Lebensdaten
1898 bis 1979
Geburtsort
Steinwiesen (Oberfranken)
Sterbeort
München
Beruf/Funktion
bayerischer Politiker
Konfession
katholisch
Normdaten
GND: 11858507X | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Müller, Joseph
  • "Ochsensepp" (genannt)
  • Müller, Josef
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Zitierweise

Müller, Josef, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd11858507X.html [14.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Georg (1851–1918), Kleinbauer in St., S d. Veit (1821–91) u. d. Margareta Stöcker (1831–87);
    M Margaretha Barbara (1862–1927), T d. Johann Rießgraf (1814–88), Flößer, u. d. Eva Druck (1820–84);
    B Wolfgang (1883–1957), Pfarrer in Rothenburg/|Tauber;
    München 1934 Maria (1909–96) aus Karlsruhe, T d. Georg August Lochner (1877–1913) u. d. Anna Pauline Karl (1880–1974), beide aus Röttingen/Tauber (Unterfranken);
    1 T Christa (* 1935), Geschäftsführerin in Gauting.

  • Leben

    M. besuchte seit 1910 als Seminarist des Ottonianums das Gymnasium in Bamberg. In den Ferien arbeitete er u. a. als Fuhrknecht; das trug ihm den Namen „Ochsensepp“ ein. Im November 1916 mußte M. zum bayer. Minenwerferbataillon IX einrücken; seit Februar 1917 kämpfte er an der Westfront. Zurückgekehrt gründete er in Bamberg eine Offiziersvereinigung, unter deren Schutz sich die von den Räten vertriebene Regierung Hoffmarin begab. M. holte das Abitur nach und studierte 1919-23 in München Jurisprudenz und Volkswirtschaft. 1925 wurde er bei Adolf Weber mit der Dissertation „Die deutsche Granitindustrie und ihre Konkurrenzmöglichkeiten auf dem Weltmarkt“ zum Dr. oec. publ. promoviert. Zwei Jahre später legte er das juristische Assessorexamen ab und eröffnete eine Anwaltskanzlei in München. Seit 1933 war M. zunehmend als Rechts- und Wirtschaftsberater für kirchliche Kreise und Institutionen tätig. Durch Domkapitular Johannes Neuhäusler, für den er nützliche Kurierdienste ins Ausland leistete, machte er in Rom die Bekanntschaft von Kardinalstaatssekretär Pacelli und dessen Sekretär P. Robert Leiber SJ sowie der Prälaten Ludwig Kaas und Hans Schönhöffer.

    Im September 1939 wurde M. von Wilhelm Canaris und Hans Oster namens der Militäropposition unter Ludwig Beck beauftragt, durch Vermittlung des Papstes Verbindung zu den Westmächten aufzunehmen, um deren Haltung nach einem geplanten Sturz Hitlers zu erkunden und Friedensgespräche vorzubereiten. Zur Tarnung wurde er im November 1939 als Oberleutnant in die Militärische Abwehr einberufen mit dem offiziellen Auftrag, über die Lage in Italien zu berichten. Durch den persönlichen Einsatz Pius' XII. kamen Anfang 1940 die gewünschten Kontakte mit der brit. Regierung zustande. Hans v. Dohnanyi schrieb auf Grund von M.s „römischen Gesprächen“ den sog. „X-Bericht“, der an Franz Halder und Walter v. Brauchitsch weitergeleitet wurde. Doch die Generäle konnten sich noch nicht zu einem Sturz Hitlers entschließen. Nachdem am 13.3.1943 das Attentat Henning v. Tresckows auf Hitler gescheitert war, wurde M. am 5.4. verhaftet und in das Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis nach Berlin gebracht. Bei einer Durchsuchung seiner Kanzlei fand man einen Bericht seines Mitarbeiters Randolf v. Breitbach über die politische und militärische Lage sowie den Plan eines Führerbunkers in Pullach. Im Hochverratsprozeß vor dem Reichskriegsgericht am 3.3.1944 wurde M. freigesprochen. Nachdem man den „X-Bericht“ bei Dohnanyi gefunden hatte, wurde M. („Herr X“) jedoch in das Reichssicherheitshauptamt und von dort im Februar 1945 über Buchenwald in das Konzentrationslager Flossenbürg gebracht. Er sollte – zusammen mit Canaris, Oster, Bonhoeffer u. a. – gehenkt werden, blieb aber durch einen Zufall verschont. Am 15.4. wurde er nach Dachau, dann über Innsbruck nach Südtirol transportiert. Hier wurde er am 4.5. von den Amerikanern befreit.

    Im neu entstehenden politischen Leben Bayerns fiel M. rasch eine zentrale Rolle zu. In seiner Münchener Wohnung in der Gedonstraße traf sich 1945-47 regelmäßig der „Mittwochkreis“ (auch „Ochsen-Club“ genannt), um über eine politische „Erneuerung aus dem Geist des Urchristentums“ zu diskutieren. Hier entstand in Fühlungnahme mit Adam Stegerwald die „Christlich-Soziale Union in Bayern“, für die M. als deren Vorsitzender am 8.1.1946 von der amerikan. Besatzungsmacht die Lizenzurkunde ausgehändigt bekam. Mitglied dieser „Sammlungspartei“ sollte jeder werden können, der sich – ungeachtet der Konfession – “zum Dekalog bekennt und zum Gebot der Nächstenliebe als Grundlage der sozialen Ordnung“. Die Persönlichkeit des Einzelnen müsse gestärkt werden gegenüber dem Sog der Vermassung und des Kollektivismus. Mit dieser Neugründung hatte sich M. gegenüber den konservativ-klerikalen Kreisen um Fritz Schärfer, Anton Pfeiffer und Alois Hundhammer durchgesetzt, die an eine Wiederbelebung der Bayer. Volkspartei (BVP) gedacht hatten, der M. vor 1933 ebenfalls angehört hatte. Bald sollte sich jedoch zeigen, daß er und seine Anhängerschaft – die junge Generation sowie das mehrheitlich prot. Franken – in die Defensive gedrängt wurden. M., der sich selbst als linker Flügelmann verstand, vermochte als Parteivorsitzender die Gegensätze innerhalb der CSU nicht auszugleichen. Wegen seiner engen Zusammenarbeit mit der CDU wurde er als Zentralist verdächtigt, wegen seiner häufigen Gespräche mit den Russen in Karlshorst und seiner Ideen zur Deutschlandpolitik als Kommunistenfreund. Auch seine Ablehnung des Entnazifizierungsgesetzes vom 5.3.1946 war umstritten; M. wünschte eine möglichst rasche Versöhnung innerhalb des Volkes. Als er in der Verfassunggebenden Landesversammlung die Institution eines bayer. Staatspräsidenten verhinderte, da er ein Erstarken von separatistischen und monarchistischen Tendenzen befürchtete, zog er sich die offene Gegnerschaft Hundhammers und eines Großteils seiner Partei zu. Nach der Landtagswahl vom 1.12.1946, in der die CSU die absolute Mehrheit gewonnen hatte, wurde M. zwar offiziell für das Amt des Ministerpräsidenten nominiert, aber Hundhammer setzte nach geheimen Verhandlungen mit der SPD und der Wirtschaftlichen Aufbau-Vereinigung (WAV) die Wahl Hans Ehards zum Ministerpräsidenten durch (21.12.1946). Am 20.9.1947 – im 2. Kabinett Ehard – übernahm M. das Justizministerium, gleichzeitig wurde er stellvertretender Minsterpräsident. Im Zusammenhang mit den während der sog. Auerbach-Affäre gegen ihn erhobenen Bestechungsvorwürfen trat er am 26.5.1952 zurück. Als Justizminister setzte sich M. für Reformen im Strafvollzug ein. Gefängnispsychologen wurden angestellt, ein Fonds für die Wiedereingliederung von Strafentlassenen wurde geschaffen.

    Auf der Landesversammlung der CSU am 29.5.1949 wurde-dank der massiven Unterstützung durch Hundhammer und Adenauer sowie angesichts des für die CSU bedrohlichen Erstarkens der Bayernpartei (BP) – Hans Ehard zum neuen Parteivorsitzenden gewählt. M. blieb bis 1962 Mitglied des Landtags; 1952-60 war er Bezirksvorsitzender der CSU in München. Ende 1959 ließ er sich als Kandidat für das Amt des Oberbürgermeisters von München aufstellen. Der sensationelle Wahlsieg seines Kontrahenten Hans-Jochen Vogel vom 27.3.1960 machte deutlich, daß M., der nur 22% Stimmen hatte erreichen können, den Zenit seiner politischen Wirksamkeit längst überschritten hatte. Er zog sich aus dem politischen Leben zurück und arbeitete wieder als Rechtsanwalt sowie als Hauptgesellschafter und Verwaltungsratsvorsitzender der Apparatebau Gauting GmbH, der Tiroler Graphik GmbH (Innsbruck) und des Universitätsverlags Wagner (Innsbruck). Vital und lebensfroh, jovial und unkonventionell, verstand es M., menschliche Wärme zu vermitteln und Sympathien zu gewinnen. Durch seine Meisterschaft im Improvisieren und seine Volksnähe, auch durch sein listenreiches Taktieren, ebnete er der CSU den Weg zur Volkspartei.|

  • Auszeichnungen

    Gr. Bundesverdienstkreuz mit Stern (1966).

  • Werke

    u. a. Bis zur letzten Konsequenz, Ein Leben f. Frieden u. Freiheit, 1975 (P).

  • Literatur

    J. H. Mauerer, Aus d. Leben u. d. pol. Wirken d. Dr. J. M. (Ochsensepp) 1945–65, 1967 (P);
    J. Neuhäusler, Amboß u. Hammer, Erlebnisse im Kirchenkampf d. Dritten Reiches, 1967;
    H. C. Deutsch, Verschwörung gegen d. Krieg, Der Widerstand in d. J. 1939–40, 1969;
    P. Hoffmann, Widerstand, Staatsstreich, Attentat, Der Kampf d. Opposition gegen Hitler, 1969, 31979;
    L. Niethammer, Entnazifizierung in Bayern, Säuberung u. Rehabilitierung unter amerikan. Besatzung, 1972 (1982 u. d. T.: Die Mitläuferfabrik, Die Entnazifizierung am Beispiel Bayerns);
    A. Mintzel, Die CSU, Anatomie e. konservativen Partei 1945–72, 1975, 21978;
    R. G. Gf. v. Thun-Hohenstein, Der Verschwörer, Gen. Oster u. d. Mil.opposition, 1982;
    P. J. Kock, Bayerns Weg in d. Bundesrepublik, 1983;
    K.-D. Henke u. H. Woller (Hrsg.), Lehrjahre d. CSU, Eine Nachkriegspartei im Spiegel vertraul. Berr. an d. Mil.reg., 1984;
    K. Köhler, Der Mittwochkreis beim „Ochsensepp“, Die Union wird geboren, in: Bayern 1945 – Demokrat. Neubeginn, Interviews mit Augenzeugen, hrsg. v. M. Schröder, 1985, S. 67-87 (P);
    A. Haußleiter, Der Sturz d. „Ochsensepp“, ebd., S. 89-104;
    J. Rölz (Buch) u. R. Gall (Regie), Der X-Bericht, Fernsehfilm 1986;
    S. Boenke u. K. v. Zwehl (Hrsg.), „Angesichts d. Trümmerfeldes …“, 1986 (P);
    F. H. Hettler, J. M. („Ochsensepp“), Mann d. Widerstandes u. erster CSU-Vors., 1991;
    Staatslex.

  • Portraits

    Denkmal mit Relief v. H. Schreiber, 1996, Steinwiesen.

  • Autor/in

    Franz Menges
  • Empfohlene Zitierweise

    Menges, Franz, "Müller, Josef" in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 430-432 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd11858507X.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA