Lebensdaten
1871 bis 1948
Geburtsort
Prenzlau (Brandenburg)
Sterbeort
London
Beruf/Funktion
Journalist ; Historiker
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 118782746 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Mayer, Gustav

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Zitierweise

Mayer, Gustav, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118782746.html [17.10.2018].

CC0

  • Genealogie

    V David (1834–1929), Kaufm. in P., S d. Ascher (1797–1874), Kaufm. in P., u. d. Henriette Hirschberg (1806–82);
    M Clara Gottschalk (1845–1912);
    B Ernst (1883–1952), Dr. med., prakt. Arzt in Berlin;
    Schw Gertrud (1879–1974, ⚭ Karl Jaspers, 1969, Philosoph, s. NDB X);
    - 1905 Henriette Wolff (1882–1963);
    2 S.

  • Leben

    Als ältestes von neun Kindern einer angesehenen, seit Generationen in der Uckermark ansässigen Kaufmannsfamilie erhielt M. eine Erziehung im Sinne des jüdischen Glaubens, wobei aber auch Wert auf die Vermittlung des deutschen Geisteslebens gelegt wurde. Für M. wurde die Lektüre der deutschen Klassiker zum prägenden Bildungserlebnis. Während des Studiums der Nationalökonomie (1890–93) beeindruckten ihn die „Kathedersozialisten“ Gustav Schmoller und Adolph Wagner; seine Dissertation über Ferdinand Lassalle verfaßte er bei Georg Adler in Basel. Nach einer Antiquariatslehre und anderen Tätigkeiten trat er 1896 zunächst als journalistischer Mitarbeiter des Handels- und Börsenteils in den Dienst der „Frankfurter Zeitung“. Als Auslandskorrespondent in Amsterdam, Paris und Brüssel pflegte er enge Kontakte mit führenden Persönlichkeiten der europ. sozialistischen Bewegung wie Jean Jaurès und Emile Vandervelde. Seine Heirat verschaffte ihm finanzielle Unabhängigkeit, so daß er 1905 seine journalistische Tätigkeit aufgeben konnte, um sich als freier Publizist und Privatgelehrter zunächst in Heidelberg, dann in Berlin Themen der Entwicklung und Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung zu widmen. Seine Forschungen wurden lediglich durch einen zeitweiligen Einsatz bei der deutschen Militärverwaltung in Belgien während des 1. Weltkrieges eingeschränkt. Dabei setzte man ihn behördlicherseits wegen seiner Kontakte mit Sozialistenführern bei Vorbereitungen für Friedensverhandlungen ein, die jedoch ergebnislos blieben.

    M.s bis dahin entstandene Veröffentlichungen knüpften an seine Dissertation an und wiesen ihn bald als profunden Kenner demokratischer Bewegungen und des modernen Sozialismus aus. Trotz unverhohlener Sympathien für sozialistisches Gedankengut und den reformistischen Flügel der SPD wurde er nie Mitglied einer Partei: er wollte sich die Unabhängigkeit seines Urteils erhalten. Hervorzuheben sind seine bedeutende Arbeit „Joh. Baptist v. Schweitzer und die deutsche Sozialdemokratie“ und die Untersuchung über den Nürnberger Vereinstag der deutschen Arbeitervereine von 1868, den M. als die entscheidende Zäsur für die Trennung von bürgerlich-liberaler Demokratie und Arbeiterbewegung betrachtete. Trotz unbestrittener wissenschaftlicher Qualifikation scheiterte 1918 der Versuch einer Habilitation an der Philosophischen Fakultät der Berliner Universität. Gegen die Fürsprache namhafter Historiker wie Friedrich Meinecke und Hermann Oncken brachte eine Mehrheit deutschnationaler Professoren das Verfahren zu Fall. Nach dem Krieg erteilte ihm das Preuß. Kultusministerium 1919 einen Lehrauftrag für Geschichte der Demokratie, der 1922 zu einer planmäßigen ao. Professur erhoben und um den Bereich „Geschichte der politischen Parteien“ erweitert wurde. Aus dieser Zeit datiert auch die Veröffentlichung des ersten Bandes der bis heute umfassendsten und bedeutendsten Biographie über Friedrich Engels; außerdem edierte M.|die sechsbändige Nachlaßausgabe von Lassalles Schriften und Briefen sowie den lange vermißten Briefwechsel zwischen Bismarck und Lassalle. Der zweite Band der Engels-Biographie lag 1933 bereits gedruckt vor, als die Nationalsozialisten das Erscheinen verhinderten; nur die Übernahme des Buches durch den niederländ. Verlag Martinus Nijhoff ermöglichte die Veröffentlichung. M. selbst sah sich nach dem Entzug der Professur 1937 endgültig zur Emigration gezwungen. Durch die „Reichsfluchtsteuer“ finanzieller Absicherung beraubt, schlug er sich in England mit zeitweiligen Tätigkeiten für das „Internationale Institut für Sozialgeschichte“ sowie Stipendien der „London School of Economics“ und der „Rockefeller Foundation“ durch. Er litt zunehmend unter dem Gefühl der Heimatlosigkeit; Fassungslosigkeit und Entsetzen über den Nationalsozialismus, vor dem er zwar gewarnt, den er aber in seinen Auswirkungen unterschätzt hatte, lähmten seine Forschungen. Eine Dokumentation über die engl. Arbeiterbewegung blieb unveröffentlicht. Durch seine postum erschienenen Erinnerungen zieht sich wie ein roter Faden die Enttäuschung über das Scheitern seiner Hoffnung auf Versöhnung und Integration von Deutschen und deutschen Juden. Sie lag ihm ebenso am Herzen wie die Aussöhnung zwischen Arbeiterschaft und Bürgertum, zu der er durch seine Werke beitragen wollte. Sein Ziel war es, die Wurzeln des Sozialismus und seine Wechselbeziehungen mit dem gesamten deutschen und europ. Geistesleben nachzuweisen; durch die „Synthese von Ranke und Marx“ hoffte er einen Weg zur Überwindung klassen- und völkertrennender Schranken weisen zu können.

  • Werke

    Die Lösung d. dt. Frage im J. 1866 u. d. Arbeiterbewegung, 1907;
    Lassalle als Sozialökonom, Diss. Berlin 1894;
    J. B. v. Schweitzer u. d. dt. Soz.demokratie, 1909;
    Die Trennung d. proletar. v. d. bürgerl. Demokratie in Dt.ld., 1911;
    Friedrich Engels, Eine Biogr., 2 Bde., 1920/34;
    Ferd. Lassalle, Nachgelassene Briefe u. Schrr., 6 Bde., 1921-25;
    Aus d. Welt d. Sozialismus, Kleine hist. Aufsätze, 1927;
    Bismarck u. Lassalle, ihr Briefwechsel u. ihre Gespräche, 1928;
    Zum Verständnis d. pol. Aktion Lassalles, 1938;
    Early German Socialism and Jewish Emancipation, in: Jewish Socialist Studies, I, 1939;
    The Political History of the English Labour Movement 1857-92;
    Documents and Commentaries, 3 Bde. (unveröff.);
    Erinnerungen, 1949 (P).

  • Literatur

    B. Faulenbach, Zw. Historiker-Zunft u. Arbeiterbewegung, in: M. Christadler (Hrsg.), Die geteilte Utopie, 1985;
    H. Schleier, Zu G. M.s Wirken u. Gesch.auffassung: Klassenkampf – Soz.reform – Rev., in: Bartel/Helmert/Küttler/Seeber, Evolution u. Revolution in d. Weltgesch., 1976;
    H.-U. Wehler, G. M., in: Dt. Historiker II, hrsg. v. dems., 1971;
    R. Quast, Zw. Amsterdam u. Bochum, in: Jb. d. Ruhr-Univ., 1974;
    G. Niedhart, G. M.s engl., J., Zum Exil e. dt. Juden u. Historikers, in: Jb. f. Exilforschung, Jg. 1988.

  • Portraits

    Phot. (Archiv d. soz. Demokratie, Bonn).

  • Autor/in

    Eberhard Flessing
  • Empfohlene Zitierweise

    Flessing, Eberhard, "Mayer, Gustav" in: Neue Deutsche Biographie 16 (1990), S. 538 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118782746.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA