Lebensdaten
vermutlich 1571 oder 1569 bis 1621
Sterbeort
Wolfenbüttel
Beruf/Funktion
Kirchenmusiker ; Komponist ; Organist ; Musiktheoretiker ; Musikschriftsteller
Konfession
lutherischer Vater
Normdaten
GND: 118741713 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Schultheiss, Michael
  • Schultze, Michael
  • Praetorij, Michaëlis
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Zitierweise

Praetorius, Michael, Indexeintrag in: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118741713.html [06.12.2016].

CC0

Praetorius (eigentlich Schultheiss, Schultze), Michael

Komponist, Organist und Musiktheoretiker, * 15.2. (?) 1571, 1572/73 oder 1569Creuzburg/Werra bei Eisenach, 15.2.1621 Wolfenbüttel. (evangelisch)

  • Genealogie

    V Michael, aus Bunzlau (Schlesien), Lehrer in Torgau, Pfarrer u. a. in C.; M N. N.; B Andreas (um 1550–86, Dorothea, T d. Andreas Musculus, 1514–81, s. NDB 18), Pastor an St. Marien in Frankfurt/Oder (s. ADB 26); – 1603 Anna Lakemacher; 2 S.

  • Leben

    An der Lateinschule in Torgau, wohin die Familie 1573 übersiedelt war, erhielt P. Musikunterricht von Michael Vogt. 1582 immatrikulierte er sich als non juratus an der Univ. Frankfurt/Oder. 1584 wechselte er an die Lateinschule in Zerbst (Anhalt), von wo aus er vermutlich 1585 nach Frankfurt zurückkehrte. Nach seinem Schulbesuch genoß P. wahrscheinlich keine musikalische Ausbildung mehr. Mutmaßlich 1587-90 war er Organist an St. Marien in Frankfurt; 1592/93 oder 1595 übernahm er in Wolfenbüttel eine Stelle als Organist bei Hzg. Heinrich Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel. 1602 reiste er nach Regensburg, wo er u. a. den Pastor Christoph Donaverus zum Freund gewann, der zu zehn seiner Werke Widmungsgedichte verfaßte. Nach Wolfenbüttel zurückgekehrt, erhielt P. einen neuen, erheblich höher dotierten Vertrag, der ihm die Gründung eines Hausstandes ermöglichte; 1604 wurde er als Nachfolger von Thomas Mancinus (1550–1612) zum Kapellmeister ernannt. Für 1605 und 1609 sind Besuche bei Lgf. Moritz von Hessen-Kassel bezeugt. Auf P.s Veranlassung kam der Orgelbauer Esaias Compenius (um 1560–1617) an den Wolfenbütteler Hof; ein Ergebnis der gemeinsamen Arbeit zwischen 1606 und 1612 bildet ein „Kurtzer Bericht, waß bei uberliefferung einer klein und grosverfertigten Orgell zu observiren“. Nach dem Tod des Herzogs 1613 holte Kf. Johann Georg von Sachsen P. nach Dresden, wo er als Stellvertreter des alternden kfl. Kapellmeisters Rogier Michael wirkte. Hier lernte er Heinrich Schütz (1585–1672) und neueste ital. Musik kennen. Im März 1614 leitete er die Musik am Kur- und Fürstentag in Naumburg, seit demselben Jahr ist er in Magdeburg als Leiter von Festmusiken nachweisbar.

    Als P. nach Ablauf des Trauerjahres für seinen ehemaligen Dienstherrn nach Wolfenbüttel zurückkehren wollte, wurden seine am 23.10.1614 an Hzg. Friedrich Ulrich, den Nachfolger des verstorbenen Herzogs, gerichteten Vorschläge zur Reorganisation der Hofkapelle abgewiesen. Vermutlich deshalb war er in der Folge nur unregelmäßig in Wolfenbüttel anwesend. Bis 1616 blieb er in Dresden, von wo er noch bis 1618 finanzielle Zuwendungen erhielt. Anfang 1617 ist P. in Sondershausen nachweisbar, wo er die Kapelle des Gf. Schwarzburg reorganisierte. Am 26.6.1617 wirkte er bei Tauffeierlichkeiten am Kasseler Hof mit. 1618 war er zusammen mit Heinrich Schütz und Samuel Scheidt am Neuaufbau der Musik im Dom zu Magdeburg beteiligt. Für 1619 sind Reisen nach Leipzig, Nürnberg und Bayreuth belegt. Seine Absenzen führten zum Niedergang der Wolfenbütteler Hofkapelle; bereits von Krankheit gezeichnet, verlor er 1620 seine Position als Kapellmeister. Einkünfte bezog er aber vermutlich auch aus seiner Stellung als Prior des Klosters Ringelheim bei Goslar. Sein Vermögen wandelte er zum größten Teil in eine Stiftung für Arme um.

    P.s musikalisches Werk ist fast ausschließlich geistlich und in starkem Maße den musikalischen Traditionen der Reformationszeit verpflichtet. Bei einem Großteil seiner Kompositionen, wie etwa bei den „Musae Sioniae“ (9 Bde., 1605–10), handelt es sich um Bearbeitungen ev. Kirchenlieder oder auch vorrefor-matorischer Melodien in verschiedenen Stilen. Kantionalsätze sind ebenso zu finden wie Motetten, doppelchörig angelegte Kompositionen zu insgesamt acht Stimmen stehen neben zwei- oder dreistimmigen Sätzen. Eine größere Anzahl von Werken, die nicht auf einer praeexistenten Melodie basieren, sind in den „Motectae et Psalmi“ (1607) enthalten. P. war jedoch auch offen für Neues und zeigte Freude am Experiment. In seiner von neuesten ital. Entwicklungen beeinflußten „Polyhymnia caduceatrix“ (1619) griff er alle einem frühbarocken Komponisten zur Verfügung stehenden Stilmittel gezielt auf – möglicherweise in der Absicht, eine Beispielsammlung zu schaffen. Große Besetzungen bis zu 21 in mehrere Chöre aufgeteilte Stimmen, Kontraste zwischen Tutti- und konzertierenden Solopassagen, Einführung von instrumentalen Ritornellen, Echoeffekte, Monodie sowie ausgereifter Gebrauch des Generalbasses machen die Sammlung fast zu einem prot. Gegenstück zur ital. Kirchenmusik eines Claudio Monteverdi. Weltliche Sätze beinhaltet nur die „Terpsichore“ (1612), eine Sammlung franz. Tanzmelodien, die P. durch einen Tanzmeister Hzg. Friedrich Ulrichs kennenlernte und mehrstimmig setzte. Die „Terpsichore“ war ursprünglich als 5. Teil der „Musae Aoniae“ geplant, die ein weltliches Gegenstück zu den „Musae Sioniae“ bilden sollten; die übrigen Teile kamen nicht zur Ausführung.

    Von ebenbürtigem Rang und hohem dokumentarischen Wert für die Musikwissenschaft ist P.s theoretisches Schaffen. Der erste (lat. verfaßte) Band seines theoretischen Hauptwerks „Syntagma musicum“ (1614) handelt vom einstimmigen Kirchengesang bis zur Reformation und der „Musica extra Ecclesiam“, der zweite Teil (1618, in dt. Sprache) ist eine Instrumentenkunde, zu dem 1620 ein Abbildungsband erschien, im dritten Band (1619, ebenfalls dt.) kommen Fragen der Terminologie und der Aufführungspraxis zur Sprache. – P. ist der bedeutendste deutsche Komponist der Zeit um 1600. Sein kompositorisches wie auch sein theoretisches Werk zeigt die Tendenz zu großangelegter Systematik. Sein „Syntagma musicum“ stellt für die Musikwissenschaft bis heute eine herausragende Quelle dar. Erst in jüngster Zeit wurde bekannt, daß P.s Instrumentenbeschreibungen weitgehend dem Bestand in den Dresdner Kunstsammlungen entsprechen.

  • Werke

    Weitere W u. a. Eulogodia Sionia, 1611 (u. a. Marian. Antiphonen); Hymnodia Sionia, 1611 (Hymnenslg.); Missodia Sionia. löll (Meßgesänge); Megalynodia Sionia, 1611 (Magnificat); Kl. u. Gr. Litaney, 1613; Polyhymnia exercitatrix seu tyrocinium, 1619; Puericinium, 1619. – Ausgg.: F. Blume u. a. (Hg.), M. P., Gesamtausg. d. musikal. Werke, 21 Bde., 1928–40, 1960; W. Gurlitt (Hg.), Syntagma musicum (Faks.), 1958-59; K. Beckmann (Hg.), M. P., Sämtl. Orgelwerke, 1990.

  • Literatur

    ADB 26; W. Gurlitt, M. P. (Creuzbergensis), Sein Leben u. seine Werke, 1915, Reprint 1968; F. Blume, Das Werk d. M. P., in: Zs. f. Musikwiss. 17, 1934-35, S. 321-31, 482-502. Reprint in: M. Ruhnke (Hg.), F. Blume: Syntagma musicologicum, Ges. Reden u. Schrr., I, 1963, S. 229-64; A. Forchert, Musik zw. Rel. u. Pol., Bemerkungen z. Biogr. d. M. P., in: FS Martin Ruhnke zum 65. Geb.tag, 1986, S. 106-25; S. Vogelsänger, M. P. beim Wort genommen, Zur Entstehungsgesch. seiner Werke, 1987; ders., M. P., Festmusiken zu zwei Ereignissen d. J 1617: zum Ks.besuch in Dresden u. z. Jh.feier d. Ref., in: Musikforsch. 40, 1987, S. 97-109; ders., M. P., Diener vieler Herren, Daten u. Deutungen, 1991; V. J. Panetta, An Early Handbook for Organ Inspektion, The Kurtzer Ber. of M. P. and Esaias Compenius, in: The Organ Yearbook 21, 1990, S. 5-33; D. Möller-Weiser, Unterss. zum 1. Bd. d. Syntagma musicum v. M. P., 1993; K.-P. Koch, M. P. u. Halle, Die 1610er J., in: Händel-Hausmitt. 2, 1995, S. 39-43; St. Blaut, Die Jägerhörner in d. Rüstkammer d. Staatl. Kunstslgg. Dresden, in: musica instrumentalis, Zs. f. Organol., Bd. 2, hg. v. German. Nat.mus. Nürnberg, 1999; MGG (P); New Grove (P); BBKL.

  • Portraits

    Dreiviertelfigur, Holzschnitt im Gesamttitel d. Musae Sioniae (1605).

  • Autor

    Bernhold Schmid
  • Empfohlene Zitierweise

    Schmid, Bernhold, "Praetorius, Michael" in: Neue Deutsche Biographie 20 (2001), S. 668-670 [Onlinefassung]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118741713.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

Praetorius, Michael

  • Leben

    Praetorius: Michael P., ein gelehrter und sehr fleißiger Musiker, geboren nach Walther am 15. Februar 1571 in Kreuzburg in Thüringen an der Werra. Nach der Leichenpredigt, die in den Monatsheften für Musikgeschichte im 7. Bande S. 177 abgedruckt ist, wäre er erst 1572 geboren. Ueber die ersten dreißig Jahre seines Lebens ist uns keine Nachricht erhalten und erst vom Jahre 1604 erfahren wir (s. Chrysander's Jahrbücher I, S. 149 u. s), daß er in diesem Jahre an der Braunschweig-Wolfenbüttler Capelle als Capellmeister angestellt wurde. Walther läßt ihn zwar schon 1596 dort angestellt werden, doch widerspricht dies den in Wolfenbüttel vorhandenen Acten, wo er sich 1604 unter den neuangestellten Mitgliedern der Capelle befindet. Allerdings berichtet Werckmeister in seinem Organum Gruningense von 1704, daß sich unter den Revisoren des 1596 vollendeten Orgelwerkes auch der "Wolfenbüttler Capellmeister Michael Praetorius" befunden habe, doch ist der Titelzusatz nur zur näheren Bestimmung des Revisors beigefügt, ohne damit sagen zu wollen, daß er bereits 1596 das Amt bekleidete. P. erhielt später noch die Pfründe eines Priors in Ringelsheim und im J. 1612 setzte ihm der Herzog von Braunschweig eine Summe von 2000 Thlr. aus, die er ratenweise ausgezahlt erhalten sollte, durch die Kriegszeiten aber verhindert, nie vollständig empfing. Nach seinem Tode, der am 15. Februar 1621 erfolgte, mußten sogar die Kinder noch um Auszahlung des rückständigen Gehaltes bitten. P. entwickelte in den wenigen Jahren, die wir von seinem Leben überblicken können, eine staunenswerthe Arbeitskraft. Nicht nur, daß er die Wolfenbütteler Capelle leitete: er wurde auch zeitweise vom Erzbischof von Magdeburg ersucht, seine Capelle in Ordnung zu halten und bei großen Festen die Direction zu übernehmen (siehe die beiden Briefe in der Sammlung Musikerbriefe, herausgegeben von La Mara, Leipzig 1886, S. 57), ebenso hatte ihn in gleicher Eigenschaft der Kurfürst von Sachsen engagirt und so befand er sich stets unterwegs, um den vielfachen Pflichten zu genügen. Trotz alledem fand er noch Zeit, umfangreiche theoretische und musikhistorische Werke zu schreiben, zahlreiche Sammlungen älterer und neuerer Meister zu veröffentlichen und selbst in allen Fächern der Composition ganz Bedeutendes zu leisten. Seine sämmtlichen Werke gab er auf eigene Kosten heraus und verschenkte sie größtentheils an Schulen und Kirchen, wie uns die Eingabe seines Sohnes an die Herzogin Sophia Elisabeth lehrt (Chrysander, Jahrbuch I, S. 152). So hat ihm zum Beispiel die Herausgabe der "Polyhymnia", die 1619 erschien, an 1500 Thlr. gekostet. Der uns vorliegende Leichensermon, vom Prediger Petrus Tuckermann verfaßt, hebt seinen Fleiß in der Musik und die Ehrenbezeugungen, die er von "Königen, Kurfürsten und Herren" empfangen habe, wohl hervor, doch im Uebrigen ist der geistliche Herr schlecht auf ihn zu sprechen, und weiß nur von seinen Sünden und Gebrechen zu berichten, und daß ihn der Herr dafür mit "Creutz und Unglück geschlagen" habe. Zum Kirchengehen mag allerdings P. keine Zeit übrig geblieben sein und das wurde damals, wo die Geistlichkeit noch mit souveräner Gewalt ins bürgerliche Leben eingriff, übel vermerkt. — Praetorius' Verdienst um die Kunst besteht weniger in seinen Compositionen, als in dem immensen Sammeltalente und in der Erkenntniß dessen, was seiner Zeit und der Zukunft Noth thut. Praetorius' Werke bilden noch heute eine wesentliche Grundlage der historischen Kenntnisse der einstigen musikalischen Kunstausübung und ohne dieselben würde uns Vieles in völliges Dunkel gehüllt sein. In dem Wendepunkt lebend, wo sich die Musik der bisherigen Anschauungen entschlug und ganz neue Bahnen betrat, die zur Ausbildung der modernen Musik führten, war er recht eigentlich berufen, das theoretische, praktische und historische Material der eben vergangenen Zeit zu sammeln und der Nachwelt aufzubewahren. Kein einziger Autor jener und späterer Zeit hat diese Idee in so umfassender Weise erkannt und ausgeführt und es bildet daher sein dreibändiges umfangreiches Werk, das "Syntagma musicum" von 1614—1618 (1619) die Grundlage der historischen Kenntnisse, die uns ein deutliches Bild einstiger Kunstausübung gewährt. Der erste Band, in lateinischer Sprache geschrieben, handelt über die Geschichte der Kirchenmusik, der zweite Band, in deutscher Sprache, erklärt alle Musikinstrumente und fügt einen Theil "Theatrum instrumentorum" mit Abbildungen der Instrumente bei. Dieser Band wurde im J. 1884 von der Gesellschaft für Musikforschung als 13. Bd. ihrer Publicationen neu herausgegeben. Der dritte Band umfaßt die Erklärungen aller damals gebräuchlichen Musikformen im Gesangs- und Instrumentalfache, nebst Angabe ihrer Ausführung, resp. Besetzung. Einen Auszug des Wichtigsten bringen die Monatshefte für Musikgeschichte in ihrem 10. Bande. P. zeigt im letzten Bande noch das Erscheinen eines vierten an, der über den Contrapunkt handeln sollte, also die eigentliche Musiktheorie umfaßte, doch wurde er durch den Tod an der Ausführung desselben behindert, auch hat sich bisher kein Manuscript aufgefunden, was uns Kunde von einer etwaigen Ausführung desselben giebt. Nur im J. 1872 tauchte ein Manuscript Praetorius' bei dem Antiquar Em. Mai in Berlin auf, welches über Orgelprüfungen handelte und von Joh. Lorenz Albrecht mit Zusätzen versehen war (s. Monatsh. s. Musikg. Bd. 4. 149). — Vom Jahre 1605 ab erschienen in staunenswerther Schnelligkeit die umfangreichsten Werke mit Compositionen; man muß wohl annehmen, daß er in jüngeren Jahren schon fleißig gesammelt und componirt habe, aber keine Gelegenheit gefunden, seine Werke herauszugeben, denn selbst, wenn es ihm leicht von der Hand gegangen wäre, hätte allein das Copiren mehr Zeit in Anspruch genommen, als ihm seine vielfachen Dienstobliegenheiten und die Correcturen übrig ließen. Obenan steht das neunbändige Sammelwerk "Musae Sioniae". Der erste Theil erschien 1605 in Regensburg und enthält "Geistliche Concert Gesänge über die fürnembste Herrn Lutheri vnd anderer Teutsche|Psalmen mit 8 Stimmen gesetzt" (21 Nrn.) Der 2., 3. und 4. Theil erschienen 1607 in Jena und Helmstedt und enthalten die Fortsetzung des ersten Theils, bringen aber noch Gesänge bis zu 9 und 12 Stimmen, die theils mit Singstimmen, theils mit Instrumenten zu besetzen sind. Sie umfassen zusammen 95 Gesänge in Motettenart componirt. Der 5. Theil erschien 1607 in Wolfenbüttel und zählt 166 Gesänge, theils von P., theils von Grimm, Gesius, Raselius, Wert und Joh. Walter zu 2—8 Stimmen, geistliche deutsche Lieder (also Choräle) und Psalmen enthaltend. Der 6. und 7. Theil erschien 1609 ebendaselbst, sie enthalten 444 vierstimmige deutsche geistliche Lieder. Der 8. Theil, 1610 in Wolfenbüttel erschienen, umfaßt 302 vierstimmige geistliche Lieder und ist für hymnologische Zwecke der werthvollste, denn er verwendet hier vorzugsweise alte Melodien, die vielfach auf weltlichen Ursprung zurückgeführt sind, also ein Quellenmaterial von großem Werthe bilden. 21 Sätze sind von Erythraeus, Joach. à Burg, Gesius, Meiland und Joh. Walther. Dieser Band ist von den Hymnologen reichlich ausgenützt und fast alle Tonsätze sind bei Tucher und Schöberlein neu gedruckt. Der 9. Theil erschien 1610 ebendort und 1611 bei Hering in Hamburg mit dem veränderten Titel: "Bicinia vnd Tricinia" etc. Er erhält 216 zwei- und dreistimmige Psalmen und geistliche Lieder. Exemplare finden sich fast in allen öffentlichen Bibliotheken und complet in Berlin und Breslau. Dieses eine Werk enthält schon 1234 Gesänge. Im J. 1607 erschien ferner bei Wagemann in Nürnberg eine Motettensammlung zu 4—16 Stimmen auf lateinische Texte mit 52 Nrn., betitelt: "Musarum Sioniar. Motectae et Psalmi latini" (Bibl. in Augsburg, Berlin, Breslau, Königsberg u. a.). 1611 erschienen vier Sammlungen: "Hymnodia", die Hymnen zu 3—8 Stimmen enthaltend, die "Missodia", die Messentheile zu 2—8 Stimmen componirt, "Megalynodia Sionia", Magnificat zu 5—8 Stimmen und "Eulogodia Sionia", die Benedicamus, Salve regina u. a. enthaltend, in 2—8 Stimmen. Die vier Werke enthalten 323 Gesänge. Exemplare befinden sich in Breslau, Berlin, Liegnitz, Brandenburg u. a. O. 1612 erschienen "Kleine und Große Litaney" zu 5—8 Stimmen, vier Gesänge und "Terpsichore, Musarum Aoniarum Quinta", allerlei Tänze für 4—6 Instrumente (Exemplar in Liegnitz). Die Bezeichnung mit "Quinta" läßt vermuthen, daß Prima bis Quarta der Sammlung verloren gegangen ist. Böhme in seiner Geschichte des Tanzes theilt eine Anzahl der Tänze mit. P. sagt in der Vorrede selbst, daß die Melodien nicht von ihm componirt sind, sondern französischen und anderen Werken entlehnt. Er ist also auch hier wieder der Sammler, der mit geschickter Hand die Tanzweisen zum mehrstimmigen Tonsatz umschuf. 1613 erschien die "Urania oder Uranochordia", mit 28 gebräuchlichen geistlichen deutschen Kirchengesängen zu 2, 3 und 4 Chören (königl. Bibl. in Berlin). 1619 gab er die beiden Werke: "Polyhymnia exercitatrix" und "Caduceatrix et panegyrica" von 1—21 Stimmen heraus, wovon die erstere allerlei Kirchengesänge (14 Nrn.) und die andere Gesänge zu Festlichkeiten (40 Nrn.) enthält. Sein letztes Werk erschien 1621 und trägt weder Dedication noch Vorwort, erschien also wahrscheinlich schon nach seinem Tode. Es trägt den Titel: "Puericinium" und enthält 14 Kirchenlieder und geistliche Concerte zu 3—12 Stimmen mit Instrumenten und einem Bassus continuus (Exemplare der drei Werke in Berlin, Breslau und Liegnitz). Praetorius' Satzweise ist klar und einfach, ohne große Kunst, aber tief empfunden und zum Herzen sprechend. Sein vierstimmiger Satz ist mustergültig und maßgebend für den Choral geworden. Sein Bestreben ging stets darauf, der Kirche und Schule gute und brauchbare Gesänge zu geben und zugleich das Gute der italienischen Meister in Deutschland einzuführen und der deutschen Kunst nutzbar zu machen. Kein anderer Meister dieser Zeit hat dem protestantischen Gottesdienste so brauchbare und edle Werke hinterlassen; sie bezeugen dies am besten dadurch, daß ihre Lebensdauer sich bis auf die heutige Zeit erstreckt. Ich erinnere nur an das herrliche Lied: "Es ist ein Ros' entsprungen."

  • Autor

    Rob. Eitner.
  • Empfohlene Zitierweise

    Eitner, Robert, "Praetorius, Michael" in: Allgemeine Deutsche Biographie 26 (1888), S. 530-533 [Onlinefassung]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118741713.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA