Lebensdaten
1856 bis 1938
Geburtsort
Alsfeld (Hessen)
Sterbeort
Wernigerode (Harz)
Beruf/Funktion
Rechtsphilosoph ; Zivilrechtler
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118616692 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Stammler, Karl Eduard Theodor Julius Rudolf
  • Stammler, Rudolf
  • Stammler, Karl Eduard Theodor Julius Rudolf
  • mehr

Verknüpfungen

Von der Person ausgehende Verknüpfungen

Personen in der NDB Genealogie
Personen im NDB Artikel
Personen in der GND - familiäre Beziehungen

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Auf der Karte werden im Anfangszustand bereits alle zu der Person lokalisierten Orte eingetragen und bei Überlagerung je nach Zoomstufe zusammengefaßt. Der Schatten des Symbols ist etwas stärker und es kann durch Klick aufgefaltet werden. Jeder Ort bietet bei Klick oder Mouseover einen Infokasten. Über den Ortsnamen kann eine Suche im Datenbestand ausgelöst werden.

Zitierweise

Stammler, Rudolf, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118616692.html [22.05.2019].

CC0

  • Genealogie

    Aus hess. Juristenfam.;
    V Karl († 1887), Dr. iur., ghzgl. Landger.dir., später Hofgerichtsrat in Gießen, Rechtshist., u. a. Vf. v. „Ueber d. Stellung d. Frauen im alten dt. Recht“, Berlin 1877, u. „Das Recht d. Breidenbacher Grundes, Mit ungedr. Urkk. u. Schöffensprüchen“ Breslau 1882;
    M Ida Glasow;
    1884 Franziska Mathilde (Fanny) da Silva e Costa (* 1865), T e. Großkaufm. in Lissabon, u. d. Berta Hasse;
    3 S Wolfgang (s. 2), Helmut (* 1895), Referent (?) b. d. Siemens-Werken in Berlin, Gerhard (1898–1977), Prof. f. Philos. in Halle (s. BBKL X), 1 T Berta (* 1885, ⚭ Hermann Levy, Ps. Hermann Lint, 1881–1949, 1910 ao. Prof. f. Volkswirtsch. an d. Univ. Heidelberg, 1921 an d. TH Charlottenburg, emigrierte 1934 n. London, 1936 Mitgl. d. Heidelberger Ak. d. Wiss., s. Drüll, Heidelberger Gelehrtenlex. I).

  • Leben

    Nach dem Schulbesuch in Alsfeld, Büdingen und Gießen (Abitur 1874) studierte S. 1874–77 Rechtswissenschaft in Gießen und Leipzig v. a. bei dem Pandektisten Bernhard Windscheid (1817–92) (erstes iur. Staatsexamen u. Dr. iur. 1877 in Gießen). 1879 legte S. das zweite iur. Staatsexamen ab und habilitierte sich im selben Jahr in Leipzig für Röm. Recht. 1882 ao. Professor in Marburg, wurde er 1884 nach Gießen und 1885 nach Halle auf den Lehrstuhl für Röm. Recht berufen (Rektor 1903), einen Ruf nach Leipzig lehnte er 1911 ab. 1916 wechselte er nach Berlin auf einen Lehrstuhl für Bürgerliches Recht und Rechtsphilosophie. Gegenüber der Revolution von 1918 zeigte er ein distanziertes Verhältnis. Nach seiner Emeritierung 1921 ließ sich S. 1923 in Wernigerode nieder. Am 1. 8. 1933 trat er der NSDAP bei, 1934 wurde er Mitglied des rechtsphil. Ausschusses der Akademie für Dt. Recht. S.s erste Arbeiten sind ganz der Pandektenwissenschaft und damit der Historischen Schule verpflichtet. Seine preisgekrönte Dissertation „Darstellung der strafrechtlichen Bedeutung des Nothstandes“ (1878) und seine Habilitationsschrift über den „Nießbrauch an Forderungen“ (1880) beruhen auf Studien zum Röm. Recht und sind methodisch von der Begriffsjurisprudenz geprägt. Nachdem S. aber in Marburg den Neukantianismus Hermann Cohens (1842–1918) und Paul Natorps (1854–1924) kennengelernt hatte, distanzierte er sich 1888 in einer Windscheid gewidmeten Abhandlung insofern von der vorherrschenden „geschichtlichen Rechtstheorie“, als diese, auf einer empirischen Grundlage, niemals die Frage beantworten könne, „ob dasjenige, was Recht ist, auch Recht sein sollte“, ja, jene Theorie könne keine Antwort auf die Frage geben, „woran man Recht überhaupt erkenne“. In seinem ersten großen Buch über „Wirtschaft und Recht nach der materialistischen Geschichtsauffassung“ (1896, 51924, Nachdr. 1978) versuchte S. die Frage zu beantworten, „unter welcher grundlegenden formalen Gesetzmäßigkeit das soziale Leben der Menschen steht“. Die in diesem Werk bereits erkennbare rechtsphil. Position entfaltete S. erstmals systematisch in seiner „Lehre von dem richtigen Rechte“ (1902, 21926, Nachdrr. 1964, 1996). Die weiter ausgreifenden Systementwürfe in „Theorie der Rechtswissenschaft“ (1911, 21923, Neudr. 1970) und „Lehrbuch der Rechtsphilosophie“ (1921, 31928, Neudr. 1970) überschneiden sich, kreisen aber gleichfalls um den für S. charakteristischen Gedanken des „richtigen Rechts“. S. publizierte neben seinen rechtsphil. Werken auch Schriften für den zivilrechtlichen Unterricht. In seinen Vorlesungen und Übungen behandelte er überwiegend das Röm. sowie das Bürgerliche Recht und erregte große Aufmerksamkeit mit der Erörterung berühmter Zivilrechtsfälle aus der Vergangenheit. Aus der Zeit nach 1933 sind keine Veröffentlichungen S.s bekannt.

    S. wollte „im wesentlichen Anschlusse an den Sprachgebrauch der kritischen Philosophie“ „bedingendes“ Denken von den dadurch bedingten Begriffen, also „Form“ und „Stoff“, unterscheiden, um auf diese Weise eine „reine Rechtslehre“ mit „unbedingter Allgemeingültigkeit“ zu entwickeln und von der Darstellung des geschichtlich gewordenen, positiven Rechts zu trennen. Die Rechtsphilosophie hat es danach mit den logischen und streng wissenschaftlichen Voraussetzungen allen Rechtsdenkens zu tun, „nicht mit den Besonderheiten eines|Rechtsinhaltes“. Es gibt nach S. keine einzige Rechtsnorm, deren Inhalt a priori festläge. Insofern distanzierte sich S. auch von Kant, der in seiner „Metaphysik der Sitten“ den kritischen Standpunkt verlassen und am Naturrecht festgehalten habe. Den Begriff des Rechts leitete S. in Abgrenzung von den Wissenschaften, die es mit der Wahrnehmung von kausalen Zusammenhängen zu tun haben, aus dem auf menschlichem Wollen beruhenden Zweckgedanken her. Dieser aus der strikten Unterscheidung von Sein und Sollen hervorgehende Methodendualismus bleibt eine dauerhafte Einsicht der Rechtsphilosophie. S. begreift auch die „Idee“ des Rechts als dessen formale Eigenschaft. Darauf weisen nach seiner Überzeugung die Gedanken der Richtigkeit, der Gerechtigkeit, selbst der Naturrechte „mit wechselndem Inhalt“ hin.

    An Kritik fehlte es nicht. Max Weber wehrte sich gegen S.s Verständnis der materialistischen Geschichtsauffassung als einer geschichtsphil. Theorie. Gustav Radbruch meinte, S. sei der Gefahr nicht entgangen, in dogmatisches Naturrecht alten Stiles zu verfallen. Das Konzept der von S. vertretenen „reinen Rechtslehre“ verdient aber insofern Interesse, als er den Rechtsbegriff nicht, wie Kelsen, aus der Norm, sondern aus den intersubjektiven Beziehungen abzuleiten versucht.

  • Auszeichnungen

    A preuß. Roter Adler-Orden (4 Kl. 1894, 3. Kl. mit Schleife 1911); Kronenorden (3. Kl. 1903, 2. Kl. 1918); Komturkreuz d. Hausordens Albrechts d. Bären (1913); – GJR (1902); Dr. phil. h. c. (Königsberg 1904); Dr. rer. pol. h. c. (Halle 1916); Dr. rer. oec. h. c. (TU Dresden 1927); Dr. theol. h. c. (Göttingen 1933); Dr. iur. h. c. (Athen 1937); Ehrensenator d. Univ. Halle-Wittenberg (1928); – Mitgl. d. Ak. gemeinnütziger Wiss. zu Erfurt (1904), d. Soc. d`Études legislatives, Paris (1910) u. d. Ungar. Ak. d. Wiss. (1933); Ehrenmitgl. d. Ac. of Arts and Sciences, Boston (1933).

  • Werke

    Weitere W Sozialismus u. Christentum, 1920;
    Der Richter, 1924;
    Rechtsphil. Abhh. u. Vortrr., 2 Bde., 1925, Nachdr. 1970;
    Rechtsphil. Grundfragen, 1928;
    Dt. Rechtsleben in alter u. neuer Zeit, 2 Bde., 1928/32;
    Hg.:
    Das gesamte dt. Recht, Bd. 1, 1931, darin: Rechtsphilos., S. 1–88.

  • Literatur

    FS z. 70. Geb.tag, hg. v. E. Tatarin-Tarnheyden, 1926 (P);
    FS z. 80. Geb.tag, hg. v. K. A. Emge, 1936;
    K. Vorländer, Gesch. d. Philos., 1903, § 72;
    Max Weber, R. S.s „Ueberwindung“ d. materialist. Gesch.-auffassung, in: ders., Gesammelte Aufss. z. Wiss.lehre, hg. v. J. Winckelmann, 51982, S. 291–359;
    ders., Nachtrag z. d. Aufs. über R. S.s „Ueberwindung“ d. materialist. Gesch.auffassung, ebd., S. 360–83;
    I. Breuer, Der Rechtsbegriff auf Grund d. S.schen Sozialphilos., 1912;
    G. Radbruch, R. S. (1926), in: A. Kaufmann (Hg.), Gustav Radbruch, Gesamtausg., Bd. 16, 1988, S. 53 f.;
    ders., Rechtsphilos., 41950, hg. v. E. Wolf, S. 107 f. u. 116–18;
    E. Wolf, ebd., S. 24, 33, 39 u. 71;
    C. Müller, Die Rechtsphilos. d. Marburger Neukantianismus, 1994;
    D. Willoweit, R. S.s Abh. „Recht u. Willkür“ u. ihre Konsequenzen f. d. Rechtsbegriff, in: Perspektiven d. Philos. 23, 1997, S. 181 ff.;
    ders., Der richtige Kern d. Lehre v. richtigen Recht, in: Juristenztg. 66, 2010, S. 373–79;
    M. Wenn, Jur. Erkenntniskritik, Zur Rechts- u. Sozialphilos. R. S.s, 2003;
    I. Kloos in Verbindung mit R. Meyer (Hg.), Rechts- u. pol.phil. Denker, 2004;
    A. Kaufmann u. W. Hassemer (Hg.), Einf. in Rechtsphilos. u. Rechtstheorie d. Gegenwart, 72004;
    Rhdb. (P);
    Wi. 1935;
    A. Erler, in: HRG;
    J. Schröder, in: Kleinheyer-Schröder (W, L, P);
    Kosch, Lit.-Lex.3;
    Bio-bibliogr. Hdb. Ak. Erfurt;
    Biogr. Studien Spirituskreis, S. 138–49 (P);
    Juristas universales III, S. 677–81 (P).

  • Autor/in

    Dietmar Willoweit
  • Empfohlene Zitierweise

    Willoweit, Dietmar, "Stammler, Rudolf" in: Neue Deutsche Biographie 25 (2013), S. 49-50 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118616692.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA