Lebensdaten
1906 bis 1960
Geburtsort
Berlin
Sterbeort
Göttingen
Beruf/Funktion
Germanist
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118721399 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Kayer, Wolfgang Johannes
  • Kayser, Wolfgang
  • Kayer, Wolfgang Johannes

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Zitierweise

Kayser, Wolfgang, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118721399.html [23.10.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Johannes ( 1953), Lehrer, später Rektor in B.;
    M Anna Schink ( 1943);
    1938 Dr. phil. Ursula (* 1913), T d. Dr. Ernst Wiskott (1879–1934), Landrat d. Kr. Beeskow-Storkow, Gründer d. Milchversorgungsverbands Berlin, Staatssekr. d. preuß. Landwirtsch.min. (bis 1933), dann Dir. d. Straßenbahnges. in Hannover, u. d. Katharina Ukert;
    2 S, 2 T, u. a. Tilman, Maler, Lektor a. d. Sorbonne.

  • Leben

    In Berlin studierte K. seit 1925 Deutsche Philologie, Geschichte, Philosophie und Anglistik. Zu seinen Lehrern zählten G. Roethe, A. Hübner, F. Meinecke, E. Spranger und J. Petersen. Neben R. Alewyn, A. Beck, H. Pyritz und E. Trunz nahm er an dem richtunggebenden Barock-Seminar Petersens teil und promovierte bei ihm, dessen philologischer Exaktheit er verpflichtet blieb, 1930 mit dem Thema „Die Klangmalerei bei Harsdörffer“ (1932, 21962). Zusammen mit dem fast gleichzeitig entstandenen Aufsatz über die Natursprachenlehre bei Jakob Böhme gehört diese Dissertation zu den grundlegenden Arbeiten der damals erst einsetzenden Barockforschung; am einzelnen Stilmerkmal orientiert, gilt sie gleichwohl als ein „Beitrag zur Geschichte der Literatur, Poetik und Sprachtheorie der Barockzeit“. – Während eines 2jährigen Lektorats an der Universität Amsterdam konnte K. sein ausgeprägtes Interesse für die übernationale Verflochtenheit der europäischen Literaturen im Sinne des Goetheschen Begriffs von Weltliteratur vertiefen. 1934, nach kurzem Gastlektorat an der Universität Aarhus (Dänemark), kehrte er als Petersens Assistent nach Berlin zurück, wo er sich 1935 mit einer „Geschichte der deutschen Ballade“ habilitierte. Gegen den anhaltenden Widerstand des Ns-Dozentenbundes erhielt K. schließlich 1937 eine Dozentur in Leipzig. Hier war neben H. A. Korff und Th. Frings besonders A. Jolles ein wichtiger Gesprächspartner. Nach der Teilnahme am Frankreichfeldzug folgte K. 1941 einem Ruf an die Faculdade de Letras der Universität Lissabon als Professor für deutsche Literatur. Fast ein Jahrzehnt konnte er sich dort intensiv mit den romanischen Sprachen und Literaturen vertraut machen, den Beziehungen der deutschen Literatur zur Romania nachgehen und sich im neutralen Ausland die Ansätze des amerikanischen New Criticism zu eigen machen. Die „erzwungene Muße“ der Nachkriegsjahre erbrachte unter Einbeziehung dieser und verwandter Forschungsrichtungen (zum Beispiel vertreten durch R. Ingarden, E. Staiger, Günther Müller, E. R. Curtius) die Entwicklung und Formulierung eines eigenen literaturwissenschaftlichen Konzepts. Auf die „Kleine deutsche Versschule“ (1946, 161974) folgte 1948 „Das sprachliche Kunstwerk“ (161974, auch portugiesisch und spanisch). Diese „Einführung in die Literaturwissenschaft“ versteht sich unter weitgehender Aussparung historischer, soziologischer, Schaffens- und wirkungspoetischer|Gesichtspunkte als eine Einführung in die Dichtung als Kunst. An Beispielen aus der gesamten europäischen, auch der antiken Literatur sucht K. in Analyse und Synthese Elemente und Gesetzmäßigkeiten aufzudecken, die das literarische Kunstwerk als solches konstituieren, und sie methodisch verfügbar zu machen. Gestalt fungiert als entscheidender heuristischer Begriff. Auf Grund dieses Buches erhielt K. 1950 den Ruf auf ein Ordinariat der Universität Göttingen. Seiner Systematik und didaktisch glänzenden Vermittlung wegen wurde das Werk schnell zum Handbuch der Germanistik der 50er Jahre und wirkte nachhaltig bis in den schulischen Bereich hinein. Die intensive Wirkung K.s als akademischer Lehrer gründete zudem in der Ausstrahlung seiner Persönlichkeit. Geistige Flexibilität, Einfallsreichtum und Eloquenz verbanden sich bei ihm mit Sachbezogenheit. Rufe nach Köln (1956) und an die FU Berlin (1958) lehnte er ab. Gastprofessuren übernahm er 1954 und 1957 in Zagreb (Jugoslawien) und 1955/56 für 9 Monate an der Harvard University; dort konnte er ein Werk abschließen, das, fächerübergreifend, ein geistes- wie formgeschichtlich bedeutendes Phänomen in der europäischen Malerei und Dichtung verfolgt: „Das Groteske“. – Der hohe Einsatz verbrauchte die Kräfte frühzeitig. Die Laufbahn brach auf dem Höhepunkt des Erfolges ab; bereits sichtbare Neuansätze, wie zum Beispiel der Plan einer historisch-kritischen Ausgabe der Werke G. Hauptmanns, kamen nicht mehr zur Ausführung. Als einer der ersten machte K. Fragen des Literaturbetriebs zum Gegenstand von Seminaren, bemühte er sich als Vorsitzender des Deutschen Germanistenverbandes um die Zusammenarbeit von Schul- und Universitätsbereich. Das kurze Dezennium seines Wirkens in Deutschland umfaßt zugleich eine wissenschaftsgeschichtliche Phase der westdeutschen Germanistik: Die auf den Kunstcharakter von Dichtung gerichtete Konzentration der fachwissenschaftlichen Fragestellung ist zu verstehen als letzter Ausläufer einer noch im Idealismus beheimateten Kunstauffassung, als Reaktion auf die diffusen Methoden vorwiegend geistesgeschichtlicher Ansätze und darüberhinaus als Versuch, für die durch ihre politische Vergangenheit belastete Fachsituation Lösungen zu finden, die zugleich den Anschluß an die internationale Forschung verstärken konnten. Allerdings setzte schon in den 50er Jahren gegenüber der „werkimmanenten“ Methode vereinzelt Kritik ein; sie steigerte sich in den 60er Jahren bis zur völligen Ablehnung des einseitig gewichtenden Konzepts durch eine Forschergeneration, die, vor allem historisch und gesellschaftswissenschaftlich wie -kritisch orientiert, eine Fülle neuer Fragen an einen konzeptionell sehr erweiterten Fachgegenstand herantrug. Die damit verbundene kritische Beurteilung von K.s wissenschaftlicher Leistung geht in erster Linie vom „Sprachlichen Kunstwerk“ und seiner Breitenwirkung aus, übersieht aber die Vielfalt der Ansätze K.s in seinen frühen und späteren Arbeiten, denen beschränkender Dogmatismus durchaus fremd ist. Die „Werkinterpretation“, durch K. entscheidend gefördert, ist inzwischen fest in das Fach integriert, so daß – auch bei einem Wandel der fachlichen Blickrichtung – nicht auf bestimmte Fragestellungen und methodologische Prinzipien dieses Textzuganges mehr verzichtet werden kann.|

  • Auszeichnungen

    Mitgl. d. Geleerden Genootschap voor Kunsten en Wetenschappen in Utrecht, 1932, d. Ak. d. Wiss. Göttingen, u. d. Ak. f. Sprache u. Dichtung in Darmstadt, 1957.

  • Werke

    Weitere W Böhmes Natursprachenlehre u. ihre Grundlagen, in: Euphorion 31, 1930;
    Jakob Wassermann, Etzel Andergast, Het duitse Boek, 1932;
    Gesch. d. dt. Ballade, 1936, 21943;
    Sprachform u. Redeform in d. „Heidebildern“ d. Annette v. Droste-Hülshoff, in: Jb. d. Freien Dt. Hochstifts 40, 1936, wieder in: Die Werkinterpretation, Wege d. Forschung 36, 1967;
    Bürgerlichkeit u. Stammestum in Theodor Storms Novellendichtung, 1938;
    Sophonisbe als geschichtl. Tragödie, in: German.-Roman. Mschr. 29, 1941;
    Die Entstehung v. Goethes Werther, in: Dt. Vjschr. 19, 1941;
    O problema dos generos literarios, in: Rev. da Faculdade de letras Coimbra, 1943;
    Die iber. Welt im Denken Herders, in: Ibero-amerikan. Stud. 17, 1945;
    Eine unbek. Prosaskizze Rilkes, in: Trivium 5, 1947;
    Entstehung u. Krise d. modernen Romans, 1954, 51968;
    Das Groteske, Seine Gestaltung in Dichtung u. Malerei, 1957, 1960 (japan. u. engl.);
    Die Vortragsreise, 1958;
    Die Wahrheit d. Dichter, 1959;
    Das literar. Leben d. Gegenwart, in: Merkur 13, 1959, S. 359-79;
    Schiller als Dichter u. Deuter d. Größe, 1960 (P);
    Kunst u. Spiel, 5 Goethe-Stud., 1961;
    Gesch. d. dt. Verses, 10 Vorlesungen f. Hörer aller Fak., 1960, hrsg. v. Ursula Kayser (Ehefrau), 21971. -
    Hrsg.: Die schöne Magdelone, Nach d. Nürnberger Hs. erneuert, 1925;
    Dt. Balladen, 1937;
    A. v. Droste-Hülshoff, Sämtl. Werke, Insel-Klassiker, 1939;
    Gedichte d. dt. Barock, 1943;
    Antologia de Poesia Alemã, 1944;
    Kleines literar. Lex., 1947, 31953, 3 Bde., hrsg. v. H. Rüdiger u. E. Koppen, 41966 ff. Überss.: Machado de Assis, Die nachgelassenen Memoiren d. Bras Cubas, aus d. Brasilianischen übers. mit Nachwort: Machado de Assis u. d. brasilian. Lit., 1950.

  • Literatur

    K. Wagenbach, in: Frankfurter Allg. Ztg. v. 25.1.1960;
    R. W. Leonhard, W. K. -
    Er war unentbehrlich u. muß nun doch entbehrt werden, in: Die Zeit v. 28.1.1960;
    F. Martini, in: Jb. d. Dt. Ak. f. Sprache u. Dichtung 1960, 1961;
    H. Pyritz, W. K., Die Klangmalerei b. Harsdörffer, Ein|Btr. z. Gesch. d. Barockzeit (1932), in: Dt. Barockforschung, hrsg. v. R. Alewyn, 1965;
    A. Klein u. J. Vogt, Dichtungsbetrachtung ohne Gesch., W. K., in: Grundstudium Lit.wiss. III, 1971, S. 46-49;
    E. Leibfried, in: Krit. Wiss. vom Text, 1970, 21972, S. 201 ff.;
    P. Rusterholz, in: Grundzüge d. Lit.- u. Sprachwiss. I, 1973, S. 350 ff.

  • Portraits

    Ölgem. v. E. Kyffhäuser (Göttingen, Germanist. Seminar d. Univ.), Kreidekopie im Fam.-bes.;
    Phot. in: W. K., Schiller als Dichter u. Deuter d. Größe, 1960.

  • Autor/in

    Ingeborg Ackermann
  • Empfohlene Zitierweise

    Ackermann, Ingeborg, "Kayser, Wolfgang" in: Neue Deutsche Biographie 11 (1977), S. 384-386 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118721399.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA