Lebensdaten
1868 bis 1919
Geburtsort
Dumgenevitz auf Rügen
Sterbeort
Haubinda bei Hildburghausen (Thüringen)
Beruf/Funktion
Pädagoge ; Schulgründer
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118728229 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Lietz, Hermann

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Zitierweise

Lietz, Hermann, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118728229.html [19.10.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Gottfried, Gutsbes., S e. Salineninsp. in Greifswald;
    M Emilia, T d. Joh. Christian Elgeti, Schneidermeister u. Kleingutsbes., aus Handwerkerfam. in Garz auf Rügen, u. d. Ulrike Christiane Stark;
    1911 Jutta v. Petersenn (1888–1975), T d. Bertha v. Petersenn, Gründerin d. ersten Landerziehungsheims f. Mädchen am Stolper See b. Potsdam 1900.

  • Leben

    Nach einer unbeschwerten Kindheit auf dem elterlichen Gutshof verbrachte L. seine Gymnasialzeit bis 1888 in Greifswald und Stralsund. Er studierte zunächst ev. Theologie und Philosophie in Halle und Jena. In Halle hatte er Hans Vaihinger gehört, aber da er vor allem eine ethische Grundausrichtung suchte, sprach ihn die idealistisch-enthusiastische Persönlichkeit Rudolph Euckens an, bei dem er 1901 in Jena mit einer Arbeit über Auguste Comte promovierte. Im religionsphilosophischen Seminar von Rudolph Lipsius lernte er Paul Geheeb kennen; für diesen und L. wurde Fichtes Idee eines Schulstaates zur nationalen Wiedergeburt zur großen Herausforderung. L. setzte sich auch mit Paul de Lagarde und seinem nationalpädagogischen Konzept auseinander. 1892 legte er die 1. theologische Prüfung und die Oberlehrerprüfung in Philosophie, Deutsch, Religion und Hebräisch ab. Die endgültige Entscheidung für den Lehrerberuf fiel während der praxisorientierten, einjährigen Vorbereitung im Pädagogischen Universitätsseminar und der damit verbundenen Übungsschule des Herbartianers Wilhelm Rein und im Gymnasialseminar Gustav Richters in Jena 1892/93. Nach der Referendarzeit in Putbus auf Rügen, wo er nebenher den elterlichen Landwirtschaftsbetrieb leitete und so seine beiden großen Passionen, Erziehung und Landwirtschaft, miteinander verband, wurde er Oberlehrer an der Universitäts-Übungsschule W. Reins und stellvertretender Direktor an einer Privatschule mit Alumnat in Kötzschenbroda b. Dresden 1895/96. Seine sozialpolitischen Interessen setzte er unter dem Einfluß von Moritz v. Egidy um in sozialpraktische Arbeit unter der Arbeiterbevölkerung im Nordosten Berlins und lud Arbeiterkinder in die Ferien nach Dumgenevitz ein. Wichtige Anregungen für das eigene Schulkonzept erhielt er durch die Fröbelschule in Keilhau, die Knabenerziehungsanstalt von Karl Volkmar Stoy, dem Gründer des Universitätsseminars, und durch das Erziehungsheim und Jugendsanatorium für elternlose, schwererziehbare und körperbehinderte Heranwachsende unter Leitung von Johannes Trüper auf der Sophienhöhe b. Jena. Das Modell für die Realisierung seines pädagogischen Vorhabens fand L. in England, in der von Cecil Reddie 1889 gegründeten New School Abbotsholme. (L. hatte Reddie bei Rein in Jena kennengelernt.) Vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen in England (1896/97) schrieb er 1897 die Programmschrift ‚Emlohstobba' (Anagramm von Abbotsholme), in der er mit der alten Unterrichtsschule abrechnete und das Bild einer neuen Schule entwarf, die zu leben lehrt. Im Herbst 1897 nach Deutschland zurückgekehrt, absolvierte er in Berlin praktische Kurse u. a. an der Turnlehrer-Bildungsanstalt und eröffnete am 28.4.1898 das erste „Deutsche Landerziehungsheim“ (D. L. E. H.). Es wurde später das Heim für die Unterstufe. Am 28.4.1901 eröffnete er das Landerziehungsheim Haubinda in Thüringen für die Mittelstufe, am 28.4.1904 das Heim Bieberstein in der Rhön. Das Jahr 1906 brachte die erste große Sezession seiner Mitarbeiter Gustav Wyneken und Paul Geheeb (1906 Freie Schulgemeinde Wickersdorf; 1910 Odenwaldschule bei Heppenheim). Im Dezember verließ Gustav Marseille mit einer Anzahl von Schülern Haubinda (1908 Erziehungsschule Schloß Bischofstein), und im Nov. 1908 trennten sich die „vier Herrnhuter“ unter Alfred Kramer (1868–1918) und Theophil Lehmann (1882–1943) von L. (1909 Landschulheim am Solling). Die nächsten Jahre galten der inneren Stabilisierung der Heime und dem Wiederaufbau des 1908 bis auf seine Grundmauern ausgebrannten Schlosses Bieberstein. Im April 1914 verwirklichte L. einen lang gehegten Wunsch, die Gründung eines Heims für Verwaiste und Arme, des Landwaisenheims Veckenstedt am Harz. Zwei Jahre diente er mit einer kurzen Unterbrechung als Kriegsfreiwilliger, bevor er 1917 an Anämie erkrankte und 1919 in Haubinda starb. Seinem Wunsch entsprechend übernahm Alfred Andreesen die Oberleitung der Heime. 1920 wurde die Stiftung Deutsche Landerziehungsheime eingerichtet. Es folgten weitere Heimgründungen: 1923 Ettersburg, 1924 Buchenau, 1928 Spiekeroog, 1941 Hohenwehrda.

    L. verstand den Namen, den er seinen Gründungen gab, als Programm. Um junge Menschen gegenüber bedenklichen zivilisatorischen Zeiterscheinungen widerstandsfähig werden zu lassen und so einen Beitrag zu leisten zur sittlich-geistigen Hebung der deutschen Nation, wollte er dem ungesunden Klima der Stadt den Aufenthalt auf dem Land entgegensetzen, der Vernachlässigung der Individualität des Heranwachsenden die Förderung aller seiner Kräfte und Fähigkeiten, besonders der charakterlichen, durch Erziehung, dem versagenden oder fehlenden Elternhaus das familial strukturierte Heim. Im „Gründungsaufruf“ von 1898 nannte L. die Mittel zur Erreichung seines pädagogischen Zieles: den Aufenthalt auf dem Land, die Gemeinschaft zwischen Erziehern und Zöglingen, eine gesunde Lebensweise, tägliche Körperübungen, praktische Arbeit, tägliche Kunstübungen, die Pflege religiös-sittlicher und vaterländischer Gesinnung und den wissenschaftlichen Unterricht. Das heraldische Symbol der Deutschen Landerziehungsheime zeigte Parzival, den Gralsucher. Der mittelhochdeutsche Wahlspruch forderte „staete Gedanken“, d. h. Stetigkeit, geistige Zucht, Vertiefung, Abwehr störender, nichtiger Ablenkungen. Die sog. Abendkapelle bildete den geistigen Mittelpunkt des Heimlebens: die jungen Menschen sollten ihr eigenes Tun an Leitbildern menschlicher Größe messen. – L. gehört zu denen, die die Kultur- und Bildungskritik des ausgehenden 19. Jh. umsetzten in konkrete Modelle, in einen neuen Schultyp. Er regte eine Fülle von Neugründungen an, unter ihnen die von Kurt Hahn (1920 Schule Schloß Salem). Die Landerziehungsheime wurden zum Erprobungsfeld für die Impulse und Ansätze der Reformpädagogik.

  • Werke

    Emlohstobba, Roman od. Wirklichkeit? Bilder aus d. Schulleben d. Vergangenheit, Gegenwart od. Zukunft? 1897;
    Die Dt. Nat.schule, Btrr. z. Schulreform aus d. Dt. Landerziehungsheimen, 1911;
    Lebenserinnerungen, Von Leben u. Arbeit e. dt. Erziehers, 21920;
    H. L., Unveröff. Mss. u. Briefe (Sonderh. v. „Leben u. Arbeit“), 1923;
    Schulreform durch Neugründung, Ausgew. Päd. Schrr., besorgt v. R. Lassahn, 1970.

  • Literatur

    O. Flug, in: Pomm. Lb. I, 1934, S. 436-42 (P);
    A. Andreesen, H. L. (1934);
    H. Bauer, Zur Theorie u. Praxis d. ersten dt. Landerziehungsheime, 1961;
    E. Meißner, Asket. Erziehung, H. L. u. s. Päd., Ein Versuch krit. Überprüfung, 1905;
    E. Kutzer, in: Thüringer Erzieher, hrsg. v. G. Franz, 1966, S. 328-41 (P);
    dies. (Hrsg.), H. L., Zeugnisse s. Zeitgenossen, 1968;
    R. Lennert, Ursprung u. Frühzeit d. dt. Landerziehungsheime, in: Neue Slg. 1968, S. 247-59;
    E. Badry, Päd. Genialität in e. Erziehung z. Nicht-Anpassung u. zum Engagement, Stud. üb. d. Gründer d. frühen dt. Landerziehungsheimbewegung: H. L. u. Gustav Wyneken, 1976;
    DBJ II (Tl.);
    K. Schwarz, Bibliogr. d. dt. Landerziehungsheime, 1970.

  • Autor/in

    Elisabeth Badry
  • Empfohlene Zitierweise

    Badry, Elisabeth, "Lietz, Hermann" in: Neue Deutsche Biographie 14 (1985), S. 542-544 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118728229.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA