Lebensdaten
1893 bis 1983
Geburtsort
Hamburg
Sterbeort
Fruthwilen (Schweiz)
Beruf/Funktion
Schriftsteller ; Maler ; Graphiker
Konfession
evangelisch
Normdaten
GND: 118571338 | OGND | VIAF
Namensvarianten
  • Leip, Hans

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Zitierweise

Leip, Hans, Indexeintrag: Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd118571338.html [16.12.2018].

CC0

  • Genealogie

    V Friedrich (1849–1930), Matrose, fuhr z. See b. d. Sloman-Linie, betrieb vorübergehend e. Bäckerei, dann Angestellter im Hamburger Hafen, S d. Schneideramtsmeisters Jürgen Heinrich in Trebel b. Lüchow, aus alter wend. Fam. d. Lüneburger Heide;
    M Maria Dreckmann (1860–1921), aus Landarbeiterfam. in Mecklenburg;
    1) 1916 Lina Stellmann, 2) 1925 Gretl Maria Haalck (* 1895), 3) 1940 ( n. 1945) Ilse Haalck (* 1902, Schwägerin), 4) 1949 Käthe Bade (* 1914); 1 Adoptiv-T.

  • Leben

    L. wuchs in Hamburg auf, besuchte seit 1900 die von dem Reformpädagogen Heinrich Wolgast geleitete Volksschule in der Capellenstraße, dessen Ansätze zu einer Individualerziehung auf der Grundlage handwerklicher und künstlerischer Eigentätigkeit der Schüler L.s Doppelbegabung als Schriftsteller und Graphiker weckten und förderten, und 1905-08 die Seminarschule Wallstraße. Während der anschließenden Präparandenzeit (abgeschlossen 1914 mit der Lehrbefähigung für Sport und Religion) veröffentlichte er erste lyrische und graphische Gelegenheitsarbeiten. Seit Ostern 1914 war er als Lehrer in Hamburg-Rothenburgsort tätig, 1915 wurde er zum Kriegsdienst einberufen. Während seiner Grundausbildung in Berlin entstand das Gedicht „Lili Marleen“, das später (1938/39) durch die Vertonung von Norbert Schultze und den Vortrag Lale Andersens weltberühmt und in nachweislich 26 Sprachen übersetzt wurde (über 2 Mill. Schallplatten). 1981 verarbeitete Rainer Werner Fassbinder den Stoff der „Lili Marleen“ zu einem Film.

    L.s Einsatz beim Garde-Füsilier-Rgt. an der Ostfront (Karpaten seit April 1915) wurde durch eine Verletzung bald beendet. Nach seinem Rücktransport wurde er dienstuntauglich erklärt; dies war für L. wie für andere ernüchterte Künstler und Literaten der einzige Weg, sich dem mörderischen Kriegsgeschehen zu entziehen. In Hamburg arbeitete er wohl seit 1917 wieder als Lehrer, publizierte in Hamburger Zeitungen Kurzgeschichten, lebte neben seinem Lehrergehalt von Okt. 1917 bis Dez. 1919 vor allem von Kunstkritiken in der „Neuen Hamburger Zeitung“, später weitgehend vom Erlös seiner Graphiken und Bücher. L. führte in dieser Zeit ein Bohèmeleben, das ihn mit vielen anderen Künstlern (u. a. Mary Wigman, Harald Kreutzberg, Klaus und Erika Mann, Gustaf Gründgens, Elisabeth Flickenschildt, Joachim Ringelnatz, Hanns Henny Jahnn), mit den Schwestern Haalck sowie mit der Puppenspielerin Claire Popp bekanntmachte, mit der er zeitweilig zusammenlebte. 1919 veranstaltete er seine erste Ausstellung eigener Graphik; Linol- und Holzschnitte schmücken auch seine ersten Buchpublikationen (1920) mit zum Teil mundartlich geprägten Gedichten und Erzählungen in expressionistischer Manier und von starken sinnlichen Eindrücken inspiriert. Hier wie mehrfach später gestaltete L. seine Bücher bis zum Einband selbst.

    Reisen führten ihn zwischen 1924 und 1938 in fast alle europäischen Länder sowie nach Algier (1926) und im Auftrag des deutschen PEN-Zentrums nach New York (1926). Als freier Mitarbeiter an vielen Zeitschriften tätig, arbeitete er 1935/36 in der Schriftleitung der „Hamburgischen Illustrierten“, wo Artikel u. a. über Ringelnatz, Barlach und Max Schmeling von ihm erschienen. Kurzfristig leitete er auch die Zeitschrift „Fernblick“.

    Nach seinem ersten Roman „Der Pfuhl“ (1923) gelang L. 1925 der literarische Durchbruch mit „Godekes Knecht“, einer breiten Darstellung der Endzeit der Seeräuberei an der Nordseeküste. L., der nur als Kind einmal zur Erholung an der See gewesen war und vielleicht noch eine kurze Ferienfahrt auf einem Fischdampfer unternommen hatte, fand mit diesem Roman, dem Thomas Mann, Wilhelm Schäfer und Wilhelm Schmidtbonn 1924 den 1. Preis der „Kölnischen Zeitung“ zuerkannten, sein Hauptthema: Bis in seine letzten Publikationen behandelte er immer wieder See und Seefahrt, Freibeuterei und Seekrieg, gelegentlich verbunden mit Künstlerschicksalen. Wichtig waren L. auch seine „Kadenzen“ (1942), Gedichte, die er 1963 mit den „Pentamen“ fortsetzte, einer von ihm erfundenen Gedichtform. – Hinter seinen literarischen, weder vom Nationalsozialismus noch der Nachkriegszeit beeinträchtigten Erfolgen traten die übrigen Arbeiten zurück: das graphische und malerische Werk, an dem L. kontinuierlich in den 20er und 30er Jahren und seit den 60er Jahren bis zu seinem Tod besonders intensiv arbeitete, seine Email- und Holzarbeiten, aber auch die Theaterstücke, die nur einmal größere Aufmerksamkeit erregten („Idothea“, 1942, in der Inszenierung von Heinz Hilpert), seine Hörspiele und Drehbücher (1937–39). Während des 2. Weltkriegs blieb L. zunächst in Hamburg und hielt Lesungen in Norddeutschland. Zwischen 1939 und 1945 erschienen seine Bücher trotz Papierknappheit in einer Gesamtauflage von rund einer halben Million Exemplaren, teilweise in Feldpostausgaben. Die „Lili Marleen“ wurde seit August 1941 täglich vom deutschen „Soldatensender Belgrad“ nach den Abendnachrichten und bald auch – trotz Widerstands des Reichspropagandaministeriums – von Sendern in Deutschland abgespielt. Seit 1940 hielt L. sich nur noch gelegentlich in Hamburg, hingegen meist im Bodenseegebiet und in Tirol auf, arbeitete bis 1943 im Archiv des Cotta-Verlags in Überlingen, bei dem auch die meisten seiner Schriften in dieser Zeit erschienen. 1943 ging er mit dem Cotta-Archiv ins Inneralpachtal. Aus rein privaten Gründen zog er sich 1944 auf die Wurmegg-Alpe (Tirol) zurück und lebte dort vorübergehend mit der Cotta-Lektorin Kläre Buchmann (1908–45), die im folgenden Jahr Selbstmord verübte. L. adoptierte ihre kurz zuvor geborene Tochter. Nach dem Krieg löste L. seine dritte Ehe, heiratete erneut und siedelte sich in der Schweiz an.

    Der Expressionismus der frühen Arbeiten prägt L.s Sprache, Stil und Themenschwerpunkte bis ins Spätwerk, verliert jedoch nach dem 2. Weltkrieg an Ekstatik und wird epischer – eine Entwicklung, die er im malerischen und graphischen Werk früher als im literarischen Bereich vollzieht. L.s Stärke liegt in der komprimierten Darstellung von Handlung, Bewegung und Aktion, in denen die psychische Situation seiner Personen einen reflektorisch ungebrochenen Ausdruck findet. Versuche einer theoretischen Klärung seiner künstlerischen und literarischen Tätigkeit liegen nicht vor. Die in der Autobiographie „Das Tanzrad“ (1979) unternommenen Ansätze sind diesbezüglich mit Vorbehalt zu verwenden: L. schreibt hier den Mythos eines sich kleinsten Verhältnissen entringenden und unbeirrbar durch widrige Umstände zu sich selbst findenden Künstlerlebens. Diesem Zweck werden Daten und Fakten untergeordnet. Für einige seiner Werke trieb er intensive Quellenstudien, die einer Tendenz zur historischen Absicherung seiner Erzählungen entsprangen. – L.s publizistische Erfolge beruhen auf seiner Fabulierfreudigkeit, die Extreme allmählich zu meiden lernt, und einer Erzählkunst, die komplexe Sachverhalte liebenswürdig zu elementarisieren versteht, dabei auch schwerwiegende gesellschaftliche und politische Verhältnisse wie den Krieg thematisiert, sie manchmal melancholisch, doch stets ohne Schärfe, versöhnlich und befriedend-unabänderlich darstellt, sich ihrer oft auch nur epigrammatisch bedient.|

  • Auszeichnungen

    Mitgl. d. dt. PEN-Zentrums (Austritt aus Protest gegen d. dt. Spaltung), d. Dt. Ak. f. Sprache u. Dichtung (1950), d. Freien Ak. d. Künste in Hamburg (1951); Kriegsverdienstkreuz II. Kl. (1943), Medaille f. Kunst u. Wiss. d. Hamburger Senats (1961), Verfassungs-Portugaleser d. Hansestadt Hamburg (1968), Biermann-Ratjen-Medaille (1978); Prof.-Titel (1973).

  • Werke

    Weitere W Erzz.: Laternen, die sich spiegeln, 1920 (u. Gedichte);
    Die Segelfähre, 1920;
    Der Nigger auf Scharhörn, 1927 (75.-78. Tsd. 1968);
    Die getreue Windsbraut, 1929;
    Der Untergang d. Juno. 1930, 1981;
    Die Klabauterflagge, 1933 u. ö. (Feldpostausg. 1942);
    Herz im Wind, 1934 u. ö. (Feldpostausg. 1943);
    Käptn Buddel. 1935;
    Begegnung zur Nacht, 1938 u. ö.;
    Die Bergung, 1939 u. ö.;
    Brandung hinter Tahiti, 1939 u. ö.;
    Der Gast, 1943 (11.-25. Tsd. 1944);
    Ein neues Leben, 1946;
    Abschied v. Triest, 1949;
    Die Groggespräche d. Admirals v. u. zu Rabums, 1953;
    Hol über Cherub, 1960;
    Glück u. Gischt, 1960;
    Der tote Matrose, 1964 (u. Gedichte);
    Am Rande d. See, 1967. -
    Romane: Tinser, 1926;
    Die Blondjäger, 1929;
    Miß Lind u. d. Matrose, 1929 (zuletzt 1981);
    Die Lady u. d. Admiral, 1933 (u. d. T. Lady Hamiltons Heimreise, 1950);
    Jan Himp u. d. kl. Brise, 1934 (300. Tsd. 1960, zuletzt 1979);
    Max u. Anni, 1935 (üb. Max Schmeling u. s. Frau);
    Fähre VII, 1937 (zuletzt 1981);
    Das Muschelhorn, 1940 (zuletzt 1981);
    Drachenkalb singe, 1949;
    Die Sonnenflöte, 1952;
    Der gr. Fluß im Meer, 1954, 1977;
    Des Kaisers Reeder, 1956 (üb. Albert Ballin);
    Die Taverne z. mus. Schellfisch, 1963 (autobiogr.);
    Aber d. Liebe, 1969 (zuletzt 1982). -
    Gedichte: Die Nächtezettel d. Sinsebal, 1927;
    Die kl. Hafenorgel, 1937 (u. d. T. Die Hafenorgel, 21948);
    Das Schiff zu Paradeis, 1938;
    Eulenspiegel, 1941;
    Die Laterne 1942;
    Das trunkene Stillesein, 1944;
    Der Mitternachtsreigen, 1947 (Oratorium);
    Heimkunft, Neue Kadenzen, 1947;
    Garten überm Meer, 1968. -
    Schauspiele: Der betrunkene Lebenskelch, 1921 (Puppenspiel);
    Seils inne Nacht, Urauff. 1926 (ungedr.);
    Der Gaukler u. d. Klingelspiel, 1927 (Pantomime);
    Der Raub d. Europa (Pantomime);
    Herodes u. d. Hirten, 1929;
    Die Kolonie, 1932 (Komödie);
    Blankenese ahoi, 1934;
    Die schwebende Jungfrau, Des Seeräubers Albert Sägeband innere Einkehr, 1942;
    Fodos u. Biligund, 1947 (Komödie, ungedr.);
    Barrabas, 1947 (Passionsspiel);
    Das Buxtehuder Krippenspiel, 1947;
    Störtebecker, 1957;
    Jollus d. Träumer, 1959 (Schuloper, ungedr.);
    Anne Bonny, 1967. -
    Hörspiele: Meerstern, 1926;
    Das blaue Band, 1929;
    Godeke Michels, 1930;
    Simon v. Utrecht, 1932;
    Shanghai-Krawall, 1932;
    Simplicius Simplicissimus, 1935;
    Seils inne Nacht, 1968. -
    Drehbücher: Florentine, 1937 (UFA);
    Gasparone, 1937 (UFA);
    Nordlicht, 1938 (UFA);
    Der letzte Appell, 1939 (UFA);
    Klar Deck überall (Tobis);
    Jan Himp u. d. kleine Prise, 1962. - Weitere Schrr.:
    Altona, die Stadt d. Parks an d. Elbe, 1928;
    Brevier um 5, 1928;
    Segelanweisung f. e. Freundin, 1933 (35.-37. Tsd. 1960);
    Die unaufhörl. Gartenlust, 1953;
    H. L. von ihm selber, in: Das Einhorn, 1957, S. 179-83 (W, L, P);
    Bordbuch d. Satans, Eine Chronik d. Freibeuterei, 1959;
    Hamburg, Eine Liebeserklärung zw. Feenteich u. Ozean, 1962;
    Hamburg, Juli 1943, 1963 (11 Kreidezeichnungen mit Text u. Epilog);
    Das Tanzrad, 1979 (Autobiogr.). - Veröff. d. Gedichten, Erzz. u. Zeichnungen in d. Zss.: Simplicissimus, Silberspiegel, Neue Linie, Frankfurter Ill. Bl., Stachelschwein, Berliner Tagbl., Mittag, Neue Zürcher Ztg., Kreis, Querschnitt;
    nach 1945: Merian, Bodenseehh., Westermanns Mhh., Schweizer Journal. |

  • Nachlaß

    Nachlaß: H.-L.-Archiv, Hamburg-Blankenese (Dr. Eugen Küper). - W-Verz.: G. v. u. A. Gühring, Erstausgg. dt. Dichtung, 1967; B. Richter, Eine Personalbibliogr., Prüfungsarb. d. Hamburger Bibl.schule, 1969 (ungedr., erg. Exemplar im H.-L.-Archiv).

  • Literatur

    Der Widerschein, Eine Rückschau 1893–43, hrsg. v. K. Buchmann, 1943;
    H. L., Leben u. Werk, zus.gest. v. R. Italiaander, 1958 (P);
    H. L., Eingel. v. W. Duwe, 1968 (Biogr., W);
    H. L. als Zeichner u. Maler, Zum 75. Geb.tag, Ausst.kat. Hamburg, 1968;
    L. Andersen, Leben mit einem Lied, 1974, 51981;
    H. Glagla, H. L., Schriftsteller, Maler, Graphiker 1893-1983, Biogr. Leitfaden z. Gedächtnisausst. im Mus. f. Hamburg. Gesch. v. 22.9.-27.11.1983;
    Kunisch;
    Kindlers Lit.-Lex. V, S. 4004;
    F. Lennarz, Dt. Schriftsteller d. Gegenwart, 111978;
    Kürschner, Lit.-Kal., 1981.

  • Autor/in

    Reinhart Meyer
  • Empfohlene Zitierweise

    Meyer, Reinhart, "Leip, Hans" in: Neue Deutsche Biographie 14 (1985), S. 148-150 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd118571338.html#ndbcontent

    CC-BY-NC-SA