Eschen, Fritz

Lebensdaten
1900 – 1964
Geburtsort
Berlin
Sterbeort
Melk (Niederösterreich)
Beruf/Funktion
Fotograf ; Bildjournalist
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 118761196 | GND-Explorer | OGND | VIAF
Namensvarianten

  • Eschen, Fritz

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Zitierweise

Eschen, Fritz, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/gnd118761196.html#indexcontent [22.07.2026].

CC0

  • Eschen, Fritz

    1900 – 1964

    Fotograf, Bildjournalist

    Seit den frühen 1930er Jahren in Berlin als Fotograf aktiv, erhielt Fritz Eschen nach 1933 Berufsverbot als Bildreporter und leistete im Zweiten Weltkrieg Zwangsarbeit. Nach Kriegsende dokumentierte er u. a. die Zerstörung und den Wiederaufbau Berlins. Sein vielschichtiges Werk wurde nach seinem Tod vergleichsweise wenig rezipiert, ist jedoch aufgrund der umfangreichen bildlichen Überlieferung technischer und städtebaulicher Entwicklungen, kulturellem Leben und handwerklichem Schaffen sowie Porträts bedeutender Persönlichkeiten aus Politik, Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft von bleibender Relevanz.

    Lebensdaten

    Geboren am 19. Januar 1900 in Berlin
    Gestorben am 19. September 1964 in Melk (Niederösterreich)
    Grabstätte Waldfriedhof Zehlendorf in Berlin
    Konfession jüdisch
    Fritz Eschen, Deutsche Fotothek (InC)
    Fritz Eschen, Deutsche Fotothek (InC)
  • 19. Januar 1900 - Berlin

    1906 - 1918 - Berlin

    Schulbesuch (ohne Abschluss)

    Königstädtisches Gymnasium

    1918 - 1918

    Kriegsdienst als Funker

    Nachrichten-Ersatz-Abteilung 9

    seit 1919

    Ausbildung zum kaufmännischen Angestellten; Kaufmann

    Pomosin-Werke GmbH

    seit ca. 1921 - Berlin

    kaufmännischer Angestellter, seit ca. 1923 Juniorchef

    Deutsche Private Telephon Gesellschaft H. Fuld & Co. (PRITEG)

    seit 1930 - Berlin

    freiberuflicher Fotograf und Bildreporter

    v. a. Berliner Morgenpost (Tageszeitung)

    1936 - 1938 - Potsdam

    Dozent für Fotografie

    Jüdische Hochschule

    1940 - 1941 - Berlin

    Dozent für Fotografie

    Jüdische Gemeinde

    1941 - 1945 - Berlin

    Zwangsarbeiter

    Metallfirma Marcus; später Reichsbahn am Lehrter Bahnhof

    1945 - 1965 - Berlin

    freiberuflicher Fotograf

    u. a. Frankfurter Allgemeine Zeitung; Berliner Morgenpost; Tagesspiegel; Buchveröffentlichungen v. a. des Ullstein Verlags

    1946 - 1948 - Berlin

    Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Bildreporter

    Verband der Deutschen Presse

    1948 - ca. 1955 - Berlin-West

    Mitgründer; u. a. Vorsitzender des Arbeitsausschusses der Bildreporter

    Presseverband Berlin

    1953 - 1955 - Berlin-West

    Bildredakteur

    Die Neue Zeitung (Tageszeitung)

    19. September 1964 - Melk (Niederösterreich)

    alternativer text
    Fritz Eschen, Deutsche Fotothek (InC)

    Eschen wuchs in einer bürgerlich-liberalen jüdischen Kaufmannsfamilie in Berlin auf, wo er bis 1918 das Königstädtische Gymnasium besuchte, ohne einen Abschluss zu erlangen. Während der 1920er Jahre verdiente er seinen Lebensunterhalt als kaufmännischer Angestellter v. a. bei der von seinem Schwiegervater geführten Deutschen Privaten Telephon Gesellschaft H. Fuld & Co., einer Vermietungsfirma für Telefonanlagen. Eschen befasste sich seit 1928 mit Fotografie, erwarb 1929 eine Rolleiflex und trat seit 1930 mit Veröffentlichungen in der illustrierten Presse hervor, u. a. in der auflagenstarken Tageszeitung „Berliner Morgenpost“. Mit seinen Bildreportagen und Fotografien, die v. a. Alltagsszenen und -charaktere aus Berlin zeigten, machte sich Eschen bald auch überregional einen Namen, wobei er von der Zusammenarbeit mit Bildagenturen wie Neofot-Fotag profitierte.

    Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme war Eschen durch das Schriftleitergesetz (Oktober 1933) die Mitgliedschaft im Reichsverband der deutschen Presse verwehrt, weshalb er nicht mehr als Bildberichterstatter arbeiten durfte. Zum 15. April 1934 erfolgte seine Eintragung in die Handwerksrolle als „Inhaber eines Photographen-Betriebes“. In der Folgezeit arbeitete er über Aufträge u. a. für Associated Press, den Linden-Verlag und das Presseamt der Deutschen Reichsbahn als freiberuflicher Illustrationsfotograf, wobei seine Bilder anonym oder unter Pseudonym veröffentlicht wurden. Manche der in dieser Zeit entstandenen Aufnahmen, v. a. mit bäuerlichen und landschaftlichen Motiven, fanden auch in der NS-Propaganda Verwendung.

    1937 stellte Eschen einen Antrag zur Emigration in die USA, der 1939 durch das US-Konsulat in Berlin abgelehnt wurde. Von 1936 bis 1938 war er Dozent für Fotografie an der Jüdischen Hochschule Potsdam, später in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, ehe er von 1941 bis 1945 Zwangsarbeit leistete, u. a. bei einer Berliner Metallbaufirma. Im Rahmen der sog. Fabrik-Aktion wurde Eschen, der aufgrund seiner nach NS-Definition „privilegierten Mischehe“ mit seiner zweiten Ehefrau Gertrude (Lipsy) Eschen von der Deportation verschont blieb, im Februar 1943 kurzzeitig verhaftet.

    Nach Ende des Zweiten Weltkriegs nahm Eschen seine Tätigkeit als freiberuflicher Fotograf und Bildjournalist in Berlin wieder auf und wurde u. a. für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, die „Berliner Morgenpost“ und den „Tagesspiegel“ tätig. Von 1953 bis 1955 war er Bildredakteur der Tageszeitung „Die Neue Zeitung“, die von der Information Control Division des US-amerikanischen Office of Military Government for Germany herausgegeben wurde. Unterstützt von Heinz Ullstein (1893–1973) publizierte Eschen in den 1950er Jahren mehrere Bücher im Ullstein-Verlag, u. a. die von Texten Friedrich Lufts (1911–1990) begleitete Porträtsammlung „Köpfe“ (1956) und den bis 1967 mehrfach aufgelegten und erweiterten Bildband „Junges altes Berlin“ (1956), in dem er die Zerstörung und den Wiederaufbau Berlins dokumentierte und zur Verbreitung eines (auch architektonisch) modernen und dynamischen Bilds von Westberlin beitrug.

    Stilistisch zeichnen Eschens Bilder eine sachlich-nüchterne, kompositorisch kontrollierte Bildsprache aus. In dem Fotobuch „Camera in meiner Hand“ (1959) präsentierte er eine repräsentative Auswahl seines Schaffens. Als Maxime galt ihm das u. a in Albert Renger-Patschs (1897–1966) Fotobuch „Die Welt ist schön“ (1928) popularisierte Prinzip des „schönen Lichtbilds“: Eschens Bilder erfüllen prototypisch die Kriterien erfolgreicher Illustrationsfotografie mit vielfältigen Verwendungs- und Verwertungsmöglichkeiten. Seine feuilletonistisch anmutenden Berlin-Streifzüge erinnern an das Werk Friedrich Seidenstückers (1882–1966). Neben Architekturaufnahmen und Stadtansichten bildete die Porträtfotografie einen weiteren Schwerpunkt in Eschens Werk, wobei er sich u. a. an Andreas Feiningers (1906–1999) Lehrbuch „Menschen vor der Kamera“ (1934) orientierte. Zu den von Eschen porträtierten Persönlichkeiten aus Kultur, Politik, Wissenschaft und Wirtschaft zählen u. a. Konrad Adenauer (1876–1967), Heinrich Böll (1917–1985), Werner Conze (1910–1986), Herbert von Karajan (1908–1989), Max Liebermann (1847–1935), Hans Constantin Paulssen (1892–1984), Hans Scharoun (1893–1972), Karl Schiller (1911–1994) und Carl Zuckmayer (1896–1977).

    Seit 1945 engagierte sich Eschen in Berufsverbänden, zunächst als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Bildreporter innerhalb des 1945 gegründeten Verbands der deutschen Presse. Als dieser zunehmend unter sowjetischen Einfluss geriet, beteiligte er sich 1948 u. a. mit Paul Löbe (1875–1967) an der Gründung des für Demokratisierung und uneingeschränkte Pressefreiheit einstehenden Presseverbands Berlin. Nach Eschens Tod während einer Fotoreise im September 1964 wurde dessen Werk in der kunst- und fotohistorischen Forschung lange kaum beachtet und fand erst im 21. Jahrhundert wieder größere Aufmerksamkeit. Heute gilt Eschen als bedeutender Porträtfotograf und Chronist v. a. der 1950er Jahre.

    1946–1948 Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Bildreporter im Verband der Deutschen Presse, Berlin
    1956 Ehrenmedaille der Photokina

    Nachlass:

    Deutsche Fotothek in der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden. (Bildarchiv mit 70 000 Aufnahmen auf Negativen und Prints)

    Weitere Archivmaterialien:

    Archiv der Berlinischen Galerie. Museum für moderne und zeitgenössische Kunst, Berlin. (über 700 Fotografien; Korrespondenz)

    Archiv der Akademie der Künste, Berlin. (über 200 Fotografien, v. a. Porträts der Mitglieder, Korrespondenz; Dokumentationsfotografien des Kulturlebens)

    Staatliche Bibliothek zu Berlin, bpk Bildarchiv. (über 200 Fotografien, v. a. Porträtfotografien)

    Deutsches Literaturarchiv, Marbach am Neckar. (Porträtfotografien von Literaturschaffenden mit Autografen)

    Schweizerisches Literaturarchiv, Bern. (Porträtfotografien von Literaturschaffenden mit Autografen)

    Bildbände und Herausgeberschaften:

    …so sah ich Potsdam. Mit einem Beitrag von Mario Krammer, 1948, Neuausg. 1956 u. d. T. Liebes altes Potsdam. 74 Aufnahmen.

    Georg Netzband/Fritz Eschen (Hg.), Kunstpädagogische Anregungen. Ein Beitrag zur Praxis der bildnerischen Erziehung an allgemeinbildenden Schulen, 3 Bde., 1955–1959.

    Junges altes Berlin. Ein Bildwerk mit 64 Fotos aus dem alten und neuen Berlin. Mit einem Vorw. v. Georg Zivier, 1956, 41959, erw. Neuausg. 1959, 31962, überarb. Neuausg. 1965, 21967.

    Köpfe. Hundert Porträtaufnahmen. Einleitung und Bildtexte von Friedrich Luft, 1956.

    Fritz Eschen/Karena Niehoff/Hans-Joachim Schlamëus, Berlin, 1957.

    Camera in meiner Hand. 120 Aufnahmen. Mit einem Vorw. v. Paul Ronge, 1959.

    Max Picard/Fritz Eschen, Das letzte Antlitz. Totenmasken von Shakespeare bis Nietzsche, 1959.

    Das letzte Porträt. Totenmasken berühmter Persönlichkeiten aus Geschichte und Gegenwart. Mit einer Einf. v. Karl Jaspers u. einem kulturhistorischen Beitrag v. Karl-Heinz Schreyl, 1967.

    Friedrich Luft, Porträtist mit der Kamera. Bemerkungen zur künstlerischen Arbeit des Fotografen Fritz Eschen, in: Westermanns Monatshefte 97 (1956), H. 4, S. 20–25.

    Fritz Eschen, Photographien. Berlin 1945–1950, hg. v. d. Berlinischen Galerie. Fotografische Sammlung, 1989, 21990.

    Janos Frecot, Kamera-Geschichten. Fritz Eschen 1930–1950, 2001.

    Rolf Engelbart, Der Berliner Fotograf und Bildpublizist Fritz Eschen (1900–1964), 2004. (ungedr. Magisterarbeit, Freie Universität Berlin)

    Mathias Bertram/Jens Bove (Hg.), Fritz Eschen. Berlin unterm Notdach. Fotografien 1945–1955, 2010.

    Mathias Bertram (Hg.), Fritz Eschen. Köpfe des Jahrhunderts. Fotografien 1930–1964, 2011.

    Maximilian Westphal, Fritz Eschen. Porträts eines Bildjournalisten, 2019.

    Fotografie, ca. 1948, Berlinische Galerie. (Onlineressource)

    Fotografie, Juli 1947. (Onlineressource)

    Fotografie, Dezember 1955, Deutsche Fotothek. (Onlineressource)

    Fotografie, Selbstporträt, Mai 1960, Deutsche Fotothek. (Onlineressource)

    Fotografie v. Klaus Eschen (1939–2025), 1963, Deutsche Fotothek. (Onlineressource)

    Fotografie v. Klaus Eschen (1939–2025), 1963, Deutsche Fotothek. (Onlineressource)

    Fotografien, u. a. Selbstporträts, 1960–1964, Deutsche Fotothek. (Onlineressource)

  • Autor/in

    Maximilian Westphal (Köln)

  • Zitierweise

    Westphal, Maximilian, „Eschen, Fritz“, in: NDB-online, veröffentlicht am 01.07.2026, URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118761196.html#dbocontent

    CC-BY-NC-SA