Lebensdaten
1894 bis 1972
Geburtsort
Enkhausen Kreis Arnsberg (Westfalen)
Sterbeort
Bonn
Beruf/Funktion
Bundespräsident ; Agrarpolitiker
Konfession
katholische Familie
Normdaten
GND: 118575015 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Lübke, Heinrich

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Zitierweise

Lübke, Heinrich, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118575015.html [19.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    B Frdr. Wilh. (s. 1);
    - 1929 Wilhelmine (1885–1981), Studienrätin, Ehrenpräsidentin d. „Dt. Altenhilfe“, d. „Müttergenesungswerks“, d. „Aktion Gemeinsinn“ u. d. „Hilfe in Not“ (s. L), T d. Otto Keuthen (1844–1910), Bürovorsteher, seit 1890 kaufm. Leiter d. Erzgrube Ramsbeck b. Bestwig, u. d. Sophia Meckel; kinderlos.

  • Leben

    L. begann nach Abschluß seiner Gymnasialzeit in Werl und Brilon (1913 Abitur) und einem Praktikum in einem Vermessungsbüro im Sommer 1914 sein Studium an der Landwirtschaftlichen Hochschule in Bonn. Im 1. Weltkrieg war der Kriegsfreiwillige als Artillerist in Ostpreußen und an der Westfront eingesetzt, seit 1916 Leutnant d. R., ausgezeichnet mit dem EK I. Ende 1918 setzte er sein Studium an der Landwirtschaftlichen Hochschule und an der Universität in Berlin fort, wo er 1921 sein Examen als Vermessungs- und Kulturingenieur ablegte. Anschließend ergänzte er während seiner Tätigkeit im Büro des Vorsitzenden des „Westfäl. Pächter- und Siedlerbundes“ in Münster, E. Meincke (später Merseburg, 1925 Mitgl. des Preuß. Landtags, DDP), seine Ausbildung durch das Studium der Staatswissenschaften an der dortigen Universität.

    Seit 1923 in Berlin im kleinbäuerlichen Organisations- und Siedlungswesen tätig, hatte L. 1925 Anteil an der Gründung des Reichsverbands landwirtschaftlicher Klein- und Mittelbetriebe“, den er als Geschäftsführer betreute. Daraus entstand durch Zusammenschluß mit anderen Verbänden 1927 die „Deutsche Bauernschaft“. Neben deren Geschäftsführung leitete L. die im selben Jahr gegründete „Siedlungsgesellschaft Bauernland“. Durch weitere Mitgliedschaften in Vorständen und Aufsichtsräten landwirtschaftlicher Organisationen und Kreditinstitute wurde der vielbeschäftigte Verbandspolitiker zu einem erfolgreichen Agrar- und Siedlungsexperten, den die großbäuerlichen Interessenvertreter als „Bodenreformer“ und „roten L.“ bekämpften. 1932 in den Preuß. Landtag gewählt (Zentrum), verlor L. nach Hitlers Machtübernahme im Juli 1933 sein Amt in der „Deutschen Bauernschaft“ und im März 1934 auch das in der „Siedlungsgesellschaft Bauernland“.

    Zu diesem Zeitpunkt war er bereits (seit 5.2.1934) unter dem Vorwand der „Korruption“ verhaftet. Erst am 11.10.1935 wurde er aus der Untersuchungshaft in Berlin entlassen, ohne daß eine Anklage erfolgte. Er erhielt nicht die Möglichkeit, Berufung einzulegen oder eine Entschädigung für die 20monatige Haft zu beantragen. Zunächst arbeitslos, dann auf dem Bauernhof seines Bruders Friedrich Wilhelm tätig, übernahm er 1937 in Berlin die Geschäftsführung der „Niedersächs. Wohnungsbau- und Siedlungsgesellschaft“. Nach drei Wehrübungen (1937–39) zum Oberleutnant d. R. (1942 Hauptmann d. R.) befördert, wurde er nicht zum Kriegsdienst einberufen, sondern arbeitete seit Kriegsausbruch in dem Berliner Architektur- und Ingenieurbüro Walter Schlempp, das seit 1939 der Verfügung des späteren Reichsministers A. Speer unterstand. L. war mit dem Bau von zivilen und militärischen Anlagen, zunächst in Peenemünde, seit 1943 dann in Mitteldeutschland beschäftigt, eingeschlossen die Errichtung von Unterkünften für ausländische (Zwangs-)Arbeiter. – Kurz vor Kriegsende setzte sich L. nach Höxter ab, wo er dann als Leiter eines „Baubüros“ die dortige zerstörte Weserbrücke wieder aufbaute. Mit anderen Partnern gründete er in Frankfurt eine Baufirma („Main-Bau GmbH“).

    1945 der CDU beigetreten, wurde L. 1946 von der brit. Militärregierung in den Beratenden Westfäl. Provinzialrat in Münster und am 2.10. in den ernannten Landtag von Nordrhein-Westfalen berufen. Im April 1947 wurde er für den Wahlkreis Arnsberg in den 1. Landtag gewählt. Als Minister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (6.1.1947 – 31.12.1952) gewann der Unionspolitiker großes Ansehen. 1949 wurde er auch in den Bundestag gewählt (Wahlkreis Arnsberg-Soest); dieses Mandat nahm er bis Sept. 1950 neben seinen Düsseldorfer Ämtern wahr.

    Adenauer berief L., der von Jan. bis Sept. 1953 als Generalanwalt des Raiffeisenverbands in Bonn tätig war, nach dessen erneuter Wahl in den Bundestag (Wahlkreis Rees-Dinslaken) in seine 2. Regierung. Als Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten auch in Adenauers 3. Kabinett (1957) entwickelte sich L. zu einem erfolgreichen Ressortchef, immer bedacht auf Ausgleich der Verbraucher- und Erzeugerinteressen. Auf der Grundlage jährlich entwickelter „Grüner Pläne“ (seit 1955) konnte die Landwirtschaft modernisiert werden und ihr struktureller Anpassungsprozeß ohne soziale Erschütterungen vonstatten gehen.

    Nach dem überraschenden Rückzug Adenauers von der Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten im Juni 1959 wurde L. als „Ersatzmann“ der Unionsparteien nominiert und am 1. Juli in Berlin im 2. Wahlgang zum neuen Bundespräsidenten (ab 15.9.) gewählt. Fünf Jahre später wurde er wiedergewählt, dieses Mal im 1. Wahlgang auch mit den Stimmen (und sogar auf Initiative) der SPD. – Als Nachfolger von Heuss hatte der bis dahin wenig bekannte Politiker keinen leichten Start. Persönlich ebenso bescheiden wie hilfsbereit, verschaffte er sich jedoch bald Respekt. Er war durchdrungen von seiner Aufgabe, die er als „Wächteramt“ verstand. Kein guter Redner, versuchte L. mit der ihm eigenen Beharrlichkeit, politische Akzente zu setzen. Dazu gehörte sein Eintreten (im Gefolge der Berlin-Krisen seit 1958) für die Bildung einer Großen Koalition und die Vertiefung der deutsch-franz. Zusammenarbeit. Seine Forderung nach Gewährung des Selbstbestimmungsrechts für alle Deutschen unterstrich er durch häufige Besuche in Berlin (Ehrenbürger seit 1962). Sein dezidierter Einsatz zugunsten von Entwicklungshilfe und Milderung des Hungers in der Welt verschaffte ihm bei zahlreichen Staatsbesuchen (insgesamt 37 Auslandsreisen) vor allem in den Ländern der Dritten Welt bedeutendes Ansehen. Seine sprachgewandte, repräsentationsfreudige Frau unterstützte ihn hierbei geistreich und charmant. – L.s zweite Amtsperiode wurde zu einer Leidenszeit. Während sich sein Streben nach politischer Mitsprache verstärkte, schwanden seine Kräfte sichtlich, häuften sich Ungeschicklichkeiten. Eine Propaganda-Offensive der SED, mit der seine Integrität|während des Dritten Reiches („KZ-Baumeister“) zu Unrecht angezweifelt wurde, erhielt durch linksgerichtete Publizistik in der Bundesrepublik Unterstützung. Diese „Verleumdungskampagne“ (so auch die Einschätzung der seit 1.12.1966 amtierenden Regierung der Großen Koalition), die ungeschickt abgewehrt wurde, zwang den Bundespräsidenten schließlich zu einem um zweieinhalb Monate vorgezogenen Rücktritt (zum 30.6.1969).

    L., der andere Bevölkerungskreise als sein Amtsvorgänger Heuss anzusprechen wußte, hat das Amt des Staatsoberhaupts redlich und gewissenhaft, aber ohne Glanz und Ausstrahlung geführt. Seine „Modernität“ ist erst im Nachhinein deutlich geworden. Dazu gehören seine hohe Einschätzung der Wissenschaft, sein frühes Eintreten zugunsten von Umweltschutz und Entwicklungshilfe, sein Bekenntnis zum „einfachen Leben“ in überschaubaren Verhältnissen.|

  • Auszeichnungen

    Dr. agr. h. c. (Bonn 1953); Bayerischer Verdienstorden (1963).

  • Werke

    Reden: Aufgabe u. Verpflichtung, 1965;
    Reden d. dt. Bundespräs. Heuss, L., Heinemann, Scheel, ausgew. v. H. Sprenger, eingel. v. D. Sternberger, 1979, S. 93 ff. - Schriften:
    Das Pachtwesen in Dtld., in: Jb. d. Bodenreform 19, 1923, S. 81 ff.;
    Grundlagen e. neuen Siedlungspol., 1946;
    Bodenreform, Siedlung, Erzeugnissteigerung, 1948;
    Betrachtungen z. Agrarpol., in: Festschr. A. Hermes z. 80. Geb.tag, 1958, S. 281 ff.;
    Kampf d. Hunger in d. Welt, in: Freiheit u. Ordnung, Festschr. z. 70. Geb.tag f. Th. Sonnemann, 1970, S. 36 ff.

  • Literatur

    H. Eiche, H. L., 1959, 31960 (P);
    J. Hermanns, H. L., 1966;
    Bundesinnenmin. P. Lücke zu d. kommunist. Verleumdungskampagne gegen d. Bundespräs., in: Innere Sicherheit (Informationen zu Fragen d. Staatsschutzes, Köln) Nr. 11 v. 28.11.1966;
    W. Koppel, Amt u. Person d. Bundespräs. Dr. H. L., in: Bll. f. dt. u. internat. Pol. 13, 1968, S. 269 ff.;
    Aufstieg u. Fall d. H. L., hrsg. v. Nat.rat d. Nat. Front d. demokrat. Dtld. (Berlin-Ost) 1969;
    E. Gassner, In memoriam H. L., 1973;
    H. G. Quarta, H. L., 1978 (P);
    A. Schiffner, H. L., in: Persönlichkeit u. Pol. II, hrsg. v. W. L. Bernecker u. V. Dotterweich, 1982, S. 49 ff.;
    R. Morsey, H. L., in: Städte nach zwei Weltkriegen, hrsg. v. W. Först, 1984, S. 143 ff.;
    ders., H. L., in: Zeitgesch. in Lb. VI, hrsg. v. J. Aretz, R. Morsey u. A. Rauscher, 1984, S. 153 ff. (P);
    ders., Schwierigkeiten mit d. Biogr. d. Bundespräs. H. L., in: Westfäl. F 35, 1985, S. 164 ff. - Zu Ehefrau Wilhelmine:
    U. Salentin, Fünf Wege in d. Villa Hammerschmidt, 1984, S. 47 ff.

  • Autor/in

    Rudolf Morsey
  • Empfohlene Zitierweise

    Morsey, Rudolf, "Lübke, Heinrich" in: Neue Deutsche Biographie 15 (1987), S. 442-444 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118575015.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA