Lebensdaten
1897 bis 2000
Geburtsort
Wien
Sterbeort
Wien
Beruf/Funktion
Architektin
Konfession
-
Normdaten
GND: 118762141 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Lihotzky, Grete (geborene)
  • Schütte-Lihotzky, Margarete
  • Lihotzky, Grete (geborene)
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Zitierweise

Schütte-Lihotzky, Margarete, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118762141.html [19.10.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Erwin Lihotzky (1856–1923), österr. Staatsbeamter, S d. N. N., aus Czernowilz (Bukowina), studierte Jura in W., Richter;
    M Julie (1866–1924), am Jugendgericht in W. tätig, T d. Rudolf Bode, aus Berlin, studierte in W., Ing. f. Brücken- u. Eisenbahnbau, Baudir. d. Ersten Wiener Bauges.;
    Schw Adele (1893–1968), Lehrerin in W.;
    1927 Trennung 1951 Wilhelm Schütte (1900–68), aus Heissen (Ruhrgebiet), studierte Bauing.wesen an d. TH Darmstadt u. Architektur an d. TH München, Architekt, 1925-38 in Dtld., Rußland, China u. Frankreich tätig, emigrierte in d. Türkei, Prof. an d. Kunstak. in Istanbul, seit 1947 in W., 1948 Gen.-sekr. d. Congrès International d'Architecture Moderne (CIAM) in W. (s. W, L); Verwandter Wilhelm v. Bode (1845–1929, preuß. Adel 1914), Kunsthist., Gen.dir. d. Berliner Museen (s. NDB II).

  • Leben

    Nach dem Besuch der Volks- und Bürgerschule in Wien nahm S. ein Jahr lang Privatunterricht bei einem Kunstmaler und besuchte anschließend für zwei Jahre die Graphische Versuchs- und Lehranstalt Wien. 1915 begann sie ein Studium an der Kunstgewerbeschule. Da sie im Bauen die Möglichkeit sah, die tägliche Umgebung des Menschen zu verbessern, faßte sie schon in der Vorbereitungsklasse den Entschluß, Architektin zu werden. Sie studierte Entwurfslehre bei Oskar Strnad (1879–1935) und Baukonstruktion bei Heinrich Tessenow (1876–1950). Die unmittelbare Anschauung von Arbeiterhaushalten wurde zur Grundlage ihrer Entwurfspraxis und architekturtheoretischen Reflexion; bereits als Studentin erhielt sie Auszeichnungen für Entwürfe von Wohnungen für diese soziale Schicht. Nach Beendigung des Studiums 1919 war S. für die „Erste gemeinnützige Siedlungsgenossenschaft der Kriegsinvaliden Österreichs“ mit Adolf Loos (1870–1933) tätig, beteiligte sich bei Ernst Egli (1893–1974) an Planungen für die „Siedlung Eden“ und entwarf im Baubüro des „Österr. Verbandes für Siedlungs- und Kleingartenwesen“ Siedlerhütten, Typenhäuser, erweiterbare Kernhäuser sowie seriell herstellbare Einrichtungen wie Kochnischen und Spülküchen. Den Höhepunkt dieser Tätigkeit stellte 1924 die Beteiligung an der Planung des „Winarskyhofes“ dar, eines Gebäudekomplexes des Wiener Gemeindewohnungsbaus. Mit S., nach deren Entwürfen 59 Wohnungen ausgeführt wurden, waren an der Planung der gesamten, mehrere Höfe umfassenden Anlage viele berühmte Architekten dieser Jahre beteiligt, u. a. Peter Behrens (1868–1940), Josef Frank (1885–1967), Josef Hoffmann (1870–1956) und Adolf Loos. 1926-29 war S. Mitarbeiterin im Hochbauamt in Frankfurt/M. unter der Leitung des Stadtbaurats Ernst May (1886–1970). In diese Zeit fallen die Eheschließung mit ihrem dortigen Kollegen Wilhelm Schütte und jene Arbeiten, mit denen S. bekannt wurde, darunter v. a. die „Frankfurter Küche“ (1926). In dieser rationalisierten Küche waren alle erforderlichen Einrichtungen auf kleinster Fläche untergebracht und in Anordnung, Material und Farbe bis ins Detail durchdacht; bis 1930 wurde sie in mehr als 10 000 Wohnungen in den neuen Frankfurter Wohnsiedlungen eingebaut. Auf Ausstellungen präsentiert und in vielen Veröffentlichungen publiziert, wurde die Küche zum Prototyp aller Einbauküchen. Die weiteren, zum Teil realisierten Entwürfe für Gartenlauben und Wochenendhäuser, Schul- und Lehrküchen, Kindergärten und die „Wohnung für das Existenzminimum“ wurden weniger bekannt ebenso wie der ausgefeilte Typenentwurf für „Die Wohnung der berufstätigen Frau“ von 1927 (präsentiert auf d. Ausst. „Heim u. Technik“ in München, 1928). S. entwickelte effiziente Wohnungen unterschiedlicher Größe für verschiedene Einkommensgruppen (integrierbar in übliche Wohnhäuser); für die beruflich eingebundenen Frauen wurden verschiedene Dienstleistungen zentral angeboten. Dabei übernahm S. nicht nur die räumliche, sondern auch die organisatorische und die finanzielle Planung. Die Entwürfe wurden auf Ausstellungen gezeigt und in Publikationen vorgestellt. Beispielhaft für das Bemühen um rationalen Funktionalismus waren schließlich zwei kleine Wohnhäuser, die 1930-32 in der Wiener Werkbundsiedlung entstanden. 1930 ging S. mit Ernst May und seiner Planungsgruppe, zu der auch ihr Mann gehörte, nach Moskau, um sich der Konzeption neuer Städte in der Sowjetunion zu widmen. Sie wurde Leiterin der Abteilung für Kinderanstalten und entwickelte Typenentwürfe für Kindereinrichtungen. Durch Reisen nach Japan und China unterbrochen, währte diese Tätigkeit bis 1937. Nach einjährigem Aufenthalt in Paris übersiedelten S. und ihr Mann 1938 auf Einladung von Bruno Taut (1880–1938) nach Istanbul, wo S. bis 1940 an der „Académie des Beaux Arts“ an Schulbauentwürfen arbeitete. In der Türkei trat sie der Kommunistischen Partei bei und beteiligte sich am Widerstand gegen die Nationalsozialisten. 1941 wurde sie in Wien verhaftet und zu einer Strafe von 15 Jahren Zuchthaus verurteilt, die sie bis zum Kriegsende im Frauengefängnis Aichach (Bayern) verbüßte. Seit März 1946 arbeitete sie in der Stadtbaudirektion Sofia (Bulgarien) wieder an der Planung von Kindergärten und -krippen. 1947 kehrte sie nach Wien zurück, erhielt aber – als Kommunistin diffamiert – während der Zeit des Kalten Krieges kaum Aufträge. Zu ihren Bauaufgaben bis zum Ende der 1960er Jahre gehörten einige Umbauten und zwei Mietshäuser sowie ein städtisches Kinderheim. Studien- und Kongreßreisen führten sie nach China, Moskau und Kuba, wo sie 1963 eine Entwurfslehre für Kinderanstalten für das Erziehungsministerium entwickelte. 1966 ging sie einer ähnlichen Forschungsarbeit für die DDR an der Ostberliner Bauakademie nach. Ihre architektonische Tätigkeit beendete sie 1968 mit dem „Baukastensystem für Kindertagesheime“ für Österreich.

    S. verbreitete die Ideen der Moderne, für die sie als eine der ersten Architektinnen Europas besonders glaubwürdig eintrat, auch durch eine internationale Ausstellungs- und Vortragstätigkeit sowie zahlreiche Publikationen. Seit 1977 wurde sie mit Ehrungen überhäuft, 1993 erhielt sie eine große Ausstellung im Österr. Museum für angewandte Kunst in Wien, wo sie als Vertreterin einer sozialen Architektur gefeiert wurde.

  • Auszeichnungen

    Preise d. Handels- u. Gewerbekammer f. d. Entwurf e. Wohnküche (1917) u. d. Ges. z. Förderung d. Kunstgewerbeschule f. Entwürfe u. Studien (1919); bronzene u. silberne Ehrenmedaille d. Stadt Wien f. Leistungen d. Wohnungs- u. Siedlungswesens (1922 bzw. 1923); Präs. d. Bundes Demokrat. Frauen Österreichs (1948-69, danach Ehrenpräs.); Joliot-Curie-Medaille f. Leistungen in d. Weltfriedensbewegung (1977); Ehrenmedaille f. d. Befreiung Österreichs (1978); Preis d. Jahres f. Architektur d. Stadt Wien (1980); Prechtl Medaille d. TU Wien (1985); Ehrenmitgl. d. Hochschule f. angewandte Kunst Wien (1986) u. d. Hochschule f. Bildende Künste Hamburg (1991); Dr.-Ing. E. h. (TU Graz 1989, TU München 1992); Ehrenmedaille in Gold d. Stadt Wien (1992); Ehrenring d. Bundeskammer d. Architekten u. Ing.konsulenten (1992); Österr. Ehrenzeichen f. Wiss. u. Kunst (1993); Gr. Goldenes Ehrenzeichen mit d. Stern f. Verdienste um d. Rep. Österr. (1997); – Margarete-Schütte-Lihotzky-Hof u. Margarete-Schütte-Lihotzky-Park in Wien (beide seit 2001).

  • Werke

    Weitere W u. a. Wettbewerbsentwurf e. Schrebergartenanlage, 1920 (mit Alois Berger);
    Mitarbeit
    an Planungen f. d. „Siedlung Eden“ in Wien b. Ernst Egli;
    Entwürfe:
    Kochnische u. Spülkücheneinrichtung sowie Typenentwürfe f. erweiterbare Siedler-Häuser (1922–24);
    Tuberkulose-Siedlung, präsentiert auf d. Hygieneausst. im Wiener Messepalast, 1925;
    Entwurf u. Bau:
    Wochenendhaus, präsentiert auf d. Ausst. „Das Wochenende“ in Berlin, 1927 (mit Wilhelm Schütte);
    Schul- u. Lehrküchen sowie e. Zentralwäscherei in Frankfurt/Main, 1928-29;
    – Umbau d. Druck- u. Verlagsgebäudes d. „Kärtner Volksverlags“ in Klagenfurt, 1948-50 (mit Fritz Weber);
    Wohnhaus d. Gde. Wien in d. Barthgasse im III. Bez., 1949-50 (mit W. Schütte);
    Kindergarten am Kapaunplatz im XX. Wiener Bez., 1950-52;
    Wohnhaus in d. Schüttelstraße, II. Wiener Bez., 1952-56;
    Umbau e. Villa in e. Kinderhaus in St. Pölten, 1953;
    Druckerei u. Verlagsgebäude „Globus“, 1953-56 (mit W. Schütte, Fritz Weber u. Karl Eder);
    Städt. Kindertagesheim in d. Rinnböckstraße im XI. Wiener Bez., 1961-63;
    Schrr.:
    Wiener Kleingarten- u. Siedlerhütten-Aktion, in: Schles. Heim, 1923, H. 4, S. 83-85;
    Rationalisierung im Haushalt, in: Das Neue Frankfurt, 1926-27, H. 5;
    Neue Frankfurter Schul- u. Lehrküchen, ebd. 1929, H. 1, Reprint u. d. T. Neues Bauen Neues Gestalten, Das Neue Frankfurt/die neue stadt, Eine Zs. zw. 1926 u. 1933, 1984, S. 179-83 bzw. 279-82;
    Die Wohnung d. berufstätigen Frau, in: Frau u. Gegenwart, 1928, H. 4, S. 102 f.;
    Volkswohnungsbau in Wien, in: Form u. Zweck, Fachzs. f. industrielle Formgestaltung, 1981, H. 2, S. 38-41;
    Arbeitsküche, ebd. H. 4, S. 22-26;
    Gedanken über Adolf Loos, in: Bauwelt 1981, H. 42, S. 1872-76;
    Erinnerungen an Josef Frank, ebd. 1985, H. 26, S. 1052 f.;
    Meine Arbeit mit Ernst May in Frankfurt a. M. u. Moskau, ebd., 1986, H. 28, S. 1051-54;
    Erinnerungen aus d. Widerstand 1938-1945, hg. v. Ch. Friemert, 1985 (P), (verfilmt v. ORF u. d. T. Eine Minute Dunkelheit macht uns nicht blind, 1986);
    Warum ich Architektin wurde, 2004;
    |

  • Nachlaß

    Nachlaß: Archiv d. Univ. f. Angewandte Kunst, Wien.

  • Literatur

    G. Urban, Das Schaffen e. modernen Architektin, in: Frau u. Gegenwart 1926, H. 32, S. 8 f.;
    Architektinnenhistorie, Kat. z. Gesch. d. Architektinnen u.|Designerinnen im 20. Jh., hg. v. d. Union Internationale des Femmes Architectes Sektion Bundesrep. Dtld., 1984 (P);
    L. Kramer, M. S., in: Frauen im Design, Berufsbilder u. Lebenswege seit 1900, hg. v. Landesgewerbeamt Baden-Württ. Design Center Stuttgart, Ausst.kat. Stuttgart 1989, S. 148-73 (P);
    P. Noever (Hg.), Die Frankfurter Küche v. M. S., 1992;
    ders., MAK (Hg.), M. S., Soz. Architektur, Zeitzeugin e. Jh., 1993 (ausführl. W- u. L-Verz.);
    S. Plakolm-Forsthuber, Künstlerinnen in Österr. 1897-1938: Malerei, Plastik, Architektur, 1994 (P);
    C. Oberlechner, in: Die gr. Architekten (61), Publ. d. Zs. „Häuser“, o. J. (P);
    U. Maasberg u. R. Prinz, Die Neuen kommen, Weibl. Avantgarde in d. Architektur d. zwanziger Jahre, 2004;
    K. Dörhöfer, Pionierinnen in d. Architektur, 2004 (P);
    N. Pevsner, H. Honour u. J. Fleming, Lex. d. Weltarchitektur, 31992;
    BHdE I;
    Gelehrte Frauen, 1996 (P);
    Wissenschafterinnen Österr. (P);
    Hist. Lex. Wien;
    zu Wilhelm Schütte:
    B. Nicolai, Moderne u. Exil, Dt.sprachige Architekten in d. Türkei 1925-1955, 1998, bes. S. 157;
    Hist. Lex. Wien.

  • Autor/in

    Kerstin Dörhöfer
  • Empfohlene Zitierweise

    Dörhöfer, Kerstin, "Schütte-Lihotzky, Margarete" in: Neue Deutsche Biographie 23 (2007), S. 654-656 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118762141.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA