Lebensdaten
1887 bis 1948
Geburtsort
Hannover
Sterbeort
Kendal (Cumbria, England)
Beruf/Funktion
Collagist ; Assemblagekünstler ; Maler ; Bildhauer ; Zeichner ; Typograph ; Schriftsteller
Konfession
-
Normdaten
GND: 118612301 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Schwitters, Curt Hermann Eduard Carl Julius
  • Pfitzer, Gustav Dr. (Pseudonym)
  • Merz (Pseudonym)
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Zitierweise

Schwitters, Kurt, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118612301.html [20.08.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Eduard Hermann (1857–1931), Kaufm., Inh. e. Damenkonfektionsgeschäfts in H., S d. Hermann Dietrich (* 1821), Schuhmacher in Wittmund, u. d. Hiesche Maria Dierken (* 1829);
    M Henriette (1859–1945), aus H., T d. Conrad Heinrich Beckemeyer (* 1822), Tischler in Nienburg, u. d. Katharina Dorothee Auguste Ilse (* 1822), aus Hildesheim;
    Hannover 1915 Wilhelmine (Helma) (1890–1944), aus H., T d. Eduard Fischer (1860–1940), Prokurist d. Hannover. Straßenbahn, u. d. Eleonore Luise Wilhelmine Ehlers (1869–1944); seit 1941 Lebensgefährtin Edith Thomas (gen. Wantee) (1915–91), Telefonistin;
    2 S (1 früh †) Ernst (1918–96), Reporter, Kunstfotograf in Norwegen u. England, erarbeitete seit d. späten 50er Jahren e. ersten Kat. zu S.s Œuvre mit etwa 2000 Titeln (seit 1993 im Sprengel Mus., Hannover) (s. L).

  • Leben

    S. erhielt 1908/09 eine akademische Malereiausbildung an der Kunstgewerbeschule Hannover, 1909–15 studierte er an der Akademie der Künste in Dresden. Während des 1. Weltkriegs war er als Werkstattzeichner im Eisenwerk Wülfel in Hannover zwangsverpflichtet. Um 1918/19 erlebte er den entscheidenden künstlerischen Umbruch und entwickelte sein alle Kunstgattungen umfassendes Konzept „Merz“. Der Begriff geht auf einen Zufallsfund zurück – S. schnitt ihn als Bestandteil des Wortes „Kommerz- und Privatbank“ aus einer Anzeige aus und klebte ihn 1919 an zentraler Stelle in eine seiner Assemblagen ein. Dieses Werk, „L Merzbild L 3 (Das Merzbild.)“ (1919), wurde namengebend für sein ganzes weiteres Schaffen. Nach S.s Vorstellung sollte die Alltagswelt in das erstrebte Gesamtkunstwerk („Merzgesamtweltbild“) Eingang finden. Dieser romantisch-utopische Ansatz fand seine künstlerische Verwirklichung in der Collage und Assemblage und nicht zuletzt in seinem Hauptwerk, dem „Merzbau“ (um 1923–36). Als S. im Jan. 1937 Hannover für immer verließ, gehörten zum „Merzbau“ insgesamt acht mit Holz, Gips und diversen Materialien gestaltete Räume. 1943 wurde der „Merzbau“ bei Luftangriffen zerstört und ist nur durch Fotografien dokumentiert (Rekonstruktion v. Peter Bissegger, 1981–83, Sprengel Mus., Hannover).

    Seit 1918 stellte S. regelmäßig als Mitglied des Kreises um Herwarth Walden in der Galerie „Der Sturm“ in Berlin aus. Er freundete sich mit den dadaistischen Künstlern Hans Arp (1886–1966), Raoul Hausmann (1886–1971) und Hannah Höch (1889–1978) an, die ihn stark beeinflußten. Auf die Phase der dadaistischen Collagen, Stempelzeichnungen und „i-Zeichnungen“ folgte seit 1922/23 eine Phase mit strengeren Kompositionen, die auf konstruktiven Ordnungen basieren, jedoch weiterhin gefundene Materialien beinhalten. 1923 unternahm S. gemeinsam mit dem De Stijl-Künstler Theo van Doesburg (1883–1931) die sog. „Dada-Tournee“, eine Vortragsreise durch niederl. Städte. Parallel zu seiner künstlerischen Arbeit verstand sich S. immer auch als Dichter und Schriftsteller („Anna Blume“, 1919). Angeregt durch Hausmanns Lautgedichte, die er auf der „Anti-Dada-Merz-Reise“ nach Prag 1921 kennengelernt hatte, arbeitete S. viele Jahre an seiner „Ursonate“ (1932 publ.).

    1927 gründete S. gemeinsam mit Carl Buchheister (1890–1964), Rudolf Jahns (1896–1983), Hans Nitzschke (1903–44) und Friedrich Vordemberge-Gildewart (1899–1962) die Künstlergruppe „die abstrakten hannover“ sowie im selben Jahr den Ring „neue werbegestalter“. Die internationale Zusammensetzung dieser Gruppe und das hervorragende Renommee der Künstler, unter ihnen László Moholy-Nagy (1895–1946), Willi Baumeister (1889–1955) und Jan Tschichold (1902–74), verschafften ihr nachhaltigen Einfluß v. a. auf die Entwicklung der Typographie und der Werbegestaltung. S. hatte sich bereits seit dem Beginn der 20er Jahre kontinuierlich mit Typographie beschäftigt. Darüber hinaus war S. Mitglied u. a. in der New Yorker „Sociéte Anonyme“, in die er durch Vermittlung von Katherine S. Dreier (1877–1952) gelangt war, sowie zu Beginn der 30er Jahre in den in Paris beheimateten Gruppen „Cercle et Carré“ und „Abstraction-Création“. Seit 1929 verbrachte S. wiederholt die Sommermonate in Norwegen. Dorthin wandte er sich auch, als er im Jan. 1937 beschloß, seinen Sohn Ernst zu begleiten, der aus politischen Gründen aus Deutschland fliehen mußte. Werke von S. waren bereits 1935 erstmals als „entartet“ aus dt. Museen entfernt worden.

    S. und sein Sohn ließen sich in Lysaker bei Oslo nieder. Während der kommenden drei Jahre in Norwegen sehr isoliert, schöpfte S. jedoch aus dem überwältigenden Eindruck der Natur neue Impulse für sein Schaffen. Hatte er parallel zu seinem abstrakten Werk immer auch naturalistisch gemalt, gewann diese Tendenz nun ein starkes Gewicht. Als 1940 dt. Truppen Norwegen besetzten, floh S. nach England, wo er in verschiedenen Lagern, zuletzt für 17 Monate in Douglas auf der Isle of Man, interniert wurde. Nach seiner Entlassung zog er Ende 1941 gemeinsam mit seinem Sohn nach London. S.s Versuche, sich dort als avantgardistischer Künstler einzuführen, waren indes nicht sehr erfolgreich; nur 1944 hatte er eine Einzelausstellung in der Modern Art Gallery in London. Allerdings war seine Londoner Zeit sehr produktiv, die großstädtische Atmosphäre und die Entdeckung neuartiger Materialien, wie etwa Kunststoff oder Papierschnipsel aus farbigen Illustrierten, boten ihm vielfältige Anregungen. Im Sommer 1945 siedelte S. mit seiner neuen Lebensgefährtin Edith Thomas (gen. Wantee) nach Ambleside im Lake District über und lebte hier von Porträtaufträgen und Landschaftsgemälden. Der befreundete Gartenarchitekt Harry Pierce (1885–1967) überließ ihm 1947 eine Scheune in Elterwater, wo es S. in seinen letzten Lebensmonaten noch gelang, eine Wand der unvollendet gebliebenen „Merz Barn“ mit Holz, Gips und Stein in fließenden, organischen Formen zu modellieren.

    S., einer der eigenständigsten und vielseitigsten Künstler der ersten Hälfte des 20. Jh., entzieht sich strikter Kategorisierung. Von seinen vielfältigen literarischen Arbeiten gewannen v. a. die Gedichtsammlung „Anna Blume“ und die „Ursonate“, von ihm selbst immer wieder vorgetragen, große Popularität; sie wurden zum Inbegriff dadaistischer Prosa. S.s „Prinzip Collage“ beeinflußte die nachfolgende Kunst und Literatur von Pop Art, Neo-Dada, Nouveau Réalisme, Lautpoesie, Fluxus bis hin zur heutigen jungen Kunst.

  • Werke

    Abstraktion No. 16 (Schlafender Kristall), 1918 (K. u. Ernst S. Stiftung, Hannover);
    Merzbild 10A/L Merzbild L4 (Konstruktion f. edle Frauen.), 1919 (Los Angeles County Mus. of Art);
    Das Kreisen, 1919 (The Mus. of Modern Art, New York);
    |Merzbild 29 A. Bild mit Drehrad, 1920 u. 1940;
    Merz 3. Merz Mappe, 1923 (beide Sprengel Mus., Hannover);
    Merz 1003. Pfauenrad, 1924 (Yale Univ. Art Gallery, New Haven);
    Neues Merzbild, um 1931 (Stiftung Insel Hornbroich, Neuss);
    o. T. (Schmale Merzsäule), 1935 (Slg. NORD/LB in d. Niedersächs. Sparkassenstiftung, Hannover);
    For Käte, 1947 (Privatslg., USA);
    W-Verz.:
    K. S., Catalogue raisonné, hg. v. K. Orchard u. I. Schulz, 3 Bde., 2000–06 (P);
    Schriftst. Arbeiten:
    Das literar. Werk, hg. v. F. Lach, 5 Bde., 1973–1981, Nachdr. 1998, Tb.ausg. 2005;
    Korr.:
    K. S., Wir spielen, bis uns d. Tod abholt, Briefe aus fünf J.zehnten, hg. v. E. Nündel, 1974;
    CD-ROM:
    Urwerk, Das lange Echo d. Lautpoesie, S. u. a. lesen S., 2008;
    Nachlaß (mit Collagen, Skulpturen, Ölgem., Briefen) u. Archiv: K. S. Archiv im Sprengel Mus., Hannover (seit 1994) u. K. u. Ernst S. Stiftung, Hannover (seit 2001), hierzu:
    Der Nachlass v. K. u. Ernst S., red. v. I. Schulz, hg. v. d. K. u. Ernst S. Stiftung, 2002 (P).

  • Literatur

    L W. Schmalenbach, K. S., 1967, Nachdr. 1984 (engl. 1967 u. 1970);
    E. Nündel, K. S. in Selbstzeugnissen u. Bilddokumenten, 1981;
    D. Elger, Der Merzbau v. K. S., Eine Werkmonogr., 1984, Repr. 1999;
    J. Elderfield, K. S., 1985 (dt. 1987);
    K. S., „Bürger u. Idiot“, Btrr. zu Werk u. Wirkung e. Gesamtkünstlers, hg. v. G. Schaub, 1993;
    K. S. 1887–1948, Ausst. z. 99. Geb.tag, Ausst.kat. Sprengel Mus. Hannover, 1986, 21987;
    „Typographie kann unter Umständen Kunst sein“, K. S., Typographie u. Werbegestaltung, Ausst.kat. Landesmus. Wiesbaden, 1990;
    K. S., hg. v. S. Lemoine, Ausst.kat. Centre Georges Pompidou, Musée nat. d'art moderne, Paris, 1994;
    G. Webster, K. Merz S., A Biographical Study, 1997;
    S. in Norwegen, Arbb., Dokumente, Ansichten, hg. v. K. Stadtmüller, 1997;
    K. S. in Nederland, Merz, De Stijl & Holland Dada, Ausst.kat. Stadsgalerij Heerlen, 1997;
    K. S., Werke u. Dok. im Sprengel Mus. Hannover (dt. u. engl.), hg. v. K. Orchard u. I. Schulz, 1998;
    Aller Anfang ist Merz, Von K. S. bis heute, hg. v. S. Meyer-Büser u. K. Orchard, Ausst.kat. Sprengel Mus. Hannover, 2000 (dt. u. engl.);
    S. – Arp, hg. v. H. Fischer, Ausst.kat. Kunstmus. Basel, 2004;
    K. S., Merz – ein Gesamtweltbild, Ausst.kat. Mus. Tinguely, Basel, 2004;
    Merzgebiete, S. u. seine Freunde (dt. u. niederl.), hg. v. K. Orchard u. I. Schulz, Ausst.kat. Sprengel Mus. Hannover, 2006;
    Wi. 1935;
    ThB;
    Vollmer;
    BHdE II;
    Killy;
    Kosch, Lit.-Lex.3;
    Dt. Exillit. 1933–45;
    Dict. of Art;
    Sucher, Theaterlex.;
    Metzler, Kabarett Lex.;
    Oxford DNB;
    MGG2;
    zu Ernst:
    E. S. in Norwegen, Fotogrr. 1930–1960, Ausst.kat. Sprengel Mus. Hannover, 2005.

  • Portraits

    Fotogr. v. El Lissitzky, um 1924 (Sprengel Mus., Hannover);
    S. beim Vortrag d. Ursonate, Fotogrr. v. E. Schwitters, 1944 (K. u. Ernst S. Stiftung, Hannover).

  • Autor/in

    Karin Orchard
  • Empfohlene Zitierweise

    Orchard, Karin, "Schwitters, Kurt" in: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 90-92 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118612301.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA