Lebensdaten
1631 bis 1675
Geburtsort
Lübeck
Sterbeort
Rostock
Beruf/Funktion
lutherischer Theologe ; Prediger ; Schriftsteller
Konfession
lutherisch
Normdaten
GND: 118974408 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Müller, Heinrich
  • Mullerus, Henricus
  • Müller, Henrich
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Zitierweise

Müller, Heinrich, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118974408.html [17.09.2019].

CC0

  • Genealogie

    V Peter (1590–1658) aus Tondern, Kaufm., Mitgl. d. Sechzehner Ausschusses d. Bürgerschaft u. Kirchenvorsteher an St. Marien in R., S d. Kaufm. Heinrich u. d. Anna Split;
    M Ilsabe, T d. Matthäus Stubbe, Bürger zu R., u. d. Ilsabe Schmiedes;
    Rostock 1654 Margarethe Elisabeth ( n. 1675), T d. Michael Sibrand, Kirchenvorsteher an St. Marien in R.;
    5 S, 1 T, u. a. Caspar Matthäus (1662–1717), Prof. d. Moral, seit 1700 d. Rechte, an d. Univ. Rostock (s. Jöcher-Adelung).

  • Leben

    M. wuchs in Rostock auf, wo er die Lateinschule besuchte und gleichzeitig Unterricht von Dozenten der Universität in orientalischen Sprachen und philosphischen Fächern erhielt. 1648 begann er in Greifswald das Studium der Theologie, wechselte 1650 nach Rostock, erwarb 1651 den Magistergrad und wurde in die Philosophische Fakultät aufgenommen. Es folgte eine Bildungsreise durch Norddeutschland, die er wegen Kränklichkeit, unter der er sein Leben lang litt, abbrechen mußte. 1653 gab er eine „Methodus politica“ heraus, die aus seiner Lehrtätigkeit entstanden war. Aufmerksamkeit erregte er mit seinen Predigten, so daß er im selben Jahr zum Archidiakon an St. Marien in Rostock berufen wurde. 1655 bestand M. die Prüfung für den theologischen Doktorgrad, wurde aber nicht promoviert, weil seine geistliche Stellung der Würde nicht entsprach. Er bezeichnete sich daher als S. S. Theol. Doctorandus. Der Rostocker Rat übertrug ihm dennoch eine außerordentliche theologische Professur, auf die M. jedoch verzichtete, da der Landesherr als Mitpatron der Universität Einwände geltend machte. 1659 erhielt er die rätliche Professur der griech. Sprache, die eine theologische Promotion in Rostock ausschloß. Heimlich reiste er deshalb nach Helmstedt und ließ sich hier Ende 1660 zum Doktor der Theologie promovieren. Es gelang ihm schnell, die Verstimmung darüber in Rostock zu dämpfen. Man begnügte sich mit seinen Erklärungen, er habe das Ansehen der Fakultät nicht geschädigt und stehe fest zur Konkordienformel. 1662 wurde M. Dekan der Philosophischen Fakultät, bald darauf o. Professor der Theologie und erster Pastor an St. Marien. M. bewarb sich 1664 ohne Erfolg um Hauptpastorate in Lübeck und Hamburg. Nach diesen Fehlschlägen begnügte er sich mit seinen Ämtern in Rostock. 1663/64, 1669/70 und 1670 war er Dekan der Theologischen Fakultät, 1663/64, 1665/66 und 1669/70 Rektor der Universität. 1671 wurde er Superintendent.

    Das lat., wissenschaftliche Werk M.s ist aus dem Geist der luth. Orthodoxie geschrieben und weist keine neuen Wege. Seine deutschen Schriften, umfangreiche Predigtsammlungen und Andachtsbücher, sind dagegen aus der unmittelbaren Arbeit mit der Gemeinde erwachsen. Sie stehen auf dem Boden der luth. Lehre, öffnen sich aber in Anschluß an Johann Arndt mystischem Gedankengut. M. wollte das Geglaubte fühlen, „schmecken“. So führte er die Orthodoxie zum Pietismus, ohne sich des Gegensatzes bewußt zu werden. Kurz vor seinem Tode kam es zu einem Briefwechsel mit Philipp Jakob Spener. M.s Andachtsbücher wurden häufig neu aufgelegt, die „Geistlichen Erquickstunden“ (1664) in Auszügen bis ins 20. Jh. Sein Gesangbuch „Geistliche Seelenmusik“ (1659) hat seinen Schwerpunkt bei neuerem Liedgut und trug wesentlich zu dessen Verbreitung bei. Die von M. selbst verfaßten Lieder sollten|der Privatandacht dienen und blieben bis ins 20. Jh. in Gebrauch. Seine einleitenden Betrachtungen hatten programmatische Bedeutung für die neue Art des verinnerlichten Singens. Die bildhafte und klare Sprache war die Grundlage für die nachhaltige Wirkung seiner Bücher. Der Text der Matthäus-Passion Johann Sebastian Bachs beruht offenbar auf Passionspredigten M.s.

  • Werke

    Weitere W u. a. Himml. Liebes-Kuß …, 1659 (P);
    Geistl. Seelen Musik Bestehend In zehen betrachtungen u. vier hundert Gesängen …, mit Kompositionen v. Nicolaus Hasse, darin Himml. Liebes-Flamme, 1659 (P);
    Creutz- Buß- u. Beet-Schule …, 1661 (P);
    Fest-Epistol. Schluß-Kette …, 1667 (P);
    Ungeratene Ehe …, 1668 (P);
    Geistl. Danck-Altar …, 1669, 1670;
    Jesus patiens, 1669;
    Ev. Schluß-Kette …, 1672 (P);
    Thränen- u. Trost-Quelle …, 1675;
    Göttl. Liebes-Flamme …, 1676;
    Ev. Hertzens-Spiegel …, hrsg. v. J. C. Heinisius, 1679;
    Gräber Der Heiligen/Mit christl. Leich-Predigten …, hrsg. v. J. C. Heinisius, 1685 (P) (v. M. gehaltene Leichenpredigten, Predigt v. Barclai, Progr. d. Univ. u. Trauergedichte auf M., s. L).

  • Quellen

    Qu. Univ.archiv Rostock (Liber tertius Facultatis Theologicae u. „Personalakte“ H. M.); Stadtarchiv Rostock (Geistl. Ministerium); Die Matrikel d. Univ. Rostock, III, hrsg. v. A. Hofmeister, 1895 (s. Register, 1919).

  • Literatur

    ADB 22;
    L. Barclai, Klagstimm uber d. unheilbahren Schaden Babels, 1675 (Lpr. auf M.);
    Joachim S(chröder), Eines Geistl. Weld- Kirchen- u. Seelen-Artztes kurtzer Abris u. Spiegel, 1675 (Lpr. auf M.);
    Progr. d. Univ. u. Gedichte auf M.s Tod (s. W, Gräber Der Heiligen);
    Etwas v. gel. Rostockschen Sachen, 1741, S. 137-42 (biogr. Abriß u. W-Verz.);
    Weitere Nachrr. v. gel. Rostockschen Sachen, 1743, S. 296-314, 398 f.;
    Die Alten Tröster, Ein Wegweiser in d. Erbauungslitteratur d. ev.-luth. Kirche d. 16. bis 18. Jh., hrsg. v. C. Große, 1900 (Verz. d. Nachdrucke bis z. Ende d. 19. Jh., S. 236-52);
    D. Winkler, Grundzüge d. Frömmigkeit H. M.s, Diss. Rostock 1954 (ungedr., W-Verz.);
    Ch. Bunners, Kirchenmusik u. Seelenmusik, Stud. zu Frömmigkeit u. Musik im Luthertum d. 17. Jh., 1964, S. 113-67;
    E. Axmacher, Ein Qu.fund z. Text d. Matthäus-Passion, in: Bach-Jb. 1978, S. 181-91;
    dies., „Aus Liebe will mein Heyland sterben“, Unterss. z. Wandel d. Passionsverständnisses im frühen 18. Jh., 1984, S. 28-52, 170-85;
    PRE;
    G. Willgeroth, Die Mecklenburg-Schwerinschen Pfarren seit d. 30jähr. Kriege, III, 1925, S. 1417;
    RGG4;
    MGG IX;
    Biogr. Lex. f. Schleswig-Holstein u. Lübeck, IX, 1991;
    Biogr. Lex. f. Mecklenburg, I, 1995.

  • Portraits

    Gem. in d. St. Marienkirche zu Rostock.

  • Autor/in

    Helge Bei der Wieden
  • Empfohlene Zitierweise

    Bei der Wieden, Helge, "Müller, Heinrich" in: Neue Deutsche Biographie 18 (1997), S. 405-406 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118974408.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA

  • Leben

    Müller: Heinrich M., Professor der Theologie und berühmter Prediger, war am 18. October 1631 in Lübeck geboren, wohin seine Eltern, unter den Drangsalen des 30jährigen Krieges, von Rostock, wo der Vater, aus Schleswig-Holstein stammend, als angesehener Kaufmann lebte, geflüchtet. Nach dem Frieden konnten sie gegen Ende des Jahres jedoch wieder in ihre Heimath zurückkehren. Unser M. besuchte hier nun die große Stadtschule unter dem wackeren Rector Jeremias Nigrinus und wurde nebenbei von dem jungen westfälischen Magister Joh. Fabricius unterrichtet, dem er viel verdankte. Er widmete sich darauf zuerst philosophischen Studien an der heimischen Universität, namentlich unter Professor Joachim Lütkemann und ging dann 1647 nach Greifswald, um dort Theologie zu studiren. Die Professoren Abraham Battus und Joh. Beringa waren hier seine Lehrer. 1650 heimgekehrt, setzte er zu Hause seine theologischen Studien noch fort, ward 1651 Magister und trat dann, nach Zeitgebrauch, eine gelehrte Reise an, auf der er verschiedene deutsche Universitäten besuchte und gelehrte Bekanntschaften anknüpfte. Davon zurückgekommen wurde er in die philosophische Facultät zu Rostock aufgenommen und fing er an Collegien zu lesen und Disputirübungen anzustellen. 1652 erschien seine erste Schrift: „Scrutinium Davidicum, quod exhibet titulum et oeconomiam Psalmi IX.“ 1653 folgte sein „Methodus politicus“, ein philosophisch wissenschaftlicher Versuch über den Staat und die Staatseinrichtungen, veranlaßt durch die Schriften von Hobbes. Auch predigte er häufig und gern, welches veranlaßte, daß er zugleich zum Archidiaconus an St. Marien erwählt ward, erst 22 Jahre alt. 1655 ward er nebenbei zum Professor der griechischen Sprache an der Universität ernannt. Während er bei sorgfältiger Vorbereitung auf seine Predigten sich immer mehr in die heilige Schrift vertiefte, empfand er das Bedürfniß auch theoretisch sich Rechenschaft zu geben von der Methode des Predigens. Daraus erwuchs sein Buch „Orator ecclesiasticus“, 1659, 2. Aufl. 1670. Es ist auffallend, daß dieses Werk so wenig Berücksichtigung in der homiletischen Litteratur gefunden hat. Es ist in der That noch immer sehr beachtenswerth. Der Verfasser hat gewußt die rhetorischen Anweisungen der Alten mit christlichem Geist und Leben zu durchdringen. In demselben Jahre erschien seine „Geistliche Seelen-Musik, eine Sammlung von 400 Gesängen neben 10 Betrachtungen“. M. ist auch selbst geistlicher Liederdichter und sind einige seiner Gesänge in verschiedene Kirchengesangbücher aufgenommen. Damals im Jahre 1674 erschien auch sein „Himmlischer Liebeskuß“, ein weitverbreitetes „Erbauungsbuch“, das noch immer wieder neu gedruckt wird. 1662 war er von der Universität Helmstädt, mit der er seit seiner Reise einige Verbindung unterhalten, zum Dr. theol. creirt, in demselben Jahre rückte er auf zum Pastor an St. Marien und ward auch als Professor in die theologische Facultät versetzt. Als solcher lieferte er eine Reihe gelehrter Abhandlungen, zum Theil akademische Gelegenheitsschriften, z. B. „Disp. theol. exhibens Calvinianorum absolutum reprobationis decretum ut absolutum in fide errorem“, 1663, bestreitet entschieden die calvinische Gnadenwahl. „Quaestionum selectarum Theologicarum Semi-Centuria", 1664. „Harmonia V. et N. T. chronalogia“, 1668. „Theologia scholastica“, 1670, vom Wesen Gottes und der Dreieinigkeit etc. Vorzüglich ragte M. als Prediger hervor. Seine Predigten, mit ihrem reichen aus der Tiefe des Evangeliums geschöpften Inhalt, haben in ihrer mannigfachsten Form stets den Zweck, die Gnade Gottes an die Herzen zu bringen. Er äußert sich selbst über die Predigt (Geistliche Erquickstunden Nr. 157): „Der Prediger soll vom Herz ins Herz predigen, was nicht von Herzen geht, geht auch nicht zu Herzen. — Prediger sind Säugammen der Gemeinde, sollen gesunde, süße Milch geben, so müssen sie zuvor selbst die Speise des göttlichen Wortes schmecken, kauen, dauen und ins Leben wandeln. — Bienen müssen sie sein, die sich selbst zuvörderst, darnach Andere mit Honig satt machen." — Aus seinen Schriften leuchtet überall tiefe Einsicht in die göttliche Wahrheit und genaue Kenntniß des menschlichen Herzens heraus. Alles, was er sagt, ist praktisch (Harnack, prakt. Theol. III, 130). Seine Predigten vereinigen die eingehendste Gründlichkeit der Schriftbenutzung mit der größten Frische, durchschnittlich eine Reinheit der Darstellung und bewunderungswürdigen Gedankenreichthum mit der eindringlichsten Macht sittlichen Ernstes (Kahnis, Gang d. Protestant., 3. Aufl., S. 120). Seine Predigten sind seit ihrem Erscheinen immer wieder neu gedruckt und finden noch fortwährend sehr weite Verbreitung. Es sind namentlich „Apostolische Schlußkette", 1663; „Evangelische Schlußkette", 1672; „Kreuz-, Buß- und Betschule", 1661; „Christlicher Dankaltar", 1669; „Thränen- und Trostquelle", 1675. — 1671 ward ihm auch die Superintendentur übertragen. Er starb nach einem thatenreichen Leben am 25. September 1675. Er hinterließ zahlreiche Manuscripte. Aus denselben sind herausgegeben: „Evangelischer Herzensspiegel“, 1679 (umgearbeitet von Rußwurm 1841). Der größere Theil derselben verbrannte leider 1677 mit seiner werthvollen Bibliothek in einem Feuerbrand. Vorzügliche Verbreitung hat auch sein Andachtsbuch „Geistliche Erquickstunden“, zuerst 1664 gefunden und wird noch viel gebraucht. — Mit seltenen Gaben des heiligen Geistes ausgerüstet, erscheint M. als einer der würdigsten und in seinem Einfluß tiefgreifendsten Repräsentanten seiner Zeit, die die Wiedererneuerung der Kirche angestrebt haben.

    • Literatur

      Witten, Memoria theologorum 1684 p. 1810 ss. Kreis, Rostock. Theol., 1523. Molleri Cimbria litt. I et III, 492. Bougine II, 459. Bittcher, H. M. als geistl. Redner, in Tholuck, Liter. Anzeiger 1844, Nr. 15—18. O. Krabbe, H. M. u. s. Zeit, Rostock 1866. Aichel, Dr. H. M., Hamb. 1854. Klaiber, Evang. Volksbibliothek, 1864, Bd. III (Auszüge a. s. Schr.). Koch, Gesch. d. Kirchenlieds, Bd. IV, 367. Rußwurm vor s. Ausg. d. geistl. Erquickstunden, 1841.

  • Autor/in

    Carstens.
  • Empfohlene Zitierweise

    Carstens, Carsten Erich, "Müller, Heinrich" in: Allgemeine Deutsche Biographie 22 (1885), S. 555-556 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118974408.html#adbcontent

    CC-BY-NC-SA