Lebensdaten
1855 bis 1934
Geburtsort
München
Sterbeort
München
Beruf/Funktion
Ingenieur ; Gründer des Deutschen Museums in München
Konfession
katholische Familie
Normdaten
GND: 118582542 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Miller, Oskar von
  • Miller, O. v.
  • Miller, Oscar
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Zitierweise

Miller, Oskar von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118582542.html [15.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Ferdinand (s. 1);
    B Wilhelm (s. 3);
    München 1884 Marie (1861–1933), T d. Franz Rr. v. Seitz (1811–92), Prof. d. Med. an d. Univ. München, u. d. Franziska v. Faulhaber (1831–1917);
    3 S, 4 T, u. a. Walther (1894–1978), 2. Bgm. v. München 1949–56, Dr. iur., Rechtsanwalt, Rudolf (* 1899, ⚭ Emmy Rossmann, * 1903, Förderin d. Una-Sancta-Bewegung), Dipl.-Ing., Ehrenmitgl. d. Dt. Mus. (beide s. Wi. 1973), Marianne (1889–1954, ⚭ Alfred Bruckmann, 1892–1964, Verleger), Julie (1891–1979, ⚭ Walter v. Bomhard, 1890–1972, Opernsänger).

  • Leben

    M. wuchs in einem von Kunst und Technik bestimmten Familienkreis auf. Nach dem Besuch des Max-Gymnasiums und des Realgymnasiums studierte er 1874-78 am Polytechnikum in München Ingenieurwesen, u. a. Eisenbahn-, Wasser- und Brückenbau. 1878 trat er als Baupraktikant in den bayer. Staatsdienst, wo er verschiedene untergeordnete Projektierungsarbeiten ausführen mußte. Ohne Aussicht auf eine gut dotierte Anstellung, wandte er sich unter dem Einfluß der Pariser Elektrizitätsausstellung 1881, die er im Auftrag der bayer. Regierung besucht hatte, der Elektrotechnik zu. 1883-89 warder elektrotechnische Autodidakt M. technischer Direktor der von Emil Rathenau gegründeten Deutschen Edison-Gesellschaft in Berlin, der späteren Allgemeinen Elektricitäts-Gesell-schaft (AEG). Hauptaufgabe M.s war der Bau elektrischer Zentralstationen zur Versorgung kleiner Stadtbezirke. 1890 gründete er in München ein eigenes Ingenieurbüro, das sich zu einem der bedeutendsten europ. Planungsbüros für Kraftwerksanlagen entwickelte (u. a. Etschwerke 1897/98, Brennerwerke 1898/99, Pfalzwerke 1910–12, Walchenseekraftwerk 1918–24). 1926 initiierte er die Gründung des Forschungsinstituts für Wasserbau und Wasserkraft am Walchensee, das der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft angegliedert wurde.

    M.s Verdienste um die Entwicklung der Elektrotechnik sind unbestritten. Als Organisator der Elektrizitätsausstellungen in München 1882 und Frankfurt/Main 1891 trug er durch eine betont publikumswirksame Gestaltung der Messen zu einer verstärkten Popularisierung und Akzeptanz der neuen Energieform bei. Die anläßlich dieser Gelegenheiten durchgeführten Übertragungen elektrischer Energie über weite Entfernungen (1881 Miesbach-München über 57 km mittels Gleichstrom; 1891 Drehstromübertragung Lauffen/Neckar-Frankfurt/Main über ca. 175 km) erregten internationales Aufsehen und gelten als Meilensteine in der Geschichte der Starkstromtechnik. Während der Münchener Versuch die Möglichkeit der Stromübertragung auf große Entfernungen bewies, jedoch nur einen Wirkungsgrad von rund 22% erzielte, konnte M. mit dem Frankfurter Experiment auch die Wirtschaftlichkeit der Energieübertragung demonstrieren (mehr als 77 % genutzter Primärstrom). M.s Arbeitsschwerpunkt – Erzeugung, Übertragung und Verteilung elektrischen Stroms – dokumentiert sich in verschiedenen Projekten. Ausgangspunkt war sein Ideal einer flächendeckenden Stromversorgung zu rentablen wie verbraucherfreundlichen Preisen. M. strebte dabei die allgemeine Elektrizitätsversorgung durchaus unter dem Gesichtspunkt einer sozialen Besserstellung breiter Bevölkerungsschichten an. Für die Stromerzeugung nützte er meist vorhandene Energiequellen, so in Bayern die Wasserkräfte der Alpenflüsse. Wichtige, von M. projektierte und ausgeführte überregionale Netze waren die „Pfalzwerke“ (gegr. 1909) und das „Bayernwerk“ (gegr. 1921). Sie dienten der Versorgung weiter Teile des links- und rechtsrhein. Bayern. Das Bayernwerk war technisch gesehen eine|mit 110 000 Volt Spannung betriebene Ringleitnng mit einer Gesamtlänge von 1000 km quer durch Bayern. Kupplungsstellen zu benachbarten Großverteilern, der Preuß. Elektrizitäts-AG und der Württ. Landes-Elektrizitäts-AG, waren eingeplant. Kernstück der Stromerzeugung war das von M. konzipierte Walchenseekraftwerk, das er – aufbauend auf Plänen des Geh. Oberbaurats Rudolf Schmick und des Majors Feodor Maria v. Donath – kurz vor Ende des 1. Weltkrieges durchsetzen konnte. Noch vor seiner offiziellen Ernennung zum Staatskommissar der bayer. Räteregierung für das Walchenseeprojekt und das Bayernwerk am 22.1.1919 begann M. im November 1918 den Bau des Walchenseekraftwerks (beendet 1924). Den dem Bayernwerk zugrunde liegenden Gedanken eines Energieverbundes auf Länderebene entwickelte M. 1930 in einem von der Reichsregierung in Auftrag gegebenen Gutachten zu einer einheitlichen Elektrizitätsversorgung des Deutschen Reiches weiter.

    M.s zweite herausragende Leistung ist die von ihm initiierte Gründung eines Museums für Meisterwerke der Naturwissenschaften und der Technik, des „Deutschen Museums“ in München. Beeinflußt war M. von technischen Museen wie dem „Conservatoire des Arts et Métiers“ in Paris, dem „South Kensington Museum“ (später „Science Museum“) in London und der „Urania“ in Berlin. Ausgangspunkt der Museumsgründung war eine 1903 in München stattfindende Tagung des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI). wodurch M.s Pläne reichsweit bekannt wurden. Das Museum sollte einen enzyklopädischen Überblick über alle Gebiete der Technik und der exakten Naturwissenschaften vermitteln (Ausnahme: Medizin und Biologie). Die wichtigste Neuerung im Vergleich zu anderen Technikmuseen war der Einsatz von voll funktionsfähigen Originalen, Nachbauten, Modellen und von auf Knopfdruck ablaufenden Demonstrationsversuchen. Das Museum sollte unterhaltsam, volksnah und volksbildend zugleich sein. Das von M. 1903 entworfene Museumskonzept umfaßte einen Sammlungsbau, eine Zentralbibliothek für Technik, Mathematik und Naturwissenschaften, eine Urkunden-, Handschriften- und Plansammlung sowie Räume für Vorträge und Experimente. In verschiedenen Phasen konnten diese Vorgaben verwirklicht werden: 1906 Grundsteinlegung für den heutigen Sammlungsbau (Entwurf von Gabriel v. Seidl) auf der sog. Kohleninsel durch Kaiser Wilhelm II., 1925 Einweihung des Neubaus, 1928-32 Errichtung des Bibliotheksgebäudes und – bereits nach dem Tode von M. – 1935 Eröffnung des Kongreßsaales. Die Leitung des Deutschen Museums teilte sich M. in den Anfangsjahren formal mit dem Mathematiker Walther v. Dyck und dem Kältetechniker Carl v. Linde, doch war M. der eigentlich dominierende Entscheidungsträger. Seit den 20er Jahren kam es zunehmend zu Auseinandersetzungen mit den Nationalsozialisten, denen der internationale Charakter des Museums ein Dorn im Auge war. Erster Streitpunkt war die Stiftung eines Bismarck-Denkmals durch Paul Reusch, Vorstandsvorsitzender der Gutehoffnungshütte in Oberhausen. Dieses sollte nach dem Willen des Stifters im Deutschen Museum aufgestellt werden. M. lehnte dieses Ansinnen ab, da der frühere Reichskanzler weder Ingenieur noch Naturwissenschaftler gewesen sei. Vom Münchner Stadtrat und NSDAP-Fraktionsvorsitzenden Hermann Esser wurde der Streit um das Denkmal in einer Parteiversammlung mit dem Vorwurf verschärft, M. verunglimpfe mit seiner Weigerung den nationalen Heroen Bismarck und verletze das deutsche Nationalgefühl. Die Angriffe wurden im „Völkischen Beobachter“ weitergeführt. Die Statue wurde schließlich 1931 gegen den Widerstand M.s vor dem Kongreßsaal außerhalb des Museumsgeländesauf einem städtischen Grundstück errichtet. Heute befindet sich das Bismarck-Denkmal an der Bosch-Brücke. Eine weitere Kontroverse bahnte sich nach der Ablehnung des Flugzeuges „Bremen“ durch M. an. Günther Frhr. v. Hünefeld, James Fitzmaurice und Hermann Köhl hatten damit 1928 den Atlantik erstmals in Ost-West-Richtung überquert. M. bestritt dem Flugzeug eine originäre technische Entwicklungsstufe und damit die Berechtigung, im Museum ausgestellt zu werden. Die Nationalsozialisten polemisierten in Anspielung auf seine Tätigkeit als Staatskommissar der Räteregierung, daß der „rote Oskar“ zwar amerikan. und franz. Flugzeuge präsentiere, nicht aber historische „Objekte des deutschen Volkes“. Die Kampagne artete in persönliche Beleidigungen M.s aus. Die Drohungen gegen ihn waren unmißverständlich. 1933, im Jahr der Machtergreifung, trat M. – vorgeblich aus Gesundheitsgründen – von der Leitung des Deutschen Museums zurück.

    Bereits im Jahre 1914 regte M. nach dem Besuch des Freiluftmuseums Skansen in Stockholm die Erhaltung technischer Kulturdenkmäler an ihren ursprünglichen Standorten an. Insofern ist M. ein Pionier des Schutzes technischer Denkmäler und der Industriearchäologie. Seit ca. 1926 konnte er gemeinsam|mit dem VDI und dem Deutschen Bund Heimatschutz eine erste Inventarisierung technischer Denkmäler in Deutschland erreichen.

    M. war 1930 Ehrenpräsident der 2. Weltkraftkonferenz in Berlin, 1912-14 Vorsitzender des VDI, 1923-25 Aufsichtsratsvorsitzender der Transeuropa-Union, einer Vereinigung der von Hugo Junkers kontrollierten und koordinierten Luftverkehrsgesellschaften in Mitteleuropa. Aufgrund seiner Verdienste um den Bau der ersten elektrischen Vollbahn von Meckenbeuren nach Tettnang (1895) und die Förderung der Elektrifizierung der Bayer. Staatsbahnen wurde er zum Mitglied des Verwaltungsrats der Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft berufen (bis 1931).|

  • Auszeichnungen

    Dr.-Ing. E. h. (TH München 1903); Ehrenbürger u. a. v. München (1930); Reichsrat d. Krone Bayern (1909); Ehrenmitgl. d. Ak. d. Wiss. Stockholm (1925) u. d. Preuß. Ak. d. Wiss. (1929).

  • Werke

    Elektrizitätswerk Frankfurt a. M., Gutachten u. Projekte, 1892 (mit William Lindley);
    Elektrizitätswerk Lauffen-Heilbronn, 1892;
    Elektrizitätswerk Frankfurt a. M., Ber. üb. d. eingelaufenen Arbeiten, 1893;
    Elektrizitätswerk Stuttgart, 1893;
    Projekt e. elektr. Centrale f. d. Stadt Straßburg i. Elsaß, 1893;
    Projekt f. e. Elektrizitätswerk in Nürnberg, 1894;
    Die Versorgung d. Städte mit Elektrizität, 2 Bde., 1896/1903;
    Elektr. Einrichtungen im Elektrochem. Laboratorium d. Kgl. TH zu München, 1897;
    Denkschr. üb. d. Errichtung e. Pfälz. Überlandzentrale, 1911;
    Bayernwerk z. einheilt. Versorgung d. rechtsrhein. Bayern, 1918;
    Überlandwerk Siebenbürgen, Projekt e. Siebenbürg. Landes-Elektrizitäts-Versorgung, 1922;
    Techn. Museen als Stätten d. Volksbildung, in: Dt. Mus., Abhh. u. Berr. 1, 1929, H. 5;
    Gutachten üb. d. Reichselektrizitätsversorgung, 1930;
    zahlr. kleinere Veröff. in Ztgg. u. Fachzss. |

  • Nachlaß

    Nachlaß: München, Dt. Mus., u. in Privatbes.

  • Literatur

    E. Kalkschmidt, M., 1924;
    W. v. Miller, M. nach eigenen Aufzeichnungen, Reden u. Briefen, 1932;
    J. Zenneck, in: Dt. Mus., Abhh. u. Berr. 6, 1934;
    Th. Heuß, M., 1950;
    L. Nockher, M., 1953;
    E. P. Alexander, Museums Masters, 1983;
    R. Pörtner, O. v. M., 1987;
    Gr. Naturforscher XII, 1953;
    Kosch, Kath. Dtld.;
    Rhdb. (P);
    Benz/Graml, Biogr. Lex. d. Weimarer Rep., 1988.

  • Portraits

    Gem. v. F. A. Kaulbach, 1912, u. v. L. Samberger, 1927/28 (beide München, Dt. Mus.);
    Büste v. A. v. Hildebrandt, 1913 (ebd.), Abb. in: A. Haas, A. v. Hildebrandt, Das plast. Portrait, 1984.

  • Autor/in

    Wilhelm Füßl
  • Empfohlene Zitierweise

    Füßl, Wilhelm, "Miller, Oskar von" in: Neue Deutsche Biographie 17 (1994), S. 517-519 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118582542.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA