Lebensdaten
1874 bis 1921
Sterbeort
Meran
Beruf/Funktion
Kunstsammler ; Kunstmäzen
Konfession
-
Normdaten
GND: 118590502 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Osthaus, Karl Ernst

Orte

Symbole auf der Karte
Marker Geburtsort Geburtsort
Marker Wirkungsort Wirkungsort
Marker Sterbeort Sterbeort
Marker Begräbnisort Begräbnisort

Zitierweise

Osthaus, Karl Ernst, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118590502.html [12.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    Aus e. Fam. v. märk. Unternehmern;
    V Ernst (1842–1902), Bankier in H., Mitinh. d. Fa. Asbeck, Osthaus u. Co., S d. Johann Heinrich (1803–81);
    M Selma (1852–74), T d. Wilhelm Funcke (1820–96), Schraubenfabr. (s. NDB V), u. d. Adeline de Raadt (1826–96);
    Stief-M Laura Funcke (1854–1932, Schw d. Selma);
    Ur-Gvm Bernhard Wilhelm Funcke (gen. Griechenfuncke) (1793–1857), Indigokaufm., Bibliophiler;
    Om Wilhelm Funcke (1856–1910), KR, Schraubenfabr., nat.lib. Politiker (s. NDB V*, VII*);
    1899 (⚮) Gertrud ( 2] N. N. Stickforth, s. L, P), T d. Textilfabr. N. N. Colsman, aus Langenberg (Berg. Land);
    3 S, 2 T;
    E Manfred, Stadtbaurat, Mitgl. d. Kuratoriums Folkwang-Mus. Essen.

  • Leben

    O. brach die vom Vater nach dem Abitur in Hagen 1892 bestimmte Kaufmannslehre nach kurzem ab, um ein Kunst- und Philosophiestudium aufzunehmen. Er studierte u. a. in Kiel, München, Berlin, Straßburg und Wien, ohne jedoch einen Abschluß zu erwerben; politisch gehörte er dem deutschnationalen Spektrum an. Als ihn der Tod seiner Großeltern in den Besitz eines ansehnlichen Vermögens setzte, beschloß er – noch immer unentschlossen hinsichtlich seiner beruflichen Bestimmung –, für seine Sammlung von naturwissenschaftlichen, volkskundlichen und kunstgewerblichen Objekten ein Museum in seiner Heimatstadt zu errichten. Um 1900 lernte O. den Antwerpener Künstler und Architekten Henry van de Velde kennen, der ihn für die moderne Kunst begeisterte und für den schon bestehenden neo-klassizistischen Rohbau von Carl Gérard aus Berlin die Innenausstattung entwarf. 1902 wurde in Hagen das Museum „Folkwang“ (in entfernter Anlehnung an die ältere Edda etwa soviel wie 'Wiese des Volkes') feierlich eröffnet; O. erhoffte sich dadurch eine befruchtende Wirkung auf die Entwicklung der modernen Kunst wie auch eine „Geschmacksveredelung“ breiter Bevölkerungsschichten. Die ursprünglich gezeigte Sammlung wurde – unter Einfluß van de Veldes – zielstrebig und geschickt erweitert; schon 1901 war der Ankauf von Renoirs „Lise mit dem Sonnenschirm“, 1867, gelungen, es folgten Bilder von van Gogh, Gauguin, Seurat, Manet, Cezanne und Matisse sowie Plastiken von Rodin, Maillol, Lehmbruck und Archipenko. O. stand mit|den meisten Künstlern in regem persönlichen und brieflichen Kontakt und trat für sie – wie später auch für die „Brücke“-Maler – nachdrücklich in der öffentlichen Diskussion ein. Neben der Ausstellung bot das Haus – ähnlich wie die Darmstädter Mathildenhöhe – Künstlern und Kunstgewerblern Arbeits- und Ausstellungsmöglichkeiten, so etwa Christian Rohlfs, Emil Nolde, Johan Thorn Prikker und Milly Steger.

    O.s kunstpädagogische und -politische Ambitionen führten ihn zum Deutschen Werkbund, mit dessen finanzieller Unterstützung er 1909 das „Deutsche Museum für Kunst in Handel und Gewerbe“ in Hagen gründete. Die dort gezeigte Sammlung vorbildlich gefertigter kunstgewerblicher Produkte sollte gleichfalls geschmackserzieherisch wirken und dem Brückenschlag zwischen Künstlern, Herstellern und Verbrauchern dienen. Vom Museum konzipierte Wanderausstellungen waren in den folgenden Jahren in fast allen großen deutschen Städten zu sehen, zum Teil auch in Österreich, Belgien und der Schweiz, 1912/13 auch in Amerika. Für die Kölner Werkbund-Ausstellung 1914 erhielt O. die Einrichtung des Hagener Museumsraums übertragen; vor allem aber suchte er während und nach der Tagung, die ganz im Zeichen der von dem Architekten Hermann Muthesius ausgelösten Debatte über die „Typisierung“ stand, diesen als 2. Vorsitzenden abzulösen.

    O. bemühte sich auch um die Förderung des Hagener Theaterlebens (u. a. Gründung d. Hagener Theatervereins 1900, Neubau d. Theaters 1909–11), war Vorstandsmitglied des „Verbandes der Kunstfreunde am Rhein“ und Mitbegründer und Vorsitzender des „Sonderbundes“. Seit 1902 suchte er auf die architektonische Gestaltung seiner Heimatstadt im Sinne der Gartenstadt-Bewegung Einfluß zu nehmen. Für die als Villenvorort und Künstlerkolonie gedachte Siedlung „Hohenhagen“ verpflichtete er neben van de Velde und Peter Behrens u. a. Josef Hoffmann, August Endell und Walter Gropius. O. selbst ließ sich 1906 als privaten Wohnsitz den Hohenhof errichten, in dem er mit seiner Familie in einer von van de Velde bis ins Detail gestalteten Umgebung lebte. 1907 wurde der Bau der ersten Arbeitersiedlung „Walddorf“ begonnen, wofür O. den Auftrag an Richard Riemerschmid vermittelte. Bei der Gartenstadt Ernst war O. Teilhaber der Baugesellschaft; wegen Kriegsbeginn 1914 kamen die Pläne allerdings nicht zur Ausführung.

    1916 wurde O. zum Landsturm eingezogen, aus dem er seiner schwachen Gesundheit wegen jedoch bald wieder entlassen wurde. Frühere Aufsätze und Vorträge konnte er noch in einer Dissertation (Grundzüge d. Stilentwicklung, Würzburg 1918) zusammenzufassen, sein Glaube an die Wirksamkeit seiner kunstpolitischen Tätigkeit war indes schon längst deutlicher Ernüchterung gewichen. Mehrfach hatte er sich zu Verkäufen genötigt gesehen; die danach verbliebenen kunstgewerblichen Bestände des „Deutschen Museums“ gingen 1923 an das Kaiser-Wilhelm-Museum in Krefeld. Nach O.s Tod kamen die Folkwang-Sammlungen im Januar 1922 an die Stadt Essen, das dort geschaffene Museum Folkwang ist bis heute für die kulturelle Szene der Region von großer Bedeutung.|

  • Auszeichnungen

    Dr.-Ing. E. h. (Aachen).

  • Werke

    Die Durchgeistigung d. dt. Arbeit, Ein Ber. v. Dt. Werkbund, v. A. Vetter, K. E. O. u. Th. Fischer, 1911;
    1. Kat. Mus. Folkwang, 1912;
    Grundzüge d. Stilentwicklung, 1919;
    (H. C.) van de Velde, Leben u. Schaffen d. Künstlers, 1920;
    Alte Bauten d. Stadt Hagen i. W. u. ihrer näheren Umgebung, erw. Nachdr. d. Originalausg. 1904, hg. v. D. Hobein, 1993.

  • Literatur

    E. Lorenzen, in: Die gr. Deutschen IV, 1936;
    H. Hesse-Frielinghaus, in: Westfäl. Lb. IX, 1962, S. 145-62 (P);
    dies., A. Hoff, W. Erben u. a., K. E. O., Leben u. Werk, 1971 (P);
    W. Schulte, Westfäl. Köpfe, 1963, S. 235 f. (P);
    P. Vogt, Das Mus. Folkwang Essen, 1965 (Qu, P);
    J. Funcke, Ein Leben im Schatten von K. E. O., Frau G. Stickforth gewidmet, in: Hagener Heimatkal. 1974, S. 53 ff.;
    I. Osthaus, Die Gesch. d. Hohenhofs, ebd., S. 57 ff.;
    J. Campbell, Der dt. Werkbund 1907-1934, 1981;
    F. Zdenek, Der westdt. Impuls 1900-1914, Kunst u. Umweltgestaltung im Industriegebiet, Die Folkwang-Idee d. K. E. O., 1984;
    Emil u. Ada Nolde – K. E. u. Gertrud O., Briefwechsel, hg. v. H. Hesse-Frielinghaus, 1985;
    W. Gerber, Hagener Bohème, Menschen um O., 1990;
    B. Schulte (Hg), Henry van de Velde in Hagen, 1992;
    dies., Auf dem Weg z. e. handgreifl. Utopie, Die Folkwang-Projekte v. Bruno Taut u. K. E. O., 1994;
    A. Hackstein, Die K. E. O. Rezeption, 1996 (Qu, Verz. d. Schrr., Bibliogr., P);
    A. Lepik, Die Zurückführung d. Kunst ins Leben, in: Manet bis van Gogh, Hugo v. Tschudi u. d. Kampf um d. Moderne, Ausst.kat. München 1996, S. 302-06 (P);
    Das Schöne u. d. Alltag, Anfänge modernen Designs 1900-1914, Dt. Museum f. Kunst in Handel u. Gewerbe, Ausst.kat. Krefeld 1997.

  • Portraits

    Ölgem. v. J. Gerhardi, 1903;
    Ölgem. v. O. Pankok, Abb. b. H. Hesse-Frielinghaus, P. Vogt u. A. Hackstein (s. L). – Zu Gertrud: Bildnis v. A. Renoir, 1913 (Essen, Mus. Folkwang);
    Photo G. O. in e. v. van de Velde entworfenen Kleid, beides abgeb. b. H. Hesse-Frielinghaus (s. L).

  • Autor/in

    Barbara Gerstein, Regine Sonntag
  • Empfohlene Zitierweise

    Gerstein, Barbara; Sonntag, Regine, "Osthaus, Karl Ernst" in: Neue Deutsche Biographie 19 (1999), S. 624-625 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118590502.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA