Lebensdaten
1859 bis 1936
Geburtsort
Wien
Sterbeort
Neu-Isenburg
Beruf/Funktion
Sozialpolitikerin ; Frauenrechtlerin
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 118816292 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Berthold, Paul (Pseudonym)
  • Berthold, P. (Pseudonym)
  • Anna O. (als Patientin Freuds)
  • mehr

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Zitierweise

Pappenheim, Bertha, Indexeintrag in: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118816292.html [25.08.2016].

CC0

Pappenheim, Bertha (Pseudonym P[aul] Berthold; Freuds Anna O.)

Sozialpolitikerin, Frauenrechtlerin, * 27.2.1859 Wien, 28.5.1936 Neu-Isenburg, Frankfurt/Main, Jüdischer Friedhof. (jüdisch)

  • Genealogie

    Vorfahrin (angebl.) Glückel von Hameln (1645–1724), Memoirenschreiberin; V Siegmund ( 1881) aus Preßburg, Kaufm. in W.; M Recha (1830–1905),| T d. Meyer Benedikt Goldschmidt, aus Frankfurter Bankiersfam., u. d. Jettchen Schames; ledig.

  • Leben

    P. erhielt in der orthodox-jüd. Familie die übliche, auf eine standesgemäße Eheschließung vorbereitende Ausbildung einer „höheren Tochter“ in Fremdsprachen, Musik, Reiten und Handarbeiten. Während der Pflege ihres unheilbar erkrankten Vaters litt die überdurchschnittlich begabte 1880-82 unter schweren psychosomatisch bedingten Störungen (zeitweilige Lähmungserscheinungen, Sprachverlust, Halluzinationen mit Traum-Wach-Zuständen), von denen sie der Freud-Mitarbeiter Josef Breuer (1842–1925) durch Hypnose und „Gesprächstherapie“ (angeblich ein von P. geprägter Begriff) zu heilen versuchte. Sigmund Freud beschrieb den Fall „Anna O.“ im Lichte seiner Theorien (Über d. Psych. Mechanismen hyster. Phänomene, in: Neurolog. ZbL., 1893, wieder in: Stud. üb. Hysterie. 1895) und bezeichnete hierbei „Anna O.“ (d. i. P.) als eigentliche Erfinderin der Psychoanalyse.

    1888/89 übersiedelte P. mit ihrer Mutter nach Frankfurt/M., wo sie in der Arbeit für den Israelit. Hilfsverein und in der Sozialpolitik der Frauenbewegung Erfüllung suchte und fand. „Mir ward die Liebe nicht/Drum wühl' ich mich in Arbeit/Und leb' mich wund an Pflicht“, schrieb sie in einem Gedicht. So gründete und leitete sie einen „Verein für unentgeltliche Flickschulen“. 1895-1907 stand P. der Israelit. Mädchenwaisenanstalt vor. Seit 1900 war sie daneben als ehrenamtliche städtische Waisen- und Armenpflegerin tätig, 1910-16 war sie als Mitglied des städtischen Armenamts mit der Neuorganisation des Wohlfahrtswesens befaßt (Gründung des Wohnungs-, Arbeits- und Jugendamtes). Bereits 1902 hatte P. – auch in Reaktion auf das ihr verhaßte patriarchalische System – als Abteilung des Israelitischen Hilfsvereins die ehrenamtlich tätige „Weibliche Fürsorge“ gegründet, die sie als „Schule jüdisch-sozialen Denkens und Ausübens“ verstand. Die „Weibliche Fürsorge“ kümmerte sich in erster Linie um die weibliche Jugend, ledige Mütter und uneheliche Kinder und kämpfte gegen Mädchenhandel und Prostitution. Seit 1903 reiste P. im Rahmen der Hilfsmaßnahmen für die osteuropäischen jüdischen Einwanderer regelmäßig in deren Herkunftsgebiete. Anläßlich des Internationalen Frauenkongresses 1904 in Berlin gründete sie den “Jüd. Frauenbund“ (JFB) und leitete ihn bis 1924, ebenso dessen 1907 in Neu-Isenburg gegründetes Schutz- und Erziehungsheim für gefährdete jüd. Mädchen und ledige Mütter sowie deren Kinder. In finanzieller Hinsicht wurde P. von ihren vermögenden Verwandten und von Philanthropen wie Charles Hallgarten (1838–1908) unterstützt, in Fragen der jüd. Erziehung von dem orthodoxen Rabbiner Nehemia Anton Nobel und von Martin Buber. Ziel ihrer Beschäftigungs- und Erziehungstherapie war zunächst eine Bindung an die Familie und die jüd. Gemeinschaft. Mit ihren weitergehenden Forderungen nach gleichen Rechten und Ausbildungschancen für Frauen rief sie jedoch den Widerstand orthodoxer Kreise hervor. 1917 regte P. in Berlin die Gründung der „Zentral-Wohlfahrtsstelle der deutschen Juden“ an, die in der Folge eine der größten jüd. Wohlfahrtsorganisationen der Welt wurde. Die Gefahr, die den Juden seitens der Nationalsozialisten drohte, unterschätzte P. als dezidierte Gegnerin des Zionismus. Anfang 1936 wurde sie von der Gestapo in Offenbach verhört, mußte aber nicht mehr erleben, wie das Heim in Neu-Isenburg, das zu einem Aus- und Fortbildungszentrum für die jüd. Sozialarbeit in Deutschland geworden war, im November 1938 angezündet und im März 1942 nach der Deportation der meisten Insassen geschlossen wurde.

  • Werke

    (ca. 130 Titel) u. a. Frauenrecht, 1899 (Schauspiel); Zur Judenfrage in Galizien, 1900; Zur Lage d. jüd. Bevölkerung in Galizien, 1904; Sisyphus-Arbeit, 2 Bde., 1924/29 (Reiseberr. üb. Mädchenhandel u. Prostitution in Osteuropa u. im Vorderen Orient); Leben u. Schrr., hg. v. D. Edinger, 1963 (mit biogr. Einl., W, P). – Überss u. a. Mary Wollstonecraft, Verteidigung d. Rechte d. Frau, 1899 (aus d. Engl.); Die Memoiren d. Glückel v. Hameln, 1910 (aus d. Jidd.).

  • Literatur

    J. Breuer, Krankengesch. B. P. (1882), in; A. Hirschmüller, Physiologie u. Psychoanalyse im Leben u. Werk Josef Breuers, in: Jb. d. Psychoanalyse 10, 1978, S. 348-62; D. Edinger, in: Jüd. Wohlfahrtspflege u. Sozialpol. 6, 1936, S. 49 f.; dies., in: Jewish Social Studies 20. Nr. 3, 1958, S. 180-86; dios., B. P. – Freud's Anna O., 1968; E. Jones, The Life and Work of Sigmund Freud. 3 Bde., 1953 (identifiziert „Anna O.“ als P); S. Freud u. J. Breuer, Stud. üb. Hysterie, 1970; L. Freeman, Die Gesch. d. Anna O., Der Fall, d. Sigmund Freud z. Psychoanalyse führte, 1973; M. Kaplan, Die jüd. Frauenbewegung in Dtld., Organisation u. Ziele d. Jüd. Frauenbundes 1904-1938, 1981; E. M. Jensen, Streifzüge durch d. Leben v. Anna O./B. P., Ein Fall f. d. Psychiatrie, Ein Leben f. d. Philanthropie, 1984 (W-Verz; P) ; A. Lustiger, in: Jüd. Stiftungen in Frankfurt a. M., hg. v. G. Schiebler, 1988, S. 367-70; B. Seemann, in: Tribüne 29, 1990, H. 115, S. 185-93; J. Dick u. M. Sassenberg (Hg.), Jüd. Frauen im 19. u. 20. Jh., 1993 (W, L, P); A. D. Colin, Metamorphosen e. Frau, Von Anna O. zu B. P., in: Von e. Welt in d. andere, hg. v. J. Dick u. B. Hahn, 1993, S. 197-215; M. Borch-Jacobsen, Anna O. z. Gedächtnis, Eine hundertj. Irreführung, 1998 (mit e.|Nachwort v. M. Stingelin); G. Maierhof, „Wir Jüdinnen waren immer die anderen“. Der „Jüd. Frauenbund“ 1904-1938, in: Ariadne 35, 1999, S. 22-27; Enc. Jud. 1971 (P); Frankfurter Biogr. (P); Demokratische Wege (P).

  • Portraits

    Zeichnung v.J. Oppenheim, 1934 (Abb. in: Frankfurter Biogr); Büste v. F. J. Kormis (Neu-Isenburg, Stadtbücherei); Sonderbriefmarke d. Dt. Bundespost anläßlich d. JFB-Jubiläums, 1954 (Abb. in: Enc. Jud. u. Demokratische Wege).

  • Autor

    Franz Menges
  • Empfohlene Zitierweise

    Menges, Franz, "Pappenheim, Bertha" in: Neue Deutsche Biographie 20 (2001), S. 53-55 [Onlinefassung]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118816292.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

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