Lebensdaten
1881 bis 1937
Geburtsort
Hongkong (China)
Sterbeort
Berlin
Beruf/Funktion
Wirtschaftstheoretiker ; Wirtschaftspolitiker
Konfession
evangelische Familie
Normdaten
GND: 118583018 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Moellendorff, Wichard von
  • Moellendorff, Wichard Georg Otto von
  • Moellendorff, Wichard Georg von
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Zitierweise

Moellendorff, Wichard von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118583018.html [18.11.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Otto Franz (s. 3);
    Ov Paul Georg (s. 2);
    - 1) Charlottenburg 1904 ( 1934) Elisabeth (* 1884), T d. Oskar Erdmann (1846–95), Prof. d. Germanistik in Kiel (s. ADB 48), u. d. Martha Hölzel, 2) 1935 Erika Dienstag (1909–37, isr.);
    1 S, 1 T aus 1).

  • Leben

    M. studierte 1901-06 an der TH Charlottenburg Maschinenbau. Danach nahm er eine Stelle als Ingenieur bei der Allgemeinen Electricitäts-Gesellschaft (AEG) an, wo er ein metallurgisches Laboratorium gründete. Schon früh interessierte er sich für Probleme der Wechselwirkungen zwischen Technik, Industrie, Kultur, Politik und Nationalökonomie. Mit Maximilian Harden und Walther Rathenau freundschaftlich verbunden, wandte er sich der Publizistik zu; seit 1912 schrieb er kulturkritische Artikel, u. a. für Hardens Zeitschrift „Die Zukunft“. In diesen frühen Schriften drückte er seine starke Besorgnis über die geistigen und politischen Folgen eines materialistisch-individualistischen, auf Profit und nicht auf das Gemeinwohl ausgerichteten Wirtschaftsethos in Deutschland aus. Er zweifelte an der Fähigkeit Deutschlands, sich selbst sittlich, organisatorisch und wirtschaftlich zu erneuern.

    Nach Kriegsausbruch spielte M. eine herausragende Rolle bei der Gestaltung der Kriegswirtschaft, vor allem bei der Rohstoffbewirtschaftung. Die Idee, die zur Gründung der Kriegsrohstoffabteilung führte, ging 1914 von ihm aus. 1915/16 Direktor der Kriegschemikalien AG, war er seit 1916 u. a. als Reichskommissar für die Reichsstickstoffwerke Piesteritz, Chorzow und Golpa, als Reichskommissar für Kalkstickstoff, als technisch-wissenschaftlicher Berater im Waffen- und Munitionsbeschaffungsamt im Kriegsamt und als Referent im Reichskommissariat für die Übergangswirtschaft tätig. 1918 wurde M. Professor für Nationalökonomie an der TH Hannover. Seine kriegswirtschaftlichen Erfahrungen fanden u. a. ihren Niederschlag in der Broschüre „Deutsche Gemeinwirtschaft“ (1916). M. hoffte, daß die Begeisterung und Opferbereitschaft der Kriegszeit zu einem neuen deutschen Gemeinsinn führen werde, der auf kollektivem Pflichtbewußtsein und wirtschaftlicher „Selbstverwaltung“ gegründet sein sollte. 1917/18 arbeitete er diese Ideen weiter aus: u. a. befürwortete er die Errichtung eines unpolitischen, „sachlichen“, fachlich und regional gegliederten „Reichswirtschaftsrats“.

    Kurz nach Kriegsende erhielt M. die Möglichkeit, seine Ideen in die Praxis umzusetzen, als er zum Unterstaatssekretär im Reichswirtschaftsamt (seit Februar 1919 Reichswirtschaftsministerium) ernannt wurde, wo er den Sozialdemokraten August Müller bzw. Rudolf Wissell zugeordnet war. Sehr bald trat M. mit seinen „gemeinwirtschaftlichen“ Vorschlägen hervor, die jedoch mit den u. a. in Handelskreisen und in der Deutschen Demokratischen Partei vertretenen wirtschaftsliberalen Auffassungen sowie mit denen der neugegründeten Sozialisierungskommission kollidierten. In Wissell hatte M. einen eifrigen Befürworter; zwischen Februar und Juli 1919 versuchten beide, ein System makroökonomischer Planung („Planwirtschaft“) einzuführen, und zwar auf der Grundlage von M.s Ideen einer „industriellen Selbstverwaltung“: relative Autarkie, Produktivitätserhöhung, Konsumverzicht und paritätische Vertretung von Gruppeninteressen in einer komplizierten Hierarchie von „Selbstverwaltungskörpern“ bis hin zu einem „Reichswirtschaftsrat“. Im Frühjahr 1919 versuchte das Ministerium, die Kohle- und Kaliwirtschaft und auch den Außenhandel umzuorganisieren. Die Ideen und Pläne des Ministeriums stießen aber auf erheblichen Widerstand; innerhalb des Kabinetts wurde das Programm des Reichswirtschaftsministeriums abgelehnt, was im Juli 1919 zum Rücktritt Wissells und M.s führte. – Nach seiner Demission nahm M. nicht mehr aktiv an der Politik teil, obwohl er jahrelang in mehreren Behörden und Gremien tätig war, u. a. als Aufsichtsratsmitglied der Metallbank/Metallurgische Gesellschaft, der I. G. Farbenindustrie und des S. Fischer Verlags. 1923-29 war er Direktor des staatlichen Materialprüfungsamts in Berlin-Dahlem und des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Metallforschung. Nach 1932/33 zog er sich von allen öffentlichen Tätigkeiten zurück. 1937 nahm er sich – drei Tage nach dem Freitod seiner jüd. Frau – das Leben.

    Als Verfechter eines korporativ-technokratischen, konservativen, „organisatorischen Sozialismus“, durch hohes gesinnungsethisches Pathos und einen starken Kulturpessimismus gekennzeichnet, wollte M.preuß. Tugenden“ wie Ehre und Pflichtgefühl in einem technisch-industriellen Zeitalter aufrecht erhalten. Die Möglichkeiten einer erfolgreichen Durchsetzung seiner Ideen waren wegen deren weitgehend utopischen und schematischen Charakters und wegen M.s mangelnden Verständnisses für politische Kompromisse und parlamentarische Tagespolitik gering. Sein Programm stellt jedoch einen der ersten Versuche im 20. Jh. dar, ein System nationaler Wirtschaftsplanung einzuführen, und ist deshalb von historischer Bedeutung.

  • Werke

    Weitere W Von Einst zu Einst, Der alte Fritz, J. G. Fichte, Frhr. v. Stein, Friedrich List, Fürst Bismarck, Paul Lagarde üb. Dt. Gemeinwirtsch., 1917;
    Volkswirtsch. Elementarvergleich zw. Ver. Staaten v. Amerika, Großbritannien, Frankreich, Italien, 4 T., o. J. (1930);
    Konservativer Sozialismus, hrsg. v. H. Curth, 1932 (Aufsatzslg.).|

  • Nachlaß

    Nachlaß: Bundesarchiv, Koblenz (s. Paul, Inventar).

  • Literatur

    H. Schieck, Der Kampf um d. dt. Wirtschaftspol. nach d. Novemberumsturz 1918, Diss. Heidelberg 1958;
    G. D. Feldman, Army, Industry and Labor in Germany 1914-1918, 1966 (dt. 1985);
    D. Schmid, W. v. M., Ein Btr. z. Idee d. wirtsch. Selbstverw., Diss. Berlin 1970;
    F. Zunkel, Industrie u. Staatssozialismus. Der Kampf um d. Wirtsch.ordnung in Dtld. 1914–18, 1974;
    D. E. Barclay, A Prussian Socialism? W. v. M. and the Dilemmas of Economic Planning in Germany, 1918–19, in: Central European History XI, 1978, S. 50-82;
    Klaus Braun, Konservatismus u. Gemeinwirtsch., Eine Studie üb. W. v. M., Diss. Duisburg, 1978 (W-Verz.);
    H. G. Ehlert, Die wirtsch. Zentralbehörde d. Dt. Reiches 1914 bis 1919, Das Problem d. „Gemeinwirtschaft“ in Krieg u. Frieden, 1982;
    Pogg. VII a;
    Wenzel;
    Biogr. Lex. z. Weimarer Republik, hrsg. v. W. Benz u. H. Graml, 1988.

  • Portraits

    Phot. in: L. Burchardt, Walther Rathenau u. d. Anfänge d. dt. Rohstoffbewirtschaftung im Ersten Weltkrieg, in: ZUG, Zs. f. Firmengesch. u. Unternehmerbiogr. 15, 1970, v. S. 177.

  • Autor/in

    David E. Barclay
  • Empfohlene Zitierweise

    Barclay, David E., "Moellendorff, Wichard von" in: Neue Deutsche Biographie 17 (1994), S. 632-633 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118583018.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA