Lebensdaten
1888 – 1964
Geburtsort
Obersinn (Bayerische Rhön)
Sterbeort
Rodalben (Pfalz)
Beruf/Funktion
Schriftsteller ; Reformpädagoge
Konfession
katholisch
Namensvarianten
  • Weismantel, Leo Hugo
  • Franke, Gregor (Pseudonym)
  • Weismantel, Leo
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Zitierweise

Weismantel, Leo, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/sfz140117.html [17.06.2024].

CC0

  • Genealogie

    V August, Schneider, später Großhändler f. landwirtschaftl. Produkte u. Spediteur in O., S e. Webers;
    M Barbara N. N., wohl T e. Kleinbauern oder Tagelöhners;
    6 ältere Geschw (4 früh †) u. a. Karl Mathäus (1873–1930), Großhändler u. Spediteur in O.;
    1915 Luise (* 1892, ev.), T d. Karl (Carl) Wetzell (um 1854–1935), aus Homberg/ Efze, Dr. phil., Gymn.prof. in Laubach (Oberhessen), u. d. Amalie Jaster (um 1856–1934), aus Gronau/ Leine;
    1 S Werner (* 1920), Redakteur, Buchhändler, 1 T Gertrud (1916–89), Dr., Prof. f. Werken u. Kunsterziehung am Päd. Inst. Jugenheim u. Frankfurt/M.

  • Biographie

    Nach dem Besuch der Volksschule in Obersinn und des Humanistischen Gymnasiums des Augustiner-Ordens in Münnerstadt (Unterfranken) studierte W. seit 1909 an der Univ. Würzburg Deutsch, Geschichte und Geographie (Mitgl. d. Cheruscia). 1914 wurde er bei dem Geographen Fritz Regel (1853–1915) mit der Arbeit „Die Haßberge zwischen Bamberg und Coburg“ zum Dr. phil. promoviert. 1915–19 wirkte er als Mittelschullehrer am „Institut Adam“, einer privaten Handelsrealschule in Würzburg, und legte danach das Staatsexamen für den Höheren Schuldienst ab. Sein einsetzender literarischer Erfolg gestattete es W. 1919, seine Anstellung aufzugeben. Um seine Vorstellungen von einer ganzheitlichen „Pädagogik vom Kinde aus“ zu verwirklichen, gründete er 1928 in Marktbreit die private Erziehungsanstalt „Schule der Volkschaft“. Ohne deren Mitglied zu sein, wirkte W. 1924–28 als Abgeordneter der Christlich-sozialen Partei (seit 1925 Christl.-soz. Reichspartei) im bayer. Landtag, wo er die klerikal-konservative Einstellung der Bayer. Volkspartei ablehnte und Reichskanzler Josef Wirth (1879 –1956) nahestand, für dessen Sozialpolitik er sich engagierte, indem er 1928 die wirtschaftlichen Notstandsgebiete Deutschlands erkundete. 1931 zählte er zu den Gründern der dt. Sektion des „Weltbunds für Erneuerung in der Erziehung“.

    Nachdem W. seine Schule auf Druck des NS-Regimes 1936 geschlossen hatte, lebte er als freier Schriftsteller in Würzburg. Obwohl er 1933 zu den Unterzeichnern des Treuegelöbnisses auf Adolf Hitler zählte, brachte ihm sein Bekenntnis zum Katholizismus 1939 und 1944 mehrfach Gestapo-Haft ein. 1945 wurde er von der US-Besatzungsmacht als kommissarischer Schulrat im Kreis Gemünden eingesetzt, bald darauf aber vom bayer. Kultusminister wieder entlassen. 1947 ernannte ihn der hess. Kultusminister Erwin Stein (1903–92) zum Direktor des Pädagogischen Instituts in Fulda und zum Professor für Kunst- und Spracherziehung (Deutschunterricht). Die Schließung des Instituts 1951 beendete W.s wegen seiner Nähe zur reformpädagogischen „New Education“ amtlich nicht mehr gewünschte Berufstätigkeit. Die kultur- und wissenschaftspolitische Konfrontation mit dem hess. Staat und seine Gegnerschaft zu Adenauers Außen- und Wehrpolitik führten ihn wieder in die Nähe von Wirth, seinem „Bund der Deutschen“ 1953 und zur Parteinahme für Renate Riemecks (1920–2003) „Deutsche Friedensunion“ 1960.

    Mehr Anerkennung als in der Bundesrepublik erfuhr W. in der DDR, wohin er u. a. 1954 zu den „Gesamtdeutschen Begegnungen“ auf der Wartburg und 1964 als Ehrengast des „Deutschlandtreffens“ eingeladen wurde, sowie in anderen sozialistischen Staaten (Gastvorlesungen u. Teilnahme an Kulturkonferenzen u. a. 1957 in Moskau und Peking). Seit 1956 lebte W. in Jugenheim.

    W. wird literaturgeschichtlich der Heimatkunstbewegung und dem Expressionismus zugerechnet. Im Zentrum seiner Prosa steht die Darstellung der physischen und metaphysischen Not des dörflichen Menschen (der Rhön), so in seinem Erstlingsroman „Mari Madlen“ (1918; Erstveröff. in d. Zs. Hochland 1917) und in „Das unheilige Haus“ (1922).

    Bei diesen Werken handelt es sich wie auch in „Die Geschichte des Hauses Herkommer“ (1932) um poetisch ausgestaltete Geschichten mit mythischer Urkraft, die in einer heimatlichen Welt voller biblischer Bezüge angesiedelt sind. Den Kampf zwischen Gut und Böse inszenierte W. auch in Volksbühnenstücken und Puppenspielen, wie etwa den Dramen „Die Reiter der Apokalypse“ (1919) und „Der Totenkampf“ (1921). W.s „Werkbuch für Puppenspiele“ (1924) und das „Schattenspielbuch“ (1930) beeindrucken durch ihre bildhafte Laiensprache, getragen von einer kirchenkritischen Frömmigkeit. Dem Ringen des Künstlers, der aus dem Kunsthandwerk hervorgeht und dabei seinem Volk verbunden bleibt, sind W.s Künstlerbiographien gewidmet, u. a. über Tilman Riemenschneider (1936), Veit Stoß (1939) und Matthias Grünewald (1940). Den literarischen Rang seines Freundes Reinhold Schneider (1903–58) erreichte W. nicht; seine Werke wurden nach seinem Tod nur selten neu aufgelegt.

    Die für sein literarisches Werk charakteristische poetisch-religiöse Anthropologie versuchte W. auch in seiner „Schule der Volkschaft“ umzusetzen. Schule habe wie das Volk eine organische Einheit, eine ursprüngliche soziale Ganzheit zu sein, nicht eine Institution, die eine in Klassen aufgeteilte Massengesellschaft erzeuge. Entscheidende Erziehungsmomente sind Spiel, Werken und Erzählen, v. a. die Spracherziehung. Seine eigene Konzeption von Spracherziehung ent-| wickelte W. als Gegenentwurf zum traditionellen, an Grammatik und Schriftsprache orientierten Deutschunterricht zu einer „Schule des Schreibens“ (Der Geist als Sprache, 1927; Die Schule der Lebensalter, 1928). Um sein Zentralprogramm einer ganzheitlichen Bildung herauszustellen, organisierte W. 1949 in Fulda den „Kunstpädagogischen Kongreß“, an dem rund 1200 internationale Vertreter der reformpädagogischen Bewegung teilnahmen. Zudem schuf er mit Mitarbeitern im Auftrag des hess. Kultusministeriums seit 1950 das Lesebuchwerk „Der Rosengarten“, das mit einer Fibel beginnt, aufgebaut ganz im Sinne einer „Pädagogik vom Kinde aus“.

  • Auszeichnungen

    |Fastenrath-Preis d. Stadt Köln (1922);
    Kleist-Preis (1923);
    Ehrenbürger v. Obersinn (1948);
    Willibald-Pirkheimer-Medaille (1958);
    Carl v. Ossietzky-Medaille d. Dt. Friedensrates (1963);
    Max-Dauthendey-Plakette (1963);
    Dr. päd. h. c. (HU Berlin 1963);
    Mitgl. d. Dt. Ak. f. Sprache u. Dichtung (1949–54) u. d. PEN-Zentrums d. Bundesrep. Dtld. (1950);
    – L.-W.-Realschule, Marktbreit;
    L.-W.-Ges. (1982–93);
    L.-W.-Archiv, Ak. d. Künste, Berlin;
    L.-W.-Str., Würzburg. Nachlaß: Univ.bibl. u. StadtA Würzburg;
    Inst. f. Kunstpäd. d. Univ. Frankfurt/M.;
    L.-W.-Archiv, Ak. d. Künste, Berlin;
    – H. Schurig (Bearb.), Findbuch d. lit. Nachlasses v. L. W., 1981 (W, P).

  • Literatur

    |E. Iros, L. W., der Dichter u. Kulturpol., 1929 (P);
    F. Gerth, L. W., Im Zeugenstand d. Zeit, 1968 (P);
    L. Flab-Lichtenberg (Hg.), L. W., Leben u. Werk, 1948, Nachdr. 1985;
    F. Gerth, L. W., 1968;
    A. Klönne, L. W., Ein fränk. Poet u. Pädagoge, in: Mainfränk. Jb. f. Gesch. u. Kunst 37, 1985, S. 162–73;
    ders. (Red.), „Aber die Schleichenden, die mag Gott nicht“, Der Dichter u. Volkserzieher L. W., 1988;
    R. Küppers, Der Päd. L. W. u. seine „Schule d. Volkschaft“, 1928–1936, 1992;
    G. Armanski, Der Mahner v. d. Rhön, L. W., Literat u. Pädagoge, in: ders., Fränk. Lit., Essays über Poeten zw. Main u. Donau, 1998, S. 113–28;
    R. Rinke, L. W., Ein Dichter aus d. Rhön, in: Rhönwacht, Zs. d. Rhönklubs, 2008, H. 4, S. 170 f.;
    K.-A. Helfenbein, L. W.s poet. Kunsterziehung am Päd. Inst. Fulda, in: Buchenbll., Beil. d. Fuldaer Ztg. f. Heimatfreunde 88, Nr. 24 v. 21. 12. 2015, S. 96;
    M. Stark, in: Fränk. Lb. XII, 1986, S. 293–305 (P);
    H. Alzheimer, Volkskde. in Bayern, 1991;
    Kulturlex. Drittes Reich;
    Killy;
    Kosch, Lit.-Lex.³ (W, L);
    Biogr. Hdwb. Erwachsenenbildung;
    LThK³;
    BBKL 13;
    Munzinger.

  • Autor/in

    Karl-August Helfenbein
  • Zitierweise

    Helfenbein, Karl-August, "Weismantel, Leo" in: Neue Deutsche Biographie 27 (2020), S. 677-679 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/sfz140117.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA