Lebensdaten
1902 bis 1974
Geburtsort
Leipzig
Sterbeort
Locarno (Kanton Tessin)
Beruf/Funktion
Typograph ; Buch- und Schriftgestalter
Konfession
-
Normdaten
GND: 118624350 | OGND | VIAF: 34468682
Namensvarianten
  • Tschichold, Johannes (eigentlich)
  • Tschichold, Ivan (1923-1927)
  • Tzschichhold, Johannes (bis 1931)
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Porträt(nachweise)

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Zitierweise

Tschichold, Jan, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118624350.html [24.10.2020].

CC0

  • Genealogie

    V Franz Tzschichhold (1878–1947), aus slowak. Fam., Schildermaler, Malermeister in L., S d. Johann Traugott, Tischlermeister, u. d. Johanne Christiane Ernestine Ambrosius;
    M Maria (1874–1947), T d. Moritz Karl Zapff, Expedient, u. d. Marie Dorothee Pauline Krüger;
    Berlin 1926 Edith (1905–86), Journ., T d. Heinrich Richard Otto Kramer u. d. Auguste Marie Margareta Stamer ( 1916);
    2 S (1 früh †) Peter (1929–87, ⚭ Lilo Link, * 1934, übergab 2006 Teilnachlaß v. T. an d. Dt. Buch- u. Schriftmus.), Dr. phil. nat., Physikochemiker, Vf. v. „Chem. Dosimetrie v. Gammastrahlen u. Strahlenempfindlichkeit v. gechlorten Kohlenwasserstoffen in wässriger Lösung“, Diss. Basel 1961;
    E Cornelia (* 1962), Dr. phil., Sprachwiss. an d. Swansea Univ. in Wales, Vf. v. „Multi-word units natural language processing (Informatik u. Sprache)“, 2000, Oliver (* 1965), Informatiker an d. ETH Zürich.

  • Leben

    T. kam nach der Volksschule 1916 für drei Jahre an das kgl. Lehrerseminar in Grimma. 1919–21 studierte er an der Akademie für Graphische Künste und Buchgewerbe in Leipzig, wo er die Schriftklasse von Hermann Delitsch (1869–1937) besuchte sowie Kurse in Kalligraphie, Drucktechnik und Buchbinderei. Zu seinen Lehrern und Vorbildern gehörten neben Delitsch auch Walter Tiemann (1876–1951), der Direktor der Akademie, und Heinrich Wieynck (1874–1931), Prof. an der Akademie für Kunstgewerbe Dresden, den er beim Besuch der Akademie 1920/21 in Dresden kennenlernte.

    Nach Abschluß seiner Studien gab T. als Delitschs Assistent an der Akademie Abendkurs-Unterricht in Kalligraphie und wurde Meisterschüler bei Tiemann. Zur gleichen Zeit begann er, als freier Gestalter zu arbeiten, u. a. für die Leipziger Messe (Werbematerialien u. Plakate), aber auch für Druckereien und Verlage in Leipzig, wie die Druckerei „Fischer & Wittig“ und den „Insel Verlag“.

    1923 besuchte T. in Weimar die erste Bauhaus-Ausstellung, die ihn nach eigenen Angaben sehr beeindruckte und seiner gestalterischen Entwicklung eine ganz neue Richtung gab. Er lernte Walter Gropius (1883– 1969), László Moholy-Nagy (1895–1946), Ludwig Mies van der Rohe (1886–1969), Oskar Schlemmer (1888–1943) und Wassily Kandinsky (1866–1944) kennen und kam darüber auch mit den russ. Konstruktivisten El Lissitzky (1890–1941) und Alexander Rodtschenko (1891–1956) in Kontakt. Um seine Sympathie für sie zum Ausdruck zu bringen, änderte er 1923/24 seinen Vornamen in „Iwan“. 1924 entstanden erste Arbeiten unter dem Einfluß des Bauhauses, z. B. ein Plakat für den Warschauer Verlag „Philobiblon“. Im Jahr darauf veröffentlichte T. in der Zeitschrift „Typographische Mitteilungen“ den Artikel „Elementare Typographie“, in dem er seine Prinzipien einer neuen funktionalen Buchgestaltung skizzierte. Der Beitrag hinterließ großen Eindruck in Fachkreisen und wurde intensiv diskutiert. 1926 begann T., als selbständiger Gestalter in Berlin zu arbeiten, und wurde noch im selben Jahr von Paul Renner (1878–1956) als Lehrer für Satz und Typographisches Skizzieren nach München berufen. Seit Juni 1926 unterrichtete T. hier an der „Berufsschule für das Graphische Gewerbe“ und seit 1927 an der von Renner geleiteten „Meisterschule für Deutschlands Buchdrucker“. In München mußte er seinen russ. Vornamen wieder ablegen und nannte sich nun Jan Tschichold.

    T. arbeitete in München auch als Plakatgestalter für den Phoebus-Palast, eines der größten bayer. Kinos in München. 1928 erschien im „Verlag des Bildungsverbandes der dt. Buchdrucker“, Berlin, T.s erste selbständige Publikation, ein Lehrbuch für Typographen, Drucker und Setzer, die „Neue Typographie“. Mit „Eine Stunde Druckgestaltung“ (1931) und „Schriftschreiben für Setzer“ sowie „Typographische Entwurfstechnik“ (1932) erschienen weitere Lehrbücher. Seit 1930 arbeitete er u. a. für den Berliner Verlag „Der Bücherkreis“, dessen Hauptgestalter er wurde. 1928 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern des von Kurt Schwitters (1887–1948) geleiteten „Rings neuer Werbegestalter“, einem Zusammenschluß von Typographen, Malern und Werbedesignern.

    1929 konstruierte T. eine erste „phonetische“ Schrift, mit dem Ziel, die avantgardistische Schriftgestaltung umzusetzen. Später folgten die „Zeus“ (1931) für die „Schriftguss KG“ Dresden, die Zierschrift „Saskia“ (1932) für „Schelter & Giesecke“ in Leipzig und die „Transito“ (1931) für die „Amsterdam Type Foundry“. 1933 erhielt er einen Auftrag der Fa. „Uhertype“ in München zur Entwicklung|einer Schrift für eine Lichtsetzmaschine. Er entwarf ca. 10 Schriftschnitte, als wichtigste darunter die Uhertype-Standard-Grotesk.

    Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten konnte T. seine Lehrtätigkeit nicht mehr ausüben, seine Typographie galt als „entartet“ und „bolschewistisch“. Nach kurzer „Schutzhaft“ verließ er mit seiner Familie München und emigrierte im Sommer 1933 in die Schweiz, zunächst nach Basel. Hier erhielt er eine Aushilfslehrerstelle an der Allgemeinen Gewerbeschule und arbeitete u. a. für die Basler Verlage „Holbein“, „Schwabe“ und „Birkhäuser“. Vortragsreisen führten ihn nach Dänemark und Großbritannien; in der Schweiz überdachte er seine Regeln zur neuen Typographie und beschäftigte sich mit Schriftgeschichte und Paläographie, entdeckte den chin. Farbendruck und vertrat wieder klassische Gestaltungsprinzipien. 1941 wurde T. als typographischer Hersteller im „Birkhäuser Verlag“ angestellt; ein Jahr später erhielt er mit seiner Familie das Basler Bürgerrecht. Bereits in den 1930er Jahren hatte T. für sich und seine Familie ein kleines Haus in Berzona im Tessin erworben, 1946 baute er dort ein Haus, das später zum Altersruhesitz wurde.

    1947 ging T. nach London, um zwei Jahre für den Verlag „Penguin Books“ zu arbeiten. Er reformierte die typographische Gestaltung des Verlages, entwickelte neue Gestaltungsrichtlinien für die Massenproduktion von Büchern und sorgte bei allen Penguin-Reihen für ein jeweils einheitliches, wiedererkennbares Layout. Zurück in der Schweiz, wirkte er zunächst wieder als freischaffender Gestalter und veröffentlichte weitere Bücher, z. B. „Meisterbuch der Schrift“ (1952). 1955 begann er als Typograph im pharmazeutischen Konzern „Hoffmann-LaRoche & Co. AG“, Basel, eine Tätigkeit als Gestalter (bis 1967).

    In den 1960er Jahren befaßte sich T. im Auftrag der „Stempel AG“ in Frankfurt/M. mit der Entwicklung einer neuen Schrift, der „Sabon“. Es ist eine Renaissance-Antiqua in der Tradition von Claude Garamond, die in allen drei damals vorhandenen Satzsystemen (Handsatz, Zeilengußschrift für die Linotype und Einzelbuchstabenschrift für die Monotype) formengleich übereinstimmt. Daneben arbeitete er weiter als Herausgeber, Vortragsredner und Juror, z. B. bei der Internationalen Buchkunst-Ausstellung 1971 in Leipzig. Drei Jahre später starb er, mit zahlreichen internationalen Preisen geehrt.

    T. hat die Typographie des 20. Jh. maßgeblich mitbestimmt. Durch seine theoretischen Schriften der 1920er Jahre verbreitete er einerseits die Ideen des Bauhauses und des Konstruktivismus, wodurch er das moderne Grafikdesign beeinflußte; ebenso trugen aber auch seine späteren Veröffentlichungen über die klassisch-traditionelle Typographie zur Entwicklung der Buchgestaltung bei und wirken auf Gestalter und Grafikdesigner bis in die Gegenwart.

  • Auszeichnungen

    A Teilnahme an d. Internat. Buchkunst-Ausst. (IBA) (1927); Prämierungen „Fotoauge“ b. Wettbewerb d. schönsten dt. Bücher (1929), „Neuzeitlicher Verkehrsbau“ b. Wettbewerb d. schönsten dt. Bücher (1931) u. „Meisterbuch d. Schrift“ b. Wettbewerb d. schönsten Bücher d. BRD (1952); Ehrenmitgl. d. Londoner Double Crown Club (1949), d. Soc. Typographique de France (1960) u. d. Soc. of Typographic Arts, Chicago (1967); Goldmedaillen d. American Inst. of Graphic Arts (1954), d. IBA Leipzig b. Shakespeare-Wettbewerb f. Buchgestalter f. „Romeo u. Julia“ (1965) u. d. IBA Leipzig f. „Die Bilderslg. d. Zehnbambushalle“, Zürich 1970 (1971); Royal Designer for Industry d. Royal Soc. of Arts, London (1965); Gutenberg-Preis d. Stadt Leipzig (1965); Silbermedaille d. IBA Leipzig f. „Vademecum Roche 1965“ d. Fa. Hoffmann-LaRoche, Basel (1965); Bronzemedaille d. IBA Leipzig f. d. Buch „Willkürfreie Maßverhältnisse d. Buchseite u. d. Satzspiegels“, hg. v. Bucherer, Kurrus & Co., Basel (1965); korr. Mitgl. d. Ak. d. Künste, Berlin, DDR (1966–74); Ehrenurk. d. Maximilian-Ges., Hamburg (1972); – auf T.s Anregung jährl. Wettbewerb „Schönste Schweizer Bücher“ (seit 1943) mit Vergabe d. Tschichold-Preises f. bes. Leistungen im Bereich d. Buchgestaltung (seit 1997).

  • Werke

    Weitere W u. a. mehr als 100 Publl. u. Hg.schaften; Typograph. Gestaltung, 1935;
    Gesch. d. Schrift in Bildern, 1941;
    Gute Schriftform, 1941/42;
    Schriftkde., Schreibübungen u. Skizzieren f. Setzer, 1942;
    Schatzkammer d. Schreibkunst, 1945;
    Was jedermann vom Buchdruck wissen sollte, 1949;
    Im Dienste d. Buches, 1951;
    Erfreuliche Drucksachen durch gute Typographie, 1960; – zahlr. Überss. u. a.:
    Die Neue Typographie, 1928, engl. u. d. T. The New Typography, 1993;
    Typograph. Entwurfstechnik, 1932, engl. u. d. T. How to draw layouts, 1991;
    Meisterbuch d. Schrift, 1952, engl. u. d. T. Treasury of Alphabets and Lettering, 1966;
    – J. T., Schrr. 1925–1974, 2 Bde., hg. v. G. Bose u. E. Brinkmann, 1992 (umfangreiches W-Verz., P in Bd. 2);
    M. F. Le Coultre u. A. W. Purvis, J. T., Plakate d. Avantgarde, 2007 (P);
    Nachlässe: u. a. Briefwechsel im Getty Research Inst., Los Angeles;
    Nachlaß z. buchgestalter. Arb. im Dt. Buch- u. Schriftmus. d. Dt. Nat.bibl. Leipzig;
    Briefwechsel u. Arbb. z. Uhertype b. MAN, Hist. Archiv, Augsburg;
    Arbeitsbibl. mit Monogrr. u. Zss. im St. Galler Zentrum f. d. Buch, St. Gallen;
    Arbb. f. LaRoche im Hist. Archiv Roche, Basel.

  • Literatur

    L R. McLean, J. T., typographer, 1975;
    ders., J. T., a life in typography, 1997;
    Leben u. Werk d. Typographen J. T., 1977, mit e. Einl. v. W. Klemke (Bibliogr., P);
    K. Steinorth, Photographen d. 20er J., 1979;
    J. Hochuli u. a., J. T., typographer and type designer, 1982;
    S. Carter, Twentieth-century type designers,|1987;
    H. Schmoller, Two titans, Mardersteig and T., 1990;
    R. B. Doubleday, J. T., designer 2006;
    C. Burke, Active Literature, 2007;
    B. Stiegler, J. T., Meister d. Typogr., Sein Lebenswerk in Bildern, 2007;
    ders., Das Typofoto, J. T. u. d. epistemolog. Grundlagen d. Typogr., in: Fotogesch. 28, 2008, H. 108, S. 39–46;
    C. W. de Jong u. a., Meister d. Typogr., 2008 (P);
    Dict. of Art;
    Lex. Buchstadt Leipzig;
    Schweizer Lex.;
    HLS; Oxford DNB.

  • Autor/in

    Gabriele Netsch
  • Empfohlene Zitierweise

    Netsch, Gabriele, "Tschichold, Jan" in: Neue Deutsche Biographie 26 (2017), S. 476-478 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118624350.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA