Lebensdaten
um 1450 bis nach 1519
Beruf/Funktion
Franziskaner ; Prediger ; Schwankdichter
Konfession
jüdisch,katholisch
Normdaten
GND: 118592114 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Pauli, Johannes

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Zitierweise

Pauli, Johannes, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118592114.html [12.12.2018].

CC0

  • Leben

    Die Biographie P.s läßt sich nur in Umrissen aus Selbstäußerungen rekonstruieren. Er stammte aus dem alemannischen Raum und lebte dort als Franziskaner der gemäßigten Richtung (Konventuale). Um 1480 begann er seine Tätigkeit als Prediger und Seelsorger, zwischen 1490 und 1494 läßt er sich als Lesemeister im Barfüßerkloster in Villingen nachweisen. Eine der Nonnen des dortigen Klarissenklosters, deren Beichtvater P. war, schrieb zwei Serien seiner dort gehaltenen Predigten mit, deren eine den „Streit zwischen Leib und Seele“, die andere den „Streit zwischen Vernunft und Willen“, ein zwischen Franziskanern und Dominikanern kontrovers diskutiertes Thema, behandelt. 1498 findet sich P. als Vorsteher der Franziskaner-Kustodie Basel, 1503-04 als Guardian des Klosters in Bern. Sein Aufenthalt 1504-10 als Guardian des Klosters in Straßburg wurde dadurch bedeutsam, daß er Predigten Geilers von Kaysersberg im Münster mitschrieb. 1515, wiederum als Lesemeister des Klosters in Schlettstadt, gab P. eine Sammlung von Predigten Geilers („Das Evangelibuch“), 1516 eine zweite („Die Emeis“), 1517 eine dritte („Die brösamlin“), alle bei Güninger in Straßburg, heraus. Wegen der deutsch übersetzten Narrenschiffpredigten Geilers (1520) kam es zum Streit mit dem Herausgeber der konkurrierenden Übersetzung, Geilers Neffen Peter Wickgram. 1519 lebte P. als Lesemeister im Kloster Thann (Elsaß), wo er das Vorwort von „Schimpf und Ernst“ datierte. Bald danach dürfte P. gestorben sein. Die Neuauflage dieses Werks von 1533 hat er nicht mehr besorgt.

    Die bedeutendste literarische Leistung P.s ist die Sammlung von 693 kurzen Erzählungen („exempeln, parabolen und hystorien“) unter dem Titel „Schimpf und Ernst“ (1522), die nach 90 Themen (Laster, Tugenden, Stände, Berufe u. a.) geordnet ist. In lockerer Folge wechseln Texte mit komischer Pointe („Schimpf“, d. h. Scherz, Spaß) mit solchen ernst moralisierenden Charakters, denen oft eine Nutzanwendung oder geistliche Auslegung zugefügt ist („Ernst“). Sie entstammen den verschiedensten Quellen: vorwiegend der lat. Predigt- und Exempelliteratur, so auch den Predigten Geilers (ca. 100 Texte), Legendensammlungen, aber auch Autoren des Altertums (Äsop, Disticha Catonis, Valerius Maximus, Frontinus), zu einem geringen Teil humanistischen Schwanksammlungen (Boccaccio, Poggio, Bebel). Einigen wenigen scheinen eigene Erlebnisse zugrunde zu liegen. Nach der Vorrede ist das Buch als Exempelsammlung für Prediger gedacht, aber auch zur Lektüre für Mönche und Nonnen bestimmt. Sein großer Erfolg – es wurde zu einem der beliebtesten Unterhaltungsbücher der 16. Jh. – reichte weit über den geistlichen Bereich hinaus auch in das prot. Bürgertum. Es wurde oft erweitert, umgearbeitet und neu aufgelegt und stand am Anfang der dichten Folge elsäß. Schwanksammlungen, deren Autoren (Jörg Wickram, Jakob Frey, Martin Montanus), es häufig als Vorlage benutzten.

  • Auszeichnungen

    Ausgg.: Schimpf u. Ernst, hg. v. H. Oesterley, 1866 (Neudr. 1967); dass., hg. v. J. Bolte, 2 Bde., 1924 (Neudr. 1972); Die Predigten J. P.s, hg. v. R. Warnock, 1970.

  • Literatur

    ADB 25;
    H. Stroszeck, Pointe u. poet. Dominanz, Dt. Kurzprosa im 16. Jh., 1970;
    R. G. Warnock, J. P.s thirty types of hypocrites, in: Res Publica Litterarum 2, 1979, S. 327-45;
    Silvia Schmitz, Weltentwurf als Realitätsbewältigung in J. P.s „Schimpf und Ernst“, 1982;
    M. Bambeck, Peire Cardenal, Guilhem de Montanhagol u. J. P, in: GRM 34, 1984, S. 351-55;
    ders., J. P. u. Konrad v. Eberbach, ebd. 35, 1985, S. 437 f.;
    A. E. Pearsall, J. P. (1450-1520) on the church and slergy, 1994;
    Y. Takahashi, Die Komik d. Schimpf-Exempel v. J. R, 1994;
    M. Ehrenfechter, Aspekte d. zeitgenöss. Zauberglaubens in Dichtungen d. 16. Jh., 1996;
    Kosch, Lit.-Lex.3;
    Vf.-Lex. d. MA;
    Killy.

  • Autor/in

    Walter Ernst Schäfer
  • Empfohlene Zitierweise

    Schäfer, Walter Ernst, "Pauli, Johannes" in: Neue Deutsche Biographie 20 (2001), S. 123 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118592114.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Pauli: Johannes P. Um das Jahr 1455 von jüdischen Eltern geboren (was indessen neuerdings bestritten wird), trat er früh zum Christenthum über, wurde in Straßburg Magister, dann Mitglied des Franciscanerordens und predigte schon 1479 in dem Kloster seines Ordens zu Thann im Elsaß. Im J. 1499 wurde er als ausgezeichneter Prediger zu dem von Franz Sabarra nach Oppenheim berufenen Convent entsandt. Von 1506—1510 war er Guardian des Barfüßerklosters in Straßburg, wo er die Predigten Geilers von Kaisersberg hörte, die er aufzeichnete und in den folgenden Jahren ausarbeitete. Die erste Sammlung derselben gab er als Lesemeister zu Schlettstadt 1515 unter dem Titel „Evangelibuch" heraus, der im folgenden Jahre eine andere, die „Emeis“, und 1517 eine dritte, die „Brösamlin“ folgte. Auch zu Villingen im Schwarzwalde war er kurze Zeit lang Lesemeister; 1518 versah er dasselbe Amt wieder in dem Kloster seines Ordens zu Thann, wo er 1519 die Schwanksammlung „Schimpf und Ernst“ vollendete, 1520 die bisher nur in lateinischer Uebersetzung von Jac. Other bekannten Predigten über Sebastian Brant's|Narrenschiff ins Deutsche zurückübersetzte und bis zu seinem nach 1530 erfolgten Tode verblieb. Ohne die Verdienste Pauli's um die Fixirung der Geilerschen Predigten schmälern zu wollen, muß doch ausgesprochen werden, daß der Schwerpunkt seiner Bedeutung in der Zusammenstellung des bereits erwähnten Schwankbuches „Schimpf und Ernst“ liegt, welches, in zahllosen Auflagen, Bearbeitungen und Nachahmungen verbreitet, einen sehr erheblichen Einfluß sowohl auf die allgemeine Bildung wie auf die Dichtung des XVI. Jahrhunderts ausgeübt hat.

    • Literatur

      C. Veith, Ueber den Barfüßer Johannes Pauli, Wien 1839. — J. M. Lappenberg, Ulenspiegel, Leipzig 1854. — J. Pauli, Schimpf und Ernst, herausgegeben von H. Oesterley, Stuttgart 1866 (Liter. Verein). — Betreffend die neuerdings bestrittene jüdische Herkunft Pauli's zu vgl. K. Eubel, O. S. F., Geschichte der oberdeutschen Minoriten-Provinz. Würzburg 1886.

  • Autor/in

    H. Oesterley.
  • Empfohlene Zitierweise

    Oesterley, Hermann, "Pauli, Johannes" in: Allgemeine Deutsche Biographie 25 (1887), S. 261-262 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118592114.html#adbcontent

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