Lebensdaten
1881 bis 1973
Geburtsort
Lemberg (Galizien)
Sterbeort
New York
Beruf/Funktion
Nationalökonom
Konfession
jüdisch
Normdaten
GND: 118582747 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Mises, Ludwig Edler von

Objekt/Werk(nachweise)

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Zitierweise

Mises, Ludwig Edler von, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118582747.html [16.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Arthur (um 1854–1903), k. k. Obering. im Eisenbahnmin., Vertr. d. Isr. Kultusgemeinde in Wien, S d. Hirsch (1820–87), Teilh. d. Bankhauses Halberstam u. Nirenstein in L.;
    M Adele (1858–1937), T d. Kaufm. Fischel Landau in Brody (Galizien) u. d. Klara Kallir (1829–1909);
    Ur-Gvv Mayer Rachmiel (österr. Adel 1881, 1801-91), Kaufm. in L., seit 1831 Vorstand d. dortigen Isr. Kultusgemeinde;
    B Richard (s. 2);– 1938 Margit Herzfeld gesch. Sereny (* 1896), Schausp. (s. W, L);
    1 Stief-S, 1 Stief-T.

  • Leben

    Nach dem Studium der Rechts- und Staatswissenschaften an der Univ. Wien und abschließender Promotion zum Doktor der Rechte (1906) war M. zwei Jahre im Justizdienst beschäftigt und trat dann 1909 in die Dienste der Handelskammer Wien. 1913 habilitierte er sich für Nationalökonomie und lehrte fortan als Privatdozent, seit 1918 als ao. Professor, an der Univ. Wien. Mit Unterbrechung durch den 1. Weltkrieg, in dem er im Feld als Artillerieoffizier und schließlich in der Wirtschaftsabteilung des Kriegsministeriums diente, war M. daneben bis 1934 in der Handelskammer tätig. In diesem Jahr verließ er Wien, um eine Gastprofessur am Institut Universitaire des Hautes Études in Genf anzutreten. Der gewaltsame Vormarsch der Nationalsozialisten in Europa veranlaßte M. zur Emigration. Im Sommer 1940 gelangte er in die USA, wo er zunächst für das National Bureau of Economic Research tätig war und seit 1945 in einer Sonderstellung an der New York University über nahezu 30 Jahre bis an sein 90. Lebensjahr literarisch und als Lehrer tätig blieb.

    Über den engen Fachkreis hinaus ist M. vor allem als einer der entschiedensten Verfechter einer liberalen Staats- und Wirtschaftsordnung bekannt geworden. Eine dauerhafte Stellung in der Geschichte der Volkswirtschaftslehre kommt aber gleichermaßen seinen Beiträgen zur ökonomischen Theorie zu. Am Anfang seines wissenschaftlichen Werkes standen Untersuchungen zur Wirtschaftsgeschichte und Sozialpolitik, bald darauf machte sich jedoch der Einfluß von Eugen v. Böhm-Bawerk bemerkbar, dessen Seminar die dritte Generation der Österr. Schule der Nationalökonomie heranzog, in der M. dann zum bekanntesten Vertreter des spezifisch Böhm-Bawerkschen Zweiges wurde. M.s erste große theoretische Leistung war seine 1912 erschienene Habilitationsschrift über die „Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel“, mit der er eine bis dahin bestehende Lücke im Theoriegebäude der Österr. Schule schloß. Durch die umfassende Behandlung der Geldnachfrage lieferte M. nicht nur den wichtigsten Beitrag dieser Periode zur Geldtheorie, sondern auch zentrale Impulse für die allgemeine Werttheorie. Sein wachsendes Interesse an den Fragen des Verhältnisses von Staat und Wirtschaft kündigte sich in der Studie „Nation, Staat und Wirtschaft“ (1919) an. Wenig später folgte in Aufsatzform die bahnbrechende Untersuchung über die Wirtschaftsrechnung im Sozialismus (Archiv f. Soz.wiss. u. Soz.pol. 47, 1920/21, S. 86-121), in der M. die Frage aufwarf, ob in einer Planwirtschaft sichergestellt werden könne, daß die angestrebten Zwecke mit dem geringsten Aufwand an Kosten erreicht werden. M. bestritt dies mit dem Argument, rationales wirtschaftliches Handeln setze rationale Kostenrechnungen voraus und diese seien nur bei freier Preisbildung möglich. Seine Thesen lösten eine langanhaltende Diskussion aus und gaben Anlaß zu einer grundlegenden Revision des sozialistischen Systems der Planung. Gleichzeitig bildete diese Untersuchung die Grundlage für M.s zweites großes Werk, „Die Gemeinwirtschaft“ (1922, 21932, Neudr. 1981, engl. u. d. T. Socialism, 1936), das eine breit angelegte ökonomische und soziologische Analyse der Probleme|einer sozialistischen Wirtschaftsordnung brachte und deren Unzulänglichkeit offen darlegte.

    Nach einer stattlichen Zahl von weiteren Arbeiten zur Konjunkturtheorie und Wirtschaftsordnung wandte sich M. immer stärker methodologischen Problemen der Sozialwissenschaften zu. Auch hier entwickelte er eine charakteristische Auffassung, indem er einen konsequenten Subjektivismus mit einer streng deduktiven Vorgehensweise vereinigte. Er strebte eine umfassende „Theorie des Handelns und Wirtschaftens“ an, die schließlich 1940 unter dem Obertitel „Nationalökonomie“ (Neudr. 1980, engl. u. d. T. Human Action, A Treatise on Economics, 1949) erschien. Das deutschsprachige Werk fand aufgrund der besonderen Zeitumstände kaum Verbreitung. Erst der erweiterten engl. Fassung kam die entsprechende Würdigung zu. In ihr wurde sowohl der orthodoxen Ökonomie mit ihrer realitätsfernen Gleichgewichtsbetrachtung als auch der aufkommenden keynesianischen Theorie mit ihrer einseitigen Betonung makroökonomischer Größen und ihrer Neigung zum Interventionismus eine klare Absage erteilt. Damit stand M. im Widerspruch zu den herrschenden Strömungen seiner Disziplin. Von seinen weiteren wissenschaftlichen Arbeiten enthalten vor allem die Bände „Bureaucracy“ und „Theory and History“ noch wichtige Beiträge.

    Zur breiteren Ausstrahlung seiner theoretischen Leistungen trug bei, daß M. eine große Anzahl von persönlichen Schülern gewann. Bereits in seiner Wiener Zeit wirkte er mehr durch sein Privatseminar als durch seine Vorlesungen. Zu den Seminaristen zählten u. a. Friedrich A. v. Hayek, Gottfried v. Haberler, Fritz Machlup und Oskar Morgenstern. Vergleichbare Wirkung entfaltete M.s New Yorker Seminar, aus dem zahlreiche Wissenschaftler und Praktiker hervorgingen. Unbestritten trugen die Bemühungen M.s und seiner Schüler in entscheidender Weise dazu bei, daß die Idee der zentralgeplanten Wirtschaft, die um die Jahrhundertmitte von vielen Seiten starken Beifall fand, einer kritischeren Betrachtung – die letztlich zu ihrer Ablehnung führen mußte – unterzogen wurde. Dieses Ziel verfolgte auch die 1947 gegründete Mont Pèlerin-Gesellschaft, eine internationale Vereinigung von Wissenschaftlern und Journalisten, zu deren einflußreichsten Mitgliedern M. zählte. Gegenüber dem theoretischen und praktischen Einsatz zugunsten einer freien Gesellschaft drohen seine Verdienste um die Methodologie der Sozialwissenschaften und die philosophischen Feinheiten seiner Theorie zu Unrecht etwas in Vergessenheit zu geraten. – LL. D. h. c. (New York University 1963), Dr. rer. pol. h. c. (Freiburg/Br. 1964).

  • Werke

    Theorie d. Geldes u. d. Umlaufsmittel, 1912, 21924, engl. 1934, 21953, span. 1936, Japan. 1949;
    Liberalismus, 1927;
    Geldwertstabilität u. Konjunkturpol., 1928;
    Grundprobleme d. Nationalökonomie, 1933;
    Bureaucracy, 1944, 21977, franz. 1946;
    Omnipotent Government, 1944, 21977, franz. 1947. span. o. J.;
    Theory and History, 1957, 21969, span. 1964, 21975;
    Erinnerungen, 1978 (P), engl.: Notes and Recollections, 1978; Vollst. W-Verz.
    , in: M. Mises, L. v. M., Der Mensch u. sein Werk, 1981 (P).

  • Literatur

    M. Sennholz (Hrsg.), On Freedom and Free Enterprise, Essays in Honor of L. v. M., 1956 (P);
    B. Bien Greaves, The Works of L. v. M., 1969 (P);
    F. A. Hayek (Hrsg.), Toward Liberty, Essays in Honour of L. v. M. on the Occasion of his 90th Birthday, 1971 (P);
    L. S. Moss (Hrsg.), The Economics of L. v. M., 1974;
    Margit v. Mises, My Years with L. v. M., 1977;
    E. Butler, L. v. M., Fountainhead of the Modern Microeconomics Revolution, 1988;
    New York Times v. 11.10.1973 (P);
    Enc. Jud. 1971;
    BHdE II.

  • Autor/in

    Matthias Bergner
  • Empfohlene Zitierweise

    Bergner, Matthias, "Mises, Ludwig Edler von" in: Neue Deutsche Biographie 17 (1994), S. 563-564 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118582747.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA