Lebensdaten
1880 bis 1963
Geburtsort
Karlsruhe
Sterbeort
Jerusalem
Beruf/Funktion
Ärztin ; Frauenrechtlerin ; Sozialreformerin
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 119039907 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Goitein, Rahel (geborene)
  • Straus, Rahel (verheiratete)
  • straus, rahel
  • mehr

Verknüpfungen

Verknüpfungen zu anderen Personen wurden aus den Registerangaben von NDB und ADB übernommen und durch computerlinguistische Analyse und Identifikation gewonnen. Soweit möglich wird auf Artikel verwiesen, andernfalls auf das Digitalisat.

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Auf der Karte werden im Anfangszustand bereits alle zu der Person lokalisierten Orte eingetragen und bei Überlagerung je nach Zoomstufe zusammengefaßt. Der Schatten des Symbols ist etwas stärker und es kann durch Klick aufgefaltet werden. Jeder Ort bietet bei Klick oder Mouseover einen Infokasten. Über den Ortsnamen kann eine Suche im Datenbestand ausgelöst werden.

Zitierweise

Straus, Rahel (verheiratete), Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd119039907.html [06.12.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Gabor (Gabriel) Gedalia (1848–83, Dr. phil., Lehrer in Aurich, 1877 Rabbiner in K. (s. Biogr. Hdb. Rabbiner II), S d. Hermann (Zwi Hirsch) Goitein (1805–60), Rabbiner in Hőgyész (Komitat Tolna, Ungarn), u. d. Szoli Teller;
    M Ida(-Jette) (Henriette) (1848–1931, Volksschullehrerin, Erzieherin d. Töchter d. Bankiers Samuel Straus (s. u.), T d. Viktor Löwenfeld, Leiter e. Knabenpensionats in Posen, u. d. Henriette Zadek, Kaufm.- u. Posamentiers-T; Vorfahre-v Seckel Löb Wormser (Baal|Schem von Michelstadt, bis um 1800 eigtl. Seckel Löb Mattes) (um 1768–1847), Rabbiner in Michelstadt, Kabbalist;
    Om Rafael Löwenfeld (1854–1910, aus Posen, Dr. phil., Slavist, Lektor f. russ. Sprache u. Literatur an d. Univ. Breslau, 1907 Mitgründer d. Schiller-Theater AG in Berlin-Charlottenburg, finanzierte S.s Studium;
    Ur-Gvv Baruch Goitein, Rabbiner in Hőgyész;
    Gr-Ov Ejijahu Menachem Goitein (1837–1902, Rabbiner in Hőgyész;
    3 B (2 früh †) Ernst (1882–1914/17 ⚔), 2 ältere Schw Trude(l) (* 1876, Isa[a]k [Jizchak] Unna, 1872–1949, Dr., Rabbiner in Mannheim, 1921–35 Mitgl. d. Oberrats d. Israeliten Badens, 1936 Mitgründer u. Rabbiner d. Gde. Binyan Zion in J., s. Bad. Biogrr. NF IV; Biogr. Hdb. Rabbiner II), Lehrerin, Emma Dessau-Goitein (1877–1968, Bernardo Dessau, 1863–1949, Dr. phil., o. Prof. d. Physik in Perugia, Gründer d. zionist. Zs. „Il Vessillo Israelitico“, s. Pogg. IV–VI; Kürschner, Gel.-Kal. 1925–1931; Wininger, B d. Hermann Dessau, 1858–1931, o. Hon.prof. d. Alten Gesch. in Berlin, s. NDB III), studierte an d. Malerinnenschule in K., Malerin u. Holzschneiderin in Perugia (s. Wininger; Vollmer; L. Servolini, Dizionario illustrato degli incisori italiani, 1955; A. M. Comanducci, Dizionario illustrato dei pittori, disegnatori e incisori italiani moderni e contemporanei, 41970–74);
    1905 Elias(Eli) (1878–1933), Dr. iur., RA in München, 1921 Mitgl. d. Vorstands d. Isr. Kultusgde. ebd., JR (s. Biogr. Gedenkbuch Münchner Juden), S d. Samuel Straus († 1904), Bankier in K., u. d. Isabella Feuchtwanger (1853–93;
    2 S Samuel Friedrich (1914–58, Landwirt in Israel, US-Beamter in Washington D. C., Ernst (1922–83, Prof. d. Math. in Los Angeles, 3 T Isabella (Isa) (* 1909, Ignaz [Izchak] Emrich, * 1903, Dr., Volkswirtschaftler, Zionist), Volkswirtschaftlerin, Hannah (* 1912), studierte in Paris, Lehrerin, Psychol. in New York, Gabriele Rosenthal (* 1915), Kinderpsychol., alle emigrierten 1933 mit S. n. Palästina; Verwandte Zvi Hirsch Goitein (1863–1903, Rabbiner in Náchod u. Kopenhagen, Eduard Ezechiel Goitein (1864–1914, Dr., 1892 Rabbiner in Marienbad, 1897 Bez.rabbiner in Burgkunstadt (Oberfranken) (s. Biogr. Hdb. Rabbiner II).

  • Leben

    S. wuchs in einer jüd.-orthodoxen Familie auf. In den ersten Schuljahren wurde sie gemeinsam mit ihren Geschwistern von der Mutter unterrichtet, die für S. den Beruf der Kindergärtnerin vorsah. Nach dem Besuch der Höheren Mädchenschule setzte sie jedoch durch, daß sie 1893 auf das neu eröffnete Mädchengymnasium in Karlsruhe, das erste überhaupt in Deutschland, gehen konnte – ein Schritt, der in der orthodoxen jüd. Gemeinde der Stadt für Aufregung sorgte. 1899 legte S. hier das Abitur ab.

    Mit finanzieller Unterstützung ihres Onkels Rafael Löwenfeld begann S. 1900 in Heidelberg zu studieren. Da ihre beiden Kommilitoninnen die Universitätsstadt bald verließen, war S. in den ersten drei Semestern die einzige Studentin der Medizin unter den Studierenden und gilt somit als erste Medizinstudentin der Ruperto-Carola. Um den Austausch zwischen den studierenden Frauen der Universität zu fördern, gründete sich 1901/02 die „Vereinigung studierender Frauen in Heidelberg“ mit S. als Vorsitzende. 1905 schloß sie ihr Medizinstudium mit dem Staatsexamen ab.

    1905 heiratete S. und übersiedelte mit ihrem Mann nach München. Hier arbeitete sie zunächst an der Poliklinik, der Kinderpoliklinik und der Universitätsfrauenklinik, bevor sie 1907 promoviert wurde. 1908 eröffnete sie als erste Ärztin, die an einer dt. Universität ihre Ausbildung erhalten hatte, und als dritte Ärztin in München eine eigene Praxis. Bis 1922 gebar sie fünf Kinder. Darüber hinaus engagierte sich S. auch innerhalb der Frauenbewegung. Sie war Mitglied im „Verein für Fraueninteressen“, im „Verein für Frauenstimmrecht“ und im Jüd. Frauenbund (JFB). Im 1. Weltkrieg durch den Tod ihres Bruders und beruflich in ihrer Praxis mit Leid und Not konfrontiert, begann sie, sich in Vorträgen für den Frieden einzusetzen, was sie in Konflikte mit Vertreterinnen der bürgerlichen Frauenbewegung brachte. Als Delegierte eines „Frauenrats“ erlebte sie die Novemberrevolution in München.

    In den 1920er Jahren wirkte S. als Schriftleiterin der „Blätter des Jüdischen Frauenbundes für Frauenarbeit und Frauenbewegung“, engagierte sich für die Abschaffung des Abtreibungsparagraphen 218 und widmete sich sozialen, pädagogischen und v. a. sexual-aufklärerischen Fragen. Zudem war sie aktiv in der 1920 in London gegründeten „Women’s International Zionist Organisation“, was eine Position als Vorsitzende im Jüd. Frauenbund verhinderte, da Bertha Pappenheim (1859–1936) als langjährige Vorsitzende des JFB den Zionismus ablehnte. Ihr Haus in München war ein Treffpunkt für die geistige Elite der Zeit; so etwa tagte hier das Kuratorium der Univ. Jerusalem mit Albert Einstein, Martin Buber und Judah Leon Magnes.

    Die Bedrohung durch den aufkommenden Nationalsozialismus sah S. deutlich, blieb jedoch in Deutschland, da ihr Mann nicht nach Palästina übersiedeln wollte. Als er im Juni 1933 starb, emigrierte S. im Nov. 1933 mit ihren Kindern nach Palästina. Unter großen Schwierigkeiten baute sie in Jerusalem erneut eine Arztpraxis auf und führte diese bis 1940. Sie engagierte sich für die neu ankommenden europ. Juden, entwickelte Hilfsprojekte und blieb auch als Frauenrechtlerin aktiv, so als Mitbegründerin der isr. Sektion der „Women’s International League for Peace and Freedom“ (1952). Gegen Ende|ihres Lebens widmete sie sich verstärkt der „Israel Association for Rehabilitation of Mentally Handicapped Children (AKIM)“. Das Zentrum der AKIM in Jerusalem wurde mithilfe des Rahel Straus Geburtstagsfonds (anläßlich ihres 80. Geburtstags von Freunden und Freundinnen initiiert) errichtet und erhielt ihren Namen.

  • Auszeichnungen

    A Rahel Goitein-Straus-Förderprogr. f. Nachwuchswissenschaftlerinnen an d. Univ. Heidelberg; Ehrenpräs. d. Women`s Internat. League for Peace and Freedom; R.-S.-Straßen in Karlsruhe, München u. Oldenburg.

  • Werke

    Ein Fall v. Chorionepitheliom, Diss. med. München 1907;
    Wege z. sexuellen Aufklärung, 2 Vortrr. e. Mutter u. Ärztin, 1930;
    Mutter u. Säugling, 1943;
    Wir lebten in Dtld., Erinnerungen e. dt. Jüdin 1880–1933, hg. v. M. Kreutzberger, 1961, 31962(P);
    Mitarb.:
    Vom jüd. Geist, Eine Aufsatzreihe, hg. v. Jüd. Frauenbund, 1934 (mit M. Eschelbacher, H. Karminski, M. Susman u. I. Heinemann);
    Nachlaß:
    Leo Baeck Inst., New York.

  • Literatur

    Erinnerung an Dr. R. S., in: Die Frau in d. Gemeinschaft, H. 25, 1963, S. 5;
    Ch. Schmelzkopf, in: Heinz Schmitt (Hg.), Juden in Karlsruhe, Btrr. zu ihrer Gesch. bis z. nat.sozialist. Machtergreifung, 21990, S. 471–80 (P);
    M. Baader, Nie sicher vor Fremdheit, R. S., erste Med.studentin in Heidelberg, in: Jüd. Leben in Heidelberg, Studien zu e. untergeordneten Gesch., hg. v. N. Giovannini, J.-H. Bauer u. H.-M. Mumm, 1992, S. 221–31;
    dies., in: Baden-Württ. Biogrr. III, 2002;
    M. Krauss, „Ein voll erfülltes Frauenleben“, Die Ärztin, Mutter u. Zionistin R. S. (1880–1963, in: H. Häntzschel u. H. Bußmann (Hg.), Bedrohlich gescheit, Ein Jh. Frauen u. Wiss. in Bayern, 1997, S. 236–42 (P);
    Jüd. Frauen im 19. u. 20. Jh., hg. v. J. Dick u. M. Sassenberg, 1993 (P);
    W. U. Eckart, „Zunächst jedoch nur versuchs- u. probeweise“, Sommersemester 1900, Die ersten Med.studentinnen beziehen d. Univ. Heidelberg, in: Heidelberg, Jb. z. Gesch. d. Stadt 4, 1999, S. 77–98;
    H. Specht, Die Feuchtwangers, 2006, S. 175 f., 247–49, 322 u. 326;
    BHdE II;
    Biogr. Enz. Med.;
    Wedel, Autobiogrr. Frauen.

  • Portraits

    Foto, als Med.studentin, um 1905 (Leo Baeck Inst., New York), Abb. in: Juden in Karlsruhe (s. L), S. 473;
    Foto, Altersporträt, Abb. in: Wir lebten in Dtld. (s. W).

  • Autor/in

    Kerstin Wolff
  • Empfohlene Zitierweise

    Wolff, Kerstin, "Straus, Rahel" in: Neue Deutsche Biographie 25 (2013), S. 495-497 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119039907.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA