Lebensdaten
1906 bis 1994
Geburtsort
Offenburg (Baden)
Sterbeort
Freiburg (Breisgau)
Beruf/Funktion
Philosoph
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 118737546 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Müller, Max
  • Mueller, Max
  • Müller-Wunderlich, Max

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Zitierweise

Müller, Max, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118737546.html [24.02.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Otto (1859–1947), Landger.rat in O. u. F., S d. Wilhelm (* 1824), Landwirt u. Gastwirt in Ettenheim Kr. Karlsruhe, u. d. Karoline Köbele (* 1833);
    M Emma (1872–1949, ev.) aus Colmar, T d. Friedrich Maximilian (Max) Zoeller (* 1840) aus Bödigheim, Dr., Althistoriker, Gymnasialdir. in Mannheim, Vf. v. „Latium u. Rom“ (1878), „Griech. u. röm. Privataltertümer“, „Gesch. d. röm. Lit.“ u. „Röm. Rechts- u. Staatsaltertümer“, u. d. Rosine Katharina Emma Hiller (* 1844) aus Schwäbisch Hall;
    B Wilhelm ( 1993), Dr. iur., Vors. Richter am Oberlandesger. Karlsruhe, Otto (1904–43), Dr. iur., Landger.dir. in Mannheim;
    Freiburg 1946 Gisela (1914–85) aus Karlsruhe, Lehrerin, T d. August Letulé (* 1888), Postassistent, u. d. Johanna Frey (* 1891); 2 Adoptiv-S.

  • Leben

    Nach dem Besuch des Gymnasiums in Offenburg begann M. 1925 ein Studium der Geschichte, Romanistik und Germanistik an der Univ. Berlin als Stipendiat der Studienstiftung. Durch die kath. Jugendbewegung kam er früh in Kontakt mit Romano Guardini, dem er ein Leben lang freundschaftlich verbunden blieb. Nach weiteren Studien in München, Paris und seit 1928 in Freiburg (Breisgau), wo später die Begegnung mit Martin Heidegger entscheidend wurde, promovierte er dort 1930 bei Martin Honecker aufgrund der Dissertation „Über Grundbegriffe philosophischer Wertlehre“ (1932). Im selben Jahr legte er in Karlsruhe das Staatsexamen für das höhere Lehramt ab. 1932-35 war er Assistent bei Honecker. Während dieser Zeit gab er die neudeutschen „Werkblätter“ heraus. Im Rückgang auf die christliche Sozial- und Staatsphilosophie behauptete er hier den Eigenweg der christlichen Bünde gegenüber der Gleichschaltung mit der Hitlerjugend. 1937 folgte die Habilitation mit der Thomas von Aquin-Interpretation „Sein und Geist“ (1940, 21981), deren Zweitgutachter Heidegger war. Wegen ideologischer Unzuverlässigkeit verwehrte ihm die Universität, indirekt von Heidegger veranlaßt, bis 1945 die Lehrtätigkeit In der Folge verdiente er als Dozent für Philosophie am erzbischöflichen „Collegium Borromaeum“, durch Lektorentätigkeit bei Verlagen und die Mitarbeit an Lexika sowie durch regelmäßige Beiträge in der „Freiburger Tagespost“ seinen Lebensunterhalt. Wegen Kontakten mit der „Weißen Rose“ wurde er 1943 verhaftet und verhört; es gelang ihm aber, glaubhaft zu machen, daß er den Aktionen der Gruppe kritisch gegenüberstand. Ein folgender Einberufungsbefehl wurde nicht vollzogen, da Freunde eine Dienstverpflichtung als Personalchef einer Waggon-Fabrik in Posen (Polen) durchsetzen konnten. 1945 wurde M. an der Univ. Freiburg Dozent für Philosophie (o. Prof. 1946). 1960 nahm er einen Ruf nach München an, wo er bis zur Emeritierung 1972 mit großem Erfolg und internationaler Ausstrahlung, besonders in die romanischen Länder, tätig war. Nach Freiburg zurückgekehrt lehrte er bis 1978 als Honorarprofessor in der Philosophischen und der Theologischen Fakultät und seit 1985 im Rahmen des Studium generale.

    M. war Gründungsmitglied der badischen CDU, leitete deren kulturpolitischen Ausschuß und betätigte sich 1956-60 als Stadtrat in Freiburg. 1952 wurde er eingeladen, der Görres-Gesellschaft beizutreten, deren Philosophischer Sektion er 1959-70 vorstand und deren Philosophisches Jahrbuch er herausgab, zusammen mit Bernhard Welte und Erik Wolf auch die Schriftenreihe „Symposion“. Ein Genie der Freundschaft, hat M. Schülerschaft stets als Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden verstanden, die die Entfaltung der Eigenheiten eines jeden befördern sollte. Dies erklärt auch sein Bemühen, in zahlreichen Vereinigungen mitzuwirken. Neben den kath. Bünden („Quickborn“, „Neudeutschland“) waren dies u. a. der Freiburger „Färber-Kreis“ (mit Karl Färber, Reinhold Schneider, Hubert Seemann und B. Welte), Franz Büchners „Christliche Arbeitsgemeinschaft“, der „Beuroner Hochschulkreis“, die „Graeca“ in Freiburg, die „Sabbatina“ in München und die „International Christian Leadership“. Bemüht, die geistige Isolation Deutschlands zu überwinden, entfaltete er nach dem Krieg eine rege Vortrags- und Lehrtätigkeit in Frankreich, Belgien (1957 Gastprofessur auf dem Kardinal Mercier-Lehrstuhl in Löwen), Portugal, Spanien und Italien. Das geschichtlich Christliche in den Gestalten des Augustinus („acies mentis“), des Thomas („actus“), Pascals („Feuer“) und Kierkegaards („Paradox“) einerseits, die permanente Auseinandersetzung mit Heideggers „Seinsdenken“ andererseits, bildeten den Nährboden von M.s eigenem Philosophieren. Während Heidegger den Abschied von der Metaphysik fordert, weil sie für ihn eine Dekadenzgeschichte des Vergessens des Seins darstellt, besteht M. auf Bewahrung und Verwandlung derselben in „Metahistorik“. Diese bedenkt die einmaligen Prägungen des Transzendentalen in Erfahrung und Geschichte. So steht, was Liebe ist, in keinem Wesensbild von Liebe fest. Liebe ist aber auch keine bloß funktionale, biologisch-ontische Faktizität; sie wird nach M. vielmehr in ihrem Sein erst hervorgebracht als meine Antwort auf die begehrenden Bedrängnisse einer beginnenden Beziehung. M. versteht Geschichte als das Walten der je anderen und nur analog verstehbaren Freiheit. Die Erkenntnishaltung der „analogia historica“ würdigt die Differenz des je anderen transzendentalen Maßes positiv. Sein ist zu denken als „Relation“. Wo nämlich das Maß für Gestaltungen nicht einfach durch ein Schicksal vorbestimmt, nicht durch ein Wesen gewährt, nicht durch ein Subjekt durchgesetzt wird, ergibt sich als ständige Aufgabe, es im lebendigen Zueinander, in Gemeinschaft, in Hingabe als „Mitte“ und „Höhe“ einer Sinngestalt unablässig zu erstreiten und zu verantworten. Das gilt für Wissen (Metaphysik), Können (Kunst), Glauben (Kirchen), Handeln (Staat, bonum commune) usw. gleichermaßen. Der Mensch als „Person“ mit seiner unverwechselbaren Geschichte im Unterschied zum bloß biologischen Individuum oder Exemplar einer Gattung, „Analogizität“ und „Dialogizität“, schließlich „Mitsein“ (Mittun, Mitverantwortung) als vorrangiges Existential, das sind wesentliche Punkte von M.s Position im Unterschied auch zu derjenigen Heideggers. Weil M. im geschichtlich Christlichen überall dessen Seinsdenken vorweggenommen sieht, lehnte er die Bezeichnung „kath. Heideggerschule“, die ihm zusammen mit Gustav Siewerth, Johann Baptist Lotz und Karl Rahner gegeben worden ist, ab.

    M. hat diese Sicht werkhaften Gelingens oder Mißlingens in einer Reihe vielbeachteter Bücher dargelegt: „Existenzphilosophie im geistigen Leben der Gegenwart“ (1949, erweitert 41986 u. d. T. „Existenzphilosophie, Von der Metaphysik zur Metahistorik“), „Symbolos, Versuch einer genetisch-objektiven Selbstdarstellung“ (1967), wo er dem geschichtlichen „In-eins-Fall“ von Unbedingtheit im Bedingten, wie ihn die Philosophie denkt, den „Symbolos“, den die Kunst unmittelbar vergegenwärtigt, zur Seite stellte; er formulierte sie in „Erfahrung und Geschichte, Grundzüge einer Philosophie der Freiheit als transzendentale Erfahrung“ (1971), in der „Philosophischen Anthropologie“ (1974), in „Sinn-Deutungen der Geschichte“ (1976) und in „Der Kompromiß“ (1980). Das 1994 erschienene Buch „Auseinandersetzung als Versöhnung, Ein Gespräch über ein Leben mit der Philosophie“ will exemplarisch am eigenen Werdegang zeigen, daß Geschichte nichts anderes ist als die Erzählung der eigenen geglückten und mißlungenen Geschichten eines geistig bewegten und für das „bonum commune“ engagierten Lebens.|

  • Auszeichnungen

    Gr. Bundesverdienstkreuz mit Stern (1976), Komtur d. Gregoriusordens (1983), Ehrenring d. Görres-Ges. (1984); Dr. theol. h. c. (Augsburg 1989 u. Freiburg).

  • Werke

    Weitere W u. a. Das christl. Menschenbild u. d. Weltanschauungen d. Neuzeit, 1945;
    Die Krise d. Geistes, Das Menschenbild in d. Philos. seit Pascal, 1946;
    Crise de la Métaphysique, 1953;
    Herders kleines phil. Wb., 1958, weitere Aufl. mit A. Halder, 81966, erweitert 1971, 1972, Neubearb. u. d. T. Phil. Wb., 1988;
    Expérience et Histoire, 1959 (Löwener Vorlesungen);
    zahlr. Btrr. in: Staatslex., 61957 ff. (u. a. Bildung, Freiheit, Naturrecht, Person, Wert, Zeitkritik, Aristoteles, Augustinus, Hegel, Kant);
    Was ist Metaphysik – heute? Drei Betrachtungen zu ihrem Selbstverständnis, in: Phil. Jb., 1985, S. 38-56;
    Die Werkbll. 1932–35, Gesch. e. Zs. im Umbruch v. Weimar z. NS-Staat, in: Löscht d. Geist nicht aus, Der Bund Neudtld. im Dritten Reich, hrsg. v. R. Eilers, 1985, S. 46-83;
    Die Phänomenol. im dt. Denken einst u. heute, in: Der Weg z. Menschen, hrsg. v. R. Mosis u. L. Ruppert, 1989, S. 251-62;
    M. M. – d. Philosoph, in: Freiburger Univ.bll., H. 114, 1991, S. 37-50;
    Macht u. Gewalt, in: Europa u. d. Philos., hrsg. v. H.-H. Gander, 1993, S. 225-44. – W-Verz.: Symbolos, 1967, S. 57-66. |

  • Nachlaß

    Nachlaß: Freiburg (Breisgau), Univ.archiv.

  • Literatur

    Die Frage nach d. Menschen, Aufriß e. phil. Anthropol., FS f. M. M. z. 60. Geb.tag, hrsg. v. H. Rombach, 1966;
    P. Good, Von d. Metaphysik z. Metahistorik?, in: Civitas, Mschr. f. Pol. u. Kultur, hrsg. v. d. Schweizer. Stud.verbindung, 32, Okt. 1976, S. 28-41;
    R. Ruiz-Pesce, Metaphysik als Metahistorik od. Hermeneutik d. unreinen Denkens, 1986;
    H. Krings, Laudatio anläßl. d. Verleihung d. Ehrenringes d. Görres-Ges. an M. M., in: Phil. Jb., 1985, S. 89-95 (P);
    W. Vossenkuhl, M. M., in: Christl. Philos. im kath. Denken d. 19. u. 20. Jh., III, hrsg. v. E. Coreth u. a., 1990, S. 318-27;
    H. Maier, In memoriam M. M., in: Jahres- u. Tagungsber. d. Görres-Ges. 1994, S. 161-63;
    BBKL.

  • Autor/in

    Paul Good
  • Empfohlene Zitierweise

    Good, Paul, "Müller, Max" in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 458-460 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118737546.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA