d. Volkes; Goldene Ehrennadel d. Ges. z. Verbreitung wiss. Kenntnisse (Urania); Mitgl. d. Dt. Inst. f. Rechtswissenschaften (1952–58) u. d. Sektion f. Staats- u. Rechtswiss. d. Dt. Ak. d. Wiss. (1955); Vizepräs. d. Ges. f. Völkerrecht d. DDR (1965–80); Dr. iur. h. c. (Jena 1979).

  • Werke

    W Die pol. Funktion d. Selbstverw.begriffes v. Gneist u. Preuß, Diss. Bonn 1928 (ungedr.); Heinrich d. Löwe, Der Roman seines Jh., 1936 (Ps.); Der Schatten Gottes, 1937, (Ps., 21946); Das Judenkloster, Erzz., 1946; Franz Kafka, in: Aufbau 3, 1947, S. 481–87; Lehren aus d. Verfassungen d. gr. Demokratien, 1947; Hat d. dt. Volk e. Recht auf Selbstbestimmung seiner Vfg.?, 1948; Das Blocksystem, Btr. zu e. demokrat. Vfg.lehre, 1949 (Habil.schr.); Die Polen u. wir, in: Blick nach Polen 1949, S. 4 ff.; Vom Wesen unserer Arbeiter- u. Bauernmacht, 1954; Die Überwindung d. Lasalleschen Staatsideol., 1955 (mit H. Klenner); Das Recht d. friedl. Koexistenz, in: Staat u. Recht im Lichte d. Großen Okt., 1957, S. 102–20; Der Nürnberger Prozeß, Aus d. Protokollen, Materialien u. Dokumenten d. Prozesses gegen d. Hauptkriegsverbrecher vor d. Internat. Militärger.hof (Ausw. u. Einl.), 2 Bde., 1957, 51962; Westberlin, Ein Hdb. z. Westberlin-Frage, 1959; Zur Verbindlichkeit d. Nürnberger Prinzipien, in: FS f. A. Baumgarten, 1964, S. 71–79; Okt.rev. u. Völkerrecht, 1967; Rechtsgutachten betr. Kriegsverbrecherfrage im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozeß u. Völkerrecht, 1967, engl. 1967, franz. 1967; Fall 3, Das Urteil im Jur.prozeß, 1969 (mit K. Leszczynski); Konfrontation mit d. Frieden, Zwölf Fragen z. europ. Friedenspol. in d. siebziger J., 1970; UNO-Aufnahme d. DDR – jetzt!, 1972, engl. 1972; Völkerrechtl. Verantwortlichkeit d. Staaten, 1977 (mit B. Graefrath u. E. Oeser); Wie effektiv ist d. Völkerrecht? Ein Vortrag, 1980; – Qu Nachlaß: Archiv d. HU Berlin; 8 Briefe v. Hermann Hesse an S., 1938–47 im Nachlaß Hesse, Schweizer. Lit.archiv, Bern; weitere Korr.: Archiv d. Ak. d. Künste Berlin (J. R. Becher); Stadt- u. Landesbibl. Berlin (J. Kuczynski); Kaderakte: SAPMO im BA, Berlin.

  • Literatur

    L Völkerrecht im Friedenskampf, P. A. S. z. 65. Geb., 1969 (Bibliogr. bis 1969); W. Abendroth, Ein Leben in d. Arbeiterbewegung, 1976, S. 201 f.; Ehrendr.würde f. Prof. Dr. P. A. S., in: Neue Justiz, 1979, S. 539; E. Oeser, Festvortr. anläßl. d. 75. Geb.tags v. P. A. S. am 3. Dez. 1979, in: Wiss. Zs. d. Humboldt-Univ. zu Berlin 1981, S. 5–15; K. Kempter, Die Jellineks, 1998, S. 536; H. Jäckel, Menschen in Berlin, Das letzte Telefonbuch d. alten Reichshauptstadt 1941, 2000, S. 331; B. Musiolek, P. A. S., Zw. Illusion u, Wirklichkeit, Das Blocksystem als Vfg.prinzip, in: Rechtsgesch.wiss. in Dtld. 1945 bis 1952, hg. v. B. Schröder u. D. Simon, 2001, S. 253–74; H.-J. Mende, Zentralfriedhof , 2004, S. 59 f.; H. Amos, Die Entstehung d. Vfg. in d. Sowjet. Besatzungszone/DDR 1946–49, 2005, S. 146, 149, 156, 219, 229, 238 ff., 276–86 u. 327 (P); Wer war wer DDR; Wi. 1965; D. Breithaupt, Rechtswiss. Biogr. DDR, 1993; Biogr. Hdb. SBZ/ DDR; – eigene Archivstudien: Univ.archive Bonn u. HU Berlin; Archiv d. Berlin-Brandenburg. Ak. d. Wiss.

  • Portraits

    P Fotogr., Ende d. 1940er J. (Berlin, SAPMO), Abb. in: Amos (s. L), S. 489; Fotogr. (ebd., ehem. Bestand Allg. Dt. Nachrr.agentur), Abb. in: Neue Justiz, 1980, S. 295.

  • Autor

    Martin Otto
  • Empfohlene Zitierweise

    Otto, Martin, "Steiniger, Peter Alfons" in: Neue Deutsche Biographie 25 (2013), S. 205-207 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd107029774.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

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