Lebensdaten
1880 bis 1962
Geburtsort
Düsseldorf
Sterbeort
Bonn
Beruf/Funktion
Pädagoge ; Philosoph
Konfession
lutherisch
Normdaten
GND: 118573543 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Litt, Th.
  • Litt, Theodorus

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Zitierweise

Litt, Theodor, Indexeintrag in: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118573543.html [26.08.2016].

CC0

Litt, Theodor

Pädagoge, Philosoph, * 27.12.1880 Düsseldorf, 16.7.1962 Bonn. (lutherisch)

  • Genealogie

    V Ferdinand (1848–1918), Gymnasialprof., S d. Theodor, aus Worms, Realschullehrer in Michelstadt, u. d. Ernestine Charlotte Creutz; M Maria (1855–1926), T d. Kleidermachermeisters Theodor Dimmers in D. u. d. Catharina Korintenberg; Antwerpen 1910 Anna (1888–1961), T d. Valentin Schöller (1850–1929), Kaufm. in Antwerpen u. D., Teilh. d. Fa. Kalckhoff u. Schöller, u. d. Clara Hoddick; Schwager Walter Schöller (1880–1947), Chemiker; 2 S (1 ⚔), 1 T (jung †).

  • Leben

    L. studierte Altphilologie, Geschichte und Philosophie in Bonn und Berlin. Nach der Promotion (1904) arbeitete er bis 1918 als Oberlehrer an Gymnasien in Bonn und Köln. – Die Erfahrung des 1. Weltkriegs, den er als Ausdruck einer moralischen, kulturellen und politischen Krise Europas ansah, sowie der pädagogischen Reformbewegung dieser Zeit war für L. Anlaß, sich verstärkt der Philosophie und der Pädagogik zuzuwenden, die Möglichkeiten und Grenzen einer autonomen Pädagogik abzuwägen und ihre geisteswissenschaftlichen Grundlagen herauszuarbeiten. Ernst Troeltschs Forderung nach einer Kulturpädagogik, die die historischen Zusammenhänge mit den normativen Bildungsinhalten zu verknüpfen weiß, fand bei L. ihren Niederschlag in der Programmschrift „Eine Neugestaltung der Pädagogik“ (1918). Zu dieser Zeit arbeitete er vorübergehend als Referent im preuß. Kultusministerium. Seit 1919 ao. Professor für Pädagogik in Bonn, wurde er 1920 als Nachfolger Eduard Sprangers auf den Lehrstuhl für Philosophie und Pädagogik nach Leipzig berufen. Bis|1933 entwickelte L. eine intensive Forschungs-, Lehr-, Publikations- und Vortragstätigkeit und gewann vor allem in der Auseinandersetzung mit der Reformpädagogik eine bestimmende Stellung innerhalb der geisteswissenschaftlichen Pädagogik. – Bereits in „Politik und Erziehung“ (1920) wies L. auf die öffentliche Verantwortung einer autonomen Wissenschaft an der Universität hin. Als Rektor der Univ. Leipzig (1931/32) warnte er vor einer Politisierung von Hochschule und Wissenschaft und verlangte von seinen Kollegen den Beweis politischer Verantwortung durch das Eintreten für die Freiheit von Forschung und Lehre. Entsprechend forderte er nach 1945 die politisch-kulturelle Selbsterziehung des deutschen Volkes zur demokratischen Grundordnung und Grundhaltung. L. ging nach 1933 nicht in die „innere Emigration“, sondern übte offen wissenschaftliche Kritik an der nationalsozialistischen Weltanschauung und ihrem biologischen Geschichtsbild (Die Stellung der Geisteswissenschaften im nationalsozialistischen Staate, 1933). 1937 entzog er sich der politischen Polemik und dem totalitären Anspruch des Nationalsozialismus durch die freiwillige Emeritierung. L., der, an Pestalozzi anknüpfend, im Konflikt die Grundbedingung jeder humanen und demokratischen Rechtsordnung und den positiven Ausdruck menschlicher Freiheit und Kreativität sah, kehrte 1945 auf den Lehrstuhl in Leipzig zurück, stellte aber 1947 angesichts neuer Einschränkungen seiner wissenschaftlichen Tätigkeit sein Amt abermals zur Verfügung und folgte einem Ruf nach Bonn, wo er bis zuletzt lehrte.

    L.s Philosophie ist von der Lebens- und Kulturphilosophie in der Nachfolge W. Diltheys, G. Simmels, H. Rickerts und E. Cassirers geprägt. Die vorprädikative Welterschließung Husserls veranlaßte ihn, zusammen mit der Geltungsreflexion des Neukantianismus, nach einer methodischen Selbstbegründung der Pädagogik zu suchen. Im Unterschied zu diesen strebte er allerdings eine dialektische Position an, die vom Schauen zu einem sich selbst methodisch kontrollierenden „Begreifen“ geht (Mensch und Welt, 1948, 21961). Die Dialektik faßt L. als „Selbstaufstufung des Geistes und der Sprache“. Auf dem höchsten Reflexionsniveau der Selbsterkenntnis des Geistes (Hegel) rückt der Mensch in seiner konkreten Besonderheit in das Zentrum geschichtlicher und normativer Besinnung. Auf der Basis der kantischen Vernunftkritik sowie der Kritik der historischen Vernunft W. Diltheys und H. Rickerts bemühte sich L. um ein Sinn-Allgemeines, in dessen übergreifender Einheit der Anspruch des Individuellen gegenüber dem Allgemeinen der theoretischen Auslegung sowohl gewahrt wie versöhnt und aufgehoben sein soll (Das Allgemeine im Aufbau der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis, 1941, 31980). Diese Bewegung von der reflexiven Einsicht zum aktuellen Geschichtsvollzug gilt als Apriori der Geisteswissenschaft, denn sie versichert den Menschen seiner Autonomie, der „Möglichkeit, in der sich das Ganze seines Wesens zur letzten Bestimmtheit zusammenfaßt“ (Die Selbsterkenntnis des Menschen, 1938). – Um die grundlegenden pädagogischen Leitideen inhaltlich auszufüllen, bedarf es des „geschichtlichen Standortbewußtseins“ des Lehrers. Er soll die ideelle Objektivität des „Wertreiches des Geistes“ dem realen Subjekt vermitteln können und zugleich der Anwalt der bildungsbedürftigen „Seele“ sein (Führen oder Wachsenlassen, 1927, 131967). – Die Geschichtlichkeit und der aus ihr erwachsende „Sinnperspektivismus“ der Lehrer und Wissenschaftler erfordern ein aufgeklärtes Geschichtsbewußtsein (Geschichte und Leben, 1918, 31930; Freiheit und Lebensordnung, 1962), eine Haltung „denkender Sittlichkeit“ und Wachsamkeit. Neben der Geschichtlichkeit des Menschen beherrscht als zweites zentrales Thema der Zusammenhang von moderner Arbeitswelt und Erziehung, von Fach- und Allgemeinbildung das Werk L.s. Es ergänzt seine frühe Kulturpädagogik und revidiert das klassische Bildungsideal. Philosophisch vorbereitet ist diese Neuorientierung durch seine Anthropologie und Wissenschaftstheorie (Mensch und Welt, 1948, 21961; Denken und Sein, 1948). Bezieht man Technik, Industriegesellschaft, den Verwaltungsapparat, die gesamte moderne Arbeitswelt in die Erziehung mit ein, so kann der Bildungsbegriff nicht mehr an Harmonie orientiert sein, sondern allein an der ständig neuen Aufgabe, die Spannungen und Konflikte unterschiedlicher, „polyphoner“, Handlungs- und Denkweisen auszutragen. In der modernen technischen Welt ist der Mensch ohne Zuspruch der Natur auf sich selbst gestellt. (Technisches Denken und menschliche Bildung, 1957.)

    L. hat die geisteswissenschaftliche Pädagogik zu wissenschaftstheoretischem Selbstverständnis geführt und als praxisbezogene Theorie gestärkt. Er hat ihren Zusammenhang mit der Philosophie gewahrt und neu gestaltet. Sein Konzept einer demokratischpolitischen Bildung unter Einbeziehung der modernen Arbeitswelt wurde nach 1945 zum|Wendepunkt und Markstein pädagogischen Denkens in der Bundesrepublik. Besonderen Einfluß hatte es auf die „Kritische Erziehungswissenschaft“ (W. Klafki).|

  • Auszeichnungen

    Dr. oec. publ. h. c. (München 1950), D. theol. (Münster 1960); Orden Pour le mérite f. Wiss. u. Künste (1952).

  • Werke

    Weitere W Individuum u. Gemeinschaft, 1919, 31926;  Erkenntnis u. Leben, 1923;  Die Philos. d. Gegenwart u. ihr Einfluß auf d. Bildungsideal, 1925, 31930;  Ethik d. Neuzeit, 1926 (Nachdr. 1968);  Wiss., Bildung, Weltanschauung, 1928;  Kant u. Herder als Deuter d. geistigen Welt, 1930, 21949;  Einleitung in d. Philos., 1933, 21949;  Die Selbsterkenntnis d. Menschen, 1938, 21948;  Der dt. Geist u. d. Christentum, 1938;  Wege u. Irrwege geschichtl. Denkens, 1948;  Naturwiss. u. Menschenbildung, 1954, 31959;  Der lebendige Pestalozzi, 1952, 21961;  Hegel, 1953;  Die pol. Selbsterziehung d. dt. Volkes, 1954, 81967;  Das Bildungsideal d. dt. Klassik u. d. moderne Arbeitswelt, 1955, 31964;  Pädagogik u. Kultur, Kleine päd. Schrr., hrsg. v. F. Nicolin, 1965. -  Hrsg. (mit H. Nohl, E. Spranger, Aloys Fischer, W. Flitner);  Die Erziehung, 1925-36.

  • Literatur

    A. Reble. Th. L., 1950;  P. Vogel, Th. L., 1955;  In memoriam Th. L., hrsg. v. H. Welzel u. a., 1963;  H. O. Schlemper, Reflexion u. Gestaltungswille, 1964;  B. Bracht, Geschichtl. Verstehen u. geschichtl. Bildung, 1968;  J. Derbolav, Th. L. -  Person u. Gedanke, in: Frage u. Anspruch, 1970, S. 15-34;  F. Nicolin, in: Gesch. d. Päd. d. 20. Jh., hrsg. v. J. Speck, II, 1978, S. 79-92;  W. Klafki, in: Klassiker d. Päd., hrsg. v. H. Scheuerle, II, 1979, S. 241-57 (P)ders., Die Päd. Th. L.s, 1982 (W-Verz., L, P);  W. Ritzel, in: Philos. u. Päd. im 20. Jh., 1980, S. 113-49;  Th. L. -  Analysen z. seinem Werk, hrsg. v. F. Nicolin u. G. Wehle, 1982. -  Festschrr.: Geist u. Erziehung, hrsg. v. J. Derbolav u. F. Nicolin, 1955 (W, L, P);  Erkenntnis u. Verantwortung, hrsg. v. dens., 1960 (W, P);  Sinn u. Geschichtlichkeit, hrsg. v. J. Derbolav, C. Menze u. F. Nicolin, 1980. -  ZiegenfußLex. d. Päd. II, 1950, S. 64-66.

  • Autor

    Peter Müller
  • Empfohlene Zitierweise

    Müller, Peter, "Litt, Theodor" in: Neue Deutsche Biographie 14 (1985), S. 708-710 [Onlinefassung]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118573543.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

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