Lebensdaten
1861 bis 1931
Geburtsort
Breslau
Sterbeort
Göttingen
Beruf/Funktion
klassischer Philologe ; Orientalist
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118599615 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Reitzenstein, Richard August
  • Reitzenstein, Richard
  • Reitzenstein, Richard August
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Zitierweise

Reitzenstein, Richard, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118599615.html [15.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Hermann Julius (1814–1881), Mil.oberprediger in Halle u. B.;
    M Clara Louise Kade (1830–1907), T e. Gutsbes. b. Halle;
    B Hermann (1859-nach 1921), Landger.dir. in B., Köln u. am Oberlandesger. I Berlin;
    Breslau 1890 Antonie (1868–1934), T d. Robert Keil (1816–1904), Kaufm. u. Reedereibes. in Stettin, u. d. Emilie N. N. (1834–1904);
    2 S Richard (1894–1982, Mathilde, 1891–1983, T d. Uvo Hölscher, 1848–1914, Gymnasiallehrer in Goslar, Ov d. Gustav Hölscher, 1877–1955, o. Prof. d. Theol. in Gießen u. Marburg, s. NDB IX, u. d. Uvo Hölscher, 1878–1963, Prof. d. Baugesch. an d. TH Hannover, s. NDB IX*), Bibliothekar an d. Staatsbibl. Berlin u. d. UB Göttingen (s. W), Erich (1897–1976. Susanna Lehmann, 1898–1985), Prof. d. Altphilol. in Halle u. Mainz, 1 T.

  • Leben

    Nach dem Abitur 1879 in Breslau brach R. ein von den Eltern gewünschtes Theologiestudium in Halle ab und wandte sich der Klassischen Philologie zu. Seit 1881 in Berlin, wurde er besonders von Johannes Vahlen (1830–1911) und Theodor Mommsen (1817–1903) beeinflußt. Nach der Promotion 1884 mit einer quellenkritischen Studie „De scriptorum rei rusticae“ verbrachte R. im Auftrag Mommsens und zeitweilig mit ihm mehrere Jahre in Italien, wo er sich der Überlieferung der Grammatiker und speziell den griech. Lexikographen widmete. Dabei entdeckte er in der Bibliotheca Vaticana eine zweite, ältere Fassung der Etymologika des Photius (nach R. „Etymologicum genuinum“ genannt). In Breslau habilitierte er sich 1888 mit einem eigenen Palimpsest-Fund aus der Vaticana zu Problemen der Überlieferung des Alexanderfeldzugs bei Arrian. 1889 erhielt R. ein Extraordinariat in Rostock, 1892 ging er als Ordinarius nach Gießen, 1893 nach Straßburg. 1911 nahm R. einen Ruf nach Freiburg (Br.) an, bevor er 1914 als Nachfolger des Latinisten Friedrich Leo (1851–1914) nach Göttingen gelangte (em. 1928); einen Ruf nach Heidelberg lehnte er 1918 ab.

    Mit seiner „Geschichte der griech. Etymologika“ (1897, Nachdr. 1964) machte sich R. um die antike Grammatik und Lexikographie verdient. Das Verständnis der röm. Literatur förderte er mit Untersuchungen zu Properz, Horaz, Cicero und Tacitus. Die Märchenforschung brachte R. auf einen neuen Weg, indem er am Märchen von Amor und Psyche mehrmals (1912/14/17/30) zeigte, wie der religiöse Mythos in Legende, Sage und Märchen übergehen kann.

    Spätestens seit 1898, als er auf einer Ägyptenreise mit Wilhelm Spiegelberg (1870–1930) zahlreiche Papyri ankaufte, beschäftigte R. das Grenzgebiet zwischen Philologie und Theologie. Durch seine wort- und begriffsgeschichtlichen Arbeiten trug er zu einer vertieften Kenntnis religionsgeschichtlicher Zusammenhänge bei. In Ablehnung von Harnacks Intellektualismus war seine Forschung dabei stets von einer Hochschätzung des religiösen Gefühls geprägt. Mangels eigener Kenntnisse des Semitischen und theol. Einzelaspekte arbeitete er eng mit dem Göttinger Neutestamentier und führenden Mitglied der sog. „Religionsgeschichtlichen Schule“ Wilhelm Bousset (1865–1920) zusammen. Beide untersuchten die Ursprünge des Christentums als synkretistischer Religion und den Einfluß oriental. Mysterien sowie gnostischer, manichäischer und mandäischer Elemente. Speziell auf den iran. Charakter des Manichäismus machte R. Aufmerksam. Der in „Poimandres“ (Nachdr. 1922) von R. postulierte ägypt. Ursprung der Hermetik wird heute wieder ernsthaft erwogen. R.s Auseinandersetzung mit Albert Schweitzer darüber, ob bereits Paulus Kenntnisse des hellenist. Mysterienwesens besaß (Die hellenist. Mysterienreligionen, 1910, 31927, Nachdr. 31956 u. ö.), ist heute noch aktuell. R.s Artikel zur Formel „Glaube, Liebe, Hoffnung“ bei Paulus (in: Nachrr. d. Ges. d. Wiss. zu Göttingen, 1916, S. 367-416) löste eine heftige Kontroverse mit Adolf v. Harnack aus. Dieser sah durch die Behauptung, Paulus nehme auf ähnliche gnostische Wendungen Bezug, die Originalität des Christentums in Frage gestellt. In späten Werken beschäftigte sich R. mit dem frühchristl. Taufverständnis, dessen Motive er mit Hilfe der manichäischen Liturgien aufzuhellen suchte.|

  • Auszeichnungen

    D. theol. (Breslau 1917); Mitgl. d. Ges. d. Wiss. zu Göttingen (korr. 1904, o.|1914), d. Wiss. Ges. zu Straßburg u. d. Heidelberger Ak. d. Wiss. (ao. 1911, ausw. 1914); GHR (1911).

  • Werke

    Weitere W Poimandres. Stud. z. griech.-ägypt. u. frühchristl. Lit., 1904 (Nachdr. 1966);
    Hellenist. Wundererzz., 1906 (Nachdr. 1963);
    Der Anfang d. Lex. d. Photius, 1907;
    Die hellenist. Mysterienreligionen, 1910 (31927;
    Nachdr. 1956 u. ö.);
    Rel.gesch. u. Eschatol., in: Zs. f. d. neutestamentl. Wiss. u. d. Kunde d. älteren Kirche 13, 1912, S. 1-28;
    Historia Monachorum u. Historia Lausiaca. Eine Studie z. Gesch. d. Mönchtums u. d. frühchristl. Begriffe Gnostiker u. Pneumatiker, 1916;
    Das Iran. Erlösungsmysterium, Rel.geschichtl. Unterss., 1912;
    Die nord., pers. u. christl. Vorstellungen vom Weltuntergang, 1926 (Nachdr. 1967);
    Stud. z. antiken Synkretismus aus Iran u. Griechenland, 1926 (mit H. H. Schaeder, Nachdr. 1965);
    Antike u. Christentum, Vier rel.geschichtl. Aufss., 1963;
    Aufss. zu Horaz, Abhh. u. Vorträge aus d. J. 1908-1925, 1963;
    – Richard Reitzenstein (Jr.), R. R.s Schrr., in: E. Fraenkel u. a. (Hg.), FS R. R. z. 2. April 1931 dargebracht, 1931, S. 160-68 (vollst. Bibliogr. bis 1931, P)

  • Literatur

    M. Pohlenz, in: Nachrr. d. Ges. d. Wiss. zu Göttingen. Geschäftl. Mitt. 1930/31, S. 1-11;
    W. Fauth, in: Die Klass. Altertumswiss. an d. Georg-August-Univ. Göttingen, hg. v. C. J. Classen, 1989, S. 178-96 (P);
    RGG;
    BBKL 16;
    W. Bühler, in: Göttinger Gel. (P).

  • Portraits

    Bleistiftzeichnung, sign. WL, 1922 (Univ.bibl. Göttingen, Slg. Voit);
    mehrere Phot. (ebd. u. in Privatbes., Kopien im Archiv „Religionsgeschichtl. Schule“, Göttingen).

  • Autor/in

    Alf Özen
  • Empfohlene Zitierweise

    Özen, Alf, "Reitzenstein, Richard" in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 405-406 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118599615.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA