Lebensdaten
1802 oder 1806 bis 1861
Geburtsort
Berlin
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Schriftsteller ; Romanschriftsteller
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 119044765 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Mügge, Theodor

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Zitierweise

Mügge, Theodor, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd119044765.html [19.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Johann Leberecht Mücke (1754–1814), Kaufm. b. e. Material- u. Spezereihandlung in B.;
    M Sophia Schultz (1767–1832);
    1) Berlin 1832 Wilhelmine (1797–1842), Operntänzerin, T d. Kammerdieners Ernst Friedrich Martin Reiff u. d. Johanna Friderica Kuntz, 2) 1846 Mathilde Pauline (1823-wohl n. 1874), T d. Hofrats u. Provinzial-Steuerrendanten Gustav Carl Kalisch;
    4 T aus 2).

  • Leben

    Schon als Zehnjähriger versuchte M. der häuslichen Enge in Richtung Rußland zu entfliehen, wurde aber wieder nach Hause gebracht, besuchte vorübergehend das Gymnasium und absolvierte eine Lehre als Kaufmannsgehilfe. Nach einer Ausbildung in der Kadetten- und Artillerieschule Erfurt, doch vor dem Offiziersexamen, machte sich M. 1825 auf den Weg nach Südamerika, um sich dem peruan. Freiheitskampf gegen die Spanier zur Verfügung zu stellen; in London erfuhr er, daß Bolivar bereits gesiegt hatte, und kehrte über Paris nach Berlin zurück. Er holte das Abitur nach und nahm 1828 in Berlin das Studium der Philosophie, Geschichte und Naturwissenschaften auf, das er 1832 in Jena mit der Promotion abschloß. Er strebte in den akademischen Staatsdienst, verdarb sich dies aber mit zwei politischen Broschüren von liberalem Geist, „Frankreich und die letzten Bourbonen“ (1831), „England und die Reform in ihren umwälzenden Folgen“ (1831), welche die preuß. Behörden konfiszierten. M., der seine Zukunft nunmehr in|freier Schriftstellerei und Journalismus sah, knüpfte in Berlin Verbindungen zu Karl Gutzkow, Theodor Mundt und dessen Frau Luise Mühlbach, zu Fanny Lewald und Max Ring – Literaten aus dem Umfeld des Jungen Deutschland also, dem ihn ältere Literaturgeschichten selbst zurechneten, zumal er auch regelmäßig an der „Zeitung für die elegante Welt“ mitarbeitete. 1848 wurde M. Mitgründer und Feuilletonleiter der „Nationalzeitung“. Er geriet zunehmend in Konflikte mit Polizei und Gerichten, die ihn seit seinen freimütigen Schriften – eine weitere war 1845 unter dem Titel „Die Censurverhältnisse in Preußen“ hinzugekommen – streng beobachteten.

    So konzentrierte er sich in der Folge zunehmend auf Roman- und Reiseschriftstellerei. Vor allem eine Schweiz- und einige Skandinavienreisen wurden mehrfach in Buchform verwertet, nicht nach subjektiv impressionistischer Art, sondern getragen von fleißiger sozial- und wirtschaftsgeschichtlicher wie auch präziser erdkundlicher Information über die fremden Verhältnisse. Nie fehlte das politische, stets für nationale und ethnische Freiheitsrechte sprechende Urteil des Verfassers. Dieselben Prinzipien prägten auch M.s reiches novellistisches Schaffen. Lesbar und lehrreich sind heute noch die Romane „Toussaint“ (1840), dem schwarzen Befreier der Antillen und späteren Gegenspieler Napoleons gewidmet; „Der Voigt von Silt“ (1851), die Bestrebungen der deutschen Schleswiger gegen die dän. Hegemonie im 19. Jh., „Erich Randal“ (1856), den kriegerischen Widerstand der Finnen gegen Annexionspläne Rußlands im Jahr 1808 darstellend. Am bedeutendsten ist sicher die breit ausgesponnene Erzählung „Afraja“ (1854), die den Zusammenstoß norweg. Nordlandkolonisten mit der ganz anderen Kultur der lappischen Ureinwohner im 18. Jh. zum Gegenstand hat und zeigt, wie im Streit zwischen den schlauen und habgierigen Christen auf der einen, dem dämonischen Lappenhäuptling Afraja auf der anderen Seite menschliche Einzelleben zerrieben werden; mögen manche Charaktere nicht ganz eindeutig gezeichnet, mancher Geschehenszug nicht zureichend motiviert sein, so entschädigen dafür die großangelegte Komposition des Romans und die menschenfreundliche Gesinnung des Autors – nicht zuletzt aber die mit erstaunlicher Meisterschaft gemalte Kulisse der Lofotenlandschaft am nördlichen Polarkreis. M. hat hier, und das ist nicht sein geringstes Verdienst, die nordische Natur für die deutsche Dichtung erschlossen.

  • Werke

    Novellen u. Erzz., 3 Bde., 1836;
    Novellen u. Skizzen, 3 Bde., 1838;
    Ges. Novellen, 6 Bde., 1842/43;
    Neue Novellen, 6 Bde., 1845/46;
    Romane, 33 Bde., 1862-67.

  • Literatur

    ADB 22;
    H. Willich, Th. M., e. Btr. z. Gesch. d. dt. Romans im 19. Jh., Diss. Göttingen 1923 (ungedr.);
    R. Glöckel, Th. M.s Novellentechnik, Ein Beispiel z. Formproblem d. Epik, Diss. München 1927;
    M.-M. Rabsahl, Die skandinav. Landschaft in d. Werken v. Th. M. u. in d. Reisebeschreibungen u. Romanen bis z. Mitte d. 19. Jh., Diss. Breslau 1941 (ungedr.);
    M. Ring, Th. M., e. dt. Schriftstellerleben, in: Westermanns Ill. Mhh. XIV, 1963, S. 364-72;
    B. Steinbrink, Abenteuerlit. d. 19. Jh. in Dtld., 1983;
    W. Griep, Die Rev. v. Saint Domingue als ethnograph. Erzählstoff: Th. M.s „Toussaint“, in: Gal. d. Welt, hrsg. v. A. Maler, 1988, S. 33-47;
    Brümmer;
    Wilpert-Gühring;
    Kosch, Lit.-Lex.3

  • Autor/in

    Hans-Wolf Jäger
  • Empfohlene Zitierweise

    Jäger, Hans-Wolf, "Mügge, Theodor" in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 268 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119044765.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Mügge: Theodor M., Schriftsteller, geb. am 8. Novbr. 1806 zu Berlin. Will man seine Stellung in der deutschen Litteratur des 19. Jahrhunderts kurz kennzeichnen, so kommt man zu Folgendem: M. gehörte jener Gruppe von Erzählern an, die, wenn sie auch mit dem sog. jungen Deutschland keine Fühlung besaßen, doch in derselben Luft wie die Führer einer Bewegung athmeten, welche auf die Zeit der Enttäuschung und Erschlaffung nach den Freiheitskriegen folgte und sich zu dieser in scharfen Gegensatz stellte. Die Unterhaltungslectüre der zwanziger Jahre konnte vermöge ihrer Kraftlosigkeit dem Publikum nicht mehr genügen, und so unternahmen es begabte Schriftsteller wie Heinrich König, Herloßsohn, Ludwig Storch, Rellstab und unser M. Romane und Novellen zu schreiben, welche einen freieren und kühneren Ton anschlugen, der verrieth, daß man einer besseren Epoche der vaterländischen Geschichte hoffnungsfreudig entgegensah. M. hatte das Unglück frühzeitig seinen Vater zu verlieren; nicht übermäßig günstige Vermögensumstände zwangen ihn, sich vor der Hand einer anderen Laufbahn zuzuwenden, als der litterarischen. Er ward Kaufmann und als ihm diese Beschäftigung zu wenig zusagte Soldat. In Erfurt besuchte er die Artillerieschule, trat ins Heer ein, rückte zum Oberfeuerwerker hinauf und wollte eben sein Offiziersexamen bestehen, als ihn das Anrathen seines Vorgesetzten und wohl nicht zum wenigsten sein eigener Wille zum Verzicht auf die militärische Carriere veranlaßte. Was nun? In Peru kämpfte man damals gerade gegen die Herrschaft der Spanier und der Neunzehnjährige, den die Heldengestalt Bolivar's begeisterte, wollte nach der neuen Welt übersiedeln, um unter der Fahne der Aufständischen für die Freiheit zu kämpfen. Gedacht, gethan. Schon befand sich der Jüngling in London, als ihm dort die Nachricht entgegenkam, daß die Spanier in Peru Vertrieben; seinem Thatendrang entzog sich somit der Boden. Abermals Stillstand in Mügge's Leben. Ueber Paris kehrte der Enttäuschte nach Berlin zurück, um sich nunmehr der gelehrten Laufbahn, dem Studium der Philosophie. Geschichte und Naturwissenschaften in die Arme zu werfen; eine Staatsanstellung sollte ihn dann der materiellen Sorgen entheben. Sein selbständiger Geist brachte M. aber auch hier in unliebsame Berührung mit den herrschenden Verhältnissen; zwei Schriften aus seiner Feder: „Frankreich und die Bourbonen“ und „England und die Reform“, beide 1831 erschienen, machten ihn als Staatsdiener unmöglich. Jetzt brach M. überhaupt mit dem Gedanken, Jemand anders als sich selbst zum Schöpfer seines Glückes zu machen: er ward, was ihm von vorn herein im Blute gelegen, litterarischer Kämpe für die Ideale einer neuen Zeit. Dem durch seine Brochüren bekannt Gewordenen fiel es nicht schwer die Mitarbeiterschaft maßgebender Zeitschriften zu gewinnen, so z. B. der Zeitung für die elegante Welt; auch gehört|M. zu den Männern, die im J. 1848 die Nationalzeitung begründeten, deren Feuilleton er eine Zeitlang leitete. Erst unter dem Drucke der Reaction der fünfziger Jahre schied M. aus dieser Stellung. Mit der Richtung, welche damals am Ruder des preußischen Staates stand, gerieth er durch seine Schrift „Die Censurverhältnisse in Preußen“ in Conftict; polizeiliche und gerichtliche Plackereien waren der Lohn für seine freimüthigen Aeußerungen. Von nun an lebte M. fast nur noch seiner reichen dichterischen Thätigkeit (seit 1850 gab er noch das Taschenbuch „Vielliebchen“ heraus), auf die wir jetzt zu sprechen kommen, die allerdings von seinen zwanziger Jahren an schon die publicistische begleitet hatte; größere Erholungsreisen hielten die Dichterkraft in Spannung. Am 18. Februar 1861 starb M. in seiner Vaterstadt Berlin, der er in gemeinnütziger Beziehung ein guter Bürger gewesen war. Der freiheitliche Zug, der sich wie ein rother Faden durch Mügge's Leben Zog, beseelte auch seine Schöpfungen. Diese lassen sich in zwei Gruppen theilen, in solche, die wir halbdichterische nennen möchten, und in die rein poetischen. Unter den halbdichterischen verstehen wir die Reiseschilderungen, die mit den „Skizzen aus dem Norden“ (2 Bde., 1844) beginnen, künstlerisch ausgeführten Bildern von Land und Leuten, bezugnehmend außer auf die geographischen auch auf die politischen Zustände fremder Länder. Den Skizzen aus dem Norden folgten nach: „Schweden im Jahre 1843“ (2 Bde., 1845); „Streifzüge in Schleswig-Holstein“ (2 Bde., 1846); „Die Schweiz“ (3 Bde., 1847); „Samuel Wiebe. Ein Lebensbild aus den Marschen“ (1854); „Bilder aus Norwegen“ (1858) und das „Nordische Bilderbuch“ (3. Aufl. 1862). Die rein poetische Seite Mügge'schen Schaffens steht diesen Reisebildern nicht nach. Drei und dreißig Bände umfaßt die Gesammtausgabe (1862—1867) der Romane, deren Titel man in Brümmer's Dichterlexikon nachlesen möge; neben dieser Gesammtausgabe gehen noch drei Sammlungen von Romanen her: Romane (4 Bde., 1857); Romane. Neue Folge (4 Bde., 1858) und Romane. Dritte Folge (10 Bde., 1862), sowie eine große Anzahl von Novellen: Novellen und Erzählungen (3 Bde., 1836); Novellen und Skizzen (3 Bde., 1838); Gesammelte Novellen (6 Bde., 1842—1343); Neue Novellen (3 Bde., 1845); „Leben und Lieben in Norwegen“ und „Neues Leben“ (3 Bde., 1856). Letztere Novelle übertrug M. auch ins Dramatische; das Lustspiel ward acht Tage vor des Dichters Tode im Hamburger Thaliatheater aufgeführt, verrieth jedoch kein rechtes Talent für die Bühne. Man sieht, der Dichter entfaltete eine erstaunliche Schöpferkraft. Die bedeutendsten der Romane sind wol „Der Chevalier" (1835); „Die Vendeerin" (1836); „Toussaint" (1840); „Der Voigt von Sylt" (1851); „Der Weihnachtsabend" (1853); „Der Majoratsherr" (1853); „Afraja" (1854); „Erich Randal“ (1856) und „Der Prophet“ (1860). Die Behandlung ist leicht und gefällig, klar und geistreich, feiner und künstlerischer, namentlich in Bezug auf gründliche Durcharbeitung des Stoffes und im Aufbau der Erzählung, als bei den zu Anfang genannten gleichzeitigen Romanciers. In Afraja und Erich Randal gelingt es M. sogar in den Landschaftsbildern aus Norwegen und Dänemark sich ins Großartige zu erheben, das Großartige, das sonst seiner Natur ferner lag. Zu Beginn seiner litterarischen Laufbahn, 1829, gab M. auch „Bilder aus meinem Leben“ heraus.

  • Autor/in

    Julius , Riffert.
  • Empfohlene Zitierweise

    Riffert, Julius, "Mügge, Theodor" in: Allgemeine Deutsche Biographie 22 (1885), S. 455-456 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119044765.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA