Lebensdaten
1929 bis 1995
Geburtsort
Eppendorf (Sachsen)
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Dramatiker ; Regisseur ; Intendant
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118584944 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Müller, Heiner

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Zitierweise

Müller, Heiner, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118584944.html [16.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Kurt (* 1903), Angestellter in Waren (Mecklenburg), nach 1945 u. a. Bgm. in Frankenberg (Sachsen), seit 1951 in Reutlingen, Beamter in Tübingen, S d. Max Otto (* 1880) u. d. Anna Maria Suttner (* 1877);
    M Ella Ruhland (1905–94), Näherin;
    B Wolfgang (* 1941), Drehbuchautor;
    1) Kleinmachnow 1951 ( 1953, 1953) Rosemarie Fritsche ( 1955), 2) Berlin 1955 Inge (1925–66, Freitod), Lyrikerin (s. L), T d. Hubert Meyer (* 1890) in B., u. d. Elsa Elisa N. N. (* 1901), 3) Sofia 1968 ( 1980) Ginka Tscholakowa (* 1945) aus Stara Sagora (Bulgarien), 4) 1992 Brigitte Maria (* 1965) aus Regensburg, Photographin, T d. Gustav Mayer u. d. Erika Seeholzer;
    1 T aus 1), 1 Adoptiv-S aus 2), 1 T aus 4), 1 unehel. S.

  • Leben

    Die Inhaftierung des Vaters, der Sozialdemokrat war, 1933 in einem Konzentrationslager sowie dessen distanzierte Anpassung an das Regime nach der Entlassung ein knappes Jahr später prägten sich M. als irritierende Situation des Verlierers ein („Der Vater“, 1958). 1944 zum „Reichsarbeitsdienst“ eingezogen und zum „Werwolf“ ausgebildet, aber aufgrund einer Sehschwäche kaum eingesetzt, kehrte M. nach kurzer Gefangenschaft zu den Eltern nach Waren zurück und wurde beim Landratsamt beschäftigt. Sein Auftrag war, die Bibliotheken des Landkreises von „rechtslastigen“ Büchern zu „säubern“. Das gab ihm die Möglichkeit, seinen eigenen Lektüre-Fundus zu erweitern, u. a. um das Werk von Nietzsche und Ernst Jünger. Nach dem Abitur in Frankenberg 1949 versuchte M. vergeblich, als „Meisterschüler“ bei Bert Brecht am „Berliner Ensemble“ Fuß zu fassen. Als freier Schriftsteller schrieb er zunächst in Kulturzeitschriften der DDR und veröffentlichte erste literarische Arbeiten: Szenen, die die jüngste deutsche Vergangenheit im Verhältnis zum künftigen Aufbau des Sozialismus anhand von Alltagskonflikten darstellen; der Aufstand am 17. Juni 1953 in Berlin wurde dem Beobachter M. zu einem wichtigen Erfahrungsmaterial. 1956 wurde er wissenschaftlicher Mitarbeiter im Schriftstellerverband (Abteilung Drama). Mit den Werken des „Sozialistischen Realismus“ vertraut wie mit der antiken Literatur, Shakespeare, der Klassik und der Moderne, benutzte er seine Lektüren als stoffliche Grundlage für eigene Texte. 1959 erhielt er zusammen mit seiner zweiten Frau den „Heinrich-Mann-Preis“ für das Stück „Der Lohndrücker“ (1957). Aber seine 1961 auf einer Berliner Studentenbühne geprobte Bauernkomödie „Die Umsiedlerin oder Das Leben auf dem Lande“ (nach Motiven von Anna Seghers Erzählungen) wurde nach der Premiere im September 1961 von der Partei vernichtend kritisiert und sofort abgesetzt. Die Begründung lautete, das Stück stelle die Bodenreform von 1945 und die Kollektivierung von 1960 so dar, daß es alle Vorurteile des Klassenfeinds bestätige. M. wurde aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen und schlug sich zunächst mit literarischen Gelegenheitsarbeiten durch. Auch sein nächstes Stück „Der Bau“ (1964, nach dem Roman „Spur der Steine“ von Erich Neutsch), das in Versform die DDR als „Großbaustelle“ allegorisiert, wurde trotz vieler Umarbeitungen nicht akzeptiert. – Der „Abschied“ von seiner Frau, die sich 1966 das Leben nahm, wirkte in späteren Texten – von der „Todesanzeige“ (1968) bis zur „Bildbeschreibung“ (1984) – weiter. In den Dramen der 70er und 80er Jahre treten die Frauenfiguren als Todesboten auf: Medea in verschiedenen Variationen, Ophelia/Elektra, Merteuil („Hamletmaschine“, 1977; „Quartett“, 1980; „Verkommenes Ufer Medeamaterial Landschaft mit Argonauten“, 1983).

    Erst mit seiner Bearbeitung von „Ödipus Tyrann“ (1967, nach Hölderlin), inszeniert von Benno Besson, fand M. wieder öffentliche Aufmerksamkeit. Sein Schauspiel „Philoktet“, eine eigenständige Version nach Sophokles' Tragödie, machte M. im Westen bekannt: Die Uraufführung fand 1968 in München (Regie: Hans Lietzau) statt. Die Themen Krieg, Ausschluß des Einzelnen und Versuch, ihn in den Kampf zurückzuholen, Schuld und „Notwendigkeit“ zu töten, enthalten im Hintergrund die Auseinandersetzung mit einer terroristischen Macht (Stalinismus). Die Stücke „Der Horatier“ (1968) und „Mauser“ (1970) schließen sich diesen Themen immer konzentrierter an, halten sich in der Form an Brechts Lehrstücke, radikalisieren die Konflikte, und wurden, wie auch „Philoktet“, in der DDR erst spät aufgeführt. M., der seit Ende der 60er Jahre, u. a. als Dramaturg, eine kontinuierliche Verbindung zum Theater hielt, schrieb auch im folgenden Stücke, die an Theatern im Osten keine Aufnahme fanden: „Germania Tod in Berlin“ (1956/1971), „Macbeth“ (1972) und „Leben Gundlings Friedrich von Preußen Lessings Schlaf Traum Schrei“ (1976). Auch die kombinierte Inszenierung von „Die Schlacht – Szenen aus Deutschland“ (1951/74) und „Traktor“ (1955/61/74) blieb im Osten ein Einzelfall. Eine Ausnahme bildete „Zement“ (1972) in der Inszenierung von Ruth Berghaus am „Berliner Ensemble“. Das Bürgerkriegsdrama nach dem Roman des sowjetischen Schriftstellers Fjodor Gladkow entfachte eine „wissenschaftliche“ Diskussion, nachdem M.s Macbeth-Version ihm zuvor den Grundsatzvorwurf, „Geschichtspessimist“ zu sein, eingetragen hatte. „Zement“ wurde „positiv“ als historische Möglichkeit, sozialistische Ideale zu formulieren, interpretiert. Im Westen hingegen wurde die 1977 entstandene, in der DDR nicht gedruckte „Hamletmaschine“ (UA: 1979, Jean Jourdheuil, Paris) zum „Durchbruch“ am Theater: eine Selbstreflexion des marxistischen Intellektuellen angesichts seiner Ohnmacht, in die Geschichte einzugreifen; sie ist geprägt von der Idee eines avantgardistischen, „postdramatischen“ Theaters.

    Seit Mitte der 70er Jahre bekam M. wiederholt die Erlaubnis, in das westliche Ausland zu fahren. So konnte er 1975 eine Gastdozentur in Austin/Texas (USA) wahrnehmen und weitere Reisen in Amerika anschließen. M. wurde zum Wanderer zwischen den Welten. Er stehe, sagte er 1981, „mit je einem Bein auf den zwei Seiten der Mauer. Das ist vielleicht eine schizophrene Position, aber mir scheint keine andere real genug“. – „Der Auftrag“ (1979) gab M. die erste Möglichkeit, als Regisseur im Osten und bald darauf im Westen als Theater-Praktiker anerkannt zu werden. 1983 arbeitete er mit dem amerikan. Theaterkünstler Robert Wilson in Köln zusammen an dem deutschen Teil eines Welttheater-Projekts „CIVIL warS“. Wilsons innovativer Theaterraum, das Zusammenspiel extremer Zeiteinheiten in den Bühnenbildern, ihrer Beleuchtung, den Körperbewegungen und dem Textsprechen haben M.s weitere Theater-Arbeit beeinflußt. Nicht zuletzt durch Wilsons Inszenierung der „Hamletmaschine“ 1986, erst in New York, dann in Hamburg mit Theaterstudenten, fand M. größere internationale Beachtung. Seine fünfteilige Szenenzusammenstellung „Wolokolamsker Chaussee“ (Titel nach einem Roman von A. Bek, zwischen 1983 und 1987 entstanden) stellte wiederum die Geschichte als Krieg dar, die Gewalt als Tragödie mit eingebauter Farce (IV Kentauren). Als „Requiem für einen Staat“ entstand am Ende des DDR-Sozialismus im Herbst 1989 M.s Inszenierung von „Hamlet“/“Hamletmaschine“ am Deutschen Theater. Mit dem Prozeß der Wiedervereinigung widmete M. sich – neben der vorläufigen Präsidentschaft an der Akademie der Künste Berlin/Ost – zusammen mit namhaften Theaterleuten der Leitung des „Berliner Ensembles“, das er schließlich allein führte.

    Seit Mitte der 70er Jahre hatte sich M. in Gesprächen zu Literatur-, Kunst- und Zeitgeschichte als Kommentator und Interpret geäußert. Sie sind in verschiedenen Sammelbänden dokumentiert. In der Autobiographie „Krieg ohne Schlacht, Leben in zwei Diktaturen“ (1992) charakterisiert er in einem Anhang zur zweiten Auflage 1994 die Art seiner Beziehung zur Staatssicherheit als eine „Schadensbegrenzung gegen die wachsende Hysterie der Macht“. Vielleicht ist auch dieser Satz als ein Teil seiner künstlerischen Arbeit zu verstehen.|

  • Auszeichnungen

    Heinrich-Mann-Preis (mit Inge M., 1959), Lessing-Preis (1975), Mühlheimer Dramatikerpreis (1979), Hörspielpreis d. Kriegsblinden (1985), Georg-Büchner-Preis (1985), Nat.preis 1. Kl. d. DDR (1986), Kleist-Preis (1990), Europ. Theaterpreis (1991), Berliner Theaterpreis d. Stiftung Preuß. Seehandlung (1996).

  • Werke

    Texte 1-11, 1974-1989;
    Rotwelsch, 1982;
    Ich bin e. Neger, 1986;
    Gesammelte Irrtümer, Interviews u. Gespräche, 3 Bde., 1986-94;
    Zur Lage d. Nation, 1990 (Interview mit F. M. Raddatz);
    Jenseits d. Nation, 1991 (Interview mit dems.);
    Gedichte, 1992;
    Mommsens Block, 1993 (ep. Gedicht);
    Ich|schulde der Welt einen Toten, 1995 (Gespräch mit A. Kluge);
    Germania 3 Gespenster am toten Mann, 1996.

  • Literatur

    G. Schulz, H. M., 1980 (W-Verz., L);
    M. Silberman, H. M., 1980;
    Th. Girshausen, Realismus u. Utopie, Die frühen Stücke H. M.s, 1981;
    G. Wieghaus, H. M., 1981;
    ders., Zwischen Auftrag u. Verrat, Werk u. Ästhetik H. M.s, 1984;
    Text u. Kritik, hrsg. v. H. L. Arnold, Nr. 73: H. M., 1982;
    A. A. Teraoka, The Silence of Entropy or Universal Discourse, The postmodernist Poetics of H. M., 1985 (W, L);
    W. Storch (Hrsg.), Explosion of a Memory, H. M. DDR, Ein Arbeitsbuch, 1988 (P);
    N. O. Eke, H. M., Apokalypse u. Utopie, 1989 (W, L);
    B. Gruber, Mythen in d. Dramen H. M.s, Zu ihrem Funktionswandel in d. J. 1958-1982, 1989;
    F. Hörnigk (Hrsg.), H. M., Material, Texte u. Kommentare, 1989;
    J. Fiebach, Inseln d. Unordnung, Fünf Versuche zu H. M.s Theaterszenen, 1990;
    P. G. Klussmann, H. Mohr u. G. Laschen, Spiele u. Spiegelungen v. Schrecken u. Tod, Zum Werk v. H. M., 1990;
    F. Maier-Schaeffer, H. M. et le „Lehrstück“, 1991;
    F.-M. Raddatz, Dämonen unterm Roten Stern, Zur Gesch.phil. u. Ästhetik H. M.s, 1991 (W, L);
    Th. Eckardt, Der Herold d. Toten, Gesch. u. Pol. b. H. M., 1992;
    R. Herzinger, Masken d. Lebensrevolution, Vitalist. Zivilisations- u. Humanismuskritik in Texten v. H. M., 1992 (W, L);
    A. Keller, Drama u. Dramaturgie H. M.s zw. 1956 u. 1986, 1992, 21994 (W, L);
    H. M. – Rückblicke, Perspektiven, hrsg. v. Th. Buck u. J.-M. Valentin, 1995;
    I. Schmidt u. F. Vaßen, Bibliogr. H. M.s 1948-1992, 1993;
    Krit. Lex. d. Gegenwartslit., hrsg. v. H. L. Arnold, 1986 (Th. Buck);
    Kosch, Lit.-Lex.3;
    KLL;
    Killy;
    DLB 124;
    Metzler Autoren-Lex., hrsg. v. B. Lutz, 21994 (G. Schulz, P). - Zu Inge: J. Serke, in: SZ Nr. 142 v. 22.6.1996 (P).

  • Portraits

    Phot. in: Theater Heute, Jb. 1995 u. H. 2, 1996;
    Theater d. Zeit, Sonderh. H. M. 1996;
    H. M., Ein Gespenst verläßt Europa, Fotographien v. S. Bergemann, 1990.

  • Autor/in

    Genia Schulz
  • Empfohlene Zitierweise

    Schulz, Genia, "Müller, Heiner" in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 403-405 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118584944.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA