Lebensdaten
1903 bis 1958
Geburtsort
Baden-Baden
Sterbeort
Freiburg (Breisgau)
Beruf/Funktion
Schriftsteller
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118609629 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Schneider, Reinhold
  • Mesmer, Reinhold Schneider-
  • Messmer, Reinhold Schneider-
  • mehr

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Zitierweise

Schneider, Reinhold, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118609629.html [14.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Wilhelm (Willy, 1867–1922, ev.), Dir., später Bes. d. Hotels Meßmer in B.-B.;
    M Wilhelma (1879–1955, kath., 2] 1922 Dr. med. Joseph Mayer), T d. Wilhelm Meßmer (1835–1901), Bes. d. Hotels Meßmer in B.-B.;
    Ur-Gvm Johann Baptist Meßmer (1781–1859), Gründer d. Hotels Meßmer in B.-B. (s. BJ VI, Tl.);
    1 B Wilhelm Rudolf (1901–73), Hotelier; – ledig; Verwandter Franz Anton Mesmer (1734–1815), Med., Begr. d. Lehre v. animalen Magnetismus (Mesmerismus) (s. NDB 17).

  • Leben

    S. entwickelte schon während des Besuchs der Oberrealschule in Baden-Baden literarische Neigungen. Nach dem Abitur 1921 und kurzer Tätigkeit als Landwirtschaftseleve übersiedelte er im Herbst desselben Jahres nach Dresden und absolvierte hier eine kaufmännische Lehre bei der „Kunstanstalt Stengel GmbH & Co.“ Psychisch erschöpft und unter dem unerwarteten Tod des Vaters leidend, unternahm S. 1922 einen Suizidversuch. Während der Rekonvaleszenz stand ihm die 21 Jahre ältere Zimmervermieterin seines Bruders, Anna Maria Baumgarten (1881–1960), bei. Es entwickelte sich eine lebenslange, komplizierte Freundschaft; in den letzten Lebensjahren des schwerkranken S. führte ihm A. M. Baumgarten den Haushalt und begleitete ihn auf seinen Reisen. Bis 1928 als kaufmännischer Angestellter in der „Kunstanstalt Stengel“ beschäftigt, studierte S. Schopenhauer, Nietzsche und den span.-bask. Dichterphilosophen Miguel de Unamuno, dessen Lektüre ihn zu einer Portugal- und Spanienreise 1929 anregte. Auf dieser verfaßte S., der seitdem als freier Schriftsteller lebte, sein erstes Buch (Die Leiden des Camoes, Untergang u. Vollendung d. portugies. Macht, 1930) und begann sein „Tagebuch 1930-1935“ (1983), das u. a. der Bestimmung der eigenen Lebensform diente, v. a. der Einsamkeit als Voraussetzung des schöpferischen Prozesses und der Tragik des Daseins allgemein. In den kommenden Jahren unternahm S. Reisen nach Frankreich, Italien, England, Skandinavien sowie abermals auf die iber. Halbinsel und verfaßte drei große erzählende Essays: In „Philipp II., Religion und Macht“ (1932) widmete er sich der tragischen Unvereinbarkeit von Macht und Religion; in „Die Hohenzollern, Tragik und Königtum“ (1933) zeigte er am preuß. König Friedrich Wilhelm I. die religiöse und an dessen Sohn Friedrich II. die ethische Variante von Pflicht und Verantwortung auf; der dritte Essay „Das Inselreich, Gesetz und Größe der brit. Macht“ (1936) folgte der Spur des röm. Reichs und der röm. Kirche zur engl. Kirche, zum Parlament und zum brit. Weltreich als einer Mischung von Glaube und Gewalt. Die erhabenste Konzeption einer politischen Ordnung war für den konservativen S. die mittelalterliche Reichsidee in ihrer Verbindung von Transzendenz und irdischer Existenz im angestrebten Gottesreich; ihr setzte S. in „Ks. Lothars Krone, Leben und Herrschaft Lothars v. Supplinburg“ (1937, Neudr. 1986) ein Denkmal.

    1929-31 lebte S. in Loschwitz bei Dresden, 1931 übersiedelte er nach Berlin, 1932 nach Potsdam. Seit 1933 verbanden ihn Freundschaften mit dem Dichter Werner Bergengruen (1892–1964) und dem Maler Leo Frhr. v. König (1871–1944) sowie seit 1934 mit dem ev. Schriftsteller Jochen Klepper (1903–42), der in S.s Büchern strenge Katholizität entdeckte und unter dessen Einfluß S. 1937/38 zur kath. Kirche zurückkehrte, mit der er über zwanzig Jahre, in denen er sich als „Nichtchrist“ bezeichnet hatte, nur noch nominell verbunden gewesen war. 1937 zog S. – erschüttert von den Auswirkungen der NS-Gewaltherrschaft – nach Hinterzarten (Schwarzwald), wo er die Erzählung „Las Casas vor Karl V.“ (1938) über die Versklavung der südamerik. Indios durch die Spanier verfaßte, die deutliche Kritik an den Judenverfolgungen der Nationalsozialisten erkennen läßt. Seit 1938 lebte er in Freiburg. Während des 2. Weltkriegs empfand er sich als „Sanitäter im Hilfsdienst“. Nachdem ihm 1941 die Druckerlaubnis entzogen wurde, veröffentlichte er illegal religiöse Kleinschriften und Gedichte, die z. T. weite Verbreitung fanden. Einer Anklage wegen Hochverrats im April 1945 entging er durch den Zusammenbruch des Dritten Reichs.

    Nach Kriegsende bemühte sich S. intensiv um die Anerkennung der Schuld und die Bereitschaft zur Sühne in allen Volksschichten (Das Erbe im Feuer, 1946; Apokalypse, 1946). Radikal wandte er sich gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik und geriet dadurch in Gegensatz zu einflußreichen kath. und politischen Kreisen, die ihm teilweise Konspiration mit der kommunistischen DDR unterstellten („Der Fall Reinhold Schneider“). Internationale Aspekte, wie der ausbrechende Kalte Krieg, erweiterten S.s politische Sicht (Gedanken d. Friedens, 1956; Der Friede d. Welt, hg. v. E. M. Landau, 1983).

    Dramatische Dichtungen (u. a. Der Gr. Verzicht, 1950) und ihre Aufführungen, die Zusammenfassung älterer, verstreut erschienener Erzählungen und Essays in Sammelbänden und melancholische autobiographische Texte bestimmten die letzten Lebensjahre ebenso wie zahlreiche Vertrags- und Lesereisen des seit langem schwerkranken und zu Depressionen neigenden S. Vor und während seines letzten Besuchs in Wien (1957/58) kehrte er zu den philosophischen Gedanken seiner Jugend zurück (Schopenhauer, Nietzsche), nachdem er sich zuvor den Naturwissenschaften zugewandt hatte. Sein letztes Werk, die Tagebuchaufzeichnungen „Winter in Wien“ (1958, 42003), überraschte inhaltlich und durch seine herbe Sprache als ein Buch, das die weltanschaulichen und religiösen Probleme des heutigen Menschen spiegelt. In seinen mehr als 400 Sonetten, darunter viele politisch-kritischen Inhalts, erweist sich S. als formstrenger Lyriker.

  • Auszeichnungen

    Dr. h. c. (Freiburg 1946, Münster 1946); Annette v. Droste-Hülshoff-Preis (mit G. v. Le Fort, 1948); Preis d. Longfellow-Gemeinschaft (mit R. A. Schröder, 1949); Mitgl. d. Ak. d. Wiss. u. d. Künste Mainz (1949), d. Bayer. Ak. d. Schönen Künste (1951) u. d. Ak. d. Künste Berlin (1955); Orden Pour le mérite f. Wiss. u. Künste (1952); Friedenspreis d. Dt. Buchhandels (1956); 1. Preis d. internat. Dramatiker-Wettbewerbs d. Bregenzer Festspiele f. d. Drama „Der gr. Verzicht“ (1957); Reinhold-Schneider-Preis d. Stadt Freiburg (seit 1960); Reinhold-Schneider-Ges. (seit 1970).

  • Werke

    Weitere W Ausgew. Werke in 4 Bdn., 1953;
    Ges. Werke in 10 Bdn., hg. v. E. M. Landau im Auftrag d. R.-S.-Ges., 1977-80;
    – Das Erdbeben, 1931;
    Auf Wegen dt. Gesch., 1934;
    Pfeiler im Strom, 1938, 21963;
    Sonette, 1939;
    Elisabeth Tarakanow, 1939;
    Das getilgte Antlitz, um 1940;
    Macht u. Gnade, Gestalten, Bilder u. Werte in d. Gesch., 1941;
    Der Dichter vor d. Gesch., 1944/46;
    Von d. Würde des Menschen, 1945;
    Taganrog, 1946;
    Der Tod der Mächtigen, 1946;
    Die letzten Tage, 1945/46;
    Die Heimkehr d. dt. Geistes, 1946;
    Der Mensch vor d. Gericht d. Gesch., 1946;
    Herz am Erdensaume, 1947;
    Der Kronprinz, 1948;
    Die Sonette v. Leben u. Zeit, d. Glauben u. d. Gesch., 1954;
    Die ewige Krone, 1954 (Autobiogr.);
    Verhüllter Tag, 1954 (Autobiogr.);
    Innozenz u. Franziskus, 1955;
    Die silberne Ampel, 1956;
    Soll d. Dichtung d. Leben bessern?. Rundfunkdialog R. S. u. G. Benn, 1956/57;
    Europa als Lebensform, 1957;
    Der Balkon, 1959 (Autobiogr.);
    Innozenz d. Dritte, 1960;
    Dämonie u. Verklärung, hg. v. C. Winterhalter, 1965;
    Der Wahrheit Stimme will ich sein, Essays, Erzz., Gedichte, hg. v. K.-J. Kuschel u. C. P. Thiede, 2003;
    Ein Lesebuch, Spirituelle Texte e. gr. Dichters, hg. v. M. A. Leenen, 2003;
    Briefe:
    Briefwechsel R. S., Leopold Ziegler, 1960;
    Briefe an e. Freund (Otto Heuschele), 1961;
    Briefwechsel R. S., Erich Przywara, 1963;
    Briefwechsel R. S., Bernt v. Heiseler, hg. v. H. Fromm, 1965;
    Briefwechsel Werner Bergengruen, R. S., hg. v. N. L. Hackelsberger-Bergengruen, 1966;
    J. Klepper, Briefwechsel 1925-1942, hg. v. E. G. Riemschneider, 1973, S. 61-158;
    |

  • Nachlaß

    Nachlaß: Bad. Landesbibl. Karlsruhe, Reinhold-Schneider-Archiv.

  • Literatur

    J. Klepper, Unter d. Schatten deiner Flügel, Aus d. Tagebüchern d. J. 1932-1942, 1956, 32005;
    H. U. v. Balthasar, Nochmals R. S., 1953, bearb. Neuausg. 1991, engl. 1997 (W, L);
    Elisabeth Schmidt, Tragik u. Kreuz, Versuch e. Interpretation d. Lyrik R. S.s, Diss. Wien 1963/64;
    M. van Look, Jahre d. Freundschaft mit R. S., 1965;
    B. Scherer, Tragik vor d. Kreuz, Leben u. Geisteswelt R. S.s, 1966;
    R. S., Leben u. Werk in Dok., hg. Franz Anselm Schmitt, 1969, 21973 (W, L, P, P-Verz., Zeittafel, Reg. d. Überss. v. S.s W, Verz. d. vertonten Texte S.s);
    E. M. Landau u. a., R. S., Leben u. Werk im Bild, 1977, überarb. Neuausg. 1989 (W, L, P);
    I. Zimmermann, Der späte R. S., EineStud., 1973;
    ders., R. S., Weg e. Schriftst., 1982;
    R. Meile, Der Friede als Grundmotiv in R. S.s Werk, 1977;
    K. W. Reddemann, Der Christ vor d. zertrümmerten Welt, R. S., Ein Dichter antwortet d. Zeit, 1978;
    H. Getzeny, R. S., Seine geistige u. künstler. Entwicklung am Bsp. d. erzählenden Prosa, 1987;
    E. Blattmann, R. S., Militarisierung oder Passion, Ein Btr. z. „Fall R. S“, 1992;
    ders., R. S. im roten Netz, Der „Fall R. S.“ im kryptokommunist. Umfeld, 2001;
    R. Willaredt, R. S. u. Nietzsche, R. S.s „Tageb. 1930-1935“, 1992 (P);
    J. Steinle, R. S. (1903-1958), Kons. Denken zw. Kulturkrise, Gewaltherrschaft u. Restauration, 1992;
    C. Koepcke, R. S., Eine Biogr., 1993 (W, L, P);
    J. P. O'Shea, From tragic hero to Christian saint, Paradigm-shift in selected writings of R. S. (1903-1958), 1996;
    Michael Schneider, Theologia tenebrarum, Zur Gottesfrage b. R. S. u. Erich Przywara, 2000;
    R. Schuster, Antwort in d. Gesch., Zu d. Übergängen zw. d. Werkphasen b. R. S., 2001;
    M. A. Leenen, R. S., Eine Kurzbiogr., 2003;
    Zeitgesch. in Lb., VI, 1984 (P);
    Lex. Konservatismus;
    LThK;
    RGG;
    BBKL 25 (W, L);
    Bad. Biogrr. NF I;
    Kosch, Lit.-Lex.3 (W, L);
    Killy;
    Metzler Autorenlex. (P);
    Munzinger;
    – R. S. liest R. S., Gert Westphal liest R. S., 1996 (CD);
    M. Kußmann, Schriftst., Christ, Pazifist, Zum 100. Geb.tag v. R. S., Hörfunkfeature im SWR 2 v. 8.2.2003.

  • Portraits

    Ölgem. v. L. v. König, 1940, E. Vetter, 1945 u. H. G. van Look, 1958;
    Büste v. A. Schilling, 1954 (Karlsruhe, Bad. Landesbibl.).

  • Autor/in

    Cordula Koepcke
  • Empfohlene Zitierweise

    Koepcke, Cordula, "Schneider, Reinhold" in: Neue Deutsche Biographie 23 (2007), S. 305-306 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118609629.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA